23.06.1986

„Häßlich, gewalttätig und brutal“

Der rechte Flügel der westdeutschen Jugendszene: die Skinheads *
Der jüngste der fünf Angeklagten ist 18, der älteste 24 Jahre alt. Sie wirken auffallend unauffällig. Nach Frisur, Kleidung und Gehabe unterscheiden sie sich nicht von den jungen Leuten in den Vorstädten, die es Samstag nachmittag scharenweise ins Fußballstadion und abends in die Kneipe zieht.
Als die fünf vor einem halben Jahr verhaftet wurden, waren sie unverwechselbar. Sie gehörten zu einer Jugendgruppe, die schon durch ihr Äußeres auffällt: Wer dazugehört, trägt zumeist umgekrempelte Jeans mit Hosenträgern, Schnürschuhe sowie graugrüne Bomberjacken und Glatze. Die Burschen hatten gerade einen Türken erschlagen.
Was sich am 21. Dezember vergangenen Jahres auf offener Straße im Hamburger Stadtteil Wandsbek zutrug und nun seit sechs Wochen vor der 13. Großen Strafkammer des Landgerichts verhandelt wird, ist eine der widerwärtigsten Gewalttaten, die in der Bundesrepublik je an Ausländern verübt wurden.
Das Unheil brach über den 26jährigen Türken Ramazan Avci herein, als er mit zwei Landsleuten an einer Wirtschaft vorüberging, in der sich jungdeutsche Brutalos zu versammeln pflegen - Skinheads, wie sie sich nach ihren kahlgeschorenen angelsächsischen Vorbildern nennen. Zuerst erschollen Schimpfworte ("Scheißtürken", "Kanaker"), dann sahen sich die drei von Skinheads eingekreist, die gefährliche Waffen in den Händen hielten: die scherbenscharfen Hälse zerschlagener Bierflaschen.
Avci hatte ein Gassprühgerät dabei, wie neuerdings viele Ausländer, die sich in westdeutschen Großstädten bedrohlichen Anfeindungen ausgesetzt sehen. Aber die Ladung Tränengas, die er auf die Skins sprühte, als ihm eine Bierflasche gegen die Schulter schlug, verschaffte ihm und seinen Landsleuten nur vorübergehend Luft. Die drei kamen, zu Fuß, bis zur nächsten Straßenkreuzung, dann waren sie von einer Handvoll Skins ("Die Schweine holen wir uns") eingeholt.
Der gehetzte Avci verlor die Nerven rannte beim Überqueren der Straße in einen vorbeifahrenden VW und ging mit einem gebrochenen Bein zu Boden. Die Skins fielen über den Hilflosen her. Sie traten mit ihren Schnürstiefeln auf ihn ein und schlugen drauflos: mit einem Axtstiel, einem Gummiknüppel und einer Gymnastikkeule.
Es war "eine Vielzahl mit voller Wucht ausgeführter Schläge", wie die Ermittlungen später ergaben, tödlich, zumal einer der Gewalttäter "schließlich auf den Kopf des Opfers sprang und mit dem Schuh unter Ausnutzung seines gesamten Körpergewichts eine kreisförmige Umdrehung ausführte". Aus dem amtlichen Untersuchungsbericht: _____" Ramazan Avci erlitt durch die stumpfe " _____" Gewalteinwirkung auf seinen Kopf mehre re Scherbenbrüche " _____" der Schädelschale und zahlreiche Gesichtsschädelbrüche " _____" mit massiven Hirnquetschungsherden und Blutergüssen in " _____" der Schädelhöhle, die am 24.12.1985 gegen 0.20 Uhr zum " _____" Tode führten. "
Nur einer der wegen Totschlags Angeklagten, die in dieser Woche mit Verurteilung zu rechnen haben, bezeichnet sich ohne Wenn und Aber als Skinhead: der 22jährige Packer Ralph Lach. Daß jedoch alle fünf "der Skinhead-Szene zuzurechnen sind", ist für die Staatsanwaltschaft ebenso "eindeutig" wie die Erkenntnis, daß bei den Skinheads eine "sehr große Ausländerfeindlichkeit" herrscht.
