24.03.1986

SPIEGEL Gespräch„In der Sowjet-Union bin ich Staatsgast“

Der frühere Spion Heinz Felfe über seine Arbeit für den sowjetischen Geheimdienst KGB *
SPIEGEL: Herr Felfe, vor 25 Jahren wurde der sowjetische Meisterspion in der Bundesrepublik, wie Sie allenthalben genannt wurden, enttarnt und verhaftet. Jetzt veröffentlichen Sie Ihr Buch "Im Dienst des Gegners. Warum gerade jetzt?
FELFE: Sie unterstellen eine bestimmte Absicht?
SPIEGEL: Ja.
FELFE: Ich habe meine Erinnerungen aus einer bewegten Zeit zu Papier gebracht, um mich selbst zu befreien. Ich war sieben Jahre im Gefängnis, war voll mit Eindrücken, auch mit Fehlschlägen, die wollte ich verarbeiten.
SPIEGEL,: Warum erscheint Ihr Buch nur in der Bundesrepublik?
FELFE: In der DDR kennt mich niemand; ich habe sehr zurückgezogen gelebt. Da ist man an meiner Geschichte nicht so interessiert.
SPIEGEL.: In der Bundesrepublik waren Sie auch längst vergessen.
FELFE: Vergessen ja, aber immer noch bekannt. Und so nahm der Hamburger Verleger Rohring Kontakt mit mir auf. Der ist Politikwissenschaftler und sagte sich, der Mann muß was zu erzählen haben. Aha, dachte ich zunächst, da kommt wieder so einer.
SPIEGEL: Wie ist Röhring Ihnen denn auf die Schliche gekommen? Sie stehen nicht im Telephonbuch, Ihre Adresse halten Sie geheim, und selbst, daß Sie bis vor kurzem Professor für Kriminalistik an der Humboldt-Universität waren, war nur Eingeweihten bekannt. Wir nehmen an, Sie oder Ihre Freunde haben das Manuskript lanciert.
FELFE: Ich habe von einem Verlag ein Angebot bekommen, weiter nichts. Und da konnte ich aus der Schublade holen, was ich für die Nachwelt konserviert habe.
SPIEGEL: Schwer zu glauben, das der sowjetische Geheimdienst KGB seine Finger nicht im Spiel haben sollte, es seinem ehemaligen Agenten ins Belieben stellt, ob, wo und wann er seine Memoiren veröffentlicht.
FELFE: Sie mögen da Schwierigkeiten haben; das KGB hat mich in keiner Weise animiert.
SPIEGEL: Wann haben Sie das Manuskript verfaßt? Haben Sie schon in der Haft damit begonnen''?
FELFE: Da durfte ich das nicht. Nach meiner Entlassung, dem Austausch also, hatte ich erst einmal die Anpassungsprobleme zu meistern. Aber eines Tages ermunterte mich ein Historiker, mit der Niederschrift zu beginnen. Er sagte, du bist doch Zeitzeuge. Schließlich bot mir ein sowjetischer Genosse an, im Archiv des KGB in Moskau die einschlägigen Akten einzusehen.
SPIEGEL: Jetzt kommen wir der Sache schon näher.
FELFE: Keineswegs, wie Sie meinen.
SPIEGEL: Was haben Sie im KGB-Archiv gefunden?
FELFE: Alles das, was aus meiner Hand und in meinem Zusammenhang dort gesammelt worden ist.
SPIEGEL: Aus Ihrer Tätigkeit als Sowjetagent?
FELFE: Ja.
SPIEGEL: Als Sie mit dem Manuskript fertig waren, wollte das KGB sicherlich gegenlesen, dieses ergänzt, jenes lieber gestrichen haben.
FELFE: Die haben mir in Moskau gesagt, wenn du soweit bist, laß es uns einmal zugehen, wir möchten es mal lesen.
SPIEGEL: Wieviel haben Ihre sowjetischen Freunde gestrichen?
FELFE: Sagen wir mal 10 bis 15 Prozent. Manchmal war ihnen die Vergangenheit noch zu nahe. Andere Passagen haben sie wiederum zu meiner Überraschung ohne weiteres akzeptiert.
