28.07.1986

BÜCHERMit angeschlagener Leber

Eric Ambler, der Altmeister des Polit-Thrillers, hat seine Autobiographie geschrieben: die Geschichte eines schüchternen Story-Erfinders, der zum Kriegsberichterstatter wird. *
Die "Taverne du Chateau" zu Vevey am Nordufer des Genfer Sees ist ein Restaurant mit respektabler Küche. Zur Mittagszeit findet sich dort des öfteren ein älterer Herr ein, der zielsicher einen Ecktisch im hinteren Teil des Lokals ansteuert. Das Carre d''agneau provencal ordert dieser Gast mit unverkennbar britischem Akzent. Den vom Kellner empfohlenen Brouilly lehnt er zwar bedauernd ab und bestellt Perrier, doch die Begründung, mit der der Herr im korrekten Sommeranzug auf den Wein verzichtet, läßt den Gourmet der guten, alten Art erkennen. Die Leberparameter lägen mal wieder etwas zu hoch.
Der Genießer, der auf diese Weise seiner angeschlagenen Leber Tribut zollt, sieht aus wie ein britischer Rentier, der die Zinsen seines Vermögens an den sonnigen Gestaden des Lac Leman verlebt. Rein gar nichts an der Erscheinung dieses Gentleman deutet darauf hin, daß der Mann jemals anderes geschrieben haben könnte als seinen Namen auf die Scheckformulare der Barclays Bank. Wenn seine Augen hinter den bifokalen Brillengläsern überhaupt etwas verraten, dann sind das Humor, Skepsis und eine gewisse kokette Verdrießlichkeit.
Die Neigung zu Zweifel und Mißmut bildet eine professionelle Deformation des englischen Romanciers Eric Ambler, der seit fünfzig Jahren von der kenntnisreichen Darstellung politisch-ökonomischer Schurkereien lebt. Den Stoff für seine zeitgeschichtlich wohl unterfütterten Thriller findet er dort, wo Rüstungskonzerne für den Absatz ihrer Produkte sorgen, Geheimdienste im trüben fischen, Staats- und sonstige Terroristen ebenso menschenverachtend wie gewalttätig an der Macht kleben oder nach ihr drängen.
In bisher 18 Romanen hat der Meister des Polit-Thrillers nahezu sämtliche großen Konflikte und Spannungsfelder des vergangenen halben Jahrhunderts Revue passieren lassen. Das beginnt in den dreißiger Jahren bei der Verschwisterung von Hochfinanz und Faschismus ("Ungewöhnliche Gefahr", "Anlaß zur Unruhe"), setzt sich nach kriegsbedingter Pause fort mit den Praktiken stalinistischer Politik im Balkanraum ("Der Fall Deltschev") und endet noch lange nicht beim arabisch-israelischen Konflikt ("Der Levantiner") oder den Aktivitäten der grauen Eminenzen von CIA und KGB ("Das Intercom-Komplott").
Gründliche Recherchen zu solchen Themen verbieten es einem Schriftsteller von selbst, diese Welt für die beste aller möglichen zu halten. Internationale Politik, so läßt der junge Ambler schon 1937 einen seiner Protagonisten die Weltlage analysieren, wird nicht durch Ideologien, sondern von den ökonomischen Interessen der Bankiers, Waffenfabrikanten und Ölgesellschaften bestimmt. Dieser Mischpoke ist nur auf die Schliche zu kommen, "wenn man das Börsengeschehen in Paris, London und New York mit den Augen eines Revisors, dem Verstand eines Nationalökonomen und der Geduld des Hiob erforscht".
Amblers jüngstes Buch _("Amber by Amber". Deutsch von Matthias ) _(Fienbork. Diogenes Verlag, Zürich; 388 ) _(Seiten; 39 Mark. )
beginnt - ganz im Stile eines Thrillers - mit einem schweren Autounfall. Nur ist der Held der Geschichte, der da mit einer Gehirnerschütterung am Rande der Autobahn Lausanne-Genf neben dem Wrack seines BMW hockt, keine am Schreibtisch ersonnene Kunstfigur, sondern der Autor selbst. Während einer unruhigen Nacht im Genfer Kantonshospital quält ihn die Angst vor einem weiteren Totalschaden: dem irreversiblen Verlust des Sprach-, Denk- und Erinnerungsvermögens. Und so benutzt der Patient vom Jahrgang 1909 die Pausen zwischen den Kontrollgängen der Nachtschwester, um _(Links: 1964 mit Melina Mercouri und ) _(Maximilian Schell; rechts: 1947 bei der ) _(Verfilmung von "The October Man" mit ) _(John Mills. )
sich zu vergewissern, daß sein "Grips", die "Kostbare natürliche Ressource" des Schriftstellers, nicht versiegt sei.
Die Befürchtungen jener Nacht haben sich als Gratisangst erwiesen: "Ambler by Ambler", die Autobiographie der frühen Jahre des Thriller-Autors, registriert mit bewährter Genauigkeit Personen, Szenen und Skurrilitäten, die sich an die Vita eines gescheiten und weltläufigen Mannes knüpfen. Erzählt wird diese Lebensgeschichte nicht ohne Humor. Ihr ungeschriebenes Motto könnte einer Anekdote entlehnt sein, die Ambler gerne über den Pianisten Oscar Levant berichtet. Der kommentierte den falschen Glanz einer Oscar-Verleihung mit der trockenen Bemerkung: "lf you take away all that tinsel, you come to the real tinsel" - wenn man das ganze Talmi wegnimmt, stößt man zum echten Talmi vor.
