16.06.1986

Gefährlich wie die Seuchen des Mittelalters

Von Meyer-Larsen, W.

SPIEGEL-Redakteur Werner Meyer-Larsen über Amerikas jüngste Rauschdroge "Crack" *

Sie kam vom Westen der USA her und landete dort, wo sonst immer alles beginnt: Seit sechs Monaten wird New York City, Licht und Laster der westlichen Welt, von einer neuen Rauschgift-Epidemie geschüttelt, hervorgerufen durch die Super-Droge "Crack".

Crack ist mit Backpulver und Wasser vermengtes und zu Klumpen verbackenes Kokain, vielfach potenter als der Schnee - das weiße, durch die Nase eingezogene Kokainpulver - der zwanziger Jahre. Die Händler verscheuern die Crack-Brocken in handlichen 10-Dollar-Phiolen, die Süchtigen saugen den Kokainrauch aus einer Art Wasserpfeife, an der ein Brenner hängt.

Mit Crack - mitunter auch Rock genannt - haben die Produzenten und die Dealer der Drogenszene ihren bisher letzten Hit gelandet. Und es sieht so aus, als ob es der bislang allerschlimmste ist. "Gefährlich wie die Seuchen des Mittelalters", so beschrieb das Nachrichtenmagazin "Newsweek" letzte Woche die Risiken der Crack-Sucht.

Vizepräsident George Bush nahm die Crack-Lawine zum Anlaß, mit Militärhilfe den Drogenhander via Mexiko unterbinden zu wollen. Mit einem Schrei "Crack can kill" demonstrierten Einwohner des New Yorker Stadtteils Bronx letzten Monat auf den Straßen gegen das neue Gift. Ein Gift, das vom Pazifik, das aus dem gepriesenen goldenen Westen kam.

Vor drei Jahren hat die Crack-Seuche in Los Angeles begonnen. Seit zwei Jahren wütet sie in der texanischen Ölmetropole Houston. Detroit, die wiederbelebte Auto-Stadt, wurde vor anderthalb Jahren von ihren Vorboten erreicht.

In New York aber, das erst seit einem halben Jahr dran ist, zeigt es die verheerendsten Folgen. Die dichtgedrängte Stadt, reich an Subkulturen und unsichtbaren Verliesen, bietet den weit und breit besten Boden für alles, was Halbwelt, Rausch und neue Experimente heißt. Und von New York aus geht und ging noch alles in den Rest der Welt - gestern Heroin, heute Aids und morgen Crack.

"Vergangenen Mai noch", entsetzte sich Arnold Washton, Forschungsdirektor der National Cocaine Hotline, ein angesehener Drogen-Spezialist, "hatte ich nichts von Crack gehört. Jetzt haben wir täglich 700 bis 900 Anrufe von Süchtigen."

Schleichend in ihrer Go-East-Bewegung, aber dramatisch in der Wirkung sind die Crack-Brocken dabei, das Gesellschaftsbild der USA erneut zu wandeln.

Die Technik der Droge ist teuflisch. Sie begnügt sich mit weniger Stoff als beim herkömmlichen Kokain-Schnupfen, doch sie hat eine ungleich stärkere Wirkung. Sie ist schon deshalb billiger als der alte Koks. Sie läßt sich überdies sehr leicht herstellen, und sie wirkt sofort.

Sie wurde damit zur Verlockung für alle Stände, die Armen, die Reichen und die Einflußreichen. Sie ist, wie immer schon das Kokain, ein Gift der Intelligenzler ebenso wie das der Slums.

Kokain ist kein Gift, das Süchtige dusselig und dämmernd in die Ecke legt. Es macht die Sinne scheinbar scharf und überscharf, solange seine Wirkung anhält - daran glaubte nicht nur der Kokainfreund Sigmund Freud.

Schauspieler, Regisseure und Maler haben es genutzt, weil sie überzeugt waren, die Welt plastischer, wie durch eine Brennlinse zu sehen. Tänzer, Artisten nahmen es, um nicht müde zu werden und auch den letzten Auftritt noch zu schaffen, bis über dessen Ende weg.