SPIEGEL: Neues, Aufschlußreiches haben Sie auf Ihren 384 Seiten kaum zu Papier gebracht, und en detail wird so manches, schon weil es aus der Geheimdienstecke kommt, nicht für bare Münze genommen.
FELFE: Es sollte ja kein Lehrbuch sein. Nachdem sich die Öffentlichkeit so oft und mitunter auch entstellt mit mir befaßt hat, wollte ich sagen, wie es _(Ulrich Schwarz und Wolfgang Malanowski ) _(vor dem Internationalen Pressezentrum in ) _(Ost-Berlin. )
wirklich war. Das muß mir doch zugestanden werden.
SPIEGEL: Auch zeitgeschichtlich ist Ihr Buch nicht gerade erhellend. Wir finden darin, erwartungsgemäß fast durchweg die bekannten DDR-Klischees. Bei der Darstellung des Aufstandes in der DDR vom 17. Juni 1953 bleiben Sie sogar hinter der neueren DDR-Geschichtsschreibung zurück.
FELFE: Ich bin kein Historiker. Was sich am 17. Juni ereignete, ist nicht Thema meines Buches.
SPIEGEL: Sie schreiben, der Bundesnachrichtendienst habe den Aufstand angezettelt: er sei das Werk von Konterrevolutionären gewesen. Waren die Bauarbeiter, die über die Stalinallee gezogen sind, vom BND bezahlte Agenten?
FELFE: Das sagt sicherlich niemand. Aber man kann doch ein Streichholz in ein offenes Pulverfaß hineinwerfen. Sehen Sie, es gibt Dinge, die man auslösen kann. Denken Sie an die Fluchtbewegung vor dem Mauerbau, wo plötzlich Zehntausende in West-Berlin vor den Notaufnahmelagern standen.
SPIEGEL: Ebenfalls vom BND ausgelöst und gesteuert?
FELFE: Ob ausgelöst und gesteuert, wie Sie das jetzt verstehen, das kann ich nicht beurteilen. Ich will nicht spezifizieren, aber die Fluchtbewegung ist drüben gefördert worden. Es gibt ja noch mehr Institutionen außer dem BND, die hier sehr aktiv waren. Die "Freiheitlichen Juristen", die "Kampfgruppe gegen die Unmenschlichkeit" beispielsweise.
SPIEGEL: Sorgen die auch dafür, daß immer noch Tausende von DDR-Bürgern ausreisen oder entsprechende Anträge stellen?
FELFE: Sie dürfen bei allen diesen Fragen die herrschenden Verhältnisse nicht aus den Augen verlieren.
SPIEGEL: Die drüben oder auch die hier?
FELFE: Sowohl als auch.
SPIEGEL: Sie selber setzen sich in Ihrem Buch ein Denkmal. Seht her. Felfe, der Gesinnungs- und Überzeugungstäter.
FELFE: Das habe ich gar nicht nötig. Mir ist außerdem klar, daß ein solches Denkmal in der BRD einen anderen Anstrich bekommt als hier. Ich habe nicht die Absicht, groß rauszukommen.
SPIEGEL: Sie bezeichnen sich als sozialistischen Humanisten. Seit wann sind Sie das denn''?
FELFE: Ich habe 1947/48 Ferienkurse an der Parteihochschule Klein-Machnow bei Berlin besucht...
SPIEGEL... und gleichzeitig für die Engländer spioniert.
FELFE: Seitdem habe ich jede sich bietende Gelegenheit genutzt, hierherzureisen. Ich habe Kontakte aufgenommen zu Deutschen und Russen. Ich habe hier, wie soll ich sagen, meine feste Anbindung gefunden. Ich habe mich damals auf diese Seite gestellt, und da stehe ich noch heute.
SPIEGEL: Erst standen Sie stramm auf der Seite der Nazis - HJ, NSDAP, SS. Während des Krieges waren Sie beim Auslandsnachrichtendienst des berüchtigten Reichssicherheitshauptamtes, letzter Dienstgrad SS-Obersturmführer (Oberleutnant). Was hat Sie denn vom Nazi zum Kommunisten werden lassen?
