18.08.1986

BUMERANGVöllig high

In Parks, auf Wiesen und an Stränden boomt der Bumerang. Warum das wohl älteste Sportgerät der Welt zum Werfer zurückkommt, weiß bis heute niemand. *
Einsam steht Wilhelm Bretfeld, 64, auf dem Sportfeld, prüft sorgfältig Windrichtung und Windstärke, bevor er kraftvoll ein Stück Holz in die Luft schleudert.
Das Holz fliegt zunächst in Wurfrichtung, neigt sich dann trudelnd zur Seite, nimmt eine leichte Kurve, wird vom Wind erfaßt und aus dem Stadion getragen. Werfer Bretfeld sieht sein Flugobjekt ein letztes Mal "in Baumhöhe über einem Einfamilienhaus", bevor er es aus den Augen verliert.
Der ehemalige Schulleiter aus Norderstedt bei Hamburg rennt aufgeregt von Haus zu Haus und stellt verdutzten Eigenheimbesitzern immerzu die gleiche Frage: "Haben Sie hier eben einen Bumerang landen sehen?" Doch sein Wurfholz bleibt verschwunden.
Bretfeld kann's verschmerzen. Kaum eine halbe Stunde braucht er, um ein neues Exemplar auszusägen, zu schleifen und für den Flug zu präparieren. Es wurmt ihn allenfalls, daß der verlustig gegangene Bumerang gerade die ihm nachgerühmte Eigenschaft, zum Werfer zurückzukehren, unterwegs aufgegeben hat.
Die Erklärung für das Fehlverhalten fällt dem pensionierten Pädagogen leicht. Der tüftelnde Bumerangbauer wollte schließlich den Prototyp einer Spezialanfertigung erproben, einen sogenannten Langflieger. Wenn solch ein Sonderexemplar überraschend in eine günstige Thermik gerät, kann schon mal passieren, was dereinst Ringelnatz zusammenreimte: "Bumerang flog ein Stück, aber kam nicht mehr zurück. Publikum - noch stundenlang- wartete auf Bumerang."
Das Risiko muß einkalkuliert werden, wenn sich so leidenschaftliche Bastler wie Bretfeld ans Holz machen. Denn längst nicht mehr geben sich die Cracks unter den Bumerang-Sportlern damit zufrieden, das Krummholz, "immer den Himmel im Auge", wie der letztjährige Deutsche Meister Günther Wandtke schwärmt, einfach nur in die Luft zu werfen und, nach einer Flugzeit von etwa elf Sekunden, wieder aufzufangen.
Modelle der Marke Eigenbau erobern den Markt, die möglichst weit oder schön fliegen und dabei, je nach Geschick des Werfers, "floaten" oder "jugglen" sollen. Nur zurückkommen sollen sie möglichst alle.
Was versierte Werfer wie Bretfeld und Wandtke kunstvoll beherrschen, wird zunehmend auch von Freizeitsportlern versucht, in den Parks der Großstädte, auf Wiesen und Feldern oder auch, zur Urlaubszeit, am Lister Ellenbogen auf Sylt. Der Bumerang, das wohl älteste und zugleich geheimnisvollste Sportgerät der Welt, erlebt eine "Renaissance" (Bretfeld).
"Bumerang ist in", freut sich Günther Veit, der Präsident des Deutschen Bumerang Clubs, der 200 wurfbegeisterte Mitglieder hat. In Volkshochschulen und Universitäts-Sportgruppen studieren Tüftler die Technik des Wurfgerätes, das eingedenk seiner eigentümlichen Flugeigenschaften seit jeher mit dem "Flair des Geheimnisvollen" (der Kieler Spitzenwerfer Jens Behrmann) behaftet ist. Bücher von Veit und Bretfeld über das irgendwo zwischen Kunst und Sport angesiedelte Wurfinstrument verkaufen sich neuerdings tausendfach.
Bei Sportartikelhändlern hat sich der "Kleiderbügel für chronisch hängende Schultern" (Szene-Jargon) so weit "in den Vordergrund gedrängt", heißt es etwa bei "Sportlepp" in Hamburg, daß er manchmal schon "die Frisbee-Scheibe ablöst".
In Australien, behaupten Bumerang-Forscher, wurde das sonderbare Fluggerät schon vor mehr als 10000 Jahren durch die Luft gewirbelt. Auch andere Kulturen kannten offenbar in früher Zeit vergleichbare Wurfhölzer. In Dänemark und Holland beispielsweise fanden Historiker bumerangähnliche Gebilde, die einige tausend Jahre alt sein dürften. Die
Hopi- oder Mosqui-Indianer im amerikanischen Bundesstaat Arizona benutzten einen vergleichbaren "Rabbit Stick". Selbst im über 3000 Jahre alten Grab des ägyptischen Pharaos Tutenchamun wurde ein goldverzierter Bumerang aus Elfenbein gefunden.
Die meisten altertümlichen Krummhölzer, auch das fanden Forscher heraus, dienten jedoch vornehmlich als Kampfwaffe bei kriegerischen Auseinandersetzungen, bisweilen auch - in einer geradeaus fliegenden Version - als Jagdgerät, das flüchtenden Tieren hinterhergeschleudert wurde.
Das "einzigartige und faszinierende Wurfgerät" aber, das den britischen Rekordwerfer Herb Smith und seine Nacheiferer begeistert, wurde der modernen Welt von australischen Ureinwohnern, den Aborigines, überliefert. Nach Landung der ersten weißen Siedler in Australien, Ende des 18. Jahrhunderts, wurden Tausende von Bumerangen in den Museen der Welt eingelagert.
