24.03.1986

ABGEORDNETEStändiger Berater

Mit der Neuordnung des Flick-Konzerns verliert ein Flick-Mann in Bonn Posten und Quartier - der CSU-Steuerexperte Kreile. *
Reinhold Kreile, 56, finanzpolitischer Sprecher der Union im Bundestag, muß packen "an den nächsten Wochen" soll er sein Haus im Bonner Regierungsviertel, Langenbachstraße Nr. 21, räumen.
Schmerzlich für den CSU-Politiker, da er bisher so preiswert logierte. Für Unterkunft, Büro und Nebenkosten mußte er nicht selber aufkommen. 200000 Mark im Jahr zahlte der Flick-Konzern seinem Aufsichtsratsvorsitzenden Kreile dafür, ferner seit 1971 zuletzt 180000 Mark per annum für die Beratung durch den Rechtsanwalt Kreile "mit gewissen unterschiedlichen Jahresbeiträgen" (Kreile).
In diesem Frühjahr enden die langjährigen Geschäftsbeziehungen. Friedrich Karl Flick verkaufte sein Imperium an die Deutsche Bank. Und die säubert ihre Erwerbung von allen Flick-Stücken: Teile des Konzerns sind abgetrennt, der Rest firmiert unter Feldmühle Nobel AG, Unternehmensleitung und Aufsichtsrat sind neu besetzt. Da muß auch der Lotse von Bord: Steuer-Mann Reinhold Kreile ist nicht mehr dabei.
Denn Reinhold Kreile war bei Flick - aber nicht nur da - weit mehr als ein simpler Aufseher über den Fortgang der normalen Geschäfte. Kreile ist da, wo er tätig ist - also fast überall -, ein Mann an der Nahtstelle von Politik und Ökonomie, ein Verbindungs-Mann. Er verbindet Interessen und Ideologien, sucht - wie er es nennt - den "vernünftigen Ausgleich".
In der Öffentlichkeit ist der Ausgleicher kaum bekannt, dabei sein Einfluß groß. Leise, sachkundig und erfolgreich macht Kreile Politik, meist zugunsten der großen Brieftaschen - aus Überzeugung und nicht, weil er von ihnen bezahlt wird. Allenfalls trifft sich gut, daß die Überzeugung sich auszahlt.
"Zu Kreile haben die verschiedensten Gruppen Vertrauen, weil sie sich durch seinen Rat, aber auch durch seine Taten nicht verschaukelt, sondern vermittelt fühlen", schrieb der Verleger Heinz Friedrich (dtv). Das sei keine Lobby, sondern, so Friedrich, "Freundschaft".
Bei solchen Freunden kann Kreile den Verlust seines besten Klienten mit Fassung tragen: "ein normaler Vorgang". Er stand Milliardär Flick bei dessen Ausverkauf beratend zur Seite. Aber leid tut's ihm doch, "wie es einem leid tut, wenn man lange an einer Sache gearbeitet hat, die dann zu Ende geht".
Seit den 60er Jahren hat Professor Dr. Reinhold Kreile, Rechtsanwalt und Fachanwalt für Steuerrecht, am Flick-Werk gearbeitet. 1969 schickt ihn ein anderer Flick-Ratgeber. CSU-Chef Franz Josef Strauß ("Flick senior hat mich auch gebeten, seinem Sohn weiterhin mit Rat zur Verfügung zu stehen"), in den Bundestag.
Kreile reüssiert als Steuerfachmann im Finanzausschuß und ist dort seit 1977 Obmann der CDU/CSU. Seit 1982 leitet er die Arbeitsgruppe Finanzen seiner Fraktion. Fraktionsvorstand, Präsidium und Vorstand der CSU - Kreile, ein stiller Hinterbänkler im Zentrum der Macht.
Auch bei Flick geht-s bergauf. Aus dem Konzernbeirat wechselt Kreile 1977 auf den Sessel des Aufsichtsratsvorsitzenden der Konzerndachgesellschaft Friedrich Flick Industrieverwaltung KGaA. Nicht in Düsseldorf, am Standort des Unternehmens, sondern in Bonn in der Langenbachstraße 21, läßt sich der erste Mann im Aufsichtsrat die nötigen "Fazilitäten" schaffen. Kreile: "Es hat sich so ergeben."
