23.06.1986

„Eis, Unerbittlichkeit, Strenge, Zorn, Grazie“

SPIEGEL-Redakteur Hartmut Schulze über „Krieg/Hirn“ von Rainald Goetz *
Grün hat die eherne Farbfolge der Edition Suhrkamp für den 320. Titel vorgesehen, lindgrün. Das wäre natürlich, für Krieg/Hirn" von Rainald Goetz, unmöglich gewesen. Also wurden die beiden Bände noch einmal verpackt: in klares weißes Weiß der eine, der mit drei Theaterstücken, in böses schwarzes Schwarz der andere, der mit Goetzens Kapuzinerpredigten.
Rainald Goetz, das ist der junge Mann, der sich vor drei Jahren beim Klagenfurter Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis die Stirn aufgeschlitzt hatte. Seit seiner fulminanten Tirade gegen die "Peinsäcke" des Feuilletons hat man nicht mehr viel von ihm gehört. Er war, von Stipendien mäßig alimentiert, weit weg, in New York. Und, noch weiter weg, in der morbiden Wannsee-Villa des Literarischen Colloquiums Berlin. Von dort aus ist schlecht ein Skandal zu machen. Und das ist, diesen Beweis hatte Goetz in Klagenfurt schließlich blutig geführt, ja wohl die einzige Möglichkeit geblieben, sich Gehör zu verschaffen. Sonst gehen die stärksten Worte unter.
In Karl Heinz Bohrers altehrwürdiger "Deutschen Zeitschrift für Europäisches Denken", im "Merkur" also, hatte Goetz zum Beispiel diese Phantasie über den US-Politiker R. zum erstenmal veröffentlicht: _____" Ich sehe das Gesicht von so einem Präsidentenschwein, " _____" von so einer im perialistischen Politikercharaktermas ke, " _____" von so einem Staatstrottel, und es ist mir automatisch " _____" das Gesicht des Volksfeindes schlechthin, in das ich " _____" hinein schießen muß, mit einer mög lichst großkalibrigen " _____" Waffe, mit einem möglichst breitenwirksamen zerstöre " _____" rischen Dumdumgeschoß, daß es das Gesicht ordentlich und " _____" total zerfetzt, nicht ein Loch in der Stirne, so wohltu " _____" end tödlich das sein mag, erscheint mir erstrebenswert, " _____" einzig Zerfetzung, ein zu einem hautfleischundknochen " _____" zerfetzten blutigen Gesichtsmatsch to tal zerfetztes " _____" Präsidentengesicht sehe ich, sehe ich das Gesicht von so " _____" einem Präsidentenschwein. "
Das ist natürlich unerhört; aber es blieb auch unerhört.
Hauptsächlich in der Musikzeitschrift "Spex" hatte Goetz seine galligen Tagebuchnotizen und finsteren Enzykliken veröffentlicht. Aber selbst wenn das Avantgardeblatt eine Millionenauflage hätte, würde Goetz wohl nur wenig mehr Leser finden. Die müßten nämlich mit Skrjabin und Heidegger genausoviel anfangen können wie mit "The Jesus and Mary Chain" und der Sportschau, möglichst das Große Latinum haben und das medizinische Wissen der Vorklinik. Kurz: Sie müßten sein wie der Arzt, Historiker und Dichter Goetz, 32.
Ein paar davon scheint es zu geben. Goetz hat, ganz literarische Kultfigur, hartgesottene Fans, die sich, fast wie die Arno-Schmidt-Gemeinde, seine Texte gegenseitig vorlesen und auslegen. Solch Goetzendienst findet vornehmlich in den "wavigen" Cafes von Düsseldorf, München oder Hamburg statt. Die modernen jungen Menschen dort sind ziemlich uniform gekleidet: schwarz und weiß.
Auch diese Mode hat längst den Modergeruch des Gewesenen angenommen, und Goetzens "Hirn"-Tiraden passen dazu. Aber solange keine neue Sau durchs Dorf läuft, sind sie immer noch auf der Höhe der Zeit. Man kann sie als Beleg für das schnelle Altern der neuen Literatur nehmen, als Schimpfwörtersammlung ("Ultradrögsepp") oder als Panoptikum unserer letzten Jahre von Harald Juhnke bis Bitburg.
Aber auch wenn vieles aus den Zeitschriftenaufsätzen, die "Hirn" versammelt, heute leicht abgestanden wirkt - ihre Lektüre bleibt eine Lust. Nicht einmal Achternbusch reicht da an seinen bayrischen Landsmann Goetz heran, der mit der ungehobelten Sprachmacht eines Abraham a Santa Clara um sich schlägt.
Vor allem gibt es immer wieder Grund zu artiger moralischer Empörung: etwa wenn Goetz eine Kollegin als "verhungerte Germanistenfotze" beschimpft oder einem anderen den "Genickschuß" wünscht. Er ist eben, so seine Selbstanzeige, "ein echter Terroristenfreund".
Alle paar Seiten schreibt er sich derart ins Delirium, daß man an seinem Verstand zweifeln möchte. Er sieht das natürlich ganz anders: "Haß ist einziger vernünftiger abstrakter Trieb." Und dann möchte man den Frauenfeind Goetz küssen für eine Passage wie diese:
Hermann Peter Piwitt ("dieser blöde Nichtsnutz") hatte in "Konkret" verbreitet, es gebe "Frauen, die besser nicht den Mund aufmachten, außer bei Essen und Fellatio". Da wurde Goetz "selbst zur Frau": "Von so einem verschlampten aufgeweichten Widerling ... brauche ich mir gar nichts vorschreiben lassen, und schon gar nicht, was ich mit meinem Mund mache. Mit dem spreche ich nämlich jetzt diesen Fluch aus: Hermann Peter Piwitt wird verflucht, und jedes seiner dummen schweinischen Worte wird noch mehr Dummheit über seine schweinische dumme fette Unexistenz bringen, so wahr der Herrgott, der die Piwittsche Plage geschickt hat, mir helfe inewigkeitamen."
Wenn Goetz an einer Stelle weich wird und fragt, "wozu Obszönität, Provokation?", sollte dennoch niemand glauben, er könne mit ihm über seine Ausfälle diskutieren. Denn: "Das Gespräch macht dumm." Ein Gespräch nämlich verlange Verbindlichkeit. "Verbindlichkeit jedoch und all die übrigen zum Gespräch gehörenden freundlichen Entgrenzungen sind das Gegenteil, der Feind, die Abschaffung all jener zum Welterkennen und Weltdenken notwendigen Tugenden: Eis, Unerbittlichkeit, Strenge, Zorn, Grazie." Rainald Goetz hat diese "Tugenden", zweifellos.
Und sein Buch hat sie auch. So ist es nicht der geringste Vorzug von "Krieg/Hirn", daß ein Schreckenswort wie "Diskurs" auf über 500 (Suhrkamp!) Seiten nicht vorkommt.
Im Stücke-Band, dem reinen weißen, gerinnen die Tugenden zur Kunst: Haß und Weltekel werden in strenge, wohlgesetzte Verse gezwängt und diese wiederum in die klassischen Formen des antiken Dramas. Und über allem schwebt Thomas Bernhard. Nur, so hat der sich nie getraut. Der Krieg findet in drei
Teilen statt. Sie heißen "Heiliger Krieg", "Schlachten" und "Kolik". Zum Inhalt ist damit das meiste schon gesagt. Um "Welt, Revolution, Bier" handele es sich bei dem ersten Drama, teilt uns der Vortext mit. Vor allem Bier.
"So ein Schluck Bier ist nie falsch" läßt Goetz einen seiner Hauptdarsteller sagen. Nun gut, ein Schluck. Aber Stockhausen, Stammheimer und das übrige Personal aus wohlriechenden mündigen Bürgern" und "jungen unbekannten Soldaten" saufen sich das Hirn aus dem Kopf. "Daahuhuhahu ooooo düüdidihi dermooomhmm", lallt ein "torkelnder singender mündiger Bürger", und ein "Chor der mündigen Bürger" kommentiert die disparate Szene: "Du böse böse Welt. Oi Oi Oi Feu Feu."
Natürlich sind zum Schluß alle tot. Das heißt, dies können sie noch rufen: "Es lebe/Das Leben/Die Revolution/Der Sieg."
Der Welthölle des "Heiligen Kriegs" folgt im zweiten Stück die Familienhölle. Die Zahl der Darsteller ist entsprechend geschrumpft: Vater, Mutter, Schwestern. Der Vater ist ein Schlachtenmaler der allerdings seit 30 Jahren keine Schlacht mehr gemalt hat. Jetzt liegt er krank im Bett und trinkt und kotzt sich aus.
Es ist das schwer zu ertragende Selbstporträt eines Sterbens, und es ist nur tröstlich, daß Goetz die schlimmsten Details in sein unverständliches medizinisches Fachvokabular verpackt.
Der eigenwilligen Bierwerbung dritter Teil schließlich hat nur noch eine Person. In diesem furchterregenden Monolog-Crescendo wird der allmächtige Ekel nicht mehr literarisch ziseliert und schon gar nicht, wie zuvor, in manieristische Schriftbilder gepreßt. Hier wird nur noch gesoffen. Und gestorben.
Es ist schwer zu glauben, aber gleich eine Reihe deutschsprachiger Bühnen bemüht sich um die Aufführungsrechte von "Krieg". Den Anfang wird, in der kommenden Saison, Claus Peymann am Wiener Burgtheater machen. Also ab in die, wie es bei Goetz heißt, "Wahrheitsgaskammer Theater".
Von Hartmut Schulze

DER SPIEGEL 26/1986
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