FELFE: Was war das auslösende Moment, was war das Motiv? Das ist so einfach nicht zu beantworten. Es gibt mit Sicherheit ein Motivbündel. Dazu gehört die Enttäuschung über das, was man selber falsch gemacht hat, daß man sich hat mißbrauchen lassen, daß man Dinge mitverantworten muß, die man selbst nie getan hat. Und dann die Zerstörung meiner Heimatstadt...
SPIEGEL: ... Dresden, durch die Briten und Amerikaner.
FELFE: Da sagt man sich: Irgend etwas mußt du jetzt unternehmen, um das zu bewältigen. Dann kommt die
Frage: Ja, wie soll es denn weitergehen." Soll alles sich noch einmal wiederholen?
SPIEGEL: Nach dem Krieg ging es Ihnen dreckig. Sie fanden keinen rechten Job. Der englische Geheimdienst feuerte Sie bald, die Polizei und der westdeutsche Verfassungsschutz stellten Sie erst gar nicht ein. Da kam Ihnen die SS-Seilschaft gerade recht, die Sie 1951 in - die Organisation Gehlen einschleuste; die gleiche Seilschaft übrigens, die Sie in Ihrem Buch dem Bundesnachrichtendienst ankreiden.
FELFE: Ich wollte in den westdeutschen Geheimdienst, und da konnte es mir in der Tat egal sein, wer mich da reinbrachte.
SPIEGEL: SS-Kumpane hatten Sie vorher schon, 1949, bei den Sowjets untergebracht.
FELFE: Ich wollte für die andere Seite arbeiten, das habe ich geschafft.
SPIEGEL: Als Doppelagent haben Sie doppelt verdient. Beim BND bekamen Sie zuletzt 1700 Mark.
FELFE: 1703 Mark.
SPIEGEL: Vom KGB monatlich 2500, 3000?
FELFE: Richtig, in der Hohe etwa.
SPIEGEL: Rund 300000 Mark insgesamt. Gab es auch mal eine Prämie?
FELFE: Zu Weihnachten und so, das 13. und 14. Monatsgehalt.
SPIEGEL: Des schnöden Mammons wegen sind Sie 1961 aufgeflogen. Sie machten sich verdächtig, als Sie sich für
150000 Mark ein Haus kauften. In Ihrem Buch schreiben Sie, der "schlimmste Charaktermangel eines Agenten sei die Habgier". Selbstkritik?
FELFE: Was Sie in Ihre Fragen eingepackt haben, ist unrichtig.
SPIEGEL: Warum sind Sie denn aufgeflogen?
FELFE: Das will ich Ihnen erzählen, obwohl ich da mehr sage, als meine sowjetischen Freunde gesagt haben wollen.
SPIEGEL: Nun, denn.
FELFE: Für das Haus hatte ich zwei Bausparverträge und ein zinsgünstiges Bundesdarlehen, hinzu kamen Hypotheken. Für den Bau meines Hauses habe ich nicht etwa 150000 Mark bar auf den Tisch gelegt. Es war ein ganz normaler Vorgang, der kann mich nicht verdächtig gemacht haben.
SPIEGEL: Was war es dann? Sind Sie aufgeflogen, weil Sie zu tüchtig waren? Wer beim Feind arbeitet", schreiben Sie"darf nicht aus der Reihe tanzen. Keine zu großen Erfolge, aber auch nicht zu wenig Erfolg.
FELFE: Ich hatte vom BND den Auftrag, die sowjetische Botschaft in Bonn und die Handelsmission in Köln nachrichtendienstlich zu bearbeiten. Dazu gehörte der Einbau von Mikrophonen, auch in die Privatwohnungen der sowjetischen Missionsangehörigen ebenso die Telephonüberwachung der Botschaft und der Handelsmission. Das war eine sehr heiße Sache...
SPIEGEL... über die Sie die Sowjets informiert haben.