Nämlich so: Von dort aus hilft der renommierte Steuerexperte Kreile seinem Konzernherrn bei dessen Bemühungen, jene rund zwei Milliarden Mark an der Steuer vorbei anzulegen, die er beim Verkauf eines Pakets Daimler-Aktien erlöst hatte. Flick-Gesellschafter Eberhard von Brauchitsch und Kollegen pflegen die politischen Spitzen der Bonner Landschaft. Flicks Lobby-Büro in Bonn verteilt Geld und Wünsche an die zweite Garnitur. Kreile übernimmt die dritte Ebene: Er kümmert sich um die leitende Beamtenschaft in den Ministerien.
Für den 12. November 1975 etwa lädt Kreile den Leiter der Abteilung Steuern im Finanzministerium, Karl Koch, dessen wichtigsten Referenten und den Steuerfachmann des Wirtschaftsministeriums, Hans August Fischer, mit Damen, zum Abendessen in die Langenbachstraße. Intensiv informieren die Beamten den Flick-Berater über Aussichten und Schwierigkeiten der Flickschen Steueranträge. "In separaten Gesprächen" und "mit größter Vertraulichkeit? (Vermerk Kreile) sammelt er Tips just von denen, die über die Anträge zu entscheiden haben, und reicht sie an Flick und dessen Statthalter weiter.
Später wird Kreile von "hochrangigen Gesprächspartnern" des Wirtschaftsministeriums "zu einem sehr vertraulichen Gespräch gebeten", dessen Inhalt er schriftlich am 20. Januar 1976 an Flick und Co. weitergibt: _____" Die Initiative zu diesem Gespräch sei mit Billigung, " _____" ja geradezu auf Wunsch des Bundeswirtschaftsministers " _____" selbst ergriffen worden; man müsse dem " _____" Bundeswirtschaftsminister nur die Möglichkeit geben, " _____" offiziell von dem nachfolgend wiedergegebenen Gespräch " _____" nichts zu wissen. "
Verständlich - denn die Herren wollen einen "Türken" bauen. Flick möge einen kleinen Nebenantrag stellen, den der Minister ablehnen könne; dann sei es leichter, die anderen Flick-Anträge zu genehmigen: Für die Öffentlichkeit sei damitklargestellt, daß der Fall Flick teils abgelehnt, teils akzeptiert wurde?, So kam es dann auch.
Die Sozialdemokraten im Flick-Untersuchungsausschuß verurteilten Kreile in ihrem Minderheitsvotum als "politischen Vertreter der Konzerninteressen". Sein
"Verhalten ist zu mißbilligen und verletzt die Regeln der politischen Kultur".
Kreile sieht das anders. Er sei als "Rechtsanwalt des Hauses Flick" aktiv geworden "oder als Beiratsmitglied oder als Aufsichtsratsvorsitzender" - aber nicht als Abgeordneter. Der feine Unterschied wird im Briefkopf von Kreile-Schreiben deutlich:"In dem Verkehr mit Mandanten, mit denen ich in einem ständigen Beratungsverhältnis stehe, habe ich die Übung, daß ich nur meinen Briefkopf Dr. Reinhold Kreile verwende."
Die feinsinnige Persönlichkeitsspaltung in Berater und Politiker wird selbst von Kreiles Gegenspieler im Bundestag, dem SPD-Finanzfachmann Dieter Spöri, gestützt: Nie sei ihm der andere etwa im Finanzausschuß mit Flick-Aktivitäten aufgefallen, im Gegenteil. Als es einmal um den für Flick entscheidenden Steuerparagraphen 6b ging, sei Kreile gegangen, weil er sich befangen fühlte.
"Kreile ist kein Lobbyist", so SPD-Spöri, er sei viel mehr "ein hochintelligentes System, in der Koalition allen anderen haushoch überlegen". Einer, der sich nicht für die Interessen einzelner schlage, sondern für die Unternehmerkaste insgesamt - "der politisch wirkungsvollste ideelle Gesamtkapitalist".