Ausländerfeindlichkeit gehört zum Standardverhalten der Glatzköpfe, die mittlerweile in fast allen westeuropäischen Ländern auf- und zutreten. Die Hamburger Kahlköpfe unterscheiden sich da nicht von denen in Brüssel. Und was den Skins in London "Paki-bashing" ist, das Zusammenschlagen von Pakistani, das ist den Skins in Berlin und Frankfurt "Kanaken ticken".
Wenn er "diese Typen" sehe, sagt Glatzkopf Hansi, 19, aus Gelsenkirchen, dann könne er "da nur so reintreten". Das tut er auch, und jeder Skin, der auf sich hält, macht mit; die Polizeiberichte sind voll davon.
In Duisburg machten vier Skins einen Türken in der Straßenbahn nieder. In Stuttgart schlugen Kahlköpfe zwei Jugoslawen zusammen, die sie für Türken hielten; bei der Vernehmung nannten sie ihre Tat "Sachbeschädigung". In Bremen bekam ein Deutscher ein Bierglas ins Gesicht, weil er mit einer Türkin die Pommesbude betreten hatte.
Typisch auch, was sich in Mainz zutrug: Dort pöbelten sechs Skinheads einen Türken auf der Straße an und verfolgten ihn bis zu seiner Wohnung. Einer Frau, die Hilfe holen wollte verabreichten sie Prügel, bevor sie dem nun mit Landsleuten zu Hilfe eilenden Türken mehrere Knochen brachen.
Diese Brutalität hebt Skinheads ab von anderen Gruppierungen jugendlicher Subkultur, von Punks, Mods, Teds und erst recht Anarchos. Ihr dumpfer _(In Flensburg, zu "Führers Geburtstag" ) _((20. April). )
Schläger-Radikalismus erinnert an die Prügelorgien der SA in den zwanziger Jahren, und soweit sich die Skins politisch einordnen lassen, gehören sie, wie überall in Europa, an den rechten Rand der Jugendszene.
Wenn sie an der Theke getankt haben, brüllen sie schon mal "Heil Hitler", und am 20. April fielen rund zweihundert von ihnen in Flensburg ein, um "Führers Geburtstag" zu feiern. Saufend und raufend zogen sie durch die Innenstadt, mischten Passanten und Punker auf und grölten "Sieg Heil" bis zum Umfallen.
Das türkische Generalkonsulat in Hamburg hatte "allen Flensburger Landsleuten" empfohlen, ihre Wohnung nicht zu verlassen. Im Hafenviertel hatten Barwirte und Bordellbesitzer Rocker und Karatekämpfer als Schutzmänner geheuert. Die City-Kaufleute waren in einem Schreiben aufgefordert worden, "hausinterne Sicherheitsmaßnahmen" zu ergreifen und "Vorsorge für Waren vor den Geschäftsräumen zu treffen".
Wo immer sie in Horden auftauchen, verbreiten sie "Angst und Schrecken", wie der Hamburger Wirt John Boutkam weiß. Als in seinem Szenelokal "Logo" eine rund ein Dutzend Mann starke Kahlkopftruppe auftauchte, lag gleich "eine derartige Aggression in der Luft", daß sich etliche Gäste verdrückten - bis die Polizei mit sage und schreibe 30 Streifenwagen anrückte und die Randalierer abführte. "Erst ziehen sie sich die Kutte voll", weiß ein auf Skinheads spezialisierter Polizist, "und dann geht''s ab." Besonders gern in die Fußballstadien. Was sie dort erhoffen, intoniert die derzeit bekannteste Skin-Band, die Frankfurter "Böhse Onkelz", in ihrem Schlachtgesang "Fußball und Gewalt". _____" Wir warten auf unsere Gegner, Siege feiern können wir " _____" erst später! Wir stehen in einer Front und singen unsere " _____" Lie der, wir schwören auf unsere Farben und machen alle " _____" nie der. "
Glorifiziert wird das schlichte Skin-Weltbild auch in primitiven, selbstgefertigten Druckschriften wie "Wille und Weg - Kampfblatt der Gewalttätigen Jugend". Aber solche schriftlichen Selbstzeugnisse sind rar, die gewalttätige Aktion hat Vorrang.