FELFE: Ja, aber nur wenige Sowjets wußten davon. Doch wie überall gibt es Pannen. Die Amerikaner hatten in Helsinki einen sowjetischen Nachrichtenoffizier umgedreht. Der wußte zwar nichts Genaues, konnte aber immerhin ein paar Hinweise geben. Weitere, ebenfalls vage Informationen erhielten die Amerikaner von einem übergelaufenen Agenten des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit. So kam eins zum anderen und reichte schließlich zum ersten Verdacht.
SPIEGEL: Die Amerikaner haben Sie also hochgehen lassen?
FELFE: Durch eine Panne, natürlich.
SPIEGEL: Großen Eindruck im BND hat Ihr Diagramm von dem Sperrkreis des KGB in Berlin-Karlshorst gemacht. Daraus war sogar zu ersehen, wohin der damalige KGB-General Dimitrow ging, wenn er mal mußte.
FELFE: Absoluter Schwachsinn! Wir hatten ein fünfbändiges Werk über Karlshorst zusammengestellt. Da waren alle Häuser erfaßt, alle Telephonnummern, alle Kraftfahrzeuge, alle Trampelpfade zwischen den Gebäuden...
SPIEGEL: ", alle Toiletten?...
FELFE... nein, die nicht. Es gab auch einen Lageplan, der ist an Hand von Katasterplänen und Luftaufnahmen, die die Amerikaner gemacht hatten, erarbeitet worden.
SPIEGEL: Ist das nicht typische Geheimdienst-Spielerei, zu nichts nutze?
FELFE: Ich teile Ihre Meinung, und diese Meinung habe ich auch schon damals vertreten, als ich diese Informationen beschaffen sollte.
SPIEGEL: Als Leiter des Referats "Gegenspionage Sowjet-Union", ausgerechnet dieses Referats, hat der BND den Bock Felfe zum Gärtner gemacht. Haben Sie das kalt genossen?
FELFE: Ich weiß nicht, was Sie unter "kalt genossen" verstehen. Ich habe mir gesagt: Etwas Besseres konnte mir nicht passieren. Ich habe meine Arbeit gemacht. Ich habe mich gefreut, wenn ich mal einen Funkspruch von meinen Freunden bekam, in dem mir für eine besondere Sache gratuliert wurde.
SPIEGEL: Ihre Ausbeute war höchst beachtlich. Sie lieferten regelmäßig die geheimen Lageberichte des BND, die Aufschluß haben über den Stand der nachrichtendienstlichen Operationen, die Monatsberichte über die Überwachung des gegnerischen Agentenfunks in der Bundesrepublik, später auch noch die Lageberichte des Bundesamts für Verfassungsschutz. Sie verrieten BND-Residenten im Ausland und Deckadressen von V-Männern und warnten gefährdete Sowjet-Agenten.
FELFE: Was mir bekanntgeworden ist, und das war schon eine ganze Menge, habe ich bestimmt nicht für mich behalten; denn das war ja wohl von Interesse.
SPIEGEL: Haben Sie eigentlich nie unter dem Odium gelitten, ein Verräter zu sein?
FELFE: Moment mal! Was habe ich denn verraten? Ich habe doch aufgeklärt. Sehen Sie mal, jeder BND-Mann, jeder Amerikaner vom CIA versucht doch, beim KGB, bei den entsprechenden Sicherheitsstellen jemanden zu plazieren und zu überwerben. Das ist doch das normale Handwerk.
SPIEGEL: Aus der Haft haben Sie eifrig kassibert.
FELFE: Ja, freilich. Das steht mir doch zu.
SPIEGEIL: Sie haben "Engelshaar angefordert, wohl um die Zellengitter zu knacken. Sie haben auch einen Schlüssel angefertigt, um gleich durch die Tür ins Freie zu gelangen.
FELFE: Der Schlüssel ist jetzt in einem Moskauer Museum zu besichtigen.
SPIEGEL: Einmal haben Sie das KGB um Zyankali gebeten. Was wollten Sie damit?
FELFE: Naja, Gott, man hat doch nicht immer eine Hochsituation, man hat ja auch mal Depressionen. Da dachte ich mir, den Prozeß könntest du dir ersparen und viel Theater drumrum, wenn du Zyankali hättest. Dazu wäre ich bereit gewesen.
