11.08.1986

NACHRUF

OTMAR EMMINGER †

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Er war der international bekannteste unter den deutschen Währungshütern der Nachkriegszeit. Längst bevor Otmar Emminger 1970 Vizepräsident und von Mitte 1977 an für nur zweieinhalb Jahre auch Präsident der Deutschen Bundesbank wurde, war sein Name in allen währungspolitischen Zirkeln der Welt geläufig, war er im Ausland "Mister Deutschmark", die Personifikation der so erstaunlich erstarkten deutschen Valuta.

Die Rolle war ihm auf den Leib geschrieben, und er spielte sie auch gern. Der Nationalökonom und Volljurist, der die Bundesrepublik schon seit den frühen 50er Jahren auf allen wichtigen internationalen Währungskonferenzen vertreten hatte, verfügte über eine für seinen Geburtsjahrgang (1911) außergewöhnlich weltläufige Ausbildung. In den ökonomisch wie politisch tristen Jahren während und kurz nach der Weltwirtschaftskrise, in denen der Handels- und auch der Ideenaustausch mit dem Ausland zum Erliegen kam, hatte er noch einen Teil seiner Studien in London und Edinburgh absolviert.

Der polyglotte, international geschulte und erfahrene Geldexperte aus dem bayrischen Augsburg blieb dennoch unendlich preußisch-deutsch: pflichtversessen, arbeitswütig - jede Frage, so notierte einmal die "New York Times", beantworte er mit "erschöpfender Gründlichkeit".

Hochgeschätzt als Kenner und vor allem auch als Erklärer der komplizierten Zusammenhänge zwischen dem Wechselkurssystem und dem Wohlstand der Nationen haben ihn gleichwohl gerade die Angelsachsen. James Callaghan, zeitweilig Schatzkanzler, später Premier Großbritanniens, hielt so viel von dem gründlichen Deutschen, daß er schon in den späten 60er Jahren dessen Promotion zum Bundesbankpräsidenten zu fördern versuchte. Und als Emminger dann nach der sehr viel späteren und sehr kurzzeitigen Berufung auf das Präsidentenamt Ende 1979 pensioniert wurde, schrieb die "International Herald Tribune", ein "einzigartig begabter" Mann trete zurück.

Schon die Doktorarbeit, die der Sohn des langjährigen Reichstagsabgeordneten und kurzzeitigen Reichsjustizministers Erich Emminger (Bayrische Volkspartei) im - nach heutigen Standards - jugendlichen Alter von 23 Jahren vorlegte, war einschlägig: eine Analyse der währungspolitischen Experimente im England der 20er und frühen 30er Jahre, theoretisch wie sprachlich glänzend und ohne jene Untertöne, die seinerzeit auch in sich wissenschaftlich gebärdenden Werken an manchen deutschen Fakultäten als Tribut an den Zeitgeist üblich geworden waren.

In den Kreis der währungspolitischen Akteure geriet Emminger dennoch oder vielleicht auch deswegen erst nach dem Krieg; die Bank deutscher Länder, die Vorgängerin der heutigen Bundesbank, berief den Kriegsversehrten, der zuvor die erste deutsche Delegation beim Europäischen Wirtschaftsrat in Paris geleitet und nebenher als Privatdozent an der Universität München gelesen hatte, 1950 zunächst als Hauptabteilungsleiter für Volkswirtschaft.

Die nächsten Karrieresprünge kamen schnell: 1953 Mitglied des Direktoriums der Zentralbank und zugleich (bis 1959) auch deutscher Exekutivdirektor beim Internationalen Währungsfonds in Washington, schließlich immer mehr der führende Währungsdiplomat, der Außenminister in Sachen Geld, der bei allen wichtigen internationalen Währungs- und Kreditabkommen für die Bundesrepublik verhandelte. Das Lob seiner ausländischen Partner fiel zuweilen fast überschwenglich aus: "Der beste Botschafter Deutschlands, den das Land je hatte", so zitierte einmal die "Sunday Times" einen Emminger-Kollegen aus der Bank of England.

Anerkennung zu Hause in Gestalt der Beförderung zum Bundesbankpräsidenten fand der parteilose Fachmann erst "erstaunlich spät" (so die "Financial Times"), mit 66 Jahren, in einem Alter also, in dem die meisten Deutschen schon altgediente Ruheständler sind.

Auch nach seiner Pensionierung mit fast 69 blieb Emminger stets überbeschäftigt, nun oft als Ratgeber für Verschuldungsfragen. Er war im Juli dieses Jahres im Auftrag der Bundesregierung auf die Philippinen gereist, um die neue Präsidentin zu beraten. Dort starb er am vorletzten Wochenende an Herzversagen.


DER SPIEGEL 33/1986
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