28.04.1986

SCHMUGGELGeld im Vorderrad

Hunderttausende von Billig-Uhren aus Fernost gelangten auf Schmuggelwegen in die DDR. *
Auf den einträglichen Trick mit den Uhren kam ein jugoslawischer Gastarbeiter, der beim Bau des Hotels "Merkur" in Leipzig als Eisenflechter arbeitete. Beim Bier nach Feierabend in einer nahe gelegenen HO-Kneipe fragte ihn sein Tischnachbar, ein DDR-Bürger, ob er ihm nicht die schöne Quarzuhr verkaufen wolle, die er am Handgelenk trage - 300 Mark wolle er dafür geben.
Die schöne Quarzuhr war ein billiges Ding aus Singapur, das der Jugoslawe in Wien für knapp 15 Mark erstanden hatte. Weitere Geschäfte folgten.
Beim nächsten Besuch im Westen kaufte der Gastarbeiter gleich ein Dutzend von der Ramschware aus Fernost. Die wurde er in Leipzig reißend los, denn Quarzuhren waren in der DDR der letzte Schrei, und das einzige drüben käufliche Modell der Staatsfirma Ruhla kostete 600 Mark das Stück.
Dank eines Dauervisums, das ihm den DDR-Aufenthalt sowie unbeschränktes Reisen bis zur Fertigstellung des Hotelbaus sicherte, war der Jugoslawe bald dick im Geschäft. Auch viele seiner 130 Landsleute, die an das Nobel-Hotel Hand legten, mischten mit. "Da gab es kaum einen, erzählt der Jugoslawe Adam L., 35, der selbst mehr als 20000 Uhren rüberschaffte, "der nicht bei dem Geschäft mitmachte".
Statt einiger weniger, im Handgepäck verstauter Uhren schafften die Dealer seit 1978 ganze Wagenladungen in den Arbeiter-und-Bauern-Staat. Nur gelegentlich ging eine Fuhre hoch, so eine Ladung von 3500 Uhren, die an der deutsch-österreichischen Grenze dem Zoll auffiel, weil der Kofferraum des Transport-BMW wegen des hohen Gewichts zu tief auf der Straße lag.
Mit der Menge wurden die Methoden ausgefeilt. Am sichersten war der Diplomatenweg, etwa über den Berliner Grenzübergang Checkpoint Charlie. Untere Chargen der Botschaften in Ost-Berlin - Jugoslawen, Araber, Italiener - waren ganz wild auf die Fuhren.
Waren mit der CD-Nummer wurden an der Grenze nicht kontrolliert, und die Fahrer bekamen eine Mark pro Uhr für den kurzen Weg von der West- zur Osthälfte Berlins. Sogar der Geschäftsträger einer mittelamerikanischen Botschaft transportierte in seinem Chevrolet regelmäßig zwischen 1000 und 1500 Uhren; umgeladen wurde auf dem Hof des Botschaftsgebäudes.
Einen besonderen Schmuggelpfad tüftelte ein in Zürich lebender Jugoslawe aus. Er beschaffte zwei gleich aussehende Ford Granada und stattete sie mit identischen Kennzeichen aus. Die Fahrzeug-Zwillinge starteten dann fast gleichzeitig in West-Berlin: einer mit den Uhren auf der Transitstrecke ins Bundesgebiet, der zweite über eine Abfertigungsstelle zur "DDR-Einreise", leer.
Von den Grenzern untersucht wurde immer nur jener - harmlose - Wagen. Danach trafen sich die Fahrer auf einem DDR-Rastplatz und wechselten das Auto - der Leerwagen fuhr weiter im Transit nach Westdeutschland, der mit den Uhren wurde nach Leipzig oder Dresden umgeleitet. Rund 100000 Chronometer schafften allein die Autotausch-Schmuggler innerhalb von zwei Monaten ins Land. Der Trick wurde bald von einem Landsmann kopiert, der mit zwei Peugeot 604 bis zu 5000 Uhren pro Fahrt rüberbrachte.
