28.04.1986

„Wenn die Schwarzen sich wehren ...“

SPIEGEL-Redakteur Klaus Wirtgen über Willy Brandts Reise in den Apartheid-Staat Südafrika *
Einmal selbst gesehen ist natürlich besser als hundertmal darüber lesen" - Willy Brandts Resümee nach einer einwöchigen strapaziösen Rundreise durchs südliche Afrika. Aber die persönliche Schlußfolgerung ist bitter: Der 72jährige Vorsitzende von SPD und Sozialistischer Internationale ist überzeugt davon, daß der Buren-Staat auf eine blutige Konfrontation zusteuert zwischen der unterjochten Mehrheit von mehr als 23 Millionen schwarzen Afrikanern und den knapp fünf Millionen Weißen. Und die Jugend in der westlichen Welt werde immer stärker wahrnehmen und verurteilen, was in Südafrika bei der Konfrontation der Rassen vorgehe; ein neues Vietnam?
Da mag der alte Pfadfinder nicht abseits stehen oder gar neutral bleiben: Schließlich hat er als Kanzler Anfang der siebziger Jahre wider alle Besserwisser den Weg nach Osten geöffnet und sich bei manchen als Kommunistenfreund verdächtig gemacht. 1984 besuchte er den Sandinistenführer Daniel Ortega in Nicaragua und Kubas Diktator Fidel Castro in Havanna und eckte damit bei vielen Konservativen - auch in seiner Partei - als Revoluzzer-Sympathisant an.
Wenn nun unter dem Kreuz des Südens der "D-Day" anbricht, will Brandt die SPD im richtigen Lager sehen: An der Seite der schwarzen Mehrheit und ihrer weißen Sympathisanten in Kirche, Gewerkschaft und der Befreiungsbewegung African National Congress (ANC) mit dem seit fast 24 Jahren eingekerkerten Präsidenten Nelson Mandela, dessen Frau Winnie und dem amtierenden Spitzenrepräsentanten Oliver Tambo, der den schwarzen Widerstand vom sambischen Lusaka aus international organisiert.
Überall im Westen, voran in Skandinavien, sieht Brandt die Solidarität mit den Schwarzen Südafrikas und die Kritik an der Herrschaft des Buren-Präsidenten Pieter W. Botha wachsen.
Nur, ausgerechnet, die Bonner Regierung gelte gemeinsam mit den Regierenden in Washington und London bei den schwarzen Widerständlern als Freund der herrschenden Minderheit. "Wenn so ein Bild sich weiterentwickelt, wird es sich schlecht auswirken auf die deutschen Bindungen zu einem künftigen Südafrika", sagt der Mann, der seit über 20 Jahren SPD-Vorsitzender ist, "so lange, wie Nelson Mandela im Gefängnis sitzt".
Brandt hat in langen Gesprächen in Johannesburg, Pretoria und Kapstadt mit Oppositionellen wie Bischof Tutu, Winnie Mandela und Allan Boesak vom Weltbund der Reformierten gespürt, daß aufmerksam auf der anderen Seite der Erdkugel politische Äußerungen in der Bundesrepublik gespeichert werden - etwa, wenn sich die CSU gegen die "weitverbreitete Heuchelei im Zusammenhang mit Südafrika" wendet: etwa, wenn sich Kanzler Helmut Kohl weigert, den ANC-Führer Tambo zu empfangen und, allerdings vergeblich, seinen Vize Hans-Dietrich Genscher auffordert, es ihm gleichzutun; oder wenn FDP-Wirtschaftsmann Otto Graf Lambsdorff jene kritisiert, "die bei uns lauthals nach Beschäftigungsprogrammen schreien, aber ungerührt auf sechs Milliarden Mark Ausfuhr verzichten wollen", indem sie nach einem Wirtschaftsboykott gegenüber Südafrika rufen.
