11.08.1986

OPECEinfach unglaublich

Nach einem neuen Opec-Pakt stiegen die Ölpreise wie seit Jahren nicht mehr. Wie lange hält der Frieden im Ölkartell? *
Rilwanu Lukman konnte sein Glück kaum fassen. "Ein einstimmiger Beschluß, jeder, 13, jeder", stammelte Nigerias Ölminister freudestrahlend.
Der Jubel Lukmans, der zur Zeit das Ehrenamt eines Opec-Präsidenten innehat, galt einer Entscheidung, die kaum noch für möglich gehalten worden war. Nach einer Serie fehlgeschlagener Konferenzen und nach neuntägigem Gezänk während des jüngsten Opec-Treffens in Genf gab es Anfang vergangener Woche eine Einigung unter den 13 Mitgliedern der Organisation ölexportierender Länder. Mit der Verständigung im Kartell soll das preisdrückende Überangebot auf dem Weltölmarkt beseitigt werden.
Die Opec-Länder beschlossen, ihre Tages-Produktion von derzeit über 20 Millionen Barrel (159 Liter) in den Monaten September und Oktober auf 16,7 Millionen Barrel zu drosseln. Damit diese Förderbeschränkung auch erreicht wird, sollen die einzelnen Mitglieder nur so viel produzieren, wie ihnen in einer alten Förderquoten-Vereinbarung vom Oktober 1984 zugestanden worden war.
Allein der Irak darf mehr Öl als damals fördern. Dem arabischen Staat im Zweistromland, der nun schon seit sechs Jahren im Krieg mit seinem Nachbarn und Opec-Partner Iran liegt, wurde vergangene Woche von allen anderen Kartell-Mitgliedern
- auch vom Kriegsgegner Iran - erlaubt, die gegenwärtige Tages-Menge von 1,9 Millionen Barrel weiterhin zu fördern. Früher betrug die Irak-Quote 1,2 Millionen Barrel.
Nach dem überraschenden Opec-Friedensschluß von Genf, mit dem das Kartell einen mehr als halbjährigen Öl-Preiskrieg beenden will, explodierten die Preise an den Rohöl- und Produktenmärkten wie seit der Ölkrise von 1973/74 nicht mehr: Rohöl, das noch zu Beginn der Woche für neun Dollar pro Barrel angeboten worden war, kostete einen Tag später bis zu 15 Dollar. Am Rotterdamer Markt, an dem vor allem Benzin und Heizöl gehandelt werden, zogen die Preise binnen 24 Stunden um rund 30 Prozent an.
Aber bereits Mitte vergangener Woche begannen die Preise wieder abzubröckeln. Viele der zunächst geschockten Opec-Kunden erinnerten sich nun daran, daß der Öl-Klub schon allzuoft einstimmige Beschlüsse gefaßt hatte, an die sich dann nur wenige Mitglieder halten mochten. Selbst führende Opec-Vertreter wie Mana Said el-Uteiba, der Ölminister der Vereinigten Arabischen Emirate, äußerten nach der Rückkehr in ihre Heimat Zweifel an der Kartell-Disziplin ihrer Kollegen aus anderen Mitgliedsländern.
So war auch das Quoten-Abkommen vom Herbst 1984, auf das die Kartellgenossen jetzt zurückgegriffen haben, schon bald von etlichen Mitgliedern gebrochen worden. Allein die Opec-Vormacht Saudi-Arabien verhinderte seinerzeit durch starke Förderkürzungen, daß die Preise schnell verfielen.
Statt der Quote von 4,35 Millionen Barrel, die ihnen vereinbarungsgemäß zustand, pumpten die Saudis im Sommer vergangenen Jahres nur noch rund zwei Millionen Barrel täglich aus ihren Feldern. Dann sahen sie schließlich ein, daß sie die Rolle des "Swing"-Produzenten - der das Marktgleichgewicht in Zeiten des Überschusses durch geringere Produktion und in Phasen der Knappheit durch höhere Förderung wiederherstellt - nicht länger durchhalten konnten. Ihnen ging das Geld für die vielen ehrgeizigen Projekte im Land aus.
Unter Führung des saudischen Ölministers Ahmed Saki el-Jamani kamen alle Opec-Mitglieder im Dezember überein, sich nicht länger um Produktions-Limits zu scheren. Sie ließen die Konkurrenten außerhalb des Kartells wie etwa die Nordsee-Produzenten Großbritannien und Norwegen wissen, daß sie fortan für einen "angemessenen" Anteil auf dem Weltmarkt kämpfen würden.
