11.08.1986

SOWJET-UNIONHau doch ab

Mit Korruption und Schlendrian soll es zumindest in der Sowjet-Hauptstadt Moskau vorbei sein: Der neue Stadt-Parteichef Boris Jelzin räumt auf. *
Der Mann, bullig und grauhaarig, stand in der Schlange vor der Fleischabteilung des Lebensmittelgeschäfts "Gastronom Nummer 1" in der Moskauer Gorkistraße, im Volksmund nach dem früheren Besitzer immer noch "Jelissejew" geheißen. Als er an der Reihe war, verlangte er ein Kilo Kalbfleisch.
Die Reaktion der Verkäuferin in dem Laden, dessen Interieur noch aus der Zarenzeit stammt, war negativ: "Kalbfleisch haben wir nicht." Auch der vom Kunden herbeigerufene Chef beteuerte, das Gewünschte sei nicht im Angebot.
Daraufhin zog der Mann ein kleines rotes Büchlein aus der Brusttasche seines Jacketts und wies sich aus: Boris Jelzin, Chef der Kommunistischen Partei der sowjetischen Hauptstadt. Vor seinem Einkaufsbummel hatte er sich kundig gemacht, welche Geschäfte an diesem Morgen mit Kalbfleisch beliefert worden waren.
In seinem Dienstzimmer gestand der Verwalter des "Gastronom Nr. 1", die Ware sei gegen Aufpreis durch die Hintertür verkauft worden.
Diese Geschichte kursiert derzeit in Moskau und ist vermutlich wahr. Der neue Parteichef der 9-Millionen-Stadt macht derzeit durch seine unkonventionelle Art von sich reden - er krempelt die Stadt um. Ein ZK-Funktionär: "So etwas haben wir hier noch nicht erlebt."
Jelzin, 55, will die Hauptstadt des Sowjetreichs, Trägerin zweier Lenin-Orden und des Ordens der Oktoberrevolution, mit neuen Methoden auf Vordermann bringen. Moskau soll, so das Selbstverständnis der Partei, ein Vorbild für andere sowjetische Gemeinwesen sein, eine Perle kommunistischer Kommunalverwaltung.
Vor Jelzins Amtsantritt im Dezember vorigen Jahres galt die Stadt als Pfuhl für Korruption und Vetternwirtschaft.
Besonders offenkundig war die Unfähigkeit der Stadtoberen im vorigen Winter geworden, als die öffentlichen Betriebe sich zum wiederholten Mal unfähig zeigten, mit Schnee und Eis fertig zu werden.
Über eine typische Moskauer Verfehlung kam Jelzins Vorgänger Wiktor Grischin zu Fall. Die Behörden hatten über Jahre nicht fertiggestellte Wohnblöcke zum Einzug für die Mieter freigegeben. Die illegale Praxis war von oben gedeckt worden, weil sich so die Planziffern schönen ließen.
Das Resultat solcher Regierungspraxis war tiefe Unzufriedenheit in der Bevölkerung mit negativen Folgen für die Arbeitsmoral und mithin auf die Erfüllung der Pläne.
Auf einer Sitzung der Moskauer Parteiorganisation kritisierte Jelzin denn auch offen, ungewöhnlich für einen Nachfolger, die Politik seiner Vorgänger. Als Grischin sich wehrte, soll, so heißt es in Moskau, Parteichef Michail Gorbatschow eingegriffen haben, der den damaligen ZK-Sekretär Jelzin für das Amt vorgeschlagen hatte. Grischin möge sich doch, so sein Rat, auf den Straßen nach der Meinung der Bürger erkundigen. Die sei für ihn vernichtend.
Jelzins Ziel ist es nun, die Lebensqualität der Moskowiter zu erhöhen. So ließ er mehr Straßencafes und Getränke-Verkaufsstände in der Stadt einrichten. Außerdem verbot er, alte, aber erhaltungswürdige Gebäude abzureißen, um das traditionelle, von den Moskauern geliebte Stadtbild zu bewahren.
Er kündigte an, das Gesundheitswesen gründlich zu verbessern, das durch überfüllte Krankenhäuser, mangelnde Ausrüstung, schlechte Ärzte und unterbezahlte Krankenschwestern in Verruf geraten ist. Zudem soll das unzuverlässige städtische Transportwesen besser funktionieren. Nicht selten kommen die Moskauer, vor allem im Winter, zu spät zur Arbeit, weil Busse und Straßenbahnen nicht pünktlich fahren.
Vor allem aber hat Jelzin dem korrupten Handel den Kampf angesagt. Waren, die in den zentralen Verteilerstellen morgens angeliefert werden, gelangen selten in die Geschäfte. Geschäftstüchtige Lagerverwalter lassen sich die Auslieferung rarer Produkte von den Geschäftsführern extra bezahlen. Die wiederum finanzieren ihre Auslagen, indem sie die Produkte gegen Aufpreis durch die Hintertür losschlagen.
Weit verbreitet ist zudem die Praxis von Geschäftsführern, sich von ihren Untergebenen monatlich einen Obolus zahlen zu lassen - als Belohnung für eine Arbeitsstelle an der Quelle oft begehrter Waren. Folge: Die Angestellten versuchen, ihren Einsatz über die Kunden, etwa durch nicht korrektes Abwiegen, wieder hereinzuholen.
Der frühere Direktor des "Gastronom Nr. 1", Jurij Sokolow, hatte auf diese Weise rund 300000 Rubel kassiert, wurde deshalb zum Tode verurteilt und 1984 hingerichtet. Die abschreckende Wirkung des Urteils hielt sich in Grenzen, Jelzin geht jetzt mit neuem Elan unerbittlich gegen korrupte Manager vor.
