31.03.1986

Der Zocker

Manfred Burgsmüller sagt von sich, er sei ein „Schlitzohr“. Wie kein anderer sorgt der Bremer Stürmer in der Bundesliga für Gesprächsstoff. *
Schon frühzeitig entschied Manfred Burgsmüller, 36, daß "man mit der lieben und braven Tour im Leben nicht weit kommt". An diese Erkenntnis hat sich der eigenwillige Fußball-Profi in nunmehr 18 Dienstjahren stets gehalten.
In der Branche reüssierte Burgsmüller gleichermaßen als Torjäger und Heckenschütze, der mal den gegnerischen Torwart abschoß, mal den eigenen Trainer. Er sei ein "enfant terrible", schrieben die Zeitungen häufig über Burgsmüller. "Lustig, nett, ein bisserl verschlagen", nannte ihn "Bild"-Kommentator Max Merkel.
Burgsmüller sagt: Er sei "ein Schlitzohr", laut Definition des Duden "umgangssprachlich für gerissener Bursche, Gauner". Den Fußball-Beobachtern muß er wie ein Relikt aus spannenderen Zeiten vorkommen.
Seit Otto Rehhagel, Werder-Trainer mit der Vorliebe für "richtige Jungs", im vergangenen November den Stürmer vom Zweitligaklub Oberhausen nach Bremen holte, stieg der Unterhaltungswert der Bundesliga beträchtlich. Wie früher, als noch Individualisten statt der angepaßten Mitläufer von heute das Bild prägten, ist beinahe jedes Wochenende für Gesprächsstoff gesorgt.
Burgsmüllers Kunstschuß in Mönchengladbach diskutierten die Fans ebenso bundesweit wie seinen Treffer gegen Düsseldorf: Nach einem mißglückten Abschlag des Fortuna-Keepers Jörg Schmadtke schoß er den Ball direkt ins Tor. Jetzt machte abermals ein Burgsmüller-Treffer Schlagzeilen, doch diesmal kamen vornehmlich aus dem Kollegenkreis harsche Reaktionen.
"Nicht pfiffig, sondern unsportlich", urteilte der Schalker Bernard Dietz, weil Burgsmüller beim Spiel gegen Kaiserslautern dem Torwart Gerald Ehrmann den Ball aus der Hand gerempelt und ins Tor gekickt hatte. Der Bochumer Klaus Fischer unterstellte: "Es ist Burgsmüllers Absicht, sich unfair zu verhalten", und Bayern-Mittelstürmer Dieter Hoeneß verlangte sogar aufgeregt, "die größte Unsportlichkeit" müsse bestraft werden.
Das solle man alles nicht so verbissen sehen, hält Burgsmüller den Kritikern entgegen. Er habe "korrekt gerempelt", außerdem sei der Treffer schließlich anerkannt worden. Daß, so die "Welt", ein "Bedauern über die Unfairneß" überwog, kümmert Burgsmüller nicht im mindesten. Die veröffentlichte Meinung schätzt er gering und verbirgt es keineswegs. Ein Teil seines über die Jahre hinweg in den Medien gepflegten Negativ-Images basiert auch auf dem bisweilen ruppigen Ton im Umgang mit Journalisten.
Burgsmüller hat nie Wert auf eine Lobby gelegt. Es erklärt letztlich, warum er es auf nur drei Berufungen in die Nationalelf gebracht hat. Dabei waren nur Gerd Müller (365 Tore), Klaus Fischer (263) und Jupp Heynckes (220) seit Gründung der Bundesliga erfolgreichere Schützen als er mit 189 Treffern.
Nach seinem Länderspieldebüt 1977 in Stuttgart gegen die Schweiz fertigte Burgsmüller die wartenden Reporter mit der Bemerkung ab: "Ich weiß nicht, wie Sie mich gesehen haben, ich habe mich gut gesehen, wiederschaun." Als ihm der damalige Bundestrainer Helmut Schön empfahl: "Bleib auf dem Teppich", entgegnete er knapp: "Ich dachte, wir spielen auf Rasen."
"Der Manni", so Rehhagel über den Spieler, mit dem er bereits vor acht Jahren in Dortmund zusammenarbeitete, sei nie ein Diplomat gewesen. Er sage jedem die Meinung, habe vor keinem Angst.
Auch deshalb erinnerte sich Rehhagel an Burgsmüller, als er im Herbst in Personalnöte geraten war. Wichtige Werder-Spieler waren verletzt, der Sturz vom Bundesligagipfel drohte. "Da brauchte ich", so Rehhagel, "unbedingt einen Mann, der sich im Geschäft auskennt."
Der Handel hat sich für alle gelohnt. Für nur 150000 Mark Ablöse bewahrte sich Werder Bremen die Möglichkeit, nach 21 Jahren wieder mal einen Meistertitel zu holen. Ohne die zehn Tore, die Burgsmüller in den letzten 14 Spielen erzielte, hätte der Klub den Ausfall seines seit Monaten verletzten _(Am 21. März beim Bundesligaspiel Bremen ) _(- Kaiserslautern. Als Burgsmüller sieht, ) _(daß Torwart Ehrmann den Ball nicht unter ) _(Kontrolle hat (oben), rempelt er den ) _(Gegner (Mitte) und schießt ein (unten). )
Nationalspielers Rudi Völler nicht kompensieren können.
Burgsmüller, laut Rehhagel "ein Zocker, der das Außergewöhnliche probiert", stieg aus der Versenkung in Bremen zum Star der Saison auf. Sein bis zum 30. Juni 1987 laufender Vertrag bringt ihm rund 400000 Mark ein. Über die Bundesligaspieler dieser Generation sagt Burgsmüller: "Sie haben oft Angst, verstecken sich in der Masse, wollen nicht auffallen".
Rehhagel war spöttisch belächelt worden, als er den "Fußball-Opa" engagierte, der zudem noch im Ruf eines Querulanten stand. Doch der Trainer verteidigte sich mit dem nicht unbedingt branchentypischen Hinweis: Gerade das freche Wesen sei eine der großen Stärken Burgsmüllers.
Denn, so begründete Rehhagel: "Ein Spieler, der mir keine Schwierigkeiten macht, macht auch dem Gegner keine."
Am 21. März beim Bundesligaspiel Bremen - Kaiserslautern. Als Burgsmüller sieht, daß Torwart Ehrmann den Ball nicht unter Kontrolle hat (oben), rempelt er den Gegner (Mitte) und schießt ein (unten).

DER SPIEGEL 14/1986
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