Er zieht die Fäden und ist dabei, wenn die Bonner Koalition Hilfen in Steuersachen beschließt, an Unternehmer. Freiberufler oder Bauern. Seit der Wende Ende '82 gab's neue Regeln für eine Insolvenzrücklage, Sonderabschreibungen, Senkung der Vermögensteuer, günstigere Bewettungsregeln für die Lagerhaltung - 28 Steueränderungen "zugunsten von Unternehmen zahlte die SPD. Entlastung von der Wende bis Ende 1987: Fast 40 Milliarden Mark.
Der Gesamtkapitalist Kreile setzt sie durch. Als "steuerpolitische Weinprobe" genießen Finanzausschüßler, wenn Kreile Regierungsvorlagen zerstückelt oder mit neuem Gehalt versieht.
Ein Beispiel für sein stilles Wirken: Im Herbst 1984 legt die Bundesregierung ihr Steuerbereinigungsgesetz vor. Im Finanzausschuß des Bundestages präsentiert Kreile Verbesserungsvorschläge. So kommen neue Steuervorschriften für die Bewertung von Edelmetall-Lagern bei Unternehmen in das Konzept, zunächst für Gold. Silber, Platin und Palladium, später für Rhodium und Kupfer. Steuerersparnis für die begünstigten Firmen: 40 Millionen Mark im Jahr.
Als die Regierungskoalition Ende 1982 die Grunderwerbsteuer umstellte, setzte Kreile eine Übergangsfrist durch: Wer damals Grundstücke kaufte oder verkaufte, konnte zwischen altem und neuem Recht wählen - ein Himmelsgeschenk für alle Akteure im Immobiliengeschäft.
Manchmal geht es auch daneben. Beim Versuch der Koalition, die listige Parteispendenaffäre durch eine Generalamnestie loszuwerden, formuliert und taktiert auf deren Seite vor allem Kreile. Doch am Widerstand der SPD und an der Furcht der Koalition vor der Ächtung zu vieler Wähler scheitert das Vorhaben.
Ähnliches Mißgeschick widerfährt Kreile im vergangenen Dezember. Der CSU-Mann wollte seinem Chef und Gönner, dem Hobby-Flieger Franz Josef Strauß, zu Gefallen eine Steuerbefreiung für Flugbenzin der Privat-Fliegerei durchsetzen. Doch als die Empörung zu laut wurde, fiel Kreile mit seinem Plan in der Unionsfraktion doch noch durch.
Das aber sind nur Bagatellen in Kreiles Bilanz. Gerade das stille Wirken des Multitalents hat zur Folge, daß seine Niederlagen leichter auszumachen sind als seine Erfolge. Er "arbeitet leise, ohne Schärfe, ohne jegliches parlamentarische Pfauenrad", bescheinigt ihm Spöri"dabei als knallharter, durchschlagkräftiger Vertreter von Wirtschaftsinteressen".
Im Gegenzug zeigt sich auch die Wirtschaft interessiert: Kreile sitzt - und bleibt - im Aufsichtsrat der Adca-Bank AG, der Interversa Gesellschaft für Beteiligungen, der ICL Deutschland International Computers, der Batig Gesellschaft für Beteiligungen. Bei der rheinland-pfälzischen Landesbank fungiert er im Beirat ebenso beim Langenscheidt Verlag, der Eureco-Gesellschaft für Wirtschaftsberatung, der Horeska Hotelgesellschaft. Beim staatlichen Deutschlandfunk präsidiert er dem Verwaltungsrat, bei der Münchner Gesellschaft für Kabelkommunikation dem Aufsichtsrat.
Der Mann, der auf so vielen Hochzeiten tanzt, meidet Publicity und scheut die Öffentlichkeit. Vor Tagen mühte sich ein Photograph. Kreile am kalten Buffet abzulichten. Der ließ die Kanapees sofort liegen und ging hinter anderen Gästen in Deckung.
Nur einmal im Jahr in Bayreuth blüht er auch öffentlich auf. Da plaudert der Musiker Kreile auf dem Grünen Hügel mit dem Bundespräsidenten, mit Ministern und den Größen der Gesellschaft über Kultur und Musik, über Richard Wagner und sein Werk.
Und hier wie dort bekleidet er etwas: Kreile ist nicht nur Vorstand der Münchner Richard-Strauss-Gesellschaft, sondern auch Ratsmitglied der Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth - als "Freund der Familie Wagner und als Anwalt".

DER SPIEGEL 13/1986
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