Das komödiantische Talent, das der Geschichtenerzähler Ambler häufig aufblitzen läßt, hat man ihm schon in die Wiege gelegt. Die stand im tristen Südosten von London und wurde von einem Elternpaar bewegt, das sich in den Music-Halls der Hauptstadt bestens auskannte. Alfred und Amy Ambler traten mit einer Marionetten-Show, mit Variete- und Gesangsnummern als halbprofessionelle Entertainer auf. Eindrücke aus dem Künstlermilieu prägten die Kinderjahre des Schriftstellers, die ansonsten recht behütet und geruhsam verliefen. Für Aufregung sorgten lediglich deutsche Luftangriffe während des Ersten Weltkriegs und die Frontberichte dienstfähiger älterer Verwandter.
Nach überstandener Pubertät traten andere Sensationen in das Leben des Eric Ambler. Da mit Mädchen nicht viel lief und dem jungen Mann spätestens beim dritten Bier regelmäßig übel wurde, wandte er sich den Mysterien der Chemie zu, die er gemeinsam mit einem Freund auch experimentell auskostete. Literarisch bildete er sich an den Figuren, die das Universum der großen Abenteuer - und Kriminalromane bevölkern. Außerdem gab es natürlich noch das Kino, lange (wenn gleich überaus theoretische) Diskussionen über Sex und schneidige Vorbilder aus den Reihen älterer Jugendlicher. Einer dieser Kerle imponierte Ambler besonders. Er brachte Eric bei, wie man beim Rauchen inhaliert, und zitierte stets und ständig die einem geplagten Handlungsreisenden abgelauschte Lebensregel: "Sauber angezogen, gut geschissen und rasiert, und schon bist du ein neuer Mensch."
Erste literarische Gehversuche machte der gelernte Maschinenbauer Ambler als Stückeschreiber einer Laienbühne. Erfolgreicher als diese Problemdramen waren die Werbetexte, die er für eine Elektrofirma schrieb. Da gelang dem Autor immerhin das Kunststück, eine Fehlkonstruktion - äußerst lichtschwache Glühlampen für Autoscheinwerfer - zur zukunftweisenden Entwicklung auf dem Gebiete der Lichttechnik umzufälschen. Die trüben Leuchten wurden ein Bestseller.
Zugkräftige Prosa war alsbald das Amblersche Markenzeichen. Nachdem er seine stilsichere Feder noch an einem Leitfaden über Schwangerschaft erprobt hatte, ließ er 1936 seinen ersten Roman erscheinen: "Der dunkle Grenzbezirk". Dieses Buch - ein Stuck politischer Science-fiction, das die Herstellung der Atombombe um fast ein Jahrzehnt vorwegnahm - war kommerziell nur ein mäßiger Erfolg. Aber die Kritiker begannen, sich den Namen Ambler zu merken.
Bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges folgten vier weitere Romane, in denen Ambler sein literarisches Rezept vervollkommnete. Er bettete seine Storys ein in aktuelle politische und zeitgeschichtliche Bezüge, verstrickte die Protagonisten in Komplotte, die sich unschwer als Machenschaften faschistischer und autoritärer Regime auf dem Kontinent entschlüsseln ließen.
Die Personlichkeitsprofile der zentralen Figuren von Ambler sind bis heute gleich geblieben: Keine von ihnen ist scharf darauf, heroisch Widerstand zu leisten, alle würden viel lieber vor dem Unrecht die Augen verschließen, aber wenn man ihnen mit Druck kommt, dann schlagen diese Anti-Helden sich
tapfer auf die Seite von Humanität, Demokratie und Fairness.
Im Krieg diente Ambler erst als gemeiner Soldat bei der Artillerie und brachte künftigen Kradmeldern das Motorradfahren bei, dann wurde er, weil er auch schon Drehbücher geschrieben hatte, zu einer Armeefilmeinheit versetzt. Dank dieser militärischen Verwendung erlebte der später zum Oberstleutnant beförderte Ambler ein paar burleske Sternstunden des alliierten Filmwesens.
Die teilte er unter anderen mit Peter Ustinov, David Niven, Carol Reed und John Huston. Vor allem Huston war laut Amblers scharfzüngigem Bericht ein Unikum. Als er 1943 zusammen mit Ambler nach Italien geschickt wurde um die Befreiung des Landes vom Faschismus im Film festzuhalten, hatte der Regisseur sich der U.S. Air Force schon durch einen Propagandastreifen über ein Bomberkommando auf den Aleuten empfohlen. Sein soldatisches Image kultivierte Huston durch ständiges Tragen einer Pilotenbrille - ein Geschenk der Freunde von der Air Force. In Gefechtssituationen war er allerdings nicht in der Lage, Artilleriebeschuß von Bombeneinschlägen zu unterscheiden und suchte stets am falschen Ort Deckung.
Der Film, den Ambler und Huston drehten, bestand größtenteils aus nachgestellten "Kampf''-Szenen. Realistisch war nur eine Sequenz, in der die GIs ihre Gefallenen sang- und klanglos in Schlafsäcken beerdigten. Diese pietätlose Genauigkeit im Detail brach dem Werk das Genick. Der filmische Frontbericht wurde von der Zensur kurzerhand verboten.
So trocken pflegen auch Amblers Romane zu enden. Ob der nunmehr 77jährige Meister des Spionage- und Kriminalromans der verschworenen Gemeinde seiner Leser demnächst einen weiteren Fall zur Lösung vorlegen wird, steht dahin. Anlaß zur Hoffnung gibt die Tatsache, daß Ambler als rastloser Workaholic gilt. Den Fortsetzungsband seiner Autobiographie hat er schon in Arbeit.
"Amber by Amber". Deutsch von Matthias Fienbork. Diogenes Verlag, Zürich; 388 Seiten; 39 Mark. Links: 1964 mit Melina Mercouri und Maximilian Schell; rechts: 1947 bei der Verfilmung von "The October Man" mit John Mills.

