03.11.1986

Er zog mich mit Gewalt nach meinem Bett

Von Rumler, Fritz

SPIEGEL-Reporter Fritz Rumler über die "Aufzeichnungen" des "Kaiserliebchens" von Franz Joseph I. *

Die Apostolische Majestät kam wie ein Dieb in der Nacht. Noch ehe der erste Hahn gekräht, frühmorgens um halb fünf, klopfte Kaiser Franz Joseph I. verstohlen an die Pforte des süßen Mädels und begehrte Menschliches.

Anna, eine blonde, mollige Wienerin, hielt Milchkaffee und Kipferln bereit, auch die unerläßliche Virginia-Zigarre fürs Apres. Beim Ankleiden, Anna hilft ihm, ist der Herrscher einmal sehr geniert: "Sehen Sie nur die Kleider nicht viel an", sagt er, "ist alles abgeschabt und alt." Er trage sie 20 Jahre lang.

Szene aus dem vertrottelten k. u. k. Schwank "Kaiser Joseph und die Bahnwärterstochter" von Herzmanovsky-Orlando? Bizarre Episode aus Schnitzlers "Reigen"? Vitriol-Vedute aus den "Letzten Tagen der Menschheit" von Karl Kraus? Schöner und trauriger: eine wahre Begebenheit.

Fast 14 Jahre, von 1875 bis Ende 1888, währte die heimliche Liebschaft zwischen dem allmächtigen Habsburger und dem Kind aus dem Volke. Anna war 15 und schon Ehefrau, der Kaiser 45 und schon Großvater, als sie einander begegneten. Am Ende bekam sie 200000 Gulden (zwei Millionen Mark) - Abfindung und Schweigegeld.

Ein Jahrhundert lang lag der Staubmantel der Diskretion und des Vergessens über dieser seltsamen, tragikomischen Affäre. Anna, in zweiter Ehe verheiratet mit einem Eisenbahner namens Nahowski, hatte ihre Kaiser-Jahre in Sütterlinschrift dem Papier anvertraut und versiegelt; jetzt liegen ihre intimen "Aufzeichnungen" vor, als Buch _("Anna Nahowski und Kaiser Franz ) _(Joseph". Aufzeichnungen. Erstmalig ) _(herausgegeben und kommentiert von ) _(Friedrich Saathen. Böhlau Verlag, Wien; ) _(152 Seiten; 29,80 Mark. )

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Es ist ein kulturhistorisches Dokument von pikantem Reiz, ein bewegender Blick hinter die Fassaden einer heraldischen, pompösen Epoche - auf ihre Schwächen und Nöte, auf den Kampf ums kleine Glück; ein Kampf, der einen sakrosankten Potentaten und eine kleine Unbekannte auf der einzig gemeinsamen Walstatt zusammenführt, im Bett.

Kaiser Franz Joseph, Herr über einen gärenden Vielvölkerstaat, Gatte der hysterisch-narzißtischen "Sisi", hat das süße, blonde Annerl sicher vor allem als sexuellen Entsorgungspark benutzt; getreu dem klassischen Modell: niedere Triebe am Personaleingang, Hohe Minne unter Gleichgestellten.

Anna, aus gutbürgerlichem, aber vom Schicksal gebeutelten Hause, war mit 15 Jahren an einen Flaneur und Trunkenbold verheiratet worden. "Er drängt mich", schreibt sie über ihren Gatten, "daß ich mich zerstreue, damit ich ihm keine Vorwürfe machen kann." Sie verlustiert sich im Park von Schönbrunn, der kaiserlichen Sommerresidenz.

Am 8. Mai 1875, morgens um sechs Uhr, begegnet ihr dort ein "Offizier", der "verwundert auf mich starrte und sich nicht sattsehen konnte". Er verfolgt sie, schlägt Haken, um ihr immer wieder entgegenzukommen. "Mein Dienstmädchen sagte mir", schreibt Anna, "dies sei der Kaiser."

Mehrere Wochen lang schleicht ihr der Graubart beim Spazierengehen nach, am 24. Juni (Anna: "Mein glücklichster Tag!") faßt er sich ein Herz: "Sie gehen aber fleißig spazieren", sagt die Majestät, salutierend. Anna hat seine "blauen Augen" gesehen und "sie gefallen mir!"

Anna gerät freilich an einen Liehhaber, der eine Reihe majestätischer Macken hat. Beispielsweise ist der Kaiser ein notorischer Frühaufsteher; in seinen reiferen Jahren läßt er sich schon um halb vier Uhr wecken und in einer Gummibadewanne abseifen. Den Tag verbringt er am Schreibtisch und futtert Würstel.

Ordnung ist sein ganzes Leben, ein Korsett aus Beamtenpflicht und Hofprotokoll hält ihn zusammen. Als einmal der flugs herbeigerufene Arzt einem atemraubenden Hustenanfall beistehen soll, röchelt Majestät abwehrend aus blauen Backen: "Frack! Frack!"; der Mediziner war, gegen alle Etikette, im gewöhnlichen Rock zu Hilfe geeilt.

Patriarch, Pedant, ein höflicher Philister - dem Monument des alten Österreich setzt Anna eine beherzte Zielstrebigkeit entgegen; vor allem solange sie der Kaiser, wie ein Student ohne sturmfreie

Bude, im Grünen umbalzt. Sie erklärt sich zur Verschlußsache.

Denn als er in einem "abgeschlossenen Teil des Parks" zur Sache kommen will, wehrt ihn Anna "mit aufgehobenen Händen" ab. Der Entflammte gibt nach, "mit einem Seufzer", und ist brav, "wobei Er mir mein Kleid am Rücken wieder schloß".

Ein Deal im Stil der Zeit schafft Remedur - Anna müßte halt "vollkommen gesichert" und "unabhängig" sein. Bald hat sie das eine oder andere "Kuvert mit Geld" zugesteckt bekommen und eine Wohnung nahe Schönbrunn. Nun kündigt er sich "zwischen vier und fünf Uhr früh" an und wünscht sich was: "Wenn ich komme, werden Sie das lästige Mieder nicht haben." Noch einfacher: "Wenn Sie mich liebhaben, erwarten Sie mich im Bett."

Im Frühjahr 1885, zehn Jahre nach dem ersten Rencontre, besitzt Anna eine luxuriöse Liebesvilla bei Schönbrunn, mit einer versteckten "geheimen Tür"; Schlupfloch für den Kaiser. Anna, vom Trunkenbold geschieden, besitzt auch einen neuen Gatten. Der Kaiser wünschte die Heirat, der Neue spielt mit.

Biedermeier zieht ein ins Lehen des "Kaiserliebchens". Der Hohe Herr erscheint, wenn ihn nicht Manöver, die Jagd oder das Regieren abhalten, jede Woche oder alle 14 Tage; Milchkaffee, Kipferln, die Virginia stehen bereit, Anna flickt ihm auch ein zerfleddertes "Wollunterleibchen", von dem Majestät sich nicht trennen können. Es sei "in der ganzen Welt kein zweites zu bekommen".

Anna hängt mit "Leib und Seele an dem Kaiser" - ob er sie denn auch liebe, fragt sie ihn: "Er schwieg eine Weile, dann sagte Er: Das kann und darf ich Ihnen nicht sagen. Ich darf Sie ja nicht lieben." Schließlich war der Mann verheiratet, wenn auch schlecht.

Franz Joseph hatte, mit feschen 23, die 16jährige Bayernprinzessin Elisabeth ("Sisi") heim ins Habsburgerreich geholt, eine Liebesheirat. Doch der Wechsel vom fidelen Bayern-Hof in die starre, zeremonielle Traditionsgruft Wien nagte rasch an der Jungmädchenblüte. Sisi, die unentwegt dichtete, schrieb: "Ich bin erwacht in einem Kerker,/ und Fesseln sind an meiner Hand."

Die Ehe war erst in der dritten Nacht vollzogen worden, der Degout gegen Sex blieb und floß in Reime: "Für mich keine Liebe,/ für mich keinen Wein;/ die eine macht übel,/ der andere macht spei''n." Sisi ging bald eigene Wege, kutschierte in der Welt umher, nach der Geburt des vierten Kindes schloß sie den Ehehafen. Der Kaiser kratzte nächtens vergeblich an ihrem Boudoir.

Ihrer Schönheit weihte sie fortan ihr Lehen. Sie hungerte sich schlank, ritt wie ein Hunne, focht wie d''Artagnan, turnte wie Jane Fonda, und das Waschen ihres fersenlangen Haares währte einen ganzen Tag. Ihrem Gatten widmete sie Sarkasmus-Lyrik (sein "graues Haupt" gemahnte sie an einen "Esel"), er unterschrieb Briefe an sie mit "Dein einsames Männchen".

Anna hat im Körbchen zu bleiben, wenn die Kaiserin im Lande ist. "Diesmal mußte sich die Kaiserin sehr behaglich fühlen", notiert Anna einmal bitter, "denn sie blieb sechs Wochen in Schönbrunn."

Aber Anna hält sich allzeit bereit; manchmal klopft der Kaiser schon um halb vier.

Auch in Szenen rührender Intimität ("Er kniet zu meinen Füßen, gräbt sein Gesicht in meinen Schoß") heißt ihn Anna "Majestät", im Tagebuch schreibt sie "Er" immer groß. In den Besenkammern der Geschichte wird am Purpur nicht gezaust.

Anna wird älter, sie beobachtet schärfer. Der Kaiser, auch schon in den Fünfzigern, bleibt im spitzen Liebesdurst nicht immer gravitätisch. "Er zog mich mit Gewalt nach meinem Bett", vermerkt sie; selbst im Schneesturm bläst er zur Attacke. Erfolg: "Habe mir einen heftigen Schnupfen geholt."

Aber das Ende der Affäre naht, Anna registriert die Indizien: "Er klagt mir, daß Er schon alt werde und nicht mehr so häufig kommen werde." Alarmierende Begleiterscheinung allerdings: "Ich finde, daß der Kaiser anfängt, etwas eitel zu werden." Er ließ sich nämlich "eine Talggeschwulst an der Stirne wegnehmen und gleichzeitig die Warzen beim Auge und am Nasenflügel".

Der alte Kaiser hat ein neues Liebchen, die Burg-Schauspielerin Katharina Schratt. Sie ist 25 Jahre jünger als Franz Joseph, auch mollig, und zu ihren weiteren Vorzügen zählt: Der Kaiser braucht sie nicht zu verstecken, denn Sisi sieht den alten Herrn gern in ihren Händen.

Für Anna bricht die Welt zusammen, zumindest ihre kleine. Der Kaiser warnt sie, ihm nachzuspionieren. Anna schreibt: "Also das ist mein Lohn, Grobheit einstecken von einem Menschen, für den ich mein Leben geopfert hätte." Sie hatte ihn mit der Schratt gesehen: unvorstellbar: "Daß der Mann mit einer Schauspielerin öffentlich spazieren geht."

Den Dank des Hauses Habsburg zahlt ihr der Freiherr von Mayr aus, Generaldirektor des habsburgischen Familien-Fonds. Anna wird in die Hofburg bestellt, zu einer "amtlichen Besprechung". Sie bittet um Versorgung ihrer drei Kinder, denn "mein Mann hat wegen mir seinen Dienst verloren". Von den fünf Fehlgeburten, die sie erlitt, spricht sie nicht.

"Jedes Kind 50, macht 150000 Gulden", sagt der Freiherr. Mit "Ekel" im Gesicht ersucht Anna: "Machen Sie die zweiten Hunderttausend voll." Ihrem Mann übergibt sie 150000 Gulden, 50000 behält sie für sich, in der Gewißheit: "Du siehst und bekommst nie mehr etwas, behalte dir einen Notpfennig."

Die Kinder wachsen im Wohlstand heran - Kaiser-Kinder? Nur beim Mädchen Helene deutet Anna vage an, es sähe ihrem Ehemann nicht ähnlich. Dafür erinnern Helene-Photos stark an Konterfeis des jungen Kaisers. Diese Helene hat dann den Komponisten Alban Berg geheiratet und im vertrauten Kreise gern enthüllt, daß sie eine Kaisertochter sei. Sie starb 1976, in ihrem Nachlaß fanden sich die versiegelten Anna-Memoiren, laut Testament nun zur Veröffentlichung frei.

In kaisertreuen Kreisen Wiens hat die Enthüllung starke Unruhe ausgelöst. Das sakrale Standbild der allerheiligsten Monarchie - und ein schlampertes Verhältnis? Traut man dem Tratsch, der nun brandet, war der Kaiser molligen Landeskindern häufig zugeneigt.

Es ging nur schneller als bei der blonden Anna. Tradiert wird etwa das Erlebnis einer ungarischen Schauspielerin. Sie war erstaunt, daß Majestät zum Akt nicht einmal den Degen abzuschnallen geruhten.

"Anna Nahowski und Kaiser Franz Joseph". Aufzeichnungen. Erstmalig herausgegeben und kommentiert von Friedrich Saathen. Böhlau Verlag, Wien; 152 Seiten; 29,80 Mark.

DER SPIEGEL 45/1986
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