13.10.1986

„Ich zieh' Ihne den Schmerz einfach raus“

SPIEGEL-Redakteur Hans-Joachim Noack über Geistheiler in Mannheim und Hannover *
Leise verströmt sich die Hammondorgel, klagt die Blockflöte, hämmert das Xylophon: Meditationsmusik, die ein bißchen verweht wirkt, ein bißchen elegisch, wie aus fernen Welten herabkommend. Dazwischen, auf Band, eine Stimme, die ins Seelenmark dringen soll: "Ich liebe und werde geliebt. ich vertraue mir."
In einem Kellerraum sitzt auf einem Stuhl ein Mann, der in fahlblaues Neonlicht blinzelt. Vor ihm eine Art Altar. auf dem in leichter Zugluft Kerzen flackern; hinter ihm eine Frau, die mit ihren Fingerkuppen seinen Nacken betastet.
Behandelt wird von ihr eine Misere, die der Patient nicht schlimm findet, die ihm aber lästig ist: eine Entzündung im Teller der linken Hand, von Hautärzten diagnostiziert als klassisch psychosomatische Neurodermatose und deshalb mit Salben nur schwer aus der Welt zu schaffen.
Ein Fall für Hannelore Selzer, 51, Astrologin, Magnetopathin, Geistheilerin - und, wie sie sich selber bezeichnet, weiße Hexe" aus der Mannheimer Vorstadt Käfertal. Ihre Prognose steht: "Des krigge mer hin; ich zieh' Ihne den Schmerz einfach raus." Locker soll der Klient bloß sein, sich nach Möglichkeit wohl und positiv fühlen, sich öffnen, vor allem "sich fließen lassen".
Er erfahre jetzt, tönt in feierlichem Timbre wieder die Stimme aus dem Kassettenrekorder, "die Verbindung mit dem Ursprung aller Dinge ... du liebst und wirst geliebt; du bist dir nahe in deiner Gegenwart.
"Gutes geschieht, sobald Sie Gutes denken, gell", sagt die korpulente Dame so sanft wie streng und beginnt alsdann mit ihrer Arbeit, indem sie ihm ihre verblüffend erhitzten Hände kraftvoll auf die Ohren preßt.
Dreimal wöchentlich, mittwochs, freitags, samstags- und da nicht selten bis tief in die Nacht -, schließt sie so ihren mit allerlei Mummenschanz-Requisiten ausgestatteten Keller dem allgemeinen Publikumsverkehr auf. Immer verfolgt sie das gleiche therapeutische Ziel, ihren Besuchern "die inwendigen Disharmonien, diese krankmachenden Schadstoffe, aus dem Kreislauf ihrer Empfindungen" zu schwemmen.
Und die Resultate scheinen ihr recht zu geben. Erstaunlich häufig kann da einer nach ihren Eingriffen "in die durcheinandergeratenen Energieströme" unvermittelt wieder ohne Beschwerden laufen, schwärmt da jemand von einem plötzlich von Schmerzen befreiten Hinterkopf, einem zu schönster Biegsamkeit verwandelten, obschon doch über Jahre hinweg von Arthrose befallenen Handgelenk.
Dicht an dicht drängt sich im Souterrain einer Fahrschule eine Kundschaft, wie sie sich auch bei jedem Kassenarzt einfinden könnte. Zwar überwiegt der Typ der vorderpfälzischen Landfrau, Anfang 60, übergewichtig und diffus vor sich hin leidend. Aber es kommt auch viel Jugend. Es erscheint, zum Beispiel, der 37jährige Oberamtsrat K, aus dem 200 Kilometer entfernten S., der an einer Hüftgelenksdeformation laboriert.
Was treibt den, Urbild eines nüchtern peniblen Beamten, in regelmäßigen Abständen, wie er gesteht, seinen Hausorthopäden zu hintergehen, um in dieses schillernde Zwischenwelt-Ambiente hinabzusteigen? Seine Antwort klingt im Tonfall genierlich, aber in der Sache bestimmt: weil er sich dann danach "zumindest für Tage" besser fühle.
