13.10.1986

PROZESSESogar verdient

Die Pleiten-Geschichte des Baumaschinenfabrikanten Horst-Dieter Esch ist noch lange nicht zu Ende: Schadenersatzverfahren über mehrere hundert Millionen Mark laufen an. *
Dieter Unkrich ging seinem Job vergangenen Montag mit sichtlichem Wohlbehagen nach. "Ehrwürdiger Richter" hatte der Zeuge aus Saudi-Arabien ihn gerade genannt. Mit morgenländischer Grandezza tauchte Scheich Salih Abdallah Kamil den Koblenzer Landgerichtssaal in eine ungewohnt würdige Atmosphäre, die von dem leichten Bohnerwachsgeruch und den Preßluftarbeiten draußen auf der Straße ablenkten.
Auch für die Ankläger im Prozeß gegen den ehemaligen Baumaschinenfabrikanten Horst-Dieter Esch erwies sich der Kronzeuge rundherum als reine Pracht. Drei Tage lang beantwortete Scheich Salih mit sonorer Stimme und orientalischem Gleichmut die Fragen des Richters Unkrich. Dann war klar, daß der spektakuläre Wirtschaftsprozeß nun ein relativ rasches Ende finden kann.
Die Anklage gegen Esch, mit dessen Pleite auch die Bank des Grafen Ferdinand von Galen unterging, umfaßte zunächst 22 Punkte. Die beiden Koblenzer Staatsanwälte Hans Seeliger und Arthur Trossen hatten doppelt und dreifach genäht, um Eschs Unternehmens-Akrobatik (SPIEGEL 26/1986) als Chef und Gründer des Baumaschinenkonzerns IBH gebührend zu würdigen.
Als wichtigster Punkt, das war von vornherein klar, galt der Vorwurf, den Scheich Salih betrogen zu haben. Der saudiarabische Geschäftsmann hatte innerhalb von knapp zwei Jahren über 350 Millionen Mark in Eschs schwindelerregende Geschäfte investiert, bis die IBH im Herbst 1983 auseinanderbrach.
In Koblenz erzählte Scheich Salih, wie ihn Esch nach Vermittlung des Düsseldorfer Berufsaktionärs Kurt Fiebig in Riad besuchte. Einen bunten Prospekt seiner Firma habe er dabeigehabt. Darin sei ein Name unterstrichen gewesen, "von dem wir gehört hatten, seit wir Kinder waren": General Motors.
Daß der weltgrößte Autokonzern Teilhaber bei Esch war, ließ den Saudi die nötige Vorsicht vergessen. Die arabische Hochachtung vor deutscher Zuverlässigkeit vernebelte Salih zusätzlich den klaren
Blick. Schließlich fertigte ihm die britische Wirtschaftsprüfer-Firma Coopers & Lybrand innerhalb von drei Wochen einen flusigen Bericht, der nach Salihs Ansicht die Risiken der Esch-Geschäfte im dunkeln ließ.
So kam es, daß der Scheich, wenige Wochen nach dem Kennenlernen, Esch im Pariser Hotel Plaza-Athenee eine erste bare Beteiligung in Höhe von 90 Millionen Mark zusagte.
Salih schilderte eindringlich, wie der geschickte Verkäufer Dieter Esch ("Er kann Luft verkaufen") ihm nähergerückt sei: "Er ließ mich spüren, daß er mein Freund ist und mir nähersteht als General Motors." Als er erzählte, wie Esch ihm geraten habe, in aller Stille mehr IBH-Aktien zu kaufen als General Motors, um der größte Investor zu werden, huschte kurz ein Lächeln über das Gesicht des Deutschen.
Der Auftritt des Scheichs im Koblenzer Gerichtssaal ließ Horst-Dieter Esch vergangene Woche rasch die Strategie wechseln. Bis dahin hatte er den Scheich stets als täppischen Wüstensohn darzustellen versucht, der "seine Hausaufgaben nicht gemacht hat", wie Graf Galen, der ehemalige Chef des Bankhauses Schröder, Münchmeyer, Hengst & Co. (SMH), es in seinem Zeugenauftritt nannte. Diese Taktik zielte darauf ab, einen bestimmten Eindruck zu erwecken: Jemanden, der so unbedarft ist, braucht man gar nicht zu betrügen: der legt sich schon selbst herein.
Doch das verfing nicht. Mit zwei schlichten Bemerkungen zerstörte der Scheich die Strategie. Zum einen habe er alle Vereinbarungen mit Esch nur unter der schriftlichen Bedingung getroffen, daß die Angaben des Deutschen korrekt seien. Zum anderen hätte er sich nie an der IBH beteiligt, wenn er gewußt hätte, daß General Motors gar kein Bargeld in die Firma eingebracht hatte. Die Amerikaner hätten ja statt dessen immer nur Forderungen in Kapital verwandelt, Geld habe nur er bezahlt.
Esch und seinem Anwalt Egon Geis wurde bald klar, daß die Einlassungen des Scheichs dem Richter Unkrich einleuchteten. So rückten sie den Saudi geschwind in ein neues Licht: Statt des unbedarften Wüstensohns war nun der ausgefuchste Großindustrielle dran. Wie, das war die neue Strategie, konnte Esch einen derart ausgebufften Fachmann betrügen?
Am Dienstag, nach der Mittagspause, verfing auch diese Variante nicht mehr. Der Richter Unkrich gab eine reichlich deutliche Rechtsbelehrung ab: Für einen Betrug sei gar keine Falschinformation nötig. Man könne auch jemanden betrügen, indem man offenkundige Falschinformationen nicht beseitige.
Esch und Geis gaben es auf, den Zeugen, wie geplant, ins Kreuzverhör zu nehmen. Statt dessen rückt im Esch-Prozeß nun ein neuer Bösewicht in den Mittelpunkt: General-Motors-Chef Roger B Smith. Mehr noch als von Esch fühlt sich Salih von dem Automanager hintergangen. Der Amerikaner sei seinen Pflichten als Aktionär nicht nachgekommen. Der Scheich verabschiedete sich von Dieter Esch, den er vor drei Jahren "nie mehr sehen wollte, per Handschlag: Er wünschte ihm "viel Glück" und fügte an, daß er statt des Deutschen lieber General Motors auf der Anklagebank sehen würde.
Mit diesem Abgang war letzte Woche etwas klarer, wie sich das Gewirr aus Straf- und Zivilprozessen, die der Esch-Pleite folgen, auflösen könnte. Esch, der in einem ersten Verfahren wegen Untreue bereits zu dreieinhalb Jahren verurteilt wurde, muß noch einmal mit einer ähnlichen Strafe rechnen.
Fast wichtiger als der Betrug am Scheich ist für ein weiteres Dutzend Rechtshändel eine andere Frage, die auch noch in Koblenz geklärt werden muß: Waren die Kapitalerhöhungen, die General Motors und andere Aktionäre bei Esch veranstalteten, rechtswidrig? Für den US-Autokonzern und die britischen Firmen Powell-Duffryn und Babcock hängen von der Antwort Hunderte von Millionen Mark ab. Für einige beteiligte Rechtsanwälte, wie die Frankfurter Hans-Jürgen Hellwig und Martin Peltzer, geht es um die berufliche Reputation.
Zu klären ist, warum der Scheich Bargeld in das Esch-Imperium gesteckt hat, während seine Partner stets nur alte Schulden gestrichen haben.
Im Fachwelsch der Juristen heißt die Frage: Bareinlage oder verdeckte Sacheinlage. Wenn sich im Esch-Prozeß herausstellt, daß die Kapitalerhöhungen unter der falschen Überschrift gelaufen sind, dürften gigantische Schadenersatzzahlungen folgen. Und darauf deutet vieles hin.
Schon jetzt hat der IBH-Konkursverwalter Wolfgang Petereit ein erstes Urteil von einem anderen Gericht erwirkt: Nach Ansicht des Landgerichts Mainz muß General Motors nachträglich Barkapital in Höhe von 63 Millionen Mark in die IBH einschießen. Gleiche Klagen hat Petereit gegen die ehemaligen britischen IBH-Aktionäre angestrengt.
Zweifellos wollte Scheich Salih mit seinem Auftritt in Koblenz auch seinen eigenen Schadenersatzprozessen Schwung verleihen. Er verlangt runde 200 Millionen Mark von General Motors, Powell-Duffryn und der britischen Babcock. Außerdem hat der Scheich die Wirtschaftsprüfer von Coopers & Lybrand auf Schadenersatz verklagt.
Aus Koblenz zielen die Staatsanwälte mit Ermittlungsverfahren gegen jene Anwälte, von denen die seltsamen Kapitalerhöhungen ins Werk gesetzt wurden. Außerdem ist der General-Motors-Chef Roger B. Smith auch persönlich mit einem Verfahren dran. Vertraute des Automobilmanagers berichten, daß Smith neuerdings einen auffälligen Bogen um die Bundesrepublik macht.
Daß auch drei Jahre nach dem Esch/ Galen-Debakel die damals aufgescheuchten Millionen sich immer noch bewegen, bewies erst kürzlich der Scheich Salih. Vom Bundesverband deutscher Banken, der unter dem Namen Hema die ruinierten Teile der Galen-Bank SMH fortführt, bekam er kürzlich 141 Millionen Mark überwiesen. Einen Teil seiner Esch-Investitionen, die er damals in Dollar überwies, hatte er sich von der SMH verbürgen lassen: Jetzt mußten die Banken die Schuld begleichen.
Der flinke Rechner Dieter Esch meinte im Gerichtssaal, als sein ehemaliger Geldgeber nicht hinhörte: "Durch den Rückgang des Dollar hat er doch sogar verdient."
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Helmut Lorenz und Egon Greis, 1984.

DER SPIEGEL 42/1986
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