In dem Preiskrieg, den die Opec mit diesem Beschluß anzettelte, sackten die Ölpreise noch weit tiefer, als Kartell-Stratege Jamani und dessen Partner erwartet hatten. Die hatten zunächst vorausgesagt, die Ölpreise könnten vorübergehend auf 20 oder sogar 15 Dollar je Barrel sacken.
Doch bei diesen Preismarken gab es noch längst kein Halt. Die Ölpreise stürzten kurz vor dem Genfer Treffen auf unter zehn Dollar. Jedem Delegierten in Genf war klar, daß sie nach einem Scheitern der Krisen-Konferenz noch tiefer fallen würden. "Wir hatten alle das Gefühl", berichtete der iranische Ölminister Gholam Resa Aghasade, "daß die Preiskriegs-Strategie die Ölpreise auf fünf Dollar bringen würde, was einfach unglaublich ist."
Obgleich alle Opec-Staaten von einem Fördermengen-Pakt profitieren konnten, sah es bis zum vorletzten Wochenende nicht so aus, als werde eine Einigung zustande kommen. Jeder Konferenzteilnehmer war darauf bedacht, eine möglichst hohe Quote für sein Land herauszuschlagen. "Wir sind ein Klub von Kannibalen, die sich gegenseitig fressen", stöhnte Belkassem Nabi, Algeriens Ölminister, nach den ersten Sitzungen.
Vor allem der Konflikt zwischen den Kriegsgegnern Iran und Irak schien ein unüberwindliches Hindernis für einen einstimmigen Beschluß zu sein. Der Irak bestand darauf, daß seine Quote genauso hoch wie die des Iran sein müsse. Der Ajatollah-Staat wiederum drohte, jede Erhöhung der irakischen Förderquote mit einer doppelt so hohen Produktion zu kontern.
Aber dann war es ausgerechnet ein iranischer Vorstoß, der den Weg zu einem neuen Quoten-Abkommen öffnete. Zur Überraschung der Opec-Kollegen schlug Persiens Ölminister Aghasade vor, die Organisation solle den Irak einfach fördern lassen, soviel er wolle. Der Iran braucht wegen der Kriegsverluste dringend Geld und war deshalb an einer Einigung über hohe Ölpreise interessiert. Teheran hofft dabei, die irakische Ölproduktion mit militärischer Gewalt zu beschränken.
Das war der Durchbruch. Die meisten Delegierten stimmten sofort begeistert zu. Saudi-Arabiens Jamani, ohne den in der Opec nichts läuft, war zwar für weniger starke Förderkürzungen eingetreten; aber nun war er froh, daß es überhaupt zu einer Übereinkunft kam. Und Irans Aghasade, der früher stets in Opposition zur Opec-Mehrheit um Jamani gestanden hatte, konnte sich nun erstmals als Retter der Opec-Einheit feiern lassen.
Der neue Kartell-Frieden könnte allerdings von sehr kurzer Dauer sein. "Wenn ein Mitglied seine Quote auch nur um ein einziges Faß überschreitet", warnte bereits der kuweitische Ölminister Ali el-Chalifah el-Sabbah, werde sein Land die Produktion sofort wieder steigern. Und Jamani ließ wissen, daß er auf der nächsten Opec-Konferenz im Oktober für veränderte Förderanteile kämpfen werde - eine Verlängerung der derzeitigen Übereinkunft über Ende Oktober hinaus werde es nicht geben.
Dennoch halten viele Opec-Beobachter es für möglich, daß nun die Angst vor erneuten Preiseinbrüchen für genügend Kartell-Disziplin sorgen wird. "Ich persönlich glaube, es hält", meint etwa BP-Chef Hellmuth Buddenberg über das neue Kartell-Abkommen.
Nach Ansicht eines New Yorker Energie-Experten ist vergangene Woche gar "eine neue Ära bei den Ölpreisen" angebrochen. "Wir haben", sagt Peter Beutel von der Wall-Street-Firma Elders Futures, "die Tiefststände des Jahrzehnts und wohl auch des Jahrhunderts hinter uns."
[Grafiktext]
NOTBREMSE DER OPEC In der Opec-Konferenz am 4. August vereinbarte Öl-Förderquoten; zum Vergleich gegenwärtige Fördermenge (Angaben in Millionen Barrel pro Tag) gegenwärtige Förderung, geschätzt beschlossene Fördermenge Saudi-Arabien 5,80 4,35 2,30 Iran 2,30 1,90 Irak 1,20 1,70 Venezuela 1,56 1,70 Nigeria 1,30 1,60 Kuweit 0,90 1,50 Vereinigte Arabische Emirate 0,95 1,30 Indonesien 1,19 1,20 Libyen 0,99 0,65 Algerien 0,66 0,45 Katar 0,28 0,28 Ecuador 0,18 0,17 Gabun 0,14
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 33/1986
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