Was mit ihm genau passiert, vermag er nur vage in Worte zu fassen: "Etwas verändert sich, Wärme breitet sich aus", hüllt ihn ein - schafft ihm schließlich Erleichterung, wo ihn ansonsten bloß dumpfer Druck belastet.
Diese Frau, sagt ein Baggerführer aus Ludwigshafen, ein knochenstarker Schwerarbeiter, dem es körperlich an nichts fehlt, habe es eben "in den Fingerspitzen". Sooft es sich einrichten läßt, sucht er "die Selzerin" gern auf, um sich "Kraft für die Woche zu holen".
Der Geistheilerin gefallen solche Bekenntnisse, die im ungefähren bleiben. Exakte Benennung, sagt ihr der für ihre Branche übliche Instinkt, entzaubert nur. Und im übrigen: Was soll man da auch erläutern, wenn man über ein so unerhörtes, allen bislang bekannten physikalischen Gesetzen entgegenstehendes "Gotteswerkzeug" verfügt wie über "heilmagnetische Strahlenhände"?
Die legt sie betend, etwa den "Herrn von Nazareth" anrufend, einfach auf - die muß sie anschließend "sorgfältig ausschütteln", um sich am Ende nicht noch selbst die Krankheitskeime der von ihr entgifteten Klienten einzufangen.
Sie glaubt nicht, sie weiß daß sie über sogenannte übernatürliche Kräfte gebietet. Sie weiß, daß sie sieht - seit ihrem sechsten Lebensjahr, als sie auf den Tag den Tod ihres Großvaters vorausgesagt haben will. Und sie schwört auf ihre "Begegnungen mit so manchem zwischen Himmel und Erde", die sich "der eindimensional angelegte Mensch" allenfalls träumen läßt.
"Wäre ja bekloppt, wäre doch Selbstbetrug", sagt die Hannelore Selzer heftig, wenn sie sich in all den Jahren auf eine Weise verhalten haben würde, die mit der wahren Lebenswirklichkeit nichts zu schaffen hätte. Zumal sie ja schon in ihrer Kindheit unter dieser Veranlagung eher litt: "Immer war ich die Hex' - eine Begabung, die manchmal einsam macht."
Heute fährt sie nicht schlecht damit. Obschon sie nicht mal als Heilpraktikerin firmiert, also auch keine Honorare berechnen darf, garantieren ihr "Spenden"
ein stattliches Einkommensniveau. Unter anderem gehören ihr ein Mercedes, eine Kneipe, zwei Bowlingbahnen.
Die Erfolgsstory, mit der sich die Selzerin so vom Mannheimer Stadtrand in die "Bild"-Zeitung hineingeheilt hat, könnte sich gut in Lourdes abgespielt haben: Mann verläßt Ehefrau und brennt mit Freundin inklusive 160000 Mark Erspartem durch; Frau erleidet in schwerem Schock linksseitige Lähmung, bringt ein Jahr im Rollstuhl zu, bis eben die Magierin aus Käfertal auf den Plan tritt...
Seither herrschen Trubel und Tohuwabohu: Unaufhörlich rasselt bei ihr zu Hause das Telephon, schleppt die so in die Bestenliste bundesdeutscher Wunderheiler aufgerückte Handauflegerin eine pralle Einkaufstasche mit sich umher, in die sie die Briefe ihrer Bittsteller hineinstopft.
Ohnehin entspricht diese Frau, ehedem Köchin und kaufmännische Angestellte, schwerlich dem Bild, das man von einer Angehörigen ihres Gewerbes haben könnte.
Hektik und Sprunghaftigkeit begleiten ihre vermeintlich übersinnlichen Handlungen. Wenig regt da zur Kontemplation an, gäbe es nicht vom Band die frommen Parolen eines in den Okkultismus abgekippten Diakons, die Sphärenmusik aus dem Synthesizer, die ihr die gleichfalls "spiritistisch hochentwickelte" 19jährige Tochter Raphaela mit Sinn für erbauliche Klänge zusammengestellt hat.
