03.11.1986

SCHRIFTSTELLER

Heilige Ursula

Ende einer Strindberg-Ehe: Alexandra Cordes starb durch die Kugel ihres Mannes. *

Große, theatralische Gesten mußten es sein, in der Liebe wie im Tod.

Als die Schriftstellerin Alexandra Cordes, 50, vor kurzem im "Anglo-German Club", an Hamburgs feiner Alster, ihr jüngstes, ihr 59. Buch vorstellte, schlug Fleurop mächtig zu. 50 rote Rosen in knisternder Klarsichtfolie wurden hereingetragen - Gruß von einem hochmögenden Cordes-Fan?

Das pompöse Bukett war in Chateauneuf-du-Pape geordert worden, dem Wein-Mekka im Rhonetal und seit 15 Jahren Wohnsitz der Alexandra Cordes. Abgesandt hatte es Michael Horbach, 61, Schriftsteller und Ehemann der Verehrten: Die Rosen sollten daran erinnern, daß sich die beiden vor 30 Jahren in Hamburg die Ehe versprochen hatten.

Am Montagmorgen letzter Woche fand die französische Polizei auf der Terrasse des Horbach-Bungalows, am Ortsrand von Chateauneuf, eine Leiche und einen Schwerverletzten. Bisherige

Rekonstruktion des Tathergangs: Horbach hatte um Mitternacht mit einem einzigen Schuß aus seinem Revolver die Cordes getötet und sich einige Stunden später, im Morgengrauen, selbst in den Kopf geschossen.

Gewalt in Künstler-Ehen. Vor einigen Jahren erschlug Gunnar Möller ("Piroschka") in London seine Frau, die Schauspielerin Brigitte Rau; die Schauspielerin Ingrid van Bergen erschoß ihren Partner; vergangenen Monat starb der Filmregisseur Harald Reinl an den Messerstichen seiner Lebensgefährtin, in seinem Alterssitz auf Teneriffa.

In dem einen oder anderen Fall hat Alkohol den destruktiven Trieben freie Bahn gerissen - so offenbar auch im Fall Horbach-Cordes. Die Ursachen des Unheils in Chateauneuf-du-Pape lagen tiefer; der Sprengstoff war in vielen Jahren in den Katakomben der kinderlosen Ehe angesammelt worden.

Äußerlich, und auflagenmäßig, galten Michael Horbach und Alexandra Cordes (bürgerlich: Ursula Horbach, geb. Schaake) als Erfolgs-Duo in der Sparte Gebrauchs- und Frauen-Literatur. Die 59 Romane der Cordes brachten es auf eine Gesamtauflage von 15 Millionen, Horbachs drei Dutzend Bücher auf vier Millionen. Not war kein Gebot.

Horbach zählte zu der Gruppe schreibender Dinosaurier, die vom Krieg geprägt war. Mit 18 rückte er ins Feld, erlitt zahlreiche Verwundungen, das Trauma überwand er mit Männlichkeitskult. Seine Leidenschaft hieß Afrika, der Zahn eines Löwen hing ihm, als Talisman, Tag und Nacht vom Hals, auch im Whisky hielt er sich ans Vorbild Hemingway.

Auf Macho-Attribute legte er Wert. Ein weißer 60er-Jahre-Buick diente ihm zu Renommier-Promenaden, gern hängte er sich die Flinte um, bestieg dann seinen Range Rover und fuhr ins Maquis der Provence zur Jagd. Sein Dichter-Atelier im Dachgeschoß des Bungalows war fürstlich und nach Großwildjäger-Art ausgelegt, seine Frau schrieb in einem bescheidenen Raum im Parterre.

Horbach bewältigte in seinen Büchern überwiegend Vergangenheit, erst seine eigene, dann die deutsche, und auch diese wie seine eigene. Der Autodidakt aus kleinen Verhältnissen arbeitete nicht systematisch, sondern stark emotional; das rückte ihn zunehmend ins nationalkonservative Lager. Die "Welt am Sonntag" wurde sein Herold.

Zerworfen mit seiner Umgebung, unzufrieden als Journalist, hatte Horbach vor 15 Jahren Zuflucht in Frankreich gesucht; in Chateauneuf-du-Pape lebte er wie im Exil. Sein mangelhaftes Französisch isolierte ihn, Nachrichten aus Deutschland empfing er über die Deutsche Welle, drei Bandscheibenoperationen und eine Augenkrankheit immobilisierten ihn vollends - Hemingway in "Schnee am Kilimandscharo".

Alexandra Cordes hieß in Freundeskreisen die "Heilige Ursula". Sie ertrug ergeben das cholerische Naturell, die jähzornigen Eruptionen ihres Mannes - "ganz altmodisch", sagt ein Vertrauter, "im fast biblischen Zugehörigkeitsgefühl

einer Frau zu ihrem Mann. Sie sprach besser Französisch als er, in Chateauneuf fühlte sie sich zu Hause, unter Freunden.

Zum Schreiben hatte sie Horbach verleitet, in gewissem Sinne diente sie ihm als Medium. Den Stoff etwa für die Trilogie ihrer Familie - "Sag mir Auf Wiedersehen", "Geh vor dem letzten Tanz", "Frag nie nach dem Ende" - ließ sich Horbach von der Großmutter seiner Frau auf Tonband sprechen. Alexandra Cordes führte aus.

Daß sie schließlich weitaus erfolgreicher war als er, während seine Bücher schleppten, bewältigte Horbach auf seine Weise: Er warf sich in die Pose des Meisters, der stolz auf seinen Lehrling ist. Alexandra Cordes bestärkte ihn in der eingebildeten Grandeur - hat sie das Mitleid nicht durchgehalten?

Eine Ehe zwischen Strindberg-Höllen und den Lebenslügen von "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?"; der Frust eines abgeschotteten, ausgebrannten Haudegen; die überstrapazierte Märtyrer-Haltung einer naiven, lebensvollen Frau: In der Isolations-Folter von Chateauneuf-du-Pape häufte sich brisanter Stoff.

Horbach lag Ende letzter Woche - noch im Koma - auf der Intensivstation der Marseiller Klinik "La Timone", zu hinfällig für eine Operation. Das letzte Buch der Alexandra Cordes, "Die Lady", schildert das Leben einer Katharina von Plössen, die vom Unglück in den Alkohol getrieben wird.

"Requiem für eine Lady", so sollte der Werbe-Slogan für das Cordes-Buch lauten. Vergangene Woche wurde die Zeile gekippt.


DER SPIEGEL 45/1986
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