Einen Namen als Saubermann hatte sich der gelernte Ingenieur schon in der sibirischen Ural-Metropole Swerdlowsk gemacht, deren Partei er fast zehn Jahre führte. Auch dort kombinierte er Härte
gegenüber schwachen Gefolgsleuten mit einem für sowjetische Verhältnisse ungewohnten Stil: Er trat im Fernsehen in Bürger-Diskussionen auf und beantwortete auch kesse Fragen, etwa nach dem Fleischmangel in der Millionenstadt.
Seit Parteichef Gorbatschow ihn nach Moskau holte, eine aufsehenerregende Beförderung, verkörpert Jelzin den neuen Sowjetfunktionär a la Gorbatschow: streng zu Untergebenen, dynamisch, weltoffen, selbstkritisch und volksnah.
Eindruck machte er auch im Ausland. Während des DKP-Parteitags in Hamburg beantwortete er als erster Sowjetpolitiker souverän Fragen zur Atom-Katastrophe in Tschernobyl - zu einem Zeitpunkt, als seine Genossen das Unglück noch verschweigen wollten.
Den Moskowitern hatte er schon imponiert. Auf dem 27. Parteitag übte er nicht nur harsche Selbstkritik an der Führung der eigenen Partei: "Es ist völlig berechtigt, den Rückschlag im Tempo der wirtschaftlichen Entwicklung in den letzten Planjahrfünften mit der Führung der Partei und des Staates in Verbindung zu bringen." Als einziger unter den 5000 Delegierten nahm er auch die eigene Person nicht aus.
Jelzin: "Die Delegierten können mich fragen: Warum habe ich all das nicht schon auf dem 26. Parteitag gesagt? ... Ganz offensichtlich reichte es mir damals nicht an Mut und Erfahrung."
Moskau regiert er nun nicht nur von seinem Schreibtisch aus, auf dem nach alter Funktionärstradition wie schon auf Lenins Pult eine Lampe mit grünem Schirm steht. Jelzin verläßt auch schon mal sein Büro, um an der Basis nach dem Rechten zu sehen.
Dabei kommt ihm zugute, daß kaum ein Moskauer den Mann mit der markanten Silberlocke kennt - sein Bild hängt noch nicht in den Ämtern. Hin und wieder, so berichten Szenen-Kenner, testet der Chef die Transportmittel und holt sich schon mal im morgendlichen Gedränge blaue Flecke. Kürzlich ließ Jelzin an jeder Bushaltestelle Leute postieren, die Ankunft und Abfahrt der Busse kontrollieren sollten.
Jüngst soll Jelzin, unangemeldet, eine Reihe von örtlichen Parteichefs aufgesucht haben, um über Probleme der 32 Bezirke der Hauptstadt zu sprechen. Die Führung ist zum Beispiel über die steigende Zahl der Wohnungseinbrüche besorgt. Bei seinen Gesprächen, so berichtete er später Genossen, habe er festgestellt, daß einige der Funktionäre noch nicht einmal ihre zuständigen Polizeichefs persönlich kannten.
Die Faulen und Unfähigen will Jelzin mit der Zeit versetzen oder feuern. Bislang hat er freilich Probleme bei der Kadersuche, wie er eingestanden haben soll: Er kenne noch nicht genug zuverlässige Leute in Moskau, die er auf wichtige Posten hieven könne.
Jene Genossen, die vor ihm bestehen, möchte der Sibirjak auch bescheidener machen. Er selbst verblüffte in den ersten Tagen seiner Amtszeit seine Mitarbeiter, als er sich in der Kantine für die Angestellten in die Schlange zum Essenfassen einreihte und sich nicht, wie sein Vorgänger, zur Mittagszeit in einem Extraraum für höhere Parteikader servieren ließ. Allen seiner Parteiorganisation angehörenden Moskauer Behördenchefs, also auch allen Ministern, bedeutete er, er erwarte von ihnen als Schritt zu mehr Glaubwürdigkeit der Partei dasselbe Verhalten. Denn viele Mitglieder hätten sich bei ihm über ungerechte Privilegien höherer Genossen beschwert.
Jüngst kritisierte er die Vetternwirtschaft an der Diplomatenakademie. Die meisten Studenten, so Jelzin, seien Kinder der Ministerialbeamten.
So mancher Funktionär, gewohnt an ruhige Gangart während eines mit Vergünstigungen gepolsterten Arbeitslebens, rebelliert mittlerweile. Auf einer Veranstaltung für Propagandisten der Hauptstadt mußte Jelzin sich aus dem Publikum den Vorwurf anhören, er genieße selbst alle Vorzüge der Oberschicht, dürfe etwa in Sonderläden westliche Textilien kaufen.
Jelzin zeigte daraufhin die Innenseite seines Jacketts - heimische Produktion aus Swerdlowsk, auch seine Schuhe seien keine Importware.
Dann offenbarte er den verdutzten Zuhörern selbst, daß er viel Widerstand aus den eigenen Reihen zu spüren bekomme. Seine Kanzlei, berichtete er, erreiche Protest gleich kübelweise, und nicht immer anonym.
Eine Stimme gab er dem Publikum zum besten: "Hau doch ab, woher du gekommen bist, du sibirischer Holzkopf, wir brauchen dich hier nicht."