In Berlin stürmten Skins das Jugendgästehaus am Wannsee, schlugen auf 14jährige Jungen ein, drohten einem Mädchen: "Dich machen wir zur Mutter." In München griffen Glatzen ein Pfadfinderlager an.
Normalerweise verlieren sich solche Skin-Attacken in den örtlichen Polizeiberichten. Das enorme Gewaltpotential der Kahlköpfe erschließt sich erst, wenn - wie in Berlin - die Taten über einen längeren Zeitraum aufgelistet werden. In dreieinhalb Jahren registrierte die Polizei der Mauerstadt nahezu 2000 Straftaten, überwiegend Körperverletzungen und Sachbeschädigungen.
Die Rücksichtslosigkeit der Skins ist selbst den Straßengangs ein Begriff. John, 19, Hafenarbeiter und kampferprobter Anführer der "Bomber" in Hamburg-Bergedorf, weiß: "Bei den Glatzen kannst du heulen, betteln und auf den Knien rutschen, die machen dich trotzdem ganz makaber nieder."
Hamburg gilt neben Berlin und München als Glatzen-Hochburg, mit jeweils einigen hundert Skins, fast alle polizeibekannt. In Frankfurt hat es der Leiter der Arbeitsgruppe "Jugendspezifische Gruppenkriminalität", Kriminaloberkommissar Ulrich Paul Thiele, nur mit etwa 30 zu tun, die aber seien "ein harter Kern". Insgesamt mögen es in der Bundesrepublik ein- bis zweitausend Jugendliche sein, die den Skinheads zugerechnet werden können.
"Erdbeer", bürgerlich Michael, 19, ist einer von ihnen. "Häßlich, gewalttätig und brutal" steht auf seinem rechten Oberarm, und so sieht der Glatzkopf auch aus: ein Kraftpaket in schwarzen Stiefeln und dunkler Bomberjacke, die Arme über und über tätowiert mit Totenköpfen, Schlangen und Spinnen.
Kaum eine große Schlacht, die der Frankfurter Maurerlehrling nicht geschlagen hat. 1982 gehörte er zu denen, die das linke Frankfurter Jugendzentrum "Batschkapp" aufrollten; im Sommer 83 hat er es auf dem Chaos-Tag in Hannover den Punks gezeigt - und als es im vergangenen Jahr beim Rock-Festival in Rotterdam zu Schlägereien kam, war Erdbeer natürlich mit dabei.
Grob erinnern kann er sich nur noch an jene Kämpfe, die ihm eine Strafanzeige wegen Körperverletzung eintrugen, an die "15 Zettel, vielleicht auch mehr"; erst vor kurzem gab''s wieder Ärger in irgendeiner Kneipe. Ungezahlt hingegen die Gefechte, die Erdbeer gewissermaßen off the record, in Seitenstraßen und Fußballstadien geführt hat - auch gegen Fans des Londoner Fußballklubs Tottenham Hotspur, obwohl doch das Mutterland des Fußballs auch das Mutterland der Skinheads ist.
Auf die Herkunft weist der Name ebenso wie die Vorliebe der Burschen für englische Werftarbeiterschuhe (Marke "Dr. Martens"). Die Skins sind ein Produkt britischer Arbeiterviertel. Zuerst tauchten sie am Ende der sechziger Jahre im heruntergekommenen Londoner East End auf, wo auf fast jeden Arbeiter ein Arbeitsloser kommt und sich farbige Zuwanderer aus den ehemaligen britischen Kolonien drängen, vornehmlich Inder und Pakistani.