DER SPIEGEL 31/1986
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 31/1986
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BÜCHER:
Mit angeschlagener Leber

Video 00:59

Ungewöhnliches Rennen Wer gewinnt?

  • Video "Moorbrand in Meppen: Landkreis Emsland ruft Katastrophenfall aus" Video 00:00
    Moorbrand in Meppen: Landkreis Emsland ruft Katastrophenfall aus
  • Video "Über 300 Meter lang: Riesiges Spinnennetz an griechischer Küste" Video 00:35
    Über 300 Meter lang: Riesiges Spinnennetz an griechischer Küste
  • Video "Mordfall Peggy: Verdächtiger gesteht Transport der Leiche" Video 01:15
    Mordfall Peggy: Verdächtiger gesteht Transport der Leiche
  • Video "Vor laufender Kamera: Riesiger Gletscher-Abbruch in Grönland" Video 01:46
    Vor laufender Kamera: Riesiger Gletscher-Abbruch in Grönland
  • Video "Amateurvideo: Missglückte Bergungsaktion mit Bagger" Video 00:45
    Amateurvideo: Missglückte Bergungsaktion mit Bagger
  • Video "Staatschef am Drücker: Scharfschütze Putin" Video 00:49
    Staatschef am Drücker: Scharfschütze Putin
  • Video "Zahlen zum Kontrolltag: So gefährlich ist das Handy am Steuer" Video 01:47
    Zahlen zum Kontrolltag: So gefährlich ist das Handy am Steuer
  • Video "Merkels Tonprobleme bei Gipfel-PK: Was ist denn technisch hier los?" Video 01:57
    Merkels Tonprobleme bei Gipfel-PK: "Was ist denn technisch hier los?"
  • Video "Skurriler Unfall: Haus blockiert Highway" Video 00:34
    Skurriler Unfall: Haus blockiert Highway
  • Video "Zu geringer Kabinendruck: Flugpassagiere bluten aus Nasen und Ohren" Video 01:07
    Zu geringer Kabinendruck: Flugpassagiere bluten aus Nasen und Ohren
  • Video "Er war's, er war's: Nahles sieht Schuld für Maaßen-Debakel bei Seehofer" Video 01:36
    Er war's, er war's: Nahles sieht Schuld für Maaßen-Debakel bei Seehofer
  • Video "Video aus Kanada: Feuertornado saugt Feuerwehrschlauch an" Video 00:47
    Video aus Kanada: Feuertornado saugt Feuerwehrschlauch an
  • Video "Amateurvideo: Segelboot rammt Segelboot" Video 01:17
    Amateurvideo: Segelboot rammt Segelboot
  • Video "Lava-Spektakel auf La Réunion: Vulkanausbruch als Touristenattraktion" Video 01:28
    Lava-Spektakel auf La Réunion: Vulkanausbruch als Touristenattraktion
  • Video "Der Fall Maaßen/Seehofer: Ein Widerstandsnest gegen die Kanzlerin" Video 03:07
    Der Fall Maaßen/Seehofer: "Ein Widerstandsnest gegen die Kanzlerin"
  • Video "Ungewöhnliches Rennen: Wer gewinnt?" Video 00:59
    Ungewöhnliches Rennen: Wer gewinnt?