Fast immer arbeitet sie in ersichtlichem Streß, aber sie mag das so: Klaffend fährt, während sie tagsüber praktiziert, ihr Hund, das "Hexele", in das schein-heilige Getue. Allzu abrupt und häufig willkürlich, um erst mal Kaffee zu trinken, kehrt sie bei mitternächtlichen Jenseitskontakten mit ihrem Lieblingsmedium Karl ("Ei, Kall, isch rufe disch, heerscht du misch ...") in das Hier und Jetzt zurück.
Ist das noch harmloser Schnickschnack, wenn sie eine Frau, die um Telephon über Depressionen klagt, mit der Zusicherung tröstet, sie werde "am kommenden Dienstag zwischen 20.15 Uhr und 20.30 Uhr" intensiv für sie meditieren - "und dann wird das rasch wieder besser, gell"?
Ein Hang zur Scharlatanerie scheint auf, wenn die Magierin zwar einerseits einräumt, "daß ich Krebs nicht heilen kann", sich andererseits aber doch über den Kopf des Erkrankten hermacht und ihm die Chance einer Genesung zumindest beiläufig suggeriert: "Der Tumor muß weg!" Zu packen sei der sehr wohl, sofern es ihr gelänge, "mit den Händen seine Durchblutung zu fördern".
So redet sie sich in Rage. Ständig zugleich in der Einsicht, daß sie vermutlich auf Veränderung eines mißlichen Zustands nur einwirken könne, wo das biologische Substrat noch nicht zerstört ist - dann aber eben doch wieder in der geradezu selbstverständlichen Gewißheit, für den üblichen und vorwiegend auf das Materielle ausgerichteten Verstand Unerklärliches zu vollbringen.
Haufig schlägt das Pendel zwischen Ohnmacht und Allmacht, zwischen Demut und Größenwahn aus. Mal vergleicht sie sich wirr mit Moses - "auch der war ein bedeutender Heiler", mal verspannen sich ihre rundlichen Zuge vor Angst, während sie in kleinen nervösen Schritten durch ihr "Okkultstudio" trippelt, daß sie zu guter Letzt noch der schwarzen Magie anheimfallen könnte.
Ganz so einfach nämlich, jammert sie dann, wie sich das der Laie in seiner Fixiertheit auf das Gewöhnliche und Gängige manchmal ausmalen möge, sei dieses ihr Dasein ja nun auch wieder nicht. Wer weiß schon, wenn er nicht empfängt wie sie, welchem enormen Druck die Zwischenträger jenes unermeßlichen Reichs der okkulten und parapsychischen Phänomene mitunter ausgesetzt sind.
Alles ist geteilt in Gut und Böse; Gott hat zwei Söhne, aber er schuf nicht nur Jesus, sondern auch Luzifer": Soll in der Vorstellung der evangelisch getauften, seit langem allerdings einem "weitaus universelleren Religionsbegriff" nacheifernden Hannelore Selzer heißen, daß der Geistheiler unbedingt darauf zu achten hat, aus welcher dieser Quellen er seine Kraft schöpft. Denn, gell, beileibe nicht alles gereicht dem Sterblichen zum Segen, wozu er "von oben" bisweilen befähigt wird.
Mögen auch gekreuzte Besen die Silberpapierwände ihres Behandlungsraums zieren oder aus Wurzelholz geschnitzte Gnomengesichter die Patienten anglotzen: So gesehen, ist sie im Kern eine fromme Frau geblieben. Eine, die von Zeit zu Zeit noch "heilige Scheu" überfällt; eine, die auch latente Schuldgefühle noch nicht vollends abgebaut hat.