Dort wurden die Uhren, die im Einkauf bald von 15 auf sieben Mark rutschten, meist en gros an Polen verkauft, an bestimmten Straßenecken und für 140 Mark das Stück. Die gaben die begehrte Ware an Kleinhändler weiter, der Endpreis pendelte sich bei 200 Mark ein. In der Kalkulation war dabei noch so viel Luft, daß die Schwarzhändler mühelos mit den Preisen runtergehen konnten, als das Staatsunternehmen Ruhla auch wegen - logisch - Absatzschwierigkeiten seine Produkte auf 300 und schließlich auf 185 Mark ermäßigte.
Der größte Teil der Einnahmen wurde auf dem Diplomatenweg nach West-Berlin gebracht und dort in Westmark umgetauscht. Trotz der ungünstigen Kurse - Ost- zu Westmark im Schnitt wie vier zu eins- blieb immer noch genug übrig.
Nur einmal ging das schief. Einer der Schmuggler hatte 280000 Ostmark im Vorderreifen seines Chevrolet Camaro
versteckt und war damit nach West-Berlin gefahren.
Die Walkbewegungen des Reifens indes zerfetzten das viele Geld; auch mit Klebeband ließen sich nicht mehr als 40000 Mark rekonstruieren - und die derart ramponierten Scheine wollte dann die Wechselstube nicht akzeptieren.
In ihrer Not brachten die Dealer das Geld nach Leipzig zurück und verkauften es auf offener Straße an DDR-Bürger, jeweils 600 Mark gegen 500 Mark in einwandfreien Scheinen. Als immer mehr DDR-Bürger mit dem geflickten Geld in der zuständigen Bank erschienen und neue Scheine begehrten, kam die Polizei. Doch die jugoslawischen Geldwäscher schafften die Abreise.
Einen wahren Boom erlebte das Geschäft 1981. Allein die vier West-Berliner Großhändler, die die Uhren aus Singapur und Hongkong importierten, setzten annähernd eine Million Stück ab. "An manchen Tagen", sagt einer von ihnen, "konnten wir mit den Lieferungen gar nicht nachkommen, wenn die Jugoslawen uns die Bude einliefen."
Der schöne Handel scheiterte schließlich an einer eifersüchtigen Ehegattin. Die Frau eines in West-Berlin lebenden Jugoslawen wunderte sich über die häufigen Ostfahrten ihres Mannes. Weil sie eine Freundin in der DDR als Grund vermutete, rief sie die Ost-Berliner Behörden an und bat, ein Auge auf ihren Mann zu haben.
Wenig später wurde sein Wagen bei der Einreise in Drewitz untersucht - im Kofferraum fanden die DDR-Zöllner 1500 Uhren. Der Mann kam zwar noch am gleichen Tag wieder frei; dafür gingen von nun an die Uhrenschmuggler reihenweise hoch.
Adam L. wurde am 19. Mai 1982 verhaftet und wegen illegalen Imports von insgesamt 20830 Uhren (Zollwert: 3,9 Millionen Mark) zu sieben Jahren Haft verurteilt.
Den Kaufmann Karlo Budimir traf es noch härter. Er wurde mit 5000 Uhren in seinem Auto erwischt, dazu mit 55000 Mark West und 115000 Mark Ost. Bei einer Durchsuchung seiner Wohnung in Ost-Berlin stießen die Fahnder auf Abrechnungen über weitere 36000 Uhren - zwölf Jahre Haft.
Seitdem liegt der Handel darnieder. Allenfalls 100000 Uhren, schätzen Marktkenner, gelangen jährlich noch auf dunklen Wegen in die DDR. Besser läuft derzeit noch von Wien aus, das Geschäft mit Ungarn, Rumänien und der CSSR. Aber auch da fallen die Zöllner nicht mehr so leicht wie früher auf umgebaute Tanks oder nicht nur mit Luft gefüllte Reservereifen herein.
Für Adam L. hat sich der Drang zum schnellen Geld nicht ausgezahlt. Er mußte dreieinhalb von seinen sieben Jahren in Rummelsburg absitzen, trat mehrfach in den Hungerstreik und wog
bei seiner Entlassung aus der Haft und aus der DDR noch 50 Kilo.
"Immerhin", tröstet er sich, "trug sogar die Protokollführerin im Prozeß eine meiner Uhren. Und die Aufseher in Rummelsburg hatten die Dinger natürlich auch."

DER SPIEGEL 18/1986
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