DER SPIEGEL 33/1986
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 33/1986
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SOWJET-UNION:
Hau doch ab

Video 01:22

Trump besucht Waldbrandgebiete Der Klimawandel war's nicht

  • Video "Überraschender Badebesuch: Elefant am Swimmingpool" Video 00:46
    Überraschender Badebesuch: Elefant am Swimmingpool
  • Video "Merkel-Besuch in Chemnitz: Eine Provokation, dass sie hier ist" Video 04:36
    Merkel-Besuch in Chemnitz: "Eine Provokation, dass sie hier ist"
  • Video "Die 90er Doku: Party, Gier und Arschgeweih" Video 25:37
    Die 90er Doku: Party, Gier und Arschgeweih
  • Video "Drohnenvideo aus Kalifornien: Das zerstörte Paradise" Video 01:57
    Drohnenvideo aus Kalifornien: Das zerstörte Paradise
  • Video "Das war knapp: Arbeiter kappt aktive Starkstrom-Leitung" Video 00:53
    Das war knapp: Arbeiter kappt aktive Starkstrom-Leitung
  • Video "Theresa Mays erbitterter Gegner: Charmant, höflich, ganz schön rechts" Video 02:58
    Theresa Mays erbitterter Gegner: Charmant, höflich, ganz schön rechts
  • Video "Schiffskollision vor Borkum: Frachter verkeilen sich - und werden getrennt" Video 01:04
    Schiffskollision vor Borkum: Frachter verkeilen sich - und werden getrennt
  • Video "Kommunikation zwischen Koalas: So laut wie ein Elefant (Bitte Ton anschalten!)" Video 00:42
    Kommunikation zwischen Koalas: So laut wie ein Elefant (Bitte Ton anschalten!)
  • Video "Flucht durch Amerika: Volles Risiko mit La Bestia" Video 12:04
    Flucht durch Amerika: Volles Risiko mit "La Bestia"
  • Video "Chaos in Sri Lankas Parlament: Sie warfen mit Stühlen und Chilipaste" Video 00:45
    Chaos in Sri Lankas Parlament: Sie warfen mit Stühlen und Chilipaste
  • Video "Kampf um CDU-Vorsitz: Mir hat Herr Spahn gefallen - erstaunlicherweise" Video 04:57
    Kampf um CDU-Vorsitz: "Mir hat Herr Spahn gefallen - erstaunlicherweise"
  • Video "Rätselhaftes Unterwasser-Wesen: Feuerwalze vor Neuseeland gefilmt" Video 01:33
    Rätselhaftes Unterwasser-Wesen: "Feuerwalze" vor Neuseeland gefilmt
  • Video "Lindnern, Lauch, Verbuggt: Sprechen Sie Jugend?" Video 01:29
    "Lindnern", "Lauch", "Verbuggt": Sprechen Sie Jugend?
  • Video "Amateurvideos aus New York: Verkehrschaos durch Schneesturm" Video 01:29
    Amateurvideos aus New York: Verkehrschaos durch Schneesturm
  • Video "Trump besucht Waldbrandgebiete: Der Klimawandel war's nicht" Video 01:22
    Trump besucht Waldbrandgebiete: Der Klimawandel war's nicht