26.05.1986

Heiße Ware

Bayern blieb frei - von Dieter Hildebrandts Satire-Sendung „Scheibenwischer“. *
Der Programmdirektor des Bayern-TV, Helmut Oeller, ist ein gottes- und CSU-fürchtiger Mann. "Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt", so weiß er (mit Matth. 5,29), "dann reiß es aus und wirf es weg."
Ein Dorn im rechten Auge war ihm längst eine Sendung, die von der Preußen-Anstalt SFB produziert wird und in der vornehmlich bayrische Bürger zu Wort kommen: die live-Satire "Scheibenwischer", von und mit Dieter Hildebrandt & Co.
Am letzten Donnerstag stand die Lästerstunde wieder auf dem Programm der ARD. Am selben Nachmittag schlug Oeller Alarm. In einer "Sonderschaltkonferenz" der ARD-Direktoren erklärte er, der kommende "Scheibenwischer" sei "makaber und degoutant" mithin "nicht gemeinschaftsverträglich" und also nix für Bayern.
Die Erkenntnisse um eine Live-Sendung, die noch nicht gelaufen war, bezog Oeller aus dem "Scheibenwischer"-Manuskript (57 Seiten) das er sich von den Berlinern hatte telefaxen lassen. Anstoß-Steine für den Bayern:
Die "Passagen über einen strahlenverseuchten Großvater"; eine "nicht auszuschließende Assoziation der Bundesrepublik Deutschland als KZ"; das "im Krieg vergossene Blut als Düngemittel schlesischen Bodens" und die "Dekontaminierung des Papstes nach der Berührung der Erde".
Die ARD-Kollegen konnten freilich Oellers Qualen nicht teilen; auch die szenische Lesung eines inkriminierten Textes, ausgeführt vom stellvertretenden SFB-Programmdirektor Peter Schultze wühlte sie nicht auf. Doch Oeller blieb stur. Folge: Der "Scheibenwischer" lief, aber nicht in Bayern.
Für die "Kollektivseelsorge" Oellers fand Hildebrandt in der Sendung sogleich ein anrührendes Bild - die schwarze Anstaltsgouvernante" halte den Landeskindern "sofort erschrocken die Augen zu, wenn sie ein paar nackte Hühner sehen". Auch für Oellers Lese-Fähigkeiten sah er schwarz:
Denn die "Assoziation der Bundesrepublik als KZ" kann nur einem Legastheniker kommen. TV-Text: "Ich wollte etwas Positives über mein Land sagen, da fragten sie mich, wer mich denn eigentlich bezahle. Da sagte ich, es habe Mängel. Aber es sei doch immerhin kein großes KZ, wie manche behaupten."
Hildebrandt einen verstrahlten Salatkopf in der Hand, wollte Oeller alles erklären: "Aber der hat sich ja ausgeschaltet."
So gedachte er des "blonden Semmelbombers" (Bangemann), der "sehr brauchbaren Entscheidungslücke" (Zimmermann) und der "Liberalitas Bavariae - in aftero provincialis".
Ein halbes Dutzend mal schon haben sich die TV-Bayern eine Extrawurst gebraten - zwar nicht: das rechte Auge ausgerissen, aber den Stecker gezogen, wenn aus Nord oder West "nicht Gemeinschaftsverträgliches" drohte. Mittlerweile zeichnet sich ein System ab; Oeller und sein Intendant Vöth propagieren es intern:
Erstens gehe es nicht so weiter mit diesen "unausgewogenen Sendungen"; und zweitens stinkt es ihnen, daß zunehmend bayrische Themen von anderen Sendern behandelt würden, und dieses in einer "für Bayern nicht zuträglichen Weise". Da muß der Daumen drauf.
In Stunden der Not hilft auch die Konkurrenz, das ZDF. Denn am Freitagmorgen letzter Woche hätte der "Scheibenwischer" im Gemeinschaftsprogramm ARD/ZDF, als obligate Wiederholung, doch noch das ganze Deutschland erreichen können. Das tat er nicht, und das kam so:
Donnerstag nacht führte ZDF-Intendant Dieter Stolte ein "wichtiges Gespräch" (Insider) mit dem SWF-Programmchef Dieter Ertel, gegenwärtig Vertreter des ARD-Programmdirektors Dietrich Schwarzkopf. Stolte: Die Satire-Sendung sei "nicht sendefähig", und man könne nicht von einem "Gemeinschaftsprogramm" reden, wenn sie "von allen Sendern minus eins" ausgestrahlt werde.
Das Angebot des mächtigen TV-Paten konnte Ertel nicht ablehnen, er zog den "Scheibenwischer" aus dem Morgenprogramm zurück. Am Kummertelephon des Bayernfunks meldeten sich mittlerweile an die 1000 Landeskinder, die sich über "Bevormundung" und "mangelnde Liberalität" entrüsteten.
Zur "Scheibenwischer"-Zeit hatten sie zwar auch Dieter Hildebrandt am Schirm gesehen, aber in seltsamer Umgebung: Mit Bibi Johns führte er durch ein Oldie namens "Heiße Ware Swing".

DER SPIEGEL 22/1986
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