Rechtsanwälte und Wirtschaftsbosse haben sich Kokain in die Nase gesogen, um bei fummeligen und riskanten Deals ihre Geschäftspartner aussitzen zu können. Mit Koks im Kopf hat mancher Makler der Aktien-, Vieh- und Getreidebörse seine Reflexe scharf gehalten,

solange die Zahlenkolonnen über die Anzeigetafeln flimmerten.

Kokain in seiner teuren Form ist an den Tafeln der Society gereicht worden - fein gehäufelt auf Spiegeln, ein- oder zweimal um den Tisch herum. Kokain hat das Geschäft der Gesichts-Chirurgen befördert, weil es die zerstörten Nasenscheidewände der Süchtigen zu reparieren galt. Kokain hat, in Verbindung mit Feuer, das Gesicht und den Körper des schwarzen Komikers Richard Pryor verbrannt, als ihm 1980 - bei der Zubereitung einer Vorform von Crack - das Zeug in die Luft flog.

Was Pryor erlebte - und was er seit seiner Genesung seinen Mitbürgern zur Warnung immer wieder erzählt -, war die Steinzeit der Gegenwartstechnik. Damals bereiteten sich die Drogenfreunde ein rauchbares Kokaingemisch ("free base") mit Hilfe einer explosiven Ätherlösung. Die Gegenwartstechnik ist dagegen einfach und unauffällig, dezentralisiert und ohne komplizierte Systeme zu bewältigen. Das schafft für die Polizei der Großstadt ein fast unlösbares Problem.

In speziellen Crack-Häusern, von außen durch nichts auszumachen, wird der Koks in Hinterzimmer-Labors mit Backpulver und Wasser aufbereitet. Im nächsten Raum wird das Gemisch zu pfeifengerechter Handelsware verpackt. An der Kasse, nicht weit hinter dem Eingang, sitzt einer, der die Kundschaft mit zehn bis zwanzig Dollar teuren Einzelpackungen bedient.

Die Kundschaft kommt von der Straße. Pusher und Animierer treiben sie ins Haus. Manche kommen, weil sie es für Sport halten wie damals vor zehn, zwanzig Jahren Hasch und LSD. In vielen Crack-Häusern sind die Pfeifen für drei Dollar das Stück gleich mitzumieten. Ein Nebengeschäft, das den Umsatz steigert. So wie des alten John D. Rockefeller gratis gelieferte Öllampen für China.

Wenn die Polizei naht, sagt ein Mann mit Walkie-talkie vom Dach her Bescheid. Der Koks verschwindet per Wasserspülung in New Yorks unermeßlicher Kanalisation - Geschäftsrisiko, in den Kosten enthalten.

Wer erkennbar das erste Mal zulangt, bekommt eine Sonderportion. Die Dealer verkaufen ihm höherprozentige Koksmischungen. Die Crack-Wirkung soll wenigstens bei den ersten Versuchen genügend lange anhalten: lange genug, um die Rückkehr zum Dealer berechenbar zu machen.

Zehn Dollar für eine Pfeife, fünfzig Dollar für fünf Pfeifen pro Woche scheinen dem Käufer, bevor er süchtig wird, überschaubar und risikolos. Doch dann reichen die Dealer, je näher der Kunde in die Zustände der Sucht gerät, schwächere Qualitäten. Die üblichen nämlich.

Bei den üblichen kommt der Höhepunkt nach Sekunden, aber er hält nicht länger als eine halbe Stunde. Danach geht es im freien Fall der Depression entgegen.

Sie kann so stark, so drückend und so entsetzlich sein, daß die nächste Zehn- oder Zwanzig-Dollar-Hülse gleich nachgeschoben wird. James Hall vom Drogen-Informations-Zentrum in Miami/ Florida: "Der Rausch ist so heftig und der Zusammenbruch so gewaltig, daß gerade Anfänger auf nichts anderes fixiert sind als auf den nächsten Hit."

