28.04.1986

AKTIENEinträgliche Chance

Die Aktien des neugeordneten Flick-Konzerns sind schon verkauft, bevor sie überhaupt gehandelt werden. Börsianer und Bankiers ärgern sich wieder einmal über die Deutsche Bank. *
Eigentlich wollte sich Friedrich Wilhelm Christians am vergangenen Montag loben lassen. Sieben Millionen Aktien der Feldmühle Nobel AG, verkündete der Chef der Deutschen Bank, würden nun zum Stückpreis von 285 Mark "breit gestreut". Verschiedene Banken, so Christians würden den industriellen Kern des ehemaligen Flick-Imperiums flächig unter das Volk verteilen
Doch daraus wurde nichts. Während Bankier Christians behauptete, er "kenne ja noch nicht die Nachfrage", waren die Aktien bereits heillos überzeichnet. Die bisher größte und spektakulärste Börseneinführung in der Bundesrepublik entwickelte sich zum peinlichen Spektakel.
Bevor die offizielle Zeichnungsfrist letzten Donnerstag begonnen hatte, waren die FeNo-Aktien, wie die ehemaligen Flick-Papiere an der Börse heißen, längst ausverkauft.
Verdruß durchzog die Schalterhallen. Aktien-Käufer fluchten verbittert über ihre Anlageberater, die keine Ware besorgen konnten. Sonst zurückhaltende Bankiers beschimpften ihre mosernde Kundschaft am Telephon als "üble Schnorrer", die nur Schnäppchen machen wollten. Alle zusammen wetterten über die Deutsche Bank, die mit der Verwertung des Flick-Reichs einen fulminanten Gewinn einfährt.
Als die Deutsche Bank dem müden Unternehmer Friedrich Karl Flick vor Jahresfrist anbot, auf einen Schlag das fünf Milliarden teure Familien-Imperium zu übernehmen, schien das Geschäft zunächst einige Risiken zu bergen. Einen richtigen "Kraftakt" habe seine Bank gewagt, lobt sich Vorstandssprecher Christians noch heute, dabei "ein hohes Maß an Verantwortung und Risiko übernommen".
Deshalb bildete die Großbank zunächst ein Konsortium von insgesamt 18 Banken, um die möglichen Gefahren zu verteilen. Nur 40 Prozent der neuen Papiere wollte ursprünglich die Deutsche Bank plazieren. Jeweils elf Prozent sollten Commerzbank und Dresdner Bank verkaufen, fünf Prozent die Bayerische Vereinsbank wie die Westdeutsche Landesbank. Der Rest wurde auf kleinere Partner verkrümelt.
Doch als die Börsen-Stimmung in der Bundesrepublik immer besser wurde, verflüchtigte sich das Risiko. Beinahe
mühelos konnte die Deutsche Bank die übrigen Teile des Flick-Pakets, etwa eine Zehn-Prozent-Beteiligung der Autofirma Daimler-Benz, absetzen. Die Bank machte dabei einen feinen Milliarden-Gewinn, auch wenn über die genaue Höhe, wie Christians meint, "abenteuerliche Vorstellungen" herrschten.
Beim Verkauf der Feldmühle-Nobel-Aktien begriffen die Bankiers das anfängliche Risiko schnell als einträgliche Chance. Christians und seine Kollegen strichen den Partnern im Konsortium die anvisierten Quoten rigoros zusammen. Kunden von Sparkassen und Volksbanken etwa hatten damit kaum noch eine Chance, FeNo-Papiere zu ergattern. "Der Ärger", sagt ein Frankfurter Bank-Vorstand, "war programmiert.
Allzu augenfällig führte die Deutsche Bank den Aktien-Interessenten ihre Macht und Tatkraft vor Augen: Wer die guten Dinge will, braucht ein Wertpapier-Depot bei der richtigen Bank.
Warum sich so viele Aktionäre nach Flick-Papieren drängeln, ist schon lange offensichtlich. Weltweit fallen die Zinsen, Anlagen in Immobilien, Edelmetallen oder gar dem Sparkonto versprechen derzeit wenig. Für renditeverwöhnte Anleger bleibt weltweit nur eine Alternative: die Aktie.
Allein mit Aufträgen aus dem Ausland, aus den USA wie aus England, berichten Aktien-Händler, könnten sie die sieben Millionen Flick-Anteile gleich mehrfach abdecken.
Zusätzlich wurden die Bankiers mit Orders aus dem Inland überschüttet Selbst Börsen-Neulinge wie Schüler und Studenten eröffneten in der Hoffnung auf Gewinn ein Konto bei der Deutschen Bank. Für jene, die in den Besitz der
begehrten Papiere kommen, wird die Rechnung ganz gewiß aufgehen. Nahezu alle Aktien, die unter der Regie der Deutschen Bank neu auf den Markt kamen, haben ihren Besitzern viel Geld eingebracht. Aktien-Werte wie Nino oder Nixdorf, Springer oder Henkel kletterten, kaum wurden die Aktien an der Börse notiert, steil in die Höhe.
Börsianer glauben auch jetzt zu wissen, daß der FeNo-Kurs schon im Mai von 285 Mark bis auf 400 Mark steigt. Bankier Christians schürt diese Begeisterung: "In dem Wissen", so sagt er, "daß die derzeitige Börsenlage einen höheren Preis rechtfertigen würde, sind wir bewußt unter dem augenblicklich Möglichen geblieben".
Hat die Deutsche Bank also Bargeld zu verschenken? Wohl kaum. Zwar verheißt Christians, "möglichst viele Zeichnungswünsche der Privatkundschaft zu erfüllen, auch wenn es dabei wieder zur Anwendung des, von der Kundschaft wie von uns Banken wenig geliebten Losverfahrens kommen sollte". Doch ob die Bank wirklich alle Papiere zum Kurs von 285 abgibt, läßt sich nicht kontrollieren.
"Sicherlich wird die Deutsche Bank die Papiere zu 100 Prozent verteilen", argwöhnt ein vergrätzter Manager von der Konkurrenz, "aber sie sagt ja nicht an wen und schon lange nicht wann." Würde die Bank beispielsweise nur zehn Prozent der Papiere zunächst zurückhalten, also 700000 Stück, und würde der Kurs um nur 100 Mark steigen, fallen unversehens 70 Millionen Mark in den breiten Schoß des Geldgiganten. "Die wären doch dumm", meint ein Frankfurter Bankier, "etwas anderes zu machen." Dummheit habe man der Bank bisher noch nie vorwerfen können.
Er würde immer wieder gefragt, plauderte Vorstandssprecher Christians vergangene Woche, "was ist hier das Gerechteste". Aber Gerechtigkeit sei nun mal nicht zu erreichen. Deshalb gelte abermals das übliche Verfahren: "ein Höchstmaß an verständnisvoller Zuteilung".

DER SPIEGEL 18/1986
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