Um so klarer wollte Brandt seine Bereitschaft zeigen, mit jeder Seite zu reden - selbst mit dem Staats- und Regierungschef Botha "Einer wie ich, der in Staaten, die näher an der Bundesrepublik liegen, mit andersdenkenden Partnern umgehen muß, kann sich auch hier nicht nur Leute aussuchen, die mit einem selber übereinstimmen."
Und diejenigen, die ihn vor Kontakten zu den angeblich kommunistisch gelenkten Mandelas warnten, beschied Antifaschist Brandt mit einem weiteren Vergleich aus der Heimat: "Auch bei uns haben Leute ihre Meinung geändert, besonders diejenige, die sie in den vierziger Jahren vertraten.
Den Gefangenen Nr. 220/82 des Kapstädter Pollsmoore-Gefängnisses wollte Brandt unbedingt sehen. Doch da war Botha vor: Den "Kommunisten und Terroristen" Nelson Mandela dürfe der Deutsche nicht besuchen. Er werde dafür sorgen, daß "Mandela nicht zum Konzentrationspunkt für alle Durchreisenden, nicht zur zentralen Figur wird".
Der Präsident hatte aber Brandts Begegnung mit Nelsons Frau Winnie nicht zu verhindern gewagt. Das Treffen mit der Frau, die, meist selber in Haft oder Bann, Ideen und Autorität ihres eingekerkerten Mannes hochhält, war vom deutschen Botschaftsrat Fritz Ziefer arrangiert worden. Er lud, gegen die diplomatischen Usancen Pretorias, Winnie nebst Begleiter in seine Dienstvilla im Weißen-Vorort Arcadia zum Diner mit dem deutschen Ex-Kanzler.
Drei Stunden lang konnte sich Brandt ein eigenes Bild von Winnie Mandela machen. Er erlebte die sanfte, melancholische Winnie, die vom letzten Besuch in der Zelle ihres Ehemanns berichtete und plötzlich innehielt: "Ob sie es glauben oder nicht, so wie hier habe ich noch nie mit dem Angehörigen eines Parlaments an einem Tisch gesessen." Brandt war "richtig gerührt". Er lud sie nach Deutschland ein, doch sie winkte ab: kein Paß, keine Reisegenehmigung.
Und dann, als Brandt sie nach den Lebensverhältnissen im Provinzstädtchen Brandfort fragte, wo sie jahrelang in Verbannung lebte, ließ Winnie "die Maske fallen" (Brandt): Haßerfüllt beschrieb sie die Buren, die viel schlimmer seien als "Kaffern und Baboons" (Paviane), Schimpfworte, mit denen weiße Farmer ihre schwarzen Knechte belegen. Diese Weißen seien "in einem Entwicklungsstadium,
das wir Schwarzen schon lange überschritten" hätten.
Angeekelt berichtete sie von "den langen Füßen, den riesengroßen Köpfen, in denen meistens nichts drin" sei, von Typen, "behaart von der Brust bis hinunter zu den Armen".
Und Brandt wurde, eher befremdet, Zeuge, wie Winnie sich mit ihrer Freundin Sheena Duncan von der weißen Anti-Apartheidsorganisation "Black Sash" um die Art der Auseinandersetzung mit der weißen Minderheit stritt.
Winnie Mandela hatte wenige Tage zuvor die gewaltsame "Befreiung der unterdrückten Massen" angekündigt, die "Hand in Hand dieses Land mit unseren Streichhölzern, mit unseren necklaces (Halskrausen) befreien" werden - mit jenen benzingefüllten Autoreifen, die Schwarze ihren gefesselten Opfern überstreifen und dann anzünden. Nur so meinen die abergläubischen Schwarzen auch den bösen Geist des Getöteten erledigen zu können.
Sheena Duncan bat, makaber genug, wenigstens um Humanität in der Methode: "Wenn die Leute mit einem sauberen Schuß getötet würden, ginge es ja noch, aber necklace ?"
Winnie fuhr sie an, ob sie die vielen von Polizei und Killertrupps getöteten schwarzen Kinder vergessen habe: "Wollen wir uns einlassen, wie jemand zu Tode kommt ?"