SPIEGEL: Aber das KGB wollte keinen toten Felfe?
FELFE: Nein.
SPIEGEL: Und wann waren Sie mal in Hochstimmung?
FELFE: Beispielsweise, als ich den ersten Brief des KGB in meine Zelle bekam. Da war für mich Ostern, Pfingsten und Weihnachten auf einen Tag. Ich wußte, die kümmern sich um mich.
SPIEGEL: Sie wollten, wie Sie selber gesagt haben "in den Augen der Sowjets wie eine Eins dastehen''-. Das ist Ihnen gelungen. In der Haft kamen Ihnen aber doch Bedenken, derart: "Ich weiß nicht, was die drüben mit mir machen werden. Ob Sie mich zum Kinodirektor oder zum Chef der Dresdener Straßenreinigung befördern. Eines aber weiß ich: Spätestens in einem Jahr hab'' ich die Hunde vom sowjetischen Nachrichtendienst wieder am Hals. Nun, Sie wurden schließlich Professor. Hat sich der zweite Teil Ihrer bösen Ahnung erfüllt?
FELFE: Diese Ahnung habe ich nie gehabt. Das ist eine freie Erfindung. Ich werde Ihnen genau sagen, wie es gewesen ist. Auf der Fahrt zur Grenze, abends, fragte mich einer der begleitenden Herren des Bundeskriminalamtes: Na, was glauben Sie. Was wird auf Sie warten? Da habe ich gesagt: Irgend einen Job wird es für mich schon geben, und wenn sie mich zum Chef der Straßenreinigung von Dresden machen. So eine flapsige Antwort.
SPIEGEL: Und die vom sowjetischen Geheimdienst?
FELFE: Ich wußte ja, daß die auf mich warten, und freute mich auf sie.
SPIEGEL: Sprichwörtlich liebt der Feind den Verrat, verachtet aber den Verräter. Ist da was dran?
FELFE: Ich habe solche Erfahrung nicht gemacht, ganz im Gegenteil. Beim Austausch wartete mein alter Verbindungsoffizier "Alfred" an der Grenze auf mich und sagte: "Wird ja höchste Zeit." Wir sind uns um den Hals gefallen, haben einen Wodka zur Brust genommen und sind nach Berlin gefahren.
SPIEGEL: Zum KGB?
FELFE: Natürlich. Ich habe im Sperrgebiet gewohnt, hier in Karlshorst, 14 Monate.
SPIEGEL: Doppelverdiener sind Sie auch in der DDR geblieben.
FELFE: Das ist nicht verboten. Ist alles ordentlich versteuert, diesmal.
SPIEGEL: Rente vom KGB und ein Professorengehalt.
FELFE: Dazu noch meine Intelligence-Rente.
SPIEGEL: Ist die KGB-Rente höher, als Ihr Agentensold es damals war?
FELFE: Ja.
SPIEGEL: Rollt der Rubel?
FELFE: Meine Bezüge aus Moskau bekomme ich in DDR-Mark und DM-West. Und jedesmal, wenn ich in die Sowjet-Union fahre, kostet mich das keinen Pfennig. Ich bin da Staatsgast.
SPIEGEL: Jetzt machen Sie Reklame für das KGB. Werben Sie neuerdings Agenten an?
FELFE: Ich bin kein Werber. Ich bin aber der lebende Beweis dafür, daß man in der Not nicht fallengelassen wird wie eine ausgequetschte Zitrone, wie es mir die Vernehmer des Bundeskriminalamts in Wiesbaden damals einreden wollten.
SPIEGEL: Haben Sie auch Orden bekommen?
FELFE: Einige, den Rotbannerorden, "Roten Stern, einen KGB-Orden, einen Waffenbrüderschafts-Orden.
SPIEGEL: Laut Erich Honecker hat die DDR an der von ihm so genannten "Unsichtbaren Front" besondere Erfolge zu verzeichnen. Es bestehe kein Zweifel, meint er daß "wir besser informiert sind", soll wohl heißen, besser als die Bundesrepublik. Wieviel Agenten hat das MfS auf die Bundesrepublik angesetzt? Sind die Schätzungen - 1500 bis 2000 - realistisch?