Als ihre Heimat nennt sie den "Kosmos", was sie freilich nicht daran hindern kann, zugleich der Erde - und zwar vorzugsweise der um Mannheim herum - eng verhaftet zu sein. Gerne würde sie wieder heiraten, nachdem ihr Mann bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen ist. "Aber wer nimmt schon eine wie mich?" fragt sie leise, mit schleppendem Stimmklang. "Die Kerle haben ja Furcht vor mir."
Dann: Egal, was soll's; es geht ihr bestens, und ein Kind von Traurigkeit ist sie nie gewesen. "Ridi-aale!" ruft die Selzerin in jäher Umkehr ihrer kurzfristigen Tristesse, nun wieder eher die Komödiantin herauskehrend, denn als tragische Person mißverstanden zu werden. Rituale heißt das auf hochdeutsch - auch Hokuspokus, Trips und Tänze hält sie für dringend geboten, damit der emotional ausgedörrte Zivilisationsmensch sich so der Krankheiten, die auf ihn einstürzen, erwehren könne.
Zum weiblichen Guru fehlen ihr gleichwohl die Talente. Weder ist sie in den Modetrends etwa des New Age bewandert, noch hat sie Ahnung von all den anderen, oft genug ja nur für eine Saison in Blüte stehenden Erlösungs- und Gesundungstheorien, mit denen die im Esoterischen eloquente Konkurrenz zunehmend Kasse macht.
Gewiß schmeichelt es der Magierin, die vom Kartenlegen bis zum Pendeln das gesamte spirituelle Angebot in ihrem Repertoire hat, wenn sie hin und wieder von einer "hochgestellten Person nach Athen oder Paris" gerufen wird.
Nur mit Mühe, unter Hinweis auf die Schweigepflicht, vermag sie zu unterdrücken, was da so an bundesdeutschen Prominenten und Koryphäen zwischen Tag und Dunkel in ihrer Privatwohnung auftaucht.
Dennoch: "Para-Star bin ich nicht", sondern "einfache Frau" und "meinetwegen die gute Hexe von nebenan", der es als der schönste Adel gilt, von den Motorrad-Rockern im benachbarten Stadtteil Feudenheim "unsere Mutter Selzer" genannt zu werden.
Das macht sie stolz und trifft in das Herzstück ihres Selbstverständnisses. Denn so will sie ja sein: mütterlich, auch wenn als leicht verrückt im Gerede, in den von ihr verströmten Gemütswerten anerkannt. Ein Lokalmatador des verschwommen Übersinnlichen; akzeptiert als Ansprechpartnerin für die Fährnisse des Lebens - in der Öde dieser von Trassen und Umgehungsstraßen zerschnittenen Mannheimer Industrie-Stadtlandschaft eine Art Sozialstation.
Manchmal übernimmt sie sich. Etwa wenn sie behauptet, es sei ihr gelungen, den in die Frankfurter Kaiserstraße entlaufenen Mann der Pia M. in seine Familie "zurückmeditiert" zu haben. Aber dem Malermeister R, aus einem Dorf bei Weinheim hat sie wirklich geholfen. Der litt seit Jahren unter einer
enervierenden Trägheit des Darms, und nun kann er wieder.
Ist das nichts? Muß man nicht respektieren, daß sie im Grauzonenbereich von Erkrankungen, wo es zieht und zwickt und bohrt, vom Kopfweh bis zum rheumatischen Formenkreis, aber auch darüber hinaus bei leichteren Schräglagen der Psyche, positive Resultate vorzuweisen hat?
Alles spricht dafür, daß sie das große Wunder nicht kann und auch die von der "Bild"-Zeitung hochgejubelte Heilung auf einer hysterischen Lähmung beruhte. Aber immerhin: Die Welt ist umstellt von Kunstprodukten, deren Placebo-Effekt ganz bewußt kalkuliert und dann eingesetzt wird. Warum sollten da nicht die "Strahlenhände" der Hannelore Selzer - Hände überhaupt - am Ende ähnliches vermögen.