Brandt schien zunächst schockiert. Ein Übermaß an Übereinstimmung mit Revolutionären dieses Kalibers wollte er wohl vermeiden. Eine Woche später sorgte die Unterhaltung mit dem sturen Buren Botha für mehr sozialistische Solidarität: "Man darf sich nicht wundern, wenn die Schwarzen sich auch mal wehren. Es wird immer nur beanstandet, was so ein armer Deubel sagt, der am Rande lebt. Diejenigen, die große Macht haben, werden häufig geschont."
Botha hatte sich beim Friedensnobelpreisträger unverhüllt dargeboten: "I'll hit them, I'll hit them again and again" - "Ich werde sie schlagen, wieder und wieder", so der Staatspräsident zu seinem deutschen Gast. Er meinte damit Mandela und dessen Anhänger, von denen er sich sein Land nicht kaputtmachen lasse. Botha: "Ich darf mit denen doch dasselbe machen, was Reagan mit Gaddafi gemacht hat."
Eine halbe Stunde lang beschimpfte der Buren-Präsident den Deutschen und dessen Begleiter, SPD-MdB Günter Verheugen, die sich zuvor einem Sicherheitscheck hatten unterziehen müssen. Photographen waren nicht zugelassen, Kaffee oder andere Aufmerksamkeiten wurden nicht angeboten, der Hausherr des Präsidentenpalastes ließ sich draußen nicht sehen.
Drinnen ging's ähnlich undiplomatisch zu: "Herr Brandt, Sie kennen die Tatsachen nicht." Südafrika sei "kein Land mit weißer Minderheit und schwarzer Mehrheit". Deutsche und Franzosen würden sich ja auch niemals zusammenschließen.
Das demokratische Prinzip "one man, one vote" sei unbrauchbar: "Dann ist alles vorbei. Das werden die Minderheiten nie akzeptieren."
Natürlich denke Brandt "als Sozialist" anders. "Aber der afrikanische Sozialismus ist sowieso der größte Fehler in der afrikanischen Geschichte." Südafrika spüre die Folgen: Jährlich kämen illegal 1,2 Millionen Arbeiter in sein Land.
Botha: "Die schicken wir zurück, wie Sie das mit den Türken machen, Herr Brandt.
Und dann nahm er drohende Haltung ein, als er auf die von Brandts Sozialistischer Internationale verlangten Wirtschaftssanktionen zu sprechen kam: "Ich will nicht an Sie appellieren, das bringt ja nichts. Aber gehen Sie nicht zu weit!"
Als Brandt seinen Gastgeber vor weiterer Gewalt warnte, die Abschaffung der Rassentrennung und Freiheit für Mandela forderte, erwiderte Botha, in seinem Land gebe es keine Gewalt. Er habe es nur mit Terroristen zu tun, gegen die schließlich auch Brandt als Kanzler vorgegangen sei.
Botha: "Wir schützen nur die Schwarzen. Sie haben mit den falschen Leuten geredet, Herr Brandt."
Und, wie nebenbei, den Deutschen wolle er folgendes sagen: "Die fühlen sich schuldig wegen ihrer eigenen Vergangenheit. Jetzt suchen sie auf der Welt nach anderen Schuldigen."
Nach einer Stunde reichte es den Besuchern. Brandt über den Staatspräsidenten: "Ein Unikum."
Kaum war er am Tag nach dem Gespräch bei Botha wieder daheim, holte ihn die südafrikanische Wirklichkeit ein. Das Haus von Mike Beea, dem Chef der Selbstverwaltung der schwarzen Slum-Siedlung Alexandria bei Johannesburg, den der SPD-Chef eine Woche zuvor empfangen hatte, wurde gebrandschatzt. Beeas Frau wurde schwer verletzt, mehrere Bewohner getötet.
Brandt schickte ihm ein Telegramm: Die SPD werde alles tun, "damit das menschenverachtende Unterdrückungsregime der Apartheid fällt".
Von Klaus Wirtgen

DER SPIEGEL 18/1986
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