03.11.1986

MANAGERDas Spiel des Professors

Italiens neuer Star-Manager heißt Romano Prodi. Der jüngste Coup, den der Chef der Staatsholding Iri landete, ist der Verkauf von Alfa Romeo. *
Vor vier Jahren übernahm Romano Prodi, Professor der Volkswirtschaft, den schlimmsten Posten, der in Italiens Top-Management zu vergeben war: Er wurde Chef der Iri, jener heruntergewirtschafteten Staatsholding, die über tausend Unternehmen - von Alfa Romeo bis Alitalia - verwaltet.
Prodi brauchte nicht lange, um festzustellen, daß es "ohne drastische Maßnahmen" bei der Iri "nicht weitergeht". Und er sagte das sogar öffentlich.
Als Romano Prodi verkündete, was er bei der Iri vorhatte, wollten es seine Landsleute nicht fassen: Da wagte sich tatsächlich einer an jene hochexplosive Mischung von Wirtschaft und Politik
heran, die der Staatstrust über Jahrzehnte hinweg darstellte. Prodi: "Sie sahen mich an wie einen Verrückten."
Heute wissen die Italiener, daß der Professore nicht verrückt ist. Was niemand glaubte, ist ihm gelungen: Das staatseigene Firmenimperium, das zuvor Milliarden-Verluste erwirtschaftete, wird in diesem Jahr erstmals eine ausgeglichene Bilanz vorweisen.
Am Freitag dieser Woche wird Prodi stolz verkünden, daß er einen weiteren Verlustbringer los ist: die Autofirma Alfa Romeo.
Gleich zwei Konzerne, Ford und Fiat, haben ihr Gebot für Alfa abgegeben, obwohl die Firma in diesem Jahr über 300 Millionen Mark Verluste einfahren wird. Die italienische Regierung kann sich aussuchen, wem sie den Zuschlag erteilt. Daß sie Fiat vorzieht, scheint fast sicher.
Für Freizeitradler Prodi ist das ein weiterer Etappensieg auf dem Weg zur Sanierung der Staatsholding. Vor einem Jahr noch war keiner der großen Autohersteller bereit, für Alfa auch nur eine Lira zu geben. Als Ford dann Interesse bekundete, begann das große Spiel des Professore Prodi.
Mit "totaler Offenheit", so Prodi, bereitete er zunächst den Ford-Chef Donald Peterson auf das vor, was dem Kaufangebot zweifellos folgen würde: In Italien werde ein Geschäft dieser Größenordnung "in jedem Fall zu einer politischen Affäre". Auf Widersprüche der Craxi-Regierung, auf Störmanöver von Fiat-Chef Agnelli war Peterson dann auch schon gefaßt.
Nach jedem Treffen mit Peterson - ob es nun in London, Detroit oder Rom stattfand - veröffentlichte Prodi ein Kommunique, um die Verhandlungen "bewußt transparent zu halten". So war öffentlich bekannt, was Ford zu bieten hat.
Der Professore verhinderte mit dieser Offenheit, daß Fiat, "dank der immer noch einmaligen Stellung der Agnellis in diesem Land" (Prodi), Ford aus dem Rennen werfen konnte, ohne selbst mit einem konkreten Angebot einzusteigen.
Giovanni Agnelli will verständlicherweise verhindern, daß der amerikanische Konkurrent über den Kauf von Alfa zu einem ernsthaften Herausforderer in Italien wird. Dort sitzt Fiat bislang auf einem komfortablen Marktanteil von 56 Prozent. Um Ford abzublocken, mußte Agnelli zumindest mit dem Angebot von Ford gleichziehen.
Die Amerikaner wollen zunächst 19,5 Prozent der Aktien übernehmen, nach drei Jahren weitere 31,5 Prozent oder, wenn der staatliche Großaktionär es will, die gesamten verbliebenen Anteile. In den beiden Alfa-Werken, im norditalienischen Arese und in Pomigliano d'Arco bei Neapel, die bisher noch nicht mal zur Hälfte ausgelastet sind, sollen künftig 350000 Alfas und 50000 Ford-Wagen gebaut werden.
Ford-Chef Peterson will mit Alfa-Wagen in den USA ins lukrative Sportwagengeschäft starten. Konkurrent General Motors ist darin bereits über die britische Lotus-Gruppe vertreten, Chrysler über eine Beteiligung an Maserati. Zudem könnte Ford mit dem Alfa-Kauf auf den südeuropäischen Märkten, wo die Amerikaner bislang nur schwach vertreten sind, besser Fuß fassen.
Fiats Gegenangebot bereitete Prodi durchaus Freude: Es war noch besser als das von Ford. Agnelli will sofort 51 Prozent, falls gewünscht aber auch alle Anteile von Alfa übernehmen. Der Fiat-Chef plant, Alfa Romeo dann in eine gemeinsame Gesellschaft mit der Fiat-Konzernmarke Lancia einzubringen und italienische Sportwagen aus diesem Haus weltweit zu vermarkten.
Romano Prodi ist es durch seine Verkaufspolitik gelungen, für ein Automobilunternehmen, das seit 13 Jahren nur rote Zahlen schreibt, zwei ordentliche Angebote einzuholen. Wenn Alfa Romeo verkauft ist, hat er für die Staatsholding Iri wieder ein Problem gelöst.
Das Firmenimperium, in dem Nudeln und Speiseeis, Flugzeuge. Schiffe und
Autos hergestellt werden, war 1933 von Mussolini als "vorübergehende Auffanggesellschaft für bankrotte Industriefirmen" gegründet worden. Nach dem Krieg sollte die Iri zum "technologischen Wegbereiter" für die italienische Industrie werden.
Doch in den sechziger und siebziger Jahren mußte die Holding immer wieder konkursreife Firmen übernehmen, um Pleiten und höhere Arbeitslosigkeit zu verhindern. Das ging an die Substanz. Allein in den letzten drei Jahren schaffte die Iri im industriellen Bereich Verluste von über 17 Milliarden Mark.
Prodi will so nicht weitermachen. "Die Zeit der Subventionen", sagt der Professore, "ist vorbei." Seine Strategie: Prodi privatisiert einen Teil der Unternehmen und saniert mit dem so hereinkommenden Geld andere.
Das Börsenhoch ausnutzend, bot der Iri-Chef Anteile börsennotierter Banken und Firmen zum Verkauf an. Andere Unternehmen führte er an der Borse ein, so die Fluggesellschaft Alitalia oder den Flugzeugbauer Aeritalia. Die Iri kassierte mit solchen Teilverkäufen 6,6 Milliarden Mark, Geld, das für andere kranke Staatsfirmen eingesetzt wurde.
Alfa Romeo allerdings, davon ist Prodi überzeugt, konnte "bei uns allein nicht überleben". Eine Anpassung des Personalstands an die schlechten Verkäufe hätten die Politiker dem Manager der Staatsfirma nie erlaubt.
Der Professor mußte deshalb einen Partner suchen, der die volle Kapazität der Alfa-Werke, 400000 Autos im Jahr, nutzen kann. Nun hat er, dank seiner klugen Strategie, zwei Interessenten, die dazu in der Lage sind. Wen er selbst vorzieht, mag er nicht verraten. Das soll, sagt er, die Regierung entscheiden.
1967 hat Prodi bereits beschrieben, wie das Ergebnis wahrscheinlich aussehen wird. "Alle Alternativen", meinte der vorausschauende Wirtschaftsprofessor vor knapp 20 Jahren, "laufen auf einen Nenner hinaus: Fiat muß sich für Alfa engagieren."

DER SPIEGEL 45/1986
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