Die Aufmachung der Skins wurde aus der Not geboren. Die Glatze ließen ihnen
die Eltern schneiden, um Geld für den Friseur zu sparen - oder auch der Läuse wegen. Die Dr.-Martens-Schuhe mit der Stahlkappe, für die ihre westdeutschen Nachahmer heute in Szene-Läden wie der Gelsenkirchener Boutique "Nervös" um die 140 Mark zahlen, ersetzten ihnen teure Fußballschuhe.
Anders als die Mods mit ihren adretten Kurzhaarschnitten, Parkas und Motorrollern oder die Teds mit ihren Schnürsenkelschlipsen und den taillierten Samtkragen-Jacketts verdrängten die Skins - gleich den Punks, die sich im selben Milieu entwickelten - ihre Zugehörigkeit zur Unterschicht nicht. Im Gegenteil: Hosenträger und umgekrempelte Jeans, ursprünglich ein notwendiges Übel, weil sie die abgelegten, großen Buxen ihrer Brüder und Väter auftragen mußten, wurden zu Statussymbolen.
Wann in der Bundesrepublik die ersten Skins auftauchten, weiß niemand genau zu sagen. "Irgendwann 82/83, vielleicht auch eher", berichtet der Gelsenkirchener Sozialarbeiter Jörg Bischoff, "fingen die ersten an, sich den Schädel zu rasieren und schwarze Stiefel anzuziehen." Abgeguckt hatten sie die Mode von englischen Fußballfans, unter denen Glatzen schon deshalb imponierten, weil sie bei Krawallen immer in vorderster Front zu finden waren.
Ähnlich den Insel-Skins stammen auch die deutschen Glatzen zumeist aus Zonen der Gesellschaft, wo es an Geld, Geborgenheit und Bildung mangelt. Sie sind in aller Regel dort aufgewachsen, wo sich Armut, Arbeitslosigkeit und Ausländer ballen, in Wohnblocks hinterm Güterbahnhof oder Sozialsilos in der Vorstadt.
Das Milieu hätte auch Punks aus ihnen machen können. Und tatsächlich hat, wer Skin wird, häufig schon eine Odyssee durch die vielfältig fraktionierte Jugendsubkultur hinter sich. Frank in Gelsenkirchen zum Beispiel, 19, hat sich erst in der "GE-Boys"-Gang mit den "Black Boys" geschlagen, bis es ihm "zu doof war". Dann hatte er Kontakt zu "Psychos" und "Punks", aber die waren ihm "zu schmuddelig" und "zu chaotisch".
Vor einem Jahr ist er Skin geworden, "weil Deutsch sein gut ist. So was fürs Land tun und immer auf Ordnung achten, ist doch auch gut". Seine schwarzen Stiefel putzt er zweimal am Tag mit einer alten Strumpfhose: "Wenn die glänzen, das sieht doch nach was aus."
Franks Mutter, eine Straßenbahnfahrerin, weiß nicht, was sie von der Wandlung ihres Sohnes halten soll. "Judensau" hat er sie schon beschimpft, und dafür wollte sie ihn erst rausschmeißen, hat es dann aber doch gelassen. Nun hofft sie auf die Bundeswehr: "Die werden ihm schon die richtigen Flötentöne beibringen."
Bis Frank gezogen wird ("Ich will Nahkampf machen"), ist aber noch eine Weile hin. Vorher will er sich, sobald ihm Oma wieder Geld gegeben hat, noch tätowieren lassen. Denn ein Tattoo, weiß Frank, "gehört zu jedem echten Skin". Wer die meisten hat, gilt als härtester Typ.
Jedes Tattoo mehr, jede weitere Wunde, die vernarbt, jede Straßenschlacht gegen Punks, Ausländer oder sonstwen, der ihnen komisch kommt, bestärkt sie in der Vorstellung, etwas Besonderes zu sein. Anders als die struppigen Punks die "kein Bock auf alles" haben, gehen die kahlgeschorenen Skins der Arbeit nicht aus dem Wege. Die meisten Glatzen sind in der Lehre, haben zumindest einen Job.