Die scheinbar billige Droge wird dadurch immer teurer. Die Kokain-Moleküle erreichen beim Crack-Raucher das Gehirn in zehn Sekunden. Die Sucht ist da, wenn zwei Wochen mit Crack vergangen sind. Die Folgen der Sucht treffen alles - Lunge, Magen, Herz, Haut und Kopf. In einem schleichenden, oft wechselnden Prozeß befallen den Cracker Lungenentzündung, Bluthochdruck, Appetitlosigkeit, Hautjucken, paranoide und schließlich auch Schizophrenie-ähnliche Zustände. Doch sie befallen nicht nur den Körper, sie befallen die Gesellschaft.

Cracker, wie andere Drogensüchtige, zerstören ihre sozialen Bindungen. Die Sucht vernichtet den Lebensertrag von Mittelkläßlern, stößt Familien hinab in

die Sozialhilfe, verändert die Straßenecken und die Parks der großen Stadt.

Sie wirbelt die Verbrechensbekämpfung der überlasteten Polizei durcheinander. Sie verändert die Kriminalitätsstatistik. Sie verunsichert Stadtverwalungen, Bürochefs und Schuldirektoren.

Von jeweils 500 Anrufern beim New Yorker Drogen-Telephondienst gab sich in den letzten Wochen bereits ein Drittel der Kokain-Süchtigen als Crack-Raucher aus. 54 Prozent der Cracker waren zwischen 20 und 29 Jahre, 33 Prozent zwischen 30 und 39 Jahre alt. Nur 5 Prozent sind - bisher - Jugendliche. 24 Prozent aller Anrufer verdienten mehr als 25000 Dollar im Jahr.

Die Droge schlich sich, vor allem ihrer aufputschenden Wirkung wegen, in die Vororte, wo die obere Mittelklasse wohnt, und in die Bürotürme, wo sie waltet. Die technische Intelligenz der Firmen ist hart betroffen. Aus der Finanzmeile an der Wall Street und den Computer-Firmen in Westchester, nördlich von New York, machen Geschichten über Crack-Pfeifen in Tiefgaragen und Klosetts die Runde: Crack - eine Waffe im Konkurrenzkampf.

Ein 32jähriger Computer-Programmierer aus Westchester, so eine dieser Geschichten, liegt bei 2000 Dollar Crack wöchentlich, und acht Leute des Zwölf-Mann-Büros machen mit.

Ein 28jähriger System-Analytiker, der vorher gelegentlich Kokain schnupfte, stieg im März auf Crack um und vertauschte sein Familienleben mit Nachtbars, wo es Crack und Alkohol gab. Wochenrate: 300 Dollar.

Ein Rechtsanwalt aus San Francisco, um die Vierzig, brachte es am Ende auf 1000 Dollar pro Tag. "Irgendwo auf dem Wege", so das US-Magazin "Newsweek", "verlor er seine Frau, seine zwei Kinder und sein Haus im Marin County."

Ein Teppichleger aus dem New Yorker Stadtteil Queens, berichtet die "New York Times", gab während des letzten Halbjahres in Etablissements der Queens-Regionen Jackson Heights und Flushing 14000 Dollar für Crack aus.

Die feineren Herren aus der Stadt und den Vororten, von ihrer Sucht getrieben, wagen sich höchstpersönlich in sonst gemiedene Ecken der Metropole. Durch die 107. Straße Manhattans, von arbeitslosen Schwarzen und Hispanos bewohnt, rollen am Wochenende Kolonnen von Mittelstandslimousinen und Taxis, auffällig oft solche mit dem blauen Kennzeichen des benachbarten "Garden State" New Jersey.

In einst Neon-flimmernden Theaterecken wie der 42. Straße zwischen Seventh und Eighth Avenue sind finstere Dealer-Plätze entstanden, an denen coolere Typen wöchentlich für 12000 Dollar Crack-Kapseln absetzen. Gelegentlich schlitzen sie sich im Eifer des Konkurrenzkampfes mit scharfen Messern die Gesichter auf.