FELFE: Das sollten Sie nicht mich, sondern "Mischa" Wolf oder Erich Mielke von der Staatssicherheit fragen. Ich habe damit überhaupt nichts zu tun.
SPIEGEL: Wie geht''s Herrn Tiedge?
FELFE: Ich kenne ihn nicht, und ich werde ihm so bald wohl auch nicht begegnen. Herrn Guillaume habe ich einmal getroffen, bei einer Veranstaltung im Palast der Republik, rein zufällig.
SPIEGEL: Wie hätte die DDR-Staatssicherheit gehandelt, wenn sie erfahren hätte, daß einer ihrer wichtigen Mitarbeiter Alkoholiker sei und auch sonst ein liederliches Leben führte? Hätte sie ihn kaltgestellt, entlassen, oder - wie in Bonn mit Tiedge geschehen - aus Sicherheitsgründen in der Position gehalten?
FELFE: Sie hätte ihn von der Front zurückgezogen und ihn in ein Sanatorium gesteckt - aber mit Sicherheit.
SPIEGEL: Was wollen Sie eigentlich noch mit Ihrem bundesrepublikanischen Paß? Der ist doch längst ungültig?
FELFE: Sicher ist der abgelaufen. Aber ich bin immer noch, nach dem Staatsangehörigkeitsgesetz von 1913 in der Fassung von 1979, Bürger der Bundesrepublik.
SPIEGEL: Das ist eine Theorie, die in der DDR nicht gern gehört wird.
FELFE: Das mag sein. Ich bin jedoch weder aus der Staatsbürgerschaft der Bundesrepublik entlassen worden, noch habe ich um Entlassung nachgesucht, noch ist sie erloschen.
SPIEGEL: Für die DDR gibt es für Bürger ihres Landes nur eine DDR-Staatsangehörigkeit. Von einer gesamtdeutschen will sie nichts wissen.
FELFE: Ich auch nicht, aber eine Doppelstaatsangehörigkeit ist nicht verboten. Die Bundesrepublik hingegen bestreitet, daß es eine BRD- und eine DDR-Staatsangehörigkeit gibt.
SPIEGEL: Das tut sie nicht; sie beharrt auf der gesamtdeutschen.
FELFE: Das ist eines der größten Hindernisse für die Entspannung zwischen beiden deutschen Staaten.
SPIEGEL: Werden Sie eines Tages mit einem gültigen BRD-Paß die Bundesrepublik besuchen? Als Rentner könnten Sie es ohnedies.
FELFE: Ich werde die Bundesrepublik überhaupt nicht besuchen. Ich wurde nur Schlagzeilen produzieren - und mich vielleicht einem unvermuteten Autounfall aussetzen.
SPIEGEL: Herr Felfe, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. _(Mit Reisepaß der Bundesrepublik und ) _(sowjetischen Ordensurkunden. )
Heinz Felfe *KASTEN *
bereitete dem Bundesnachrichtendienst (BND) des Generals Reinhard Gehlen die schlimmste Schlappe. Als Leiter des Referats "Gegenspionage Sowjet-Union" stand er jahrelang "im Dienst des Gegners" (Buchtitel). Schon seit 1949 war Felfe Agent des sowjetischen KGB, 1951 wurde er in die Organisation Gehlen geschleust (seit 1956 BND). Felfe, heute 68, wurde 1961 enttarnt, 1963 zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt. Nach seinem Austausch 1969 machte ihn die Ost-Berliner Humboldt-Universität zum Professor für Kriminalistik.
Ulrich Schwarz und Wolfgang Malanowski vor dem Internationalen Pressezentrum in Ost-Berlin. Mit Reisepaß der Bundesrepublik und sowjetischen Ordensurkunden.
Von U. Schwarz und W. Malanowski

DER SPIEGEL 13/1986
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SPIEGEL Gespräch:
„In der Sowjet-Union bin ich Staatsgast“

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