15.09.1986

KANZLERVerschwiegene Enteignung

Wer erfand die Wendung von der „Gnade der späten Geburt“? *
Beim Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch ging im Sommer, verpackt in einem Bündel Manuskriptblätter, "eine Anzeige wegen Diebstahls" ein - gegen Bundeskanzler Helmut Kohl oder "Helfershelfer von ihm". Der Verleger reichte die Meldung nicht an die zuständigen Behörden weiter, sondern warf sie, in ein Buch versteckt, auf den Markt. _(Günter Gaus: "Die Welt der ) _(Westdeutschen". Verlag Kiepenheuer & ) _(Witsch, Köln; 239 Seiten; 29,80 Mark. )
Bonns früherer Vertreter in Ost-Berlin, der Journalist Günter Gaus, beschuldigt den Kanzler des Plagiats. Kohl, so Gaus, hat ihm die Floskel von der "Gnade der späten Geburt" geklaut.
Tatsächlich hatte der Bonner Regierungschef am 25. Januar 1984 in der israelischen Knesset eine Rede mit jener inkriminierten Passage gehalten: Er stellte sich vor "als einer, der in der Nazizeit nicht in Schuld geraten konnte weil er die Gnade der späten Geburt und das Glück eines besonderen Elternhauses gehabt hat".
Tatsächlich auch findet sich in einem ein Jahr zuvor erschienenen Buch von Günter Gaus die folgende Passage: _(Günter Gaus: "Wo Deutschland liegt. Eine ) _(Ortsbestimmung". Hoffmann und Campe ) _(Verlag, Hamburg; 288 Seiten; 29,80 Mark. ) _____" Nationalist zu werden, ist mir wie den meisten meiner " _____" Generation, soweit sie links von der politischen Mitte " _____" siedeln, nicht möglich. Die Gnade der späten Geburt, " _____" unter der diese Jahrgänge leben - um 1930 geboren; zu " _____" jung, um den Versuchungen des Nationalsozialismus " _____" widerstehen zu müssen; alt genug, um die letzte " _____" Kriegszeit und die Besinnungsjahre danach bewußt " _____" aufzunehmen -, schließt einiges aus. "
Und in der Tat hatte Gaus das Wort auch öffentlich benutzt als "Redner über das eigene Land" in den Münchner Kammerspielen im November 1983, als er - geboren 1929 - reflektierte über die Erfahrungen von Leuten seinesgleichen seines Alters: "Ich habe verschiedentlich schon diese Jahrgänge in Deutschland als jene charakterisiert, die in der Gnade der späten Geburt leben."
Was lag, so der Bestohlene heute für Kohl näher, auf dem schwierigen Pflaster Israel jene Sentenz zu nutzen, die, ihm und allen Landsleuten jüngeren Geburtsdatums seitdem als feines Alibi dienlich sind: "Die feine deutsche Art ist eine solche verschwiegene Enteignung nicht", klagt der Staatssekretär a.D. und lobt sich für das einprägsame Wort.
Dumm nur, daß Kohl es ganz anders versteht als der Erfinder. Der wollte nachweislich - so in seiner Münchner Rede - klarmachen, seine Generation sei nur unverdientermaßen, zufälligerweise und kalendarisch unbeteiligt an den Grausamkeiten, die mit dem Namen und Ort Auschwitz in die Geschichte gehören: "Diese Jahrgänge... die in der Gnade der späten Geburt leben: zu spät geboren, um vom Nationalsozialismus in Entscheidungssituationen gebracht zu werden, denen man vielleicht nicht gewachsen gewesen wäre".
Bei Kohl das Gegenteil - erstmals in der Rede vor dem israelischen Parlament, seitdem mehrfach, wenn es eigentlich darum gegangen wäre, daß ein deutscher Kanzler Position bezogen hätte gegen jene wie den Abgeordneten Fellner, die ihr "Schluß damit" rufen und deutsche Geschichte dadurch zu rechtfertigen suchen, daß sie ihr Geburtsdatum als Unschuldsnachweis zum Zwecke des Freispruchs vorzeigen.
Für den Mann aus Oggersheim, geboren am 3. April 1930, sind die ersten 15 Lebensjahre nur Erdulden ("Ich habe den Krieg noch erlebt als Kind") oder gar Widerstand ("Die Nazizeit habe ich sehr bewußt in einem Elternhaus erlebt, das gegen die Nazis stand"), nicht aber Anlaß zur Frage gewesen, was - er - gewesen wäre, wenn sein Lebenslauf früher begonnen hätte.
Kohls Problembewußtsein verrät sich in der passivischen Sprache, wenn ihm als Deutschem "die Geschichte... mit all dem, was an Grausamem geschehen ist, Entsetzlichem geschehen ist, präsent ist". Er sprach nicht von Deutschen, die anderen Grausames zugefügt hatten. Gerät für (den katholischen) Kohl die Gnade nachgerade zum Verdienst, ist sie für den wortmächtigen Gaus, wie er sagt, lutherisch pur gemeint - "nicht durch Verdienst zu erwerben".
Und nun? Verstößt der Vater sein Kind, nachdem es unter die Räuber fiel?
Eine Weile wollte Gaus sein Urheberrecht verleugnen. Dann siegte die Eitelkeit: "Ich hänge zu sehr an meiner Formulierung."
Günter Gaus: "Die Welt der Westdeutschen". Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 239 Seiten; 29,80 Mark. Günter Gaus: "Wo Deutschland liegt. Eine Ortsbestimmung". Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 288 Seiten; 29,80 Mark.

DER SPIEGEL 38/1986
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