Im Gegensatz zu Streetgang-Mitgliedern, die gelegentlich Karriere auf dem Kiez machen (SPIEGEL 24/1986), sind Skins jedoch nicht sonderlich scharf auf das große Geld und schicke Klamotten. "Alles, was ich will", sagt Martin, 17jähriger Skinhead aus Düsseldorf, "ist Arbeit, ''ne schöne Wohnung, was zu fressen und immer ein kühles Bier im Eisschrank."
Das jugendliche Spießertum, das sich da artikuliert, bezeichnet sehr präzise die Einbruchstelle für braune Propaganda: Ausländer raus, Ordnung muß sein, Arbeit macht frei. Genau dies, ihr brutaler Biedersinn, macht die Glatzköpfe anfällig für Annäherungsversuche von Neonazis.
In England werden Skins vom faschistischen "British Movement" und der rechtsextremen Partei "National Front" umworben. In Frankreich bestehen personelle Querverbindungen zwischen Skinheads und Le Pens Jugendorganisation "Front national jeunesse"; ein "Stern"-Reporter notierte, was die französische Gruppe "Evilskins" unter dem Titel "Zyklon B" von sich gibt: "Der Führer ist zurück, wir werfen die Öfen wieder an, wir rollen den Stacheldraht aus und machen das Zyklon B fertig - Sieg Heil, Sieg Heil, Sieg Heil."
In der Bundesrepublik erkannte der Rechtsextremist Michael Kühnen, 31, daß Fußballfans und Skinheads gezielt für die rechtsradikale Sache rekrutiert werden könnten. Das geschah auch, durchaus mit Erfolg, wie Verfassungsschützer konstatierten. Sie beobachteten in Nordrhein-Westfalen "enge Kontakte" von Skins zu Kühnens verbotener "Aktionsfront Nationaler Sozialisten" (ANS).
Mit Funktionären der rechtsextremistischen "Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei" (FAP) feierten Skins demonstrativ den Geburtstag des in Spandau inhaftierten ehemaligen Hitler-Stellvertreters Rudolf Hess. Auf dem NPD-Landesparteitag im nordrhein-westfälischen Wiehl waren etwa 70 Glatzen "nach Feststellungen der Polizei durch Angehörige der NPD mit dem Schutz des Versammlungsortes beauftragt worden" (Verfassungsschutzbericht 1985). Es kam zu "schweren Auseinandersetzungen" mit Gegendemonstranten.
Dennoch sind Skins für das Bundesamt für Verfassungsschutz "keine gezielten
Beobachtungsobjekte", wie ein Sprecher mitteilt. Denn nach Einschätzung von Experten des Bundesinnenministeriums unterhalten Skins mit organisierten Neonazis lediglich "Trinkgemeinschaften". Versuche, die "Skinheads für neonazistische Ziele zu gewinnen", seien "bis auf wenige Ausnahmen gescheitert".
Von den rund 30 Frankfurter Skins hat nach Einschätzung von Szene-Kenner Thiele "kein einziger einen direkten Draht" zu FAP oder NPD. Die rechten Anwerber hätten sogar "kräftig was aufs Maul bekommen", wie der Glatzkopf Erdbeer berichtet, der sich und die anderen Skins gleichwohl für "eher ein biß''l mehr rechts als links" hält.
Verfassungsschützer gehen davon aus, daß sich bei den meisten Skins der Rechtsextremismus auf das "unreflektierte Wiederholen von nazistischen Parolen" sowie das "provokative Tragen von NS-Emblemen" beschränke. Zur Provokation bekennen sie sich auch selbst. Die Begründung, warum sie gerade "Sieg Heil" oder "Judensau" brüllen, liefert Glatzkopf Erdbeer so: "Wenn ich ''Du Arschloch'' sag'', schert sich doch kein Mensch drum."
Selbst Rechtsvertreter wie etwa der nordrhein-westfälische NPD-Vorsitzende Klaus Schultz sprechen den Skins politisches Bewußtsein ab. Schulz: "Die wissen doch nicht mal, was rechts ist." Und Frankfurter Polizisten berichten von Vernehmungen, in denen "Sieg-Heil"-Schreier das Dritte Reich im Mittelalter wähnten.
