24.03.1986

Protest gegen Sex beim Sechstagerennen

Erfolge und Mißerfolge im Kampf gegen Frauen-Diskriminierung *
Die heisere Stimme vom Tonband versprach "Schönheit, Sex, Erotik". Dann war es soweit: Mit gekonntem Griff ließ Bambie Gayler alias Jasintha Plessow alle Hüllen fallen.
Der Striptease. Höhepunkt des letzten Stuttgarter Sechstagerennens, erregte nicht nur das männliche Publikum: Für Stuttgarts neue Frauenbeauftragte Gabriele Steckmeister war die, wie sie fand "entwürdigende Zurschaustellung des weiblichen Körpers" Anlaß zum Einschreiten.
Vergebens versuchte die Beauftragte, die Strip-Show zu stoppen. Die Veranstalter erklärten sich lediglich bereit, Bambie erst nach 23 Uhr auftreten zu lassen.
Nicht immer haben bundesdeutsche Frauenbeauftragte so wenig Erfolg. Kölns Gleichstellungsexpertin Lie Selter schaffte es immerhin, als frauenfeindlich empfundene Plakate ein für allemal von städtischen Werbeflächen zu verbannen. Und auf Betreiben der Hamburger Leitstellen-Chefin Eva Rühmkorf wurden für die Verwaltung der Hansestadt verbindliche Richtlinien zur Förderung von Frauen im öffentlichen Dienst formuliert. Danach sollen die Behördenchefs Frauen ausdrücklich motivieren,sich verstärkt um höherwertige Funktionen zu bewerben. Bei Neueinstellungen sind gleich qualifizierte Frauen zu bevorzugen.
Auch in den städtischen Betrieben konnte Eva Rühmkorf einiges verändern. Erstmals wurde vor kurzem im Hamburger Klärwerk eine weibliche Maschinenschlosserin eingestellt. Seit Mai vergangenen Jahres dürfen Frauen auch bei der Hamburger Feuerwehr arbeiten. Davor hatte es immer geheißen. Frauen und Mädchen seien für diese Tätigkeit "physisch nicht geeignet.
Kolleginnen aus anderen Städter, müssen sich mit bescheideneren Erfolgserlebnissen begnügen. So führen Frauenbeauftragte in etlichen Städten einen "intensiven Sprachkampf", wie die Münchner Gleichstellungsexpertin Friedel Schreyögg sagt. Erst kürzlich rügte sie ihren Kollegen Uli Zech vom Stadtbauamt, weil er weibliche Kontrolleure für Parksünder als "Überwachungsmiezen" bezeichnet hatte.
Nach "dreijährigen Auseinandersetzungen" hat die Kölnerin Selter endlich erreicht, daß Ausbildungsplätze für Jungen und Mädchen gleichlautend ausgeschrieben werden. Bei Einstellungsgesprächen dürfen städtische Personalchefs Frauen nicht mehr fragen, wie sie Familie und Beruf vereinbaren wollen. Die Stuttgarterin Steckmeister setzte durch, daß in Ratsvorlagen künftig statt der Bezeichnung "Lehrer" der geschlechtsneutrale Begriff "Lehrkraft" verwendet wird.
Beifall von Betroffenen dürfte auch ihre neueste Aktion hervorrufen. Künftig sollen in der Stuttgarter Rathaus-Tiefgarage Parkplätze speziell für Frauen reserviert und rund um die Uhr bewacht werden. Damit will die Frauenanwältin ihre Geschlechtsgenossinnen vor Überfällen und Vergewaltigungen schützen.
Auch die Münchnerin Schreyögg möchte öffentliche Straßen, Plätze und Gebäude sicherer und frauenfreundlicher machen. Sie prüft daher bei Bebauungsplänen oder Verkehrsprojekten, ob auch,die Interessen von Frauen, vor allem von jungen Müttern, berücksichtigt werden "Denn die", weiß sie"haben am ärgsten unter gefährlichen Straßen zu leiden, weil sie ständig ihren Kindern hinterherrennen müssen."
Grundlage für viele Verbesserungsvorschläge sind Umfragen und Untersuchungen, die von der Frauenbeauftragten selbst angefertigt oder in Auftrag gegeben wurden. Allein dafür darf Friedel Schreyögg rund 60000 Mark pro Jahr ausgeben. Gegenwärtig läßt sie zum Beispiel erforschen, warum viele Frauen U-Bahnhöfe als bedrohlich empfinden und was geändert werden müßte, um ihnen diese Angst zu nehmen.
Ihre Bonner Kollegin Brigitte Kunath verschickte kürzlich 2500 Fragebogen an junge Mütter, um die Öffnungszeiten der städtischen Kindergärten besser auf deren Bedürfnisse abzustimmen.
In Köln errichtete das Frauenbüro zusammen mit Ärztinnen, autonomen Frauengruppen und Verbandsvertretern sogar eine Art "TÜV" für Frauenärzte. Nach einem Arztbesuch können die Besucherinnen dem Mediziner auf einem anonymen Fragebogen Zensuren erteilen. Einzusehen sind die Ärzte-Dossiers im örtlichen Frauenbuchladen.

DER SPIEGEL 13/1986
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