21.07.1986

„Nur naß werden, das juckt die nicht“

Polizei-Kampfmittel Wasserwerfer: Vom Spritzenwagen zum Knochenbrecher *
Staatsminister Giles Shaw vom Londoner Innenministerium zeigte sich "deeply impressed". Auf der Suche nach neuen Waffen zum Einsatz im nordirischen Bürgerkrieg hatte der britische Politiker auf Einladung seines Bonner Kollegen Friedrich Zimmermann ein Glanzstück westdeutscher Polizeitechnologie getestet: den neuen Wasserwerfer "WaWe 9".
Nachdem der Londoner Minister in der Polizeischule Wiesbaden eigenhändig volle Pulle gegeben hatte, äußerte er sich über das deutsche Top-Gerät ähnlich begeistert wie westdeutsche Praktiker. "Leistung und Ausstattung", rühmt etwa der Frankfurter Polizeioberkommissar Burghard Koch, Leiter für Technik und Ausbildung am WaWe, "sind schon astrein."
Der neue "WaWe 9", von Polizisten "Mammut" oder "Goliat" genannt, ist so etwas wie das Flaggschiff der bundesdeutschen Wasserwerfer-Flotte, die derzeit 160 Fahrzeuge umfaßt und nun kräftig nachgerüstet werden soll. Denn den mobilen Wasserkanonen kommt neben Gasgranaten in der künftigen Demo-Strategie des Grenzschutzes und der Länder-Polizeien eine Schlüsselrolle zu.
Schon das Ur-Modell der deutschen Wasserwerfer-Technik, der "Wassersprengwagen", ein umfunktionierter Löschzug, war, wie der ehemalige Polizeidirektor Werner Uebe in seinem "Taschenbuch der Polizeitechnik" schreibt, eine "von den Demonstranten sehr gefürchtete Waffe" gewesen. Dabei hatte der klobige Spritzenwagen lediglich den Vorzug, daß er "Gemüter überraschend schnell abkühlte" (Uebe).
Die heutigen Modelle haben mit dem Wasserwerfer von einst kaum mehr als den Namen gemeinsam. Die Fahrzeuge der "Mammut"-Generation sind gefährliche Waffen mit potentiell tödlicher Wirkung - obwohl sie polizeirechtlich nach wie vor nur als "Hilfsmittel der körperlichen Gewalt" eingestuft werden und damit vergleichsweise harmlosen Zwangsmitteln wie Knebel, Fessel oder Diensthund gleichgestellt sind.
Dabei sollen die spritzenden Ungetüme die Demonstrierenden keineswegs bloß durchnässen. Denn "nur naß werden", weiß WaWe-Experte Koch, "das juckt die nicht". Aus Sicht der Polizei, so Koch, mache der Einsatz keinen Sinn, wenn die Wasserstöße "nicht weh tun".
Die neueren Modelle, der WaWe 6 (6000 Liter) und der noch wuchtigere WaWe 9 (9000 Liter), bringen es bei einem Pumpendruck von 15 bar auf eine Spitzen-Spritzleistung von 65 Metern. Bei beiden, heißt es in einer Studie der Polizei-Führungsakademie in Hiltrup, "wird ein Störer bis zu einer Entfernung von ca. 30 m umgeworfen".
Solche Fähigkeiten trainierte die Polizei vor dem Einsatz in Wackersdorf - wo am Pfingstmontag 44 Wasserwerfer aus dem gesamten Bundesgebiet spritzten - bei speziellen Zielschießmanövern. Sechs Blechtonnen, mit Wasser gefüllt standen da für Demonstranten die eine Straße blockierten. Pluspunkte gab es, wenn die Behälter umkippten.
Wenn der peitschende Strahl statt Fässer protestierende Menschen trifft, brechen auch schon mal Knochen. So rügte eine Lüneburger Verwaltungsgerichtskammer in erster Instanz, daß WaWe-6-Besatzungen bei einem Einsatz im September 1982 in Gorleben "außer Verhältnis zum angestrebten Erfolg" sitzende Demonstranten krankenhausreif gespritzt hatten; die Getroffenen erlitten Rippenbrüche, Rückenprellungen und Nierenverletzungen.
Schmerzensgeld, wie es die Gorlebener Blockierer nun vom Land Niedersachsen fordern wollen, hat eine Demonstrantin in Frankfurt schon zugesprochen bekommen. Wegen eines rüden WaWe9-Einsatzes an der Startbahn West mußte das Land Hessen 2500 Mark zahlen.
Der scharfe Strahl hatte nach den Feststellungen des Gerichts eine verheerende Wirkung: Die Fontänen "wirbelten Erdreich auf", die Klägerin bekam "keine Luft mehr", ihr "versagten die Beine", später "erbrach sie Schaum".
Dem Wasserstrahl war auch in diesem Fall - wie in Wackersdorf seit einiger Zeit an jedem Wochenende - Reizstoff beigesetzt worden, der WaWe mithin zur Chemischen Keule auf Rädern umfunktioniert.
Die gerichtliche Aufarbeitung diverser Zwischenfälle hat mittlerweile die Vorzüge, aber auch massive Mängel der von der Polizei so hochgelobten neuen Wasserwerfer-Generation aufgedeckt.
Zu den Vorteilen zählt aus polizeilicher Sicht, daß die Rohre nicht mehr mit der Hand ausgefahren und gedreht werden müssen. Und anders als während der Studentenunruhen der sechziger Jahre, als Demonstranten die Schauer aus dem damals eingesetzten und als "Gießkanne" bespöttelten WaWe-Typ "Meyer-Hagen" bisweilen als Sommervergnügen empfanden, im Sprechchor riefen "Wir wollen warmes Wasser" und gelegentlich sogar mal ein Fahrzeug enterten, ist der WaWe 9 mit vielerlei Schutzvorrichtungen ausgestattet.
Das Paradestück "polizeilicher Spitzentechnologie mit hochmodernster Elektronik", wie Regierungsoberrat Manfred Langendorf vom hessischen Innenministerium schwärmt, verfügt über pneumatisch betriebene Drehsessel für die beiden Schützen (Polizeijargon: "Werfer"), die somit immer in Richtung der um 360 Grad schwenkbaren Rohre sitzen. Nähern sich "Störer" von hinten, können sie mit einem Heckstrahlrohr in Stoßstangenhöhe bekämpft werden.
Mit 26 Tonnen Gesamtgewicht, einer Höhe von 4,08 Metern (bei ausgefahrenen Rohren) und einer Spitzengeschwindigkeit von 98 Stundenkilometern soll "Mammut" schon durch seine mächtige Erscheinung den Demonstranten einen Schrecken einjagen. Doch die gefährlichen Gefährte haben auch ihre Mucken. Die Beamten können die technischen Wunderwaffen bisweilen kaum beherrschen. Im Lüneburger Prozeß gaben Besatzungsmitglieder des neuen WaWe 6 zu, daß die genaue Ausrichtung des Strahls "ein Glücksfall" sei.
Im Führerhaus, beklagten Beamte, herrsche so etwas wie U-Boot-Atmosphäre: Wegen "des starken Eigengeräuschs", so ein Kommandant, könne er "nicht hören, ob beispielsweise von den Demonstranten jemand schreit". Ein Werfer monierte, er sei "auch dadurch in der Sicht behindert, daß das Wasser auf die Scheiben des Fahrzeugs tropft" - Einsatz wie im Blindflug.
Piloten und Kanoniere beklagen sich, daß während der wochenlangen Einsatzphasen keine Zeit mehr für eine geordnete Ausbildung bleibt. Die Richtlinien schreiben vor, daß jedes Besatzungsmitglied jede Position besetzen können muß - in Personalunion Kommandant, Fahrer, Maschinist und Werfer.
Wie anfällig der Goliat ist und wie schwer er zu leiten und zu lenken ist, haben auch die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft im Fall des Todes von Günter Sare aufgezeigt, der Ende September vergangenen Jahres von einem WaWe 9 überrollt worden war.
Die Frankfurter Staatsanwaltschaft, die letzten Monat Anklage gegen den Kommandanten Winfried Reichert und den Fahrer Helwig Hampl wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung erhoben hat, fand bei den Ermittlungen beispielsweise heraus, daß die Lichtmaschine monatelang mangelhaft geladen hat. Polizeihauptmeister Reichert sorgte sich schon, daß "mir meine Motoren ansprangen". Deshalb schaltete der Kommandant vor der Nachtfahrt vermeintlich verzichtbare Energieverbraucher aus, etwa das Tonaufzeichnungsgerät. Und Polizeiobermeister Hampl, ein erfahrener WaWe-Lenker, war nach Reicherts Eindruck beim Anfahren (16 Gänge) versehentlich in "die nächsthöhere Schaltgruppe gerutscht" und "untertourig um die Ecke" gefahren.
Auch Mängel anderer Art werden im Prozeß womöglich eine Rolle spielen - etwa die veraltete "Polizeidienstvorschrift 122" (PDV) aus dem Jahr 1975 über den "Einsatz von Wasserwerfern und Wasserarmaturen".
Die antiquierte Bestimmung ist auf das veraltete Modell WaWe 4 ausgerichtet und überträgt allein den Werfern die manuelle "Bedienung der Zumischeinrichtung beim Einsatz von CN, des Reizstoffes. Dem Kommandanten, der nicht mit solchen technischen Aufgaben belastet war, oblag laut PDV 122 während der Fahrt vor allem "die Beobachtung der Wasserwirkung".
Doch beim hochmodernen WaWe 9 wird der Kommandant zwangsläufig durch neue Aufgaben abgelenkt. Er hat ein elektronisches Schaltpult vor sich, auf dem er etwa die Reizgas-Mischung einstellt und den Pumpenmotor überwacht. Zusätzlich muß er auf dem Monitor das Geschehen hinter dem Heck beobachten. Deshalb sei er auch, so Reicherts Einlassung, unmittelbar vor der Kollision mit Sare "voll konzentriert auf die Höhe der Einmischung des Tränengases" gewesen.
In anderen Bundesländern fährt, wegen der Ablenkungsgefahr, ein fünftes Besatzungsmitglied "zur Beobachtung des Einsatzraumes" mit - den sich das hessische Innenministerium spart. Auf dem freien Sitz im Goliat, zwischen Kommandant und Fahrer, hatte Reichert statt dessen einen Polizeisanitäter Platz nehmen lassen. Der war aus Neugierde eingestiegen und blieb, so Reichert, "zu seiner Eigensicherung" an Bord, als es losging.
Günter Sare war, so steht zu befürchten, nicht das letzte Wasserwerfer-Opfer. Denn die ohnehin schon knochenbrecherische Wirkung des WaWe 9 läßt sich bei Bedarf heimlich noch erhöhen.
Das Fahrzeug, verriet ein Kommandant dem SPIEGEL, verfüge über eine stille Reserve: "Durch Beseitigung der Sperre mit einem Handgriff und mit ein paar technischen Tricks kann man den Pumpendruck auf 28 bar schrauben" - auf fast doppelte Kraft.

DER SPIEGEL 30/1986
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