Er darf sich mit allen Ehrentiteln schmücken, die sich ein Mann der Wirtschaft nur wünschen kann. Das italienische Magazin "Il Mondo" kürte ihn zweimal zum "Manager des Jahres", für das US-Magazin "Fortune" ist er ein "Weltklasse-Unternehmer". Im italienischen Volksmund heißt er "König Carlo" oder mit höchst respektvoller Untertreibung "der Ingenieur".
Nach eigener Einschätzung ist Carlo De Benedetti, 51, ganz einfach "Kapitalist" - und zwar einer, dem "es Freude macht, Kapitalist zu sein".
Vergangene Woche hatte De Benedetti mal wieder einen besonderen Anlaß, fröhlich zu sein: Er konnte seinem Reich die deutsche Büromaschinen-Firma Triumph-Adler (TA) einverleiben.
Es ist ein Handel ganz nach dem Geschmack des erprobten Finanzartisten aus Turin. Der Verkäufer, die Volkswagen AG, muß bei der komplizierten Transaktion weit mehr Geld gen Italien überweisen, als De Benedetti für den Kauf an VW zahlt.
Rund 600 Millionen Mark wird VW für einen Anteil von fünf Prozent an dem italienischen Schreibmaschinen- und Computerhersteller Olivetti zahlen, an dem De Benedetti über seine Familienholding 15 Prozent besitzt. Über die Höhe des Betrages, den Olivetti seinerseits für die Übernahme von TA aufwenden muß, wird Stillschweigen bewahrt. Branchen-Insider vermuten, daß VW für seine deutsche Tochtergesellschaft wohl nicht mal die Hälfte dessen erhält, was die Wolfsburger bei Olivetti einzahlen müssen.
Die Automanager wollten ihre ungeliebte Tochterfirma unter allen Umständen loswerden. Über eine Milliarde Mark haben sie seit der Übernahme im Jahr 1979 in das Schreibmaschinen- und Computerunternehmen gesteckt.
Trotz des Aufgelds bleibt eine der schlimmsten Verlustquellen dem VW-Konzern auch zukünftig erhalten. Den amerikanischen Computer- und Laufwerke-Hersteller Pertec, erst kürzlich von TA an VW of America verschoben, mochte der Italiener nicht haben.
Die "übliche Milchmädchenrechnung", mit der De Benedetti gewöhnlich Vor- und Nachteile seiner Millionen-Transaktionen auf einem kleinen Zettel auflistet, wird mit der Übernahme der deutschen Firma wohl aufgehen. Gemeinsam werden TA und Olivetti zur stärksten Macht auf dem Weltmarkt für Schreibmaschinen. Ihre Marktanteile bei den elektronischen Büroschreibmaschinen addieren sich weltweit auf über 28 Prozent. Die deutsch-italienische Allianz überholt damit die bisherige Nummer eins, die japanische Marke Brother (25 Prozent).
Diese neue Marktmacht ist freilich auch die Unbekannte in der Rechnung: Das Berliner Kartellamt muß die Übernahme von TA durch Olivetti noch genehmigen.
Ob der Zusammenschluß der beiden Firmen ein Erfolg wird oder nicht - für den passionierten Kapitalisten De Benedetti ist das Risiko denkbar gering. Schon längst hat er die Vorbereitungen für einen allmählichen Rückzug aus dem Olivetti-Konzern getroffen.
1983 beteiligte er mit 25 Prozent den amerikanischen Telephon-Giganten AT & T, der ins internationale Computer-Geschäft strebt. In zwei Jahren kann AT & T seinen Anteil auf 40 Prozent aufstocken - De Benedettis 15 Prozent bieten sich dafür an.
1978 hatte sich De Benedetti in die hochverschuldete Firma eingekauft und als Spitzenmanager radikal aufgeräumt: Eine Hundertschaft an Führungskräften und etwa 15000 Arbeiter mußten gehen.
Seit Olivetti wieder kräftige Gewinne abwirft - 735 Millionen Mark bei 9 Milliarden Mark Umsatz waren es letztes Jahr -, fühlt sich De Benedetti bei seinem gewohnten 16-Stunden-Tag, Wochenenden eingeschlossen, anscheinend nicht mehr recht ausgelastet. Vom Ausland kaum registriert, hat König Carlo in den letzten Monaten jenseits von Olivetti ein neues Reich aufgebaut.
Wenn die Übernahmen alle durchgeführt sind, dann ist De Benedetti dieses Jahr über verschachtelte Beteiligungen der oberste Herrscher eines Firmen-Imperiums mit fast 20 Milliarden Mark Umsatz. Olivetti macht davon nur noch die Hälfte. De Benedettis Dachgesellschaft Cofide (Compagnia Finanziaria De Benedetti) ist schon jetzt die zweitgrößte private Holding Italiens - nach dem Konzern des alten Unternehmer-Stars Giovanni Agnelli von Fiat.
Eher witzig fanden die Italiener zunächst den überraschenden Einstieg De Benedettis bei dem alteingesessenen Nahrungsmittelkonzern Buitoni. Vielen wollte nicht recht einleuchten, wie sich Olivetti nun auf Spaghetti reimen sollte.
Zu De Benedettis neuem Firmen-Konglomerat gehören mittlere Firmen, deren Bedeutung nur Insider richtig ermessen können, etwa die Firma Sasib. Hersteller von Zigaretten-Fabrikationsmaschinen und Autofiltern in Bologna.
Für diskreten Einfluß in der Finanzwelt sorgen Beteiligungen an Banken, wie der Banca Agricola Milanese, der Euromobiliare oder der Credito Romagnolo. Über ein paar Prozent beim angesehenen Wochenmagazin "L'Espresso" und bei der Mondadori-Verlagsgruppe redet König Carlo auch in der Presse mit. Mit der alteingesessenen, aber etwas abgeschlafften Industrie-Dynastie Pirelli ist De Benedetti im Reifengeschäft.
Das Prinzip ist immer gleich: Mit einem Minimum an eigenem Kapitaleinsatz gewinnt der Ingenieur ein Maximum an Einfluß. Anders als die traditionellen Familien-Unternehmer baut er nicht auf die Macht des Mehrheits-Kapitals, sondern
auf sein Charisma als Manager der Spitzenklasse. "Für den Erfolg einer Firma wird Führung der wichtigste Faktor", glaubt er. "Besitz wird immer mehr in den Graubereich gehen.
Seine Engagements sind nie für die Ewigkeit gedacht. De Benedetti steigt ein, wenn die Gelegenheit günstig scheint, saniert marode Firmen mit gekonntem Management, nutzt steigende Börsenkurse für Kapitalerhöhungen - und verabschiedet sich gewöhnlich mit Gewinn, wenn's am schönsten ist.
Seine Auffassung des Unternehmerberufs leitet De Benedetti aus den leidvollen Erfahrungen seiner jüdischen Vorfahren her. "Du denkst immer, daß irgendwer oder irgendwas dich eines Tages aus der Welt ausstoßen könnte, in der du lebst, aus dem Ambiente werfen, in dem du Wurzeln geschlagen hast", erzählte er einem deutschen Reporter. "Unternehmer sein bedeutet für mich auch, eine Antwort auf diese Unsicherheit zu suchen."
Sein Vater Rodolfo hatte vor dem Zweiten Weltkrieg eine kleine Fabrik für Metallröhren in Piemont aufgebaut. 1943 mußte er vor den SS-Schergen "ohne eine Zahnbürste" mit dem neunjährigen Carlo in die Schweiz fliehen. Nach dem Krieg arbeitete der Sohn zunächst in der Fabrik, die im Krieg total zerstört worden war. Über den wertlosen, aber börsengängigen Mantel einer Aktiengesellschaft, Gilardini, errichtete De Benedetti dann seinen ersten Mini-Konzern mit 1500 Beschäftigten; er produzierte vorwiegend Zulieferteile für die Autoindustrie.
1976 holte sich Agnelli den Ingenieur als Top-Manager für Fiat. De Benedetti verkaufte einen Teil seiner Gilardini-Aktien und beteiligte sich an dem Autounternehmen. Doch nach kaum hundert Tagen ging er, im Streit mit Agnelli.
Einer der nie offen eingestandenen Gründe für das Zerwürfnis: Der Mailänder Industrielle beteiligte den libyschen Staat an Fiat, und dem neuen Großaktionär Gaddafi mißfiel offenbar ein Spitzen-Manager jüdischer Abkunft.
Mit dem beträchtlichen Zugewinn aus dem Verkauf seiner Fiat-Aktien stieg De Benedetti bei Olivetti ein. Fortan besaß er den "Status eines Volkshelden in Italien" ("International Management").
Seit dem vorigen Jahr allerdings wird in Italien auch Widerstand gegen König Carlo wirksam - zu unheimlich ist manchen inzwischen seine industrielle Macht geworden. Kurz nach der Übernahme von Buitoni wollte De Benedetti sich auch noch den staatlichen Lebensmittel-Konzern SME einverleiben.
Wenn das so weitergehe, empörten sich da nicht nur die Kommunisten, würden bald nur noch zwei Familien -, Agnelli und De Benedetti - bestimmen, was die Italiener zu konsumieren und mit welchen Autos sie zu fahren hätten. Ministerpräsident Bettino Craxi stoppte den Verkauf der Staatsfirma.
Das Imperium von De Benedetti ist inzwischen so verschachtelt, daß sich die merkwürdigsten Verbindungen ergeben. Mit der Übernahme von TA befinden sich plötzlich zwei machtvolle Konkurrenten in einer unfreiwilligen Liaison: Marktführer IBM bezieht von TA Kleinschreibmaschinen, nun ist der Kommunikations-Riese AT & T Mitinhaber des IBM Lieferanten.
Diese Verbindung verblüfft selbst hohe IBM-Manager. "Darüber", staunt der stellvertretende IBM-Deutschland-Chef Hans-Olaf Henkel, "habe ich ja noch gar nicht nachgedacht."
DER SPIEGEL 18/1986
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