26.05.1986

NICARAGUABrutale Aggression

Rund zehntausend freiwillige Helfer aus dem Ausland arbeiten für das sandinistische Regime. Die Contras wollen diese „Internationalisten“ durch Terror vertreiben. *
Die Meldungen, die über den Fernschreiber der bundesdeutschen Botschaft in Managua abgesetzt wurden, entsprachen nicht der Wortwahl deutscher Diplomaten:
"Wir fordern von der Bundesregierung die bedingungslose Verurteilung der Kriegspolitik der USA." Und: "Wir fordern die US-Regierung auf, die Unterstützung für die Contras einzustellen,
damit sich solche brutalen Aggressionen nicht wiederholen."
70 deutsche Entwicklungshelfer, nicht staatlich geförderte, sondern freiwillige, hatten die Botschaft besetzt und den Telextext abgesetzt. Denn Dramatisches war zwölf Kameraden widerfahren, die erst zehn Tage in der Kakao-Kooperative von Jacinto Baca im Arbeitseinsatz waren:
Im Morgengrauen des Pfingstsamstags hatten die Contras, antisandinistische Rebellen, das Dorf, etwa 70 Kilometer von der Grenze nach Costa Rica gelegen, angegriffen und die deutschen Helfer entführt. Vier von ihnen konnten den Entführern entkommen. Ihr Eindruck: "Terror ist der nicaraguanische Alltag."
Zwar versicherten die Contra-Sprecher in ihrer Basis in Honduras, die Freilassung der Entführten stehe bevor, zugleich aber warnten sie die Ausländer: "Die Internationalisten, die das marxistisch-leninistische Regime unterstützen, riskieren ihr Leben, wenn sie sich in unserem Operationsgebiet aufhalten."
Freiwilligen-Dienste für die mittelamerikanischen Revolutionäre leisten derzeit annähernd zehntausend Ausländer, darunter 400 Deutsche. Diese Internationalisten, wie sie sich selbst in Erinnerung an jene ausländischen Freiwilligen-Verbände nennen, die im Spanischen Bürgerkrieg auf seiten der Republikaner gegen Franco kämpften, sind für die Contras "Kommunisten, die gekommen sind, um unser Land zu besetzen und ein totalitäres Regime einzurichten".
Und wie man mit diesen Kommunisten umgeht, demonstrierten die Rebellen etwa im April, als sie das Entwicklungsprojekt des österreichischen Schauspielers Dietmar Schönherr, 90 Kilometer von der honduranischen Grenze entfernt, zerstörten. Im Februar war ein Schweizer Entwicklungsarbeiter ermordet worden. Vergangenen Sommer hatten antisandinistische Miskito-Indianer die deutsche Biologin Regine Schmemann verschleppt und nach drei Wochen Gefangenschaft in Honduras freigelassen.
"Wir versuchen allen, die in Nicaragua arbeiten wollen, ein realistisches Bild von der Gefahr zu vermitteln", behauptet Christian Eggers vom Nicaragua Komitee in Hamburg, der die Vorbereitung der Arbeitsbrigade von Jacinto Baca organisiert hat. "Die Region der südlichen Provinz Zelaya ist Kriegsgebiet."
Bisher hätten die Contras Dörfer, in denen deutsche Brigadisten Häuser und Schulen bauen, verschont. Auf Wunsch der sandinistischen Regionalverwaltung sei deshalb im Februar in Jacinto Baca mit dem Häuserbau begonnen worden. Das Dorf war schon zweimal überfallen, 17 Bauern waren getötet worden.
Die ersten Internationalisten-Brigaden hatten die Sandinisten ins Land gerufen, nachdem US-Einheiten im Oktober 1983 in Grenada gelandet waren. Damals waren die Revolutionäre überzeugt, daß dies lediglich eine Generalprobe für die Invasion Nicaraguas gewesen war. Die Anwesenheit von Erntehelfern aus dem westlichen Ausland, vor allem aus Nato-Staaten, sollte die Amerikaner vor einer Attacke zögern lassen.
Aus der Bundesrepublik meldeten sich spontan 1000 Interessenten. 141 reisten im Dezember 1983 zum Kaffeepflücken. Politprominenz wie Henning Scherf, damals Bremer Senator für Jugend und Soziales, die Grüne Petra Kelly sowie die Theologen Norbert Greinacher _(Vor ihrem Abflug nach Managua. )
und Dorothee Sölle meldeten sich zum Einsatz.
Seither koordiniert das Informationsbüro Nicaragua in Wuppertal über 230 deutsche Solidaritätsgruppen. Gemeinsam mit dem nicaraguanischen Gesundheitsministerium organisierte der Gesundheitsladen Berlin seit 1983 Einsätze von Ärzten und Krankenschwestern - Fachkräfte mit mindestens zwei Jahren Berufserfahrung. In drei kleinen Krankenhäusern im Norden, im Zentrum und im Süden des Landes bauten die Gesundheitsbrigadisten OP-Einrichtungen auf.
1700 deutsche Brigadisten halfen bislang den Bauern. 2200 Mark für den Billigflug mit Aeroflot ab Ost-Berlin sowie die tägliche Reis-Bohnen-Ration brachten sie selbst auf, darüber hinaus insgesamt 6 Millionen Mark für Material. Städte wie Augsburg, Nürnberg und Bremen haben Patenschaften übernommen, so daß mit kommunalen Mitteln zum Beispiel Wasserleitungen oder Schulen finanziert werden. Das Land Hessen stellte medico international eine Million Mark; für ein Krankenhaus an der Grenze zu Costa Rica zur Verfügung, die das Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit verweigert hatte.
Die sandinistische Befreiungsbewegung hat eine breitgefächerte Solidarität mobilisiert: Jusos sammelten 155000 Mark für eine Fabrik in Masaya; DGB-Jugend baute eine Landarbeiterschule im Süden des Landes; ausgerüstet mit 60000 Mark Zuschüssen der Stadt München, bauten 86 Schüler Studenten, Handwerker und Ärzte während der Sommerferien zwei Volksschulen und einen Kindergarten.
In den Tagen nach der Entführung der deutschen Brigadisten in Jacinto Baca starteten ehemalige freiwillige Nicaragua-Helfer Solidaritätsaktionen in der Bundesrepublik und erklärten sich bereit, wieder in Contra-gefährdeten Gebieten zu arbeiten. "Die Verschleppung hat ihren Abschreckungszweck nicht erreicht", bemerkte eine Sprecherin des Wuppertaler Informationsbüros.
Am Montag dieser Woche wollen "Internationalisten" aus Europa, den USA und Kanada eine Gemeinschaftsbrigade nach Jacinto Baca entsenden, die den nach dem Überfall unterbrochenen Häuserbau fortsetzen soll.
Vor ihrem Abflug nach Managua.

DER SPIEGEL 22/1986
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