Nur ändern die Beobachtungen von Polizei und Verfassungsschutz, schon gar die Kommentare der NPD nichts an der politischen Brisanz: daß Skinheads mit ihrer haßerfüllten Ausländerverfolgung genau die Drecksarbeit verrichten, die Neonazi-Strategen für erforderlich halten. Die Schläger als nützliche Idioten der Ideologen - das war schon zu SA-Zeiten so.
Die Glatzköpfe, behauptet der Sozialpädagoge Thomas Schneider, der die Frankfurter Skin-Szene kennt wie nur wenige, seien "nicht rechter als manch biedere Stammtischrunde", nur daß sie "drastisch ausdrücken, was für viele Erwachsene tabu ist". Das macht es nur noch schlimmer.
"Die verstehste nicht", regt sich Erdbeer für alle deutschen Stammtischbrüder auf, "anpassen tun ''se sich auch nicht", aber wenn sie zu mehreren sind, "nehm''ses Maul voll" - dafür hat er nun mal "gar kein Verständnis": "Das beste wäre, alle Türken raus."
Auf dem Bau muß Erdbeer sich mit solchen Sprüchen bedeckt halten. Wenn er "nur ein Ton gegen Ausländer sagen täte", das hat ihm sein Polier klargemacht, könne er gleich seine Papiere nehmen. Erdbeer: "Bei mir auf der Arbeit sind nämlich viele Ausländer."
Zuschlagen ist für Skins Freizeitsache wie für die Angeklagten im Hamburger Strafprozeß, in dem die Tötung des Türken Ramazan Avci verhandelt wurde. "Ich habe nichts gegen Ausländer", sagt der eine. "Im Prinzip habe ich nichts gegen Ausländer", sagt der andere - sie sind, von Türken provoziert und unter Alkoholeinfluß, in die Sache halt hineingeraten.
Das Bekenntnis, Ausländer zu verachten und sie bei jeder Gelegenheit zu verfolgen, taugt auf der Baustelle in Frankfurt so wenig wie vor Gericht in Hamburg: Es könnte ein Indiz sein, daß die Glatzköpfe aus niedrigen Beweggründen handelten - mit der strafrechtlichen Konsequenz, daß es um Mord, nicht nur um Totschlag ginge.
Wie Ramazan Avci wurde in der Hansestadt vergangenes Jahr auch Mehmed Kaymakci ein Opfer von Glatzköpfen. Erst schlugen ihn Skins zusammen, dann zertrümmerten sie ihm mit einer Betonplatte den Kopf. "Wir wollten", so gab einer der Täter später zu Protokoll, "den Türken fertigmachen."
Das Klima in der Jugendszene hat sich so beängstigend verschlechtert, daß sich in etlichen Hamburger Stadtteilen abends kein Türke mehr auf die Straße wagt. Es ist schon tagsüber gefährlich genug. "Unsere Landsleute", gibt der türkische Generalkonsul Mehmet Nuri Ezen die Stimmung wieder, "fühlen sich unsicher"; sie rechneten "jeden Tag in Bussen, S-Bahnen oder auch auf der Straße" damit, "daß ihnen was passiert".
Die jungen Türken rotten sich inzwischen schon zu Selbsthilfegruppen zusammen. "Skins, wir jagen euch" und "Rache für Ramazan" haben sie in Hamburg mit schwarzer Farbe an Hauswände gesprüht. "Wir haben uns Messer und Gaspistolen gekauft", berichtet Hassan, 17, türkischer Schüler aus Hamburg-Wilhelmsburg. "Abends gehen wir nur noch mit 10 bis 15 Mann weg. Wenn wir Skins sehen, schlagen wir zu."
Zumindest einen Skin hat das entnervt. Der Böhse-Onkelz-Sänger und Tätowierer Kevin läßt sich wieder Haare wachsen. Als Skin, klagt Kevin, sei man sich neuerdings "ja seines Lebens nicht mehr sicher".
In Flensburg, zu "Führers Geburtstag" (20. April).

DER SPIEGEL 26/1986
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