Ihr Koks kommt aus den Crack-Häusern der Umgebung und gelegentlich vom heimischen Herd. Denn die Branche ist flexibel.

Crack-Häuser waren - runde 1000 - zuerst im Siedlungsbrei von Los Angeles entstanden. Als viele davon durch die kalifornische Polizei, die bestbezahlte Amerikas, ausgeräuchert wurden, verschob sich der Handel auf der Straße.

Im unübersichtlichen New York verteilen sich die Drogen-Häuser über enge Straßenschluchten weg von der 10. im East Village bis zur 160. in Harlem. Sie sind gesichert wie Festungen, mit Eisentüren, Wachleuten auf dem Dach und einem Arsenal von 38er-Pistolen. Es sind oft die einschlägig diversifizierten Höhlen von Hehlerei, Rauschmitteln und Prostitution.

Eine 17jährige aus dem Stadtteil Queens, so die "New York Times",

verschwand für vier Tage in einem dieser Crack-Häuser von Manhattan. Dort verqualmte sie ihre mitgebrachten 200 Dollar binnen einer einzigen Stunde. Crack-Würfel für die restlichen drei Tage und 23 Stunden erschlief sie sich mit dem Boß des Hauses und der geneigten Kundschaft.

Gelegentlich ist der Boß auch weiblich. Eine berüchtigte Erscheinung der 10. Straße Manhattans ist Nancy, die von ihrem Crack-Haus aus Dutzende von Teenagern in den Straßenhandel schickt und sie "bestraft", wenn der Absatz nicht floriert.

Ihre Kollegin Linda aus der 38. Straße machte ähnlich handfeste Geschäfte, bis die Polizei ihren Laden ausräucherte und ihr Geschäftskapital beschlagnahmte. Seitdem geht Linda, noch proper, selbst auf die Straße.

Die Crack-Seuche schafft Druck. Viele Süchtige sind in Geldnot, viele Dealer tragen ihre Privatfehden aus. Viele Straßen haben ihr Gesicht verändert. Der Kriminalitätsatlas der US-Städte wandelt sich ein weiteres Mal.

Die Rechercheure der National Cocaine Hotline schätzen, daß mittlerweile 22 Millionen Amerikaner Kokain nehmen. In älteren Untersuchungen ist von drei bis fünf Millionen Abhängigen die Rede. Wenn New Yorks Polizei hundert Leute wegen Kokain verhaftet, sind schon 55 wegen Crack dabei.

Jahrelang hat New Yorks Bürgermeister Ed Koch seine Gemeinde mit der Bekanntgabe sinkender Kriminalitätszahlen verwöhnen können. Seit Anfang des Jahres nehmen sie wieder zu. Vor allem die um 18 Prozent angestiegene Zahl der Einbrüche führt New Yorks Polizei auf die Crack-Droge zurück.

Einbrüche in Privatwohnungen und Taschendiebstähle in den Kassenschlangen des Kaufhauses Macy, nicht weit von verschwiegenen Crack-Häusern, müssen den Süchtigen das schnelle Geld bringen für die Droge.

In 25 Staaten und 17 Großstädten der USA, so Drogen-Spezialist Washton können sie ihre Sucht befriedigen. Das Crack-Geschäft reicht flächendeckend von West nach Ost. Und dort wird es nicht enden.

Noch ist dieser "Schnellimbiß der Drogenwelt", wie Arno Falk, Sprecher des Wiesbadener Bundeskriminalamtes, letzte Woche erklärte, "in Deutschland nicht in Erscheinung getreten. Wir sind bis jetzt noch nicht davon tangiert". Und: "Gerade im Rauschgiftbereich gibt es einen hervorragenden Meldedienst. Wenn etwas festgestellt worden wäre, wüßten wir das."

Doch die Flugzeit von Crack-Zentren wie New York, Boston, Washington und Philadelphia nach London, Paris und Frankfurt, den Hochburgen europäischer Lust- und Lastergeschäfte, beträgt gerade sieben Stunden.


DER SPIEGEL 25/1986
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 25/1986
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Gefährlich wie die Seuchen des Mittelalters