25.08.1986

SCHWIMMEN

Länge läuft

Schon als Teenager erreichen Schwimmer ihren Leistungszenit. Aber auch als Spät-Twen könnte ein Michael Groß noch Medaillen und Rekorde erkämpfen - falls er nicht vorher die Lust verliert. *

Enttäuschte Reporter wähnten die Rekordkarriere des Olympiasiegers Michael Groß am Ende. 1984 hatte er in Los Angeles über 100 Meter Delphin noch Gold gewonnen. Bei den Weltmeisterschaften letzte Woche in Madrid war er als Vierter medaillenlos geblieben.

"Albatros abgestürzt", meldete die "Welt", "Blei in den Schwingen." Die Münchner "Abendzeitung" trauerte: "So klein war Groß noch nie." Doch so wenig überraschend - jedenfalls für Experten - die Niederlage kam, so wenig muß Groß verzagen: "Wenn die Motivation stimmt", urteilte der Kölner Sportmediziner ,Professor Wildor Hollmann, "gibt es aus der Sicht der Wissenschaft keine Bedenken", daß Michael Groß "noch einige Jahre Höchstleistungen vollbringen kann" - allerdings über längere Strecken. Eindringlich empfahl der Professor deshalb dem Albatros, "die 100 Meter langsam abzuschreiben".

Schwimmerinnen und Schwimmer erreichen ihre optimale Leistungsfähigkeit, und dazu gehört auch Explosivität für kurze Strecken, schon als Teenager. Unter günstigen Bedingungen können sie ihr Leistungsvermögen jedoch viele Jahre konservieren, vor allem "hinausverlagert auf längere Strecken" (Hollmann).

Seinen Titel über 200 Meter Kraul verteidigte Groß, 22, in Madrid souverän. Auf der 400-Meter-Distanz schwamm er 1985 erstmals Weltrekord. Der sowjetische Olympiasieger Wladimir Salnikow, 26, unter Schwimmern ein Opa, verbesserte kürzlich die Weltbestleistung über 800 Meter Freistil.

Die Zeitspanne, in der Schwimmer zu Höchstleistungen fähig sind, hat sich durch wissenschaftliche Trainingsmethoden verlängert. Trotzdem bleibt die Schwimmerei ein Kindersport: Mädchen sind mit 14 bis 16 Jahren ausgewachsen. Funktionen von "Herz, Kreislauf, Atmung und Stoffwechsel" erreichen laut Hollmann in dem Alter "das Höchstmaß".

Die volle Körperlänge gewährt günstige Hebelwirkung, relativ wenig Fettdepots ergeben ein günstiges Kraft-Last-Verhältnis - die ideale Wasserlage.

Jungen erlangen etwa mit 18 Jahren ihr maximales Kraft-Last-Verhältnis und die beste Hebelwirkung - optimale Zugkraft im Wasser. Groß schwamm mit 17 Jahren zur ersten Europameisterