13.10.1986

KONSERVATIVEBund gebeutelt

Die Konservative Aktion ist pleite. Doch unvermindert bekämpfen sich verfeindete Gesinnungsfreunde des Löwenthal-Vereins mit Prozessen und Pöbeleien. *
Mehr als eine Million mal, rühmte sich die Konservative Aktion letztes Jahr, sei eine selbstproduzierte Schallplatte mit der Nationalhymne an den Mann gebracht worden - alle drei Strophen. "Deutschland, Deutschland über alles".
Doch schon bei der ersten Strophe - "Wenn es stets zu Schutz und Trutze brüderlich zusammenhält" - haben die Führer der rechten Sammlungsbewegung wohl nicht richtig hingehört. Denn von Zusammenhalt war bald keine Rede mehr, der Polit-Verein brach Ende Juli im Krach auseinander.
Inzwischen toben die verfeindeten konservativen Brüder ihre rabiate Energie, mit der sie sonst politische Gegner bekämpfen, gegeneinander aus.
"Als er immer frecher wurde und mich am Schlips packte", berichtete der suspendierte Geschäftsführer Joachim Siegerist (SPIEGEL 28/1986) über ein Bonner Zusammentreffen mit ZDF-Moderator Gerhard Löwenthal, seinem Nachfolger als stellvertretendem Vorsitzenden, "kam es zum Gedränge", wobei Löwenthal in "Richtung Pistole griff" - denn "dort, wo er meist seine geladene Pistole trägt, war sein Hosenbund ausgebeutelt".
Gebeutelt sind die entnervten Herren (Parole: "Der Konservative bewahrt die Werte unserer Geschichte") von ihren Konflikten mittlerweile so heftig, daß sie sich mit Beleidigungen, Verdächtigungen und nachfolgenden Prozessen gleich serienweise überziehen: *___Siegerist schmähte den im September abgetretenen ____Vorsitzenden Ludek Pachmann, vor Jahren aus der Tsche
choslowakei ausgebürgert, als "ehe maligen tschechischen Kommuni stenführer", der von den "Jahren seines Lebens in einem totalitären System ... für immer geprägt" sei. *___Pachmann beschuldigte den Jung Konservativen Michael ____Stange, der aus dem Vorstand gefeuert worden war, der ____Siegerist-Freund habe ihn "auf eine Weise diffamiert, ____die ich nicht charakterisieren möchte", und eine ____nachweislich falsche eidesstattli che Erklärung gegen ____ihn, Pachmann, vor Gericht abgegeben. *___Stange pöbelte in einem Rundschrei ben gegen Löwenthal, ____das "ZDF Großmaul", für "Sauf- und Weiber geschichten" ____bekannt, erinnere "an einen gerupften Vogel, der, wie ____eine häßliche, alte Krähe krächzt". *___Löwenthal warf Siegerist "unsittli che" geschäftliche ____Angebote vor und erhob gegen ihn "den dringenden ____Verdacht erheblicher finanzieller Unregelmäßigkeiten". *___Siegerist beschimpfte den vormaligen Gesinnungsfreund ____Löwenthal als "ZDF-Django", der bei der Mitglie ____derversammlung im Bonner Steigen berger Hotel ____"breitbeinig, großmäu lig", mit "verquollenen Augen" ge ____gen unliebsame Mitglieder vorgegan gen sei.
Siegerist weiter: _____" Schließlich Polizei: "Der Kerl ist bestimmt wieder " _____" besoffen", flüsterte ein Beamter und deutete auf den " _____" tobenden Löwenthal, der sich wie eine schlechte Witzfigur " _____" machte. "Blutprobe", verlangten einzelne Mitglieder des " _____" Verbandes jetzt laut und deutlich - "Blutprobe, der Kerl " _____" ist besof fen", und deuteten auf den knallrot ange " _____" laufenen Löwenthal. "
Glaubwürdige Augenzeugen hingegen dementieren: Löwenthal sei nüchtern gewesen.
Im gleichen Ton, den sie bisher immer als taktisches Mittel ihrer Propaganda ausgegeben haben, weil "ohne starke Emotionalisierung nichts läuft" (Siegerist), enthüllen die Konservativen nun ihre politische Binnenstruktur. Ihre Ausbrüche klingen wie ein Lehrstück über den einst von Theodor W. Adorno erforschten "autoritären Charakter von "Pseudokonservativen", deren "Oberflächenideologie" als "Deckmantel für repressive und letztlich destruktive Wünsche diene _(Theodor W. Adorno: "Studien zum ) _(autoritären Charakter". Suhrkamp Verlag, ) _(Frankfurt; 484 Sei ten; 16 Mark. )
. Die Wortwahl der konservativen Aktionisten ist inzwischen deutlich in den "Sprachgebrauch der Nationalsozialisten" abgeglitten, wie Hamburgs SPD-Fraktionschef Henning Voscherau kürzlich bemerkte.
Das begann mit einem Bettelbrief um Spenden, in dem Pachmann und Stange gegen Ausländer in der Bundesrepublik mobilisierten ("Deutschland darf nicht türkisch werden") und bei den Adressaten Ängste nach bekanntem Vorbild schüren: "Werden die Deutschen eine völkische Minderheit im eigenen Land?" Noch im Mai dieses Jahres charakterisierten die beiden, gemeinsam mit Siegerist und dem damaligen Schatzmeister Chlodwig Prinz zur Lippe, den libyschen Revolutionsführer Gaddafi als "verrückten muselmanischen". Kamelreiter aus der Wüste". Sozialdemokrat Henning Voscherau: "Rassismus."
Im Haßkonflikt mit Löwenthal fielen dann die letzten Barrieren. Der Fernsehmoderator, ließ Siegerist in einem Rundbrief kursieren, nutze den "in unserem Land besonders wirkungsvollen Schutzschild des armen Judenjungen, der in der Nazizeit so bitter verfolgt worden war und sich sein Leben nur dadurch retten konnte, weil er angeblich in einem Optikerladen die Brille des SS-Mörders Heinrich Himmler reparieren durfte". Stange spintisierte von "alt-testamentarisch-jüdischem Fanatismus" Löwenthals.
Hatte sich Siegerist im Juni noch für seine Entgleisung entschuldigt, Löwenthal werde "von einer Solidarität zum Jüdischen Weltkongreß beeinflußt", so ließ er im September alle Hemmungen fahren, als er von "einzelnen Strolchen aus dem Jüdischen Weltkongreß und fanatischen Juden aus Israel" schwadronierte.
Der kleine Unterschied: Aus dem auf Wohlverhalten bedachten Geschäftsführer der Konservativen Aktion e.V. und einstigen hochdotierten Springer-Redakteur war inzwischen der Anführer einer Splittergruppe mit einem auf Verwechslung angelegten Namen geworden - Konservative Aktion Deutschland e.V., die sich alsbald vor Gericht zur Umbenennung in ."Die Deutschen Konservativen" verpflichtete.
Doch zwischendurch nutzte Siegerist schnell noch die Gelegenheit, unter täuschend
ähnlichem Briefkopf wie zuvor bei der Konservativen Aktion Bettelbriefe an Vereinsförderer loszulassen - gegen die "marxistische Verbrecherbande" der Apartheidsgegner in Südafrika. Spendenvermerk: "Wichtig: Unbedingt das neue Konto beachten und keine alten Zahlkarten mehr benutzen!"
Löwenthal hält Siegerists antisemitische Pöbeleien und interne Pamphlete lediglich für ein "Ablenkungsmanöver". Denn es gehe, so Löwenthal, "schlicht um den dringenden Verdacht erheblicher finanzieller Unregelmäßigkeiten".
Das zu beweisen, wird den Mannen von der Konservativen Aktion (KA) allerdings kaum möglich sein, weil, so Löwenthal, "die Buchungsunterlagen der KA aus seiner (Siegerists) Wohnung gestohlen wurden". Pachmann hatte ihre Übergabe verlangt, der Kassenprüfer brachte sie statt dessen zu Siegerist, "wo sie dann in einem Zeitraum von zwei Stunden", entwendet wurden (Löwenthal). Die Konservative Aktion erstattete Anzeige wegen Verdachts auf Vortäuschung eines Einbruchs gegen Siegerist, der den Verein nach seinem Hinauswurf mit hohen Honorarforderungen für seine eigene Werbeagentur überzog. Pachmann mußte Konkurs anmelden (siehe Interview).
Inzwischen gibt es weitere Anzeigen wegen des Verdachts auf Diebstahl und Unterschlagung gegen Siegerist, eine Beleidigungsanzeige wegen einer antisemitischen Äußerung gegen Stange, eine Siegerist-Klage auf Bezahlung offener Rechnungen an die Konservative Aktion und eine Unterlassungsklage gegen Pachmanns angebliche Behauptung, er, Siegerist, habe 300000 Mark unterschlagen. Pachmann bestreitet, dies gesagt zu haben, und zeigte seinerseits Stange wegen einer angeblich falschen eidesstattlichen Erklärung in dieser Sache an. Siegerist frohlockte, Pachmann werde "bei den anstehenden Prozessen Haus und Hof verlieren".
Entlastung versuchten sich Pachmann und Löwenthal inzwischen in anderer Sache zu verschaffen: in einem vom SPD-Vorsitzenden Willy Brandt eingeleiteten Beleidigungsverfahren. Brandt war in einem Rundschreiben der Konservativen Aktion als "Vaterlandsverräter" und "zwielichtiger Mann ... ohne politischen Anstand" beschimpft worden, der "Deutschlands Unterwerfung unter Moskaus Diktat" wolle.
Er habe, schrieb Pachmann im Juli an Brandt, den Rundbrief-Versand "grob fahrlässig" zugelassen und entschuldige sich "aufrichtig" dafür. Löwenthal schloß sich in einem Vorstandsschreiben an Brandt, bei "unverändert scharfer politischer Gegnerschaft zu Ihnen", dem "Schritt von Herrn Pachmann" an.
Siegrist-Freund Stange konnte es kaum fassen: "Unglaublich, aber es stimmt - Pachmann hat sich bei W. Brandt entschuldigt."
Theodor W. Adorno: "Studien zum autoritären Charakter". Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 484 Sei ten; 16 Mark.

DER SPIEGEL 42/1986
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