Wie, wann und warum die Aborigines ihre leicht gekrümmte und schon damals aerodynamisch geformte Jagdwaffe, den ausschließlich geradeaus fliegenden Kaili, letztlich zu einem Rückkehrer fortentwickelten, ist nicht überliefert. Ob es ein zufallsbedingter Konstruktionsfehler war oder das Ergebnis gezielten Forscherdrangs - niemand vermag es schlüssig und endgültig zu beantworten. Ebenso unerklärbar blieb bis heute, warum der Bumerang zum Werfer zurückkommt.
Wissenschaftler wissen nur, daß verschiedene physikalische Gesetze der Aerodynamik, der Ballistik und der Schwerkraft im Flug aufeinander ein- und zusammenwirken, die dem Bumerang zugleich die Eigenschaften eines fliegenden Diskus, eines kurvenden Flugzeugs, eines Kreisels und eines Hubschrauber-Rotors verleihen. Die Physik erklärt freilich nur ungenügend, weshalb die propellerartig gegeneinander gestellten Arme des Bumerangs das oft nur 100 Gramm schwere Geschoß erst flink nach vorn schnellen und dann kreiselnd im Bogen zum Werfer zurückfliegen lassen.
Das geheimnisvolle Flugverhalten macht den Reiz des Bumerangwerfens aus, das den meisten mehr ist "als eine Kugel zu bewegen und Tore zu schießen" (Veit). Selbst Anfänger sind im Nu mit dem "Wurfholzvirus" infiziert, wie es der Stuttgarter Hörfunkredakteur Johannes Lehmann beobachtet hat.
Auch dem pensionierten Pädagogen Bretfeld geht es noch immer so. Wenn er auf Äckern und Wiesen "mit sich selbst Fangen spielt", verspürt er "die reine Lust". Nicht selten schlich er sich in Unterrichtspausen aus der Schule, um auf benachbarten Feldern ein neues Modell auszuprobieren.
Spitzenwerfer haben den Sport mit optischen Finessen verfeinert. Sie werfen nachts mit Wunderkerzen oder Phosphorfarbe illuminierte Hölzer, die bizarre Lichtgebilde in die Luft zaubern.
Als absolute Krönung gilt es, um den Stuttgarter Fernsehturm, den Pariser Eiffelturm oder das Washington Monument herumzuwerfen. Frühmorgens, bevor die Polizeiwachen in der amerikanischen Hauptstadt ab sechs Uhr Posten beziehen, schleichen Fans aus Amerika oder Bumerang-Touristen aus Europa an, um den Obelisk mit einer Grundfläche von 279 Quadratmetern, der noch dazu von 50 Fahnenmasten umsäumt ist, einmal zu umrunden. Wenn das Holz, nach sekundenlanger Wartezeit, schließlich auf der anderen Seite wiederauftaucht, ist das selbst für Spitzenwerfer wie den Amerikaner Nick McAuliffe "ein wirklich aufregendes Erlebnis".
Um solche Höchstleistungen erzielen zu können, bedienen sich die Bumerangsportler, wie bei den Internationalen Deutschen Meisterschaften letztes Wochenende in Hamburg, inzwischen neuer Formen und Materialien, die mit den überlieferten Kleiderbügeln kaum noch etwas gemein haben. Geworfen wird mit Drei-, Vier- oder Sechsflüglern, mit Dreiecken, Vierecken, unterschiedlichen Buchstabenformen und Figuren. "Alles was vorne rund und hinten scharf ist", sagt Konstrukteur Bretfeld, "das fliegt."
Das schwere Naturholz der australischen Ureinwohner ist leichten Sperr- und Balsaholzkonstruktionen gewichen. Es gibt Bumerange aus Edelhölzern wie Palisander und Grenadill, aus glasfaserähnlichem Glasseidengewebe, aus Pertinax-Kunststoff oder Plexiglas. Als neueste Kreation erobert eine High-Tech-Version aus Alucobond den Markt, einem Aluminiumprodukt mit Kunststoffschicht dazwischen. Wenn Amerikaner ein solches Exemplar in die Finger bekommen, weiß Bretfeld, "sind die völlig high".
Die deutschen Bumerang-Konstrukteure haben ihren einstigen Vorbildern in Übersee inzwischen erfolgreich nachgeeifert. Mit einem Bumerang des Kielers Behrmann wurden in Australien Rekorde geworfen. Das "Bretfeld-Design" eines Langfliegers verhalf dem Amerikaner Peter Ruhf zum Weltrekord im Langzeitflug - eine Minute und 35 Sekunden "mit Catch", anschließendem Fang. Der Norderstedter Konstrukteur brachte es zum Titel eines "Modern Father of MTA (Maximum Time Aloft)".
Unerreicht blieb bislang noch eine amerikanische Variante der Boom-Sportart, die oft mehr Beulen als Beifall einbringt. US-Profis wie Eric Darnell oder Barnaby Ruhe werfen ihren Bumerang, legen sich einen Apfel auf den Kopf und lassen sich vom zurückkehrenden Holz die Frucht vom Kopf fetzen - der "Wilhelm-Tell-Schuß".

DER SPIEGEL 34/1986
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