Die in Mannheim angesiedelte "Zentrale zur Bekämpfung der Unlauterkeit im Heilgewerbe" hat sich bemüht, gegen "Bild" und "die Falschmeldung bezüglich der Geistheilerin..." ein Ermittlungsverfahren anzustrengen. Die Staatsanwaltschaft wehrte die Anzeige ab - in einer Gesellschaft, die es nicht verbiete, Wunder zu wirken, könne auch nicht von Strafe bedroht sein, wenn darüber berichtet werde.
Gerne, weil er das "in unserer aufgeklärten Zeit als eine Kulturschande par excellence" ansieht, würde der gleichfalls in Mannheim arbeitende Vorsitzende Richter am Landgericht Wolf Wimmer "dieser Kurpfuscherin" das Handwerk legen. Doch leider seien nun mal die Gesetze nicht so. Da freut sich die Selzerin aber, daß es "den hohen Herren in ihrer Verzagtheit" nicht gelingt, zum Ziel zu kommen. Wäre ja auch ein Ding, nachdem sogar die Kripo bei ihr Kunde gewesen ist und sie immer noch von Zeit zu Zeit ersucht, ihre seherischen Fähigkeiten etwa bei der Fahndung nach Autodieben einzusetzen.
"Den Herrn Doktor vom Gericht", sagt die Hannelore Selzer fröhlich, "den kenn' ich. Der tut mir nix - der hat ja Angst vor mir."
"Engel und kosmische Meister" *
Zu den Lieblingsnummern des "Lichtschülers" und "Dieners der Weißen Bruderschaft", Michael Punner, 24, gehört sein Experiment, das dem Menschen "die wahre Wirklichkeit näherbringt": Leere Hände machen eine Bewegung, als würfen sie einen Gegenstand in die Höhe. Zusammen mit seinen Klienten will der "Therapeut für Trance und Reinkarnation" nun erleben, "was da von oben herunterfällt".
Eine Übung, die ihm fast immer die gewünschten Effekte beschert. Führt das Hantieren mit dem schieren Nichts zu nichts, zeigt er milde Verständnis dafür. Die Versuchsperson, sagt er nachsichtig lächelnd, habe sich halt "noch nicht getraut, das, was sie umgibt, auch wahrzunehmen".
Erliegt aber jemand Punners Suggestivkraft, stellt sich das große Erstaunen ein. Enthusiastisch berichtet der Patient dann, wie es in seinen Handflächen "rieselt", wie die Haut sich "erhitzt" oder gar "klebt", so als habe sich eine "sämige Flüssigkeit" über sie ergossen.
"Phantastisch!" ruft der Magier, und helle Erregung durchzuckt seinen im Schneidersitz darniederhockenden Körper. Erfahren worden sei da soeben "die Existenz einer Substanz, ohne die das Leben nicht denkbar wäre": das sogenannte Feinstoffliche - jene nur schwer beschreibbare hochenergetische "Geistmaterie", deren Vorhandensein allen spiritistisch beeinflußten Heilern als gesicherte Erkenntnis gilt.
Punner, ehedem Sozialarbeiter, will mit diesem Stoff, aus dem nun seine Träume sind, erstmals in Indien in Berührung gekommen sein. "Überirdische Wesenheiten" seien ihm dort erschienen, als er an die heiligen Stätten pilgerte. "Engel, Seraphim und kosmische Meister" hätten ihm "Handlungsaufträge erteilt", denen er jetzt gerecht zu werden versucht.
Seit Sommer vergangenen Jahres bringt er seine Gewißheiten in eine Praxis ein. Er ist Gründungsmitglied eines Unternehmens für "alternative Heilweisen und integrative Therapieausbildung" in Hannover; in Kurzform "Regenbogen-Zentrum" geheißen.
Auf immerhin 500 Quadratmetern Fläche bietet da in einem Bürohaus eine Crew von 15 selbsternannten "Priesterärzten" und "Gesundheitspflegern" eine Art Trainingscamp für den inneren Menschen an. Erklärtes Lernziel ist es, ihn in den Stand zu versetzen, in dem er sich "selbst begegnet", seine in ihm angelegten "großartigen Potentiale" endlich auszuschöpfen.
Vollmundig wird dem Patienten versprechen, daß er - "gebettet auf den Wolken seiner Sehnsüchte und Träume" - praktisch seine "Auferstehung" erleben könne. "Erlebe dich, wie du bist, um zu werden, der du bist": In einem Schwall von Allerweltsweisheiten, die zu regelrechten Erlösungsformeln stilisiert werden, souffliert das quicke Regenbogen-Team seiner Kundschaft die Befreiung von jedwedem Übel.
Etwa so: Akzeptieren müsse der bedrückte Erdenbürger, daß "das Ewige und das Göttliche in ihm selber wohnen". Eine Entdeckung des 35jährigen Diplom-Psychologen Willfried Gürtler, die ihn angeblich von Grund auf verändert hat. Seit er das weiß, macht ihn das so glücklich, daß er seine Gesprächspartner in einem fort davon überzeugen, sie umarmen und herzen muß.
Wie erreicht der Mensch solchen Zustand, der ihm den Himmel zum Greifen nahe rückt? Allem voran durch die Kraft der Meditation - in Hannover, indem er sich seiner Schuhe entledigt und im "Raum der Stille", vor dem Altar der "vereinigten Gottheiten" Christus-Buddha-Schiwa wie den weniger bekannten etwa der alten Inkas, "in die Tiefen des eigenen Seins vordringt".
Bei Kerzenschein lehren die Priesterärzte in diesem Allerheiligsten, das die weltumspannende "Neue Religiosität im sanften Wassermann-Zeitalter" spiegeln soll, "das innere Sehen". Gearbeitet wird mit dem "dritten Auge", denn nichts als solche Hellsichtigkeit könne den Menschen befähigen, "seine Krankheiten, die ja immer auch seine
Traurigkeiten sind", rechtzeitig zu ermitteln.
Unter dem Motto "Wer nicht hören will, muß fühlen" führen die Alternativ-Therapeuten so zum Beispiel in die "Methode der Organbefragung" ein. "Wer sich gestattet" sagt Punner "eine Phantasiereise in seinen Körper zu unternehmen", werde ohne Schwierigkeiten auch mit Herz, Leber oder Nieren "reden" können. Liegt was an - "beschweren sich diese Organe" -, sei die Macht des Geistes zu mobilisieren.
Wortgewaltige, esoterisch aufgemotzte Tiraden, hinter denen sich in Wahrheit eine eher nüchtern kalkulierte, vergleichsweise profane Dienstleistungsidee verbirgt. Im Kern ist, was die Hannoveraner offerieren, eine Art Bodybuilding-Center unter Einfluß zwar bemühter, aber letztlich amateurhafter Seelenpflege. Die Methoden ähneln sich. Was den einen zum Aufbau ihrer Bizepse etwa die Maloche an der Kraftmaschine bedeutet, erarbeiten sich diese fröhlichen Fetischisten des "Ganzheitlichen" über Bioenergetik-Trainings, "integrative Tanztherapien" oder "intuitive Massagebehandlungen".
Denn Geistheilung setzt nach ihrem Verständnis ja keineswegs erst in den höheren Sphären an. So sehr auch die Kräfte des Kosmos auf das Schicksal des Menschen einwirken, kann er sich häufig genug schon "gesegnet" im kleinen erfüllen. "Intuitives Malen, intuitives Schreiben" oder - wer Spaß an Bewegung hat- "intensive Bauchtänze" schaffen in ihm nicht selten das Wunder des erstrebten Gleichklangs von Geist, Leib und Seele.
Unübersehbar sind deshalb auch die Angebote, die im Regenbogen-Zentrum unter dem Rubrum "alternative Heilweisen" firmieren. Beispiele: "Tarot mit Birgit, um vermittels eines Spiels in die Tiefen unseres Seins hinabzusteigen"; "Gymnastik, Yoga Tanz mit Regine"; "Ausdruckstherapie mit Willfried"; "Trance mit Michael".
Vermarktet wird - von der "Atemtherapie mit Anne" bis hin zu den, Afrikanischen Tanzen mit Issa" -, was immer sich zu eignen scheint, einem überwiegend jungen Publikum spirituelle Heilserfahrung vorzugaukeln. Harmlos sicher das programmatische "Spielen, Toben, Kuscheln für Kinder von vier bis sechs Jahren zum Preise von 20 Mark mit Ellinor". Bedenklicher schon der "Aids-Angst-Workshop", Teilnahmebeitrag 100 Mark, auf dem es um "Sterben & Überleben" geht.
Was den hannoverschen Therapie-Tempel jenseits seiner versammelten Unbedarftheiten so gefährlich macht, ist die Maßlosigkeit seiner Botschaften. Keine Krankheit, heißt die immerwährende suggestive Beschwörungsformel, die nicht heilbar ist, sofern der Patient nur gesunden will.
Gilt das auch für Aids? Natürlich gilt das für Aids - denn Aids, predigt der Hohepriester Willfried Gürtler, habe doch keinen anderen Ursprung als "den heillosen Selbsthaß", der nun epidemisch über "gewisse Gruppen" gekommen sei. Also teilt er den Betroffenen energisch mit, "daß sie ohne Frage überleben können, wenn sie das auch tatsächlich möchten".
Rückhaltlos hat sich der ehedem linken Theorien verhaftete Psychologe einer neuen Weltsicht geöffnet. Individualismus ist alles. Nur wenn der Mensch sein Schicksal selbst in die Hand nimmt, statt es an die ohnehin erdrückend überbelasteten Sozialsysteme zu delegieren, wird der Globus insgesamt genesen. Gerade die "Erworbene Immunschwäche" Aids erscheint Willfried Gürtler da als typische Zeitkrankheit - als das Menetekel eines grassierenden Verfalls von Persönlichkeit und "der Weigerung, sich dem Leben hinzugeben".
Im Grunde ganz simpel, lehrt er, wenn der vielfach zerteilte. an seinen Ängsten erstickende Homo sapiens endlich nur zu jener ihm gemäßen "Gott-Natur zurückfindet. Lösungen aus dem Katechismus von Sektierern, aber Lösungen, die ansteckend wirken.
Schon ist es dem Schamanen Michael Punner gelungen, in der Nachbarstadt Laatzen die Kirche der evangelischen Thomas-Gemeinde aufzuschließen. In regelmäßigen Abständen tritt er da an, um mit den Gläubigen meditierend, singend und betend "in die Grundbedingungen geistigen Heilens einzuweisen".
Noch kreuzt in der Praxis mehrheitlich ein Kundenkreis auf, der auch ansonsten alternativen Lebensformen (oder was sich dafür hält) den Vorzug gibt. Noch sind es in der Hauptsache die "Müslis", deren unruhige Phantasien eine Welt herbeisehnen, die sich über "Nahrungszufuhr aus dem Kosmos" oder Chakren-Konstellationen regelt.
Dennoch: Die Gemeinde der "Weißen Bruderschaft" wächst. "Die ersten Taxifahrer kommen", sagt die Pädagogin Regine Tebel-Simmerling, die im Zeichen des Regenbogens Gesprächstherapie mit Ausdruckstänzen verbindet. "Auch junge Manager" hätten bereits hereingeschaut, um sich von ihrem Streß zu erholen.
Wer Krampf in sich spürt, kann in Workshops "mit Willfried" seine Runderneuerung erleben. Die Kurse heißen "Loslassen I und II" Teilnehmergebühr: 400 Mark. Aber was ist das schon, wenn am Ende ein anderer Mensch dabei herauskommt.
Von Hans-Joachim Noack

DER SPIEGEL 42/1986
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