31.03.1986

ÖLWas das Rohr hält

Wieder eine Opec-Konferenz ohne Ergebnis: Der Ölpreis fällt weiter, Benzin gibt es in der Bundesrepublik inzwischen für weniger als eine Mark pro Liter. *
Am Ende der Opec-Konferenz im Genfer Interconti-Hotel sah Saudi-Arabiens Ölminister Ahmed Saki el-Jamani aus wie Omar Sharif am Ende des Schiwago-Films: schlaff, grau, müde und gar nicht mehr schön.
Dem Saudi, dessen Land sich als Kernzone des Opec-Ölkartells empfindet, war nach neuntägigem Palaver verstellt worden, was er als einzigen Weg aus dem Preis-Desaster bei Rohöl erkannt hatte: die Senkung der Förderquote für Öl.
Zwar hatten sich die Opec-Mitglieder zunächst darauf verständigt, ihre gesamte Tagesförderung von 16 Millionen Barrel auf 14 Millionen zurückzufahren. Doch ohne Einigung blieben die Mitglieder des Ölkartells, als es um die entscheidende Frage ging: wie die Minderförderung aufgeteilt werden soll. Die künstliche Verengung der Märkte, das Ziel Jamanis, kann vorerst nicht stattfinden.
Für solche Marktengen hatte Ölland Saudi-Arabien seit dem Gipfel der Ölpreise im Jahr 1981 (34 Dollar je Barrel) fast allein gesorgt. Wann immer Gefahr drohte, der Ölpreis könnte wegen sinkender Nachfrage auf dem Weltmarkt wanken, schränkten die Saudis ihre Förderung ein; wann immer das Gegenteil drohte, legten sie wieder zu.
Diese Rolle des "swing producers" aber funktionierte nicht mehr, als die Nachfrage des Westens nach Opec-Öl so rasch fiel, daß die Saudis mit ihren Fördereinschränkungen nicht mehr folgen konnten.
Das Königreich Saudi-Arabien besitzt eine installierte Förderkapazität von 12,5 Millionen Barrel Öl am Tag. 1980 holten die Saudis täglich noch 9,9 Millionen Barrel Rohöl aus ihren Wüsten, 1984 sind es 4,6 Millionen gewesen, und im Juni 1985 ganze 2,3 Millionen.
Damit hatten die Saudis den Marktpreis für Öl zwar immer noch auf etwa 27 Dollar halten können; nur: Ihre eigenen Haushalte waren bei diesen geringen Fördermengen ins Defizit geraten.
Um seine Opec-Freunde zur Förderbeschränkung zu zwingen, verdoppelte Jamani in der zweiten Hälfte des vorigen Jahres die Ölproduktion. Der Barrel-Preis sauste binnen weniger Wochen auf unter 20 Dollar. Doch die Opec-Freunde dachten gar nicht daran, dem Scheich und sich selber zu helfen. Der Preis fiel dann sogar unter 15 Dollar.
Wie immer, so lehnten auch in Genf die volkreichen Opec-Länder wie Algerien, Venezuela und Nigeria Förderbeschränkungen ab. Sie brauchen Geld und keine Hoffnungen auf übermorgen. Die kriegführenden Opec-Staaten Iran und Irak gefallen sich in Deklamationen und fördern weiter, soviel sie können.
Am Ende versuchte der Scheich, einigen eigens geladenen Nicht-Opec-Ländern seine Idee der Förderbeschränkung zu verkaufen. Aber auch die von Jamani geladenen Außenseiter blieben unbeeindruckt, zumal die eigentlichen Adressaten, die Ölförderer unter den Industrieländern, gar nicht erst gekommen waren.
Die USA, Großbritannien und Norwegen haben seit dem Hoch der Ölpreise soviel zusätzlichen Stoff auf den Weltmarkt geworfen, daß der Opec-Anteil am Ölgeschäft von 55 auf 29 Prozent schrumpfte. Und sie haben, wann immer die Saudis ihre Förderung drosselten, noch mehr dazugelegt.
Den Nordsee-Ländern galt denn auch der Hinweis Jamanis, im nächsten Jahrzehnt werde der Ölpreis wieder steigen. Aber die Quellen unter den Wassern des Blanken Hans werden schon in den nächsten Jahren nicht mehr soviel Öl hergeben wie bisher.
Deshalb müßten Briten und Norweger eigentlich an gedrosselter Förderung interessiert sein. Doch da sie ein anderes System bevorzugen als die meisten Opec-Staaten, werden sie weiterhin fördern, was das Rohr hält.
Das Öl aus der Nordsee nämlich haben die Anrainerstaaten per Konzessionen an die Ölgesellschaften abgetreten. Die fördern Nordsee-Öl, solange es ihre Bilanzen besser aussehen läßt als hinzugekauftes Opec-Öl. An Opec-Öl ist für sie nie viel zu verdienen, weil die Ölstaaten den Zugewinn kassieren. An Nordsee-Öl dagegen ist immer zu verdienen, solange der Ölpreis über den technischen Förderkosten für Rohöl liegt.
Auch die Regierungen der Nordsee-Ölländer, voran die britische, wollen keine gedrosselte Förderung. Sie haben die ihnen von den Ölgesellschaften überwiesenen Förderzinsen fest ins Budget eingeplant. Da der Förderzins sich nach dem Marktpreis richtet, ist Margaret Thatchers Regierung daran interessiert, daß bei niedrigem Preis sogar mehr und nicht weniger Öl gefördert wird.
So hat denn der Preiskrieg des Scheichs Jamani bisher nirgends zum Ziele geführt - außer bei etlichen privaten Öldrillern in den USA, die auf unablässig steigende Rohölpreise spekuliert hatten und nun reihenweise Pleite machen.
Doch der US-Markt rettet die Opec nicht. Unwirsch ließ Jamani deshalb die Drohung los, nun könne der Ölpreis auch noch auf acht Dollar sacken. Und in den neunziger Jahren werde es dann eben wieder ein paar Ölpreiskrisen in der umgekehrten Richtung geben.
Damit könnte Jamani richtig liegen. Schon beim Preis von zwölf Dollar - einer Taxe, die vorige Woche zeitweise unterschritten wurde - wollen die Konzerne nicht mehr viel Geld in die Erschließung neuer wesentlicher Ölquellen stecken. Und die vorhandenen Ölquellen, die in der Nordsee, laufen währenddessen leer.
Die 90 Pfennig für den Liter Sprit, mit denen sich manche bundesdeutsche Tankstellen vorige Woche schon zufrieden gaben, werden dann wieder eine romantische Erinnerung sein.
[Grafiktext]
OPEC UNTER DRUCK Ölproduktion der Opec-Länder in Millionen Barrel pro Tag (1985 geschätzt) 1960 8,7 31,3 1985 16,5
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 14/1986
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