08.09.1986

FRANKREICH

Schöne Jahre

Alexandre de Marenches, legendärer Geheimdienstchef von 1970 bis 1981, packt aus. *

Frankreichs berühmtester Geheimdienstpensionär ließ Franz Josef Strauß an seinen Sorgen um die Zukunft des Abendlandes teilhaben. "Die besten europäischen Geister", so klagte er, "diskutieren bis morgens um vier den Verkauf sizilianischen Trockenobstes an Dänemark. Worauf es in Europa wirklich ankomme, sähen sie nicht: "Es geht ums überleben."

Der 65jährige Franzose, der sich nach eigenem Bekunden "neulich abends" mit dem CSU-Vorsitzenden getroffen hat, heißt Graf Alexandre de Marenches. Elf Jahre lang, von 1970 bis 1981, amtierte er als beinahe legendärer Chef des französischen Geheimdienstes SDECE, war Einflüsterer der Präsidenten Georges Pompidou und Valery Giscard d''Estaing.

Als 1981 der Sozialist Francois Mitterrand in den Elysee-Palast einzog, wurde der Graf, den sein Dienst nach einer der Figuren aus Alexandre Dumas'' "Drei Musketiere" "Porthos" nannte, alsbald in den Ruhestand versetzt. Die Kaltstellung hat er bis heute nicht verwunden, wie sich jetzt zeigt. Nach fünfjährigem pflichtbewußtem Stillhalten brach er nun sein Schweigen - voll Mißmut über die "weichen Demokratien" und bornierten Staatenlenker, die den Ratschlägen patriotisch gesinnter Geheimdienstler nicht folgen wollen.

De Marenches äußerte sich in langen Interviews mit der prominenten Journalistin Christine Ockrent, der von den Sozialisten ausgebooteten ehemaligen Nachrichten-Chefredakteurin des TV-Kanals Antenne 2. Die Gespräche mit dem Edelmann erschienen vorige Woche in einem Buch mit dem Titel "Dans le secret des princes". _(Christine Ockrent, Comte de Marenches: ) _("Dans le secret de princes". Editions ) _(Stock, Paris; 348 Seiten; 98 Franc. )

Was der Ex-Geheimdienstler zu erzählen weiß, ist oft aufschlußreich, häufig amüsant: Immerhin war er Vertrauter so mächtiger Männer wie Ronald Reagan und Henry Kissinger, der Könige von Spanien und Marokko, ganz zu schweigen von orientalischen Potentaten und den Geheimdienstchefs vieler Staaten.

Dabei hat de Marenches vor allem im Sinn, seine Leser darauf zu stoßen, daß die Welt heute in besserem Zustand wäre, wenn die Politiker gleich auf ihn gehört hätten. Zimperlich war er nie. Den französischen Marschall Petain, Chef der Hitler-freundlichen Vichy-Regierung, wollte er nach dem Krieg bei einem Unfall ums Leben kommen las sen. Damit sollte Frankreich der Petain Prozeß und die quälende Auseinander setzung um die Jahre unter den Nazi Besatzern erspart bleiben.

Libyens Muammar el-Gaddafi? "Schon 1976 habe ich den Amerikanern geraten, Gaddafi zu liquidieren. Sie haben sich geweigert." Das Attentat auf Papst Johannes Paul II. im Jahr 1981? "Ich wußte, daß dieser Mordversuch gegen den Papst stattfinden würde." Er habe den Heiligen Vater gewarnt, aber der habe leider nur erwidert, sein Schicksal liege "in den Händen des Herrn". De Marenches: "Ich respektiere diese Haltung sehr, aber ich glaube, daß man manchmal dem Herrn helfen muß."

Das Attentat auf das Greenpeace-Schiff in Neuseeland? "In elf Jahren haben wir an die 30 solcher Affären durchgezogen", aber unter seinem Kommando natürlich "ohne Schnitzer, ohne Wellen". Wehmütig zitiert de Marenches, was ihm in London ein Fachkollege nachgerühmt habe: "Die französischen Dienste haben ein paar schöne Jahre gehabt."

Nachdenklich mag die Franzosen stimmen, was de Marenches über das Machtvakuum berichtet, daß sich beim plötzlichen Tod eines Präsidenten auftun kann.

Am 2. April 1974 starb Georges Pompidou überraschend schnell, selbst für die wenigen Vertrauten, die wußten, wie krank er war. Ihnen war bekannt, daß der Präsident im Badezimmer seines Elysee-Appartements einen privaten Safe hatte. Man vermutete darin Pompidous politisches Testament, aber niemand wußte, wo der Schlüssel war. Also wurde der Geheimdienst-Chef gerufen. Er ließ den Stahlschrank durch einen seiner Klempner öffnen. De Marenches: "Es gab kein politisches Testament."

Das bedeutete den Ausbruch von Diadochenkämpfen in der Gaullistenpartei, von denen der Unabhängige Republikaner Giscard profitierte. Hätte Pompidou ein Testament oder auch nur eine Empfehlung für seine Nachfolge hinterlassen, wäre Frankreichs jüngere Geschichte vielleicht anders verlaufen.

Daß er Pompidou sehr, dessen Nachfolger Giscard aber wenig schätzte, läßt de Marenches wiederholt erkennen.

So erzählt er, wie er Giscard zu überzeugen versucht habe, in Angola dem Führer der Unita, Jonas Savimbi im Kampf gegen die von Sowjets, Kubanern und Ostdeutschen unterstützte Regierung zu helfen. Daraufhin Giscard, laut de Marenches: "Ah, aber Angola ist weit." Dessen Antwort weitblickend wie immer: "Ja, aber es kommt näher."

Auch Francois Mitterrand soll sich um den SDECE-Chef bemüht haben, so jedenfalls dessen Erinnerung. 1974, als er schon einmal für die Präsidentschaft kandidierte, habe Mitterrand den Porthos gefragt, ob er auch unter ihm Geheimdienstchef bleiben wolle. Darauf habe de Marenches geantwortet: "Ja, unter der Bedingung, daß Sie keine kommunistischen Minister haben." Mitterrand lachend: "Ah, la, la! Bloß das nicht. Diese Gefahr gibt es nicht." 1981 berief er vier Kommunisten ins Kabinett.

Echte Betretenheit hat in Frankreich nur eine Enthüllung de Marenches'' ausgelöst: Der Graf untergräbt die patriotischen Legenden um die "Resistance", die Widerstandsbewegung gegen die Nazi-Besatzer. Und das ausgerechnet zu einer Zeit, in der sich Frankreich auf den Prozeß gegen Klaus Barbie, den einstigen Chef der Gestapo von Lyon, vorbereitet.

Schon bei seiner Heimkehr 1945 (de Marenches war 1943/44 Verbindungsoffizier zwischen dem französischen Expeditionskorps in Italien und den alliierten Generalstäben) will er sich gewundert haben, daheim "42 Millionen Widerstandskämpfer vorzufinden".

Die Augen gingen ihm erst über, als er 1970 bei Übernahme des SDECE auf zehn Tonnen verstaubter Archiv-Akten der Gestapo und der deutschen Abwehr in Paris stieß. Das Resultat einer ersten Überprüfung, so de Marenches jetzt, sei "unangenehm" und gar "unappetitlich" gewesen: Das Material enthalte Beweise gegen "viele Leute", die als gute Franzosen mit dem Ehrenrang "resistants" Karriere in Wirtschaft und Politik gemacht hätten. In Wirklichkeit hatten sie als "Kollaborateure Quittungen unterzeichnet - für vom Besatzer bezogene Summen".

Dazu das "Journal du dimanche": "Man traut seinen Ohren nicht."

Christine Ockrent, Comte de Marenches: "Dans le secret de princes". Editions Stock, Paris; 348 Seiten; 98 Franc.

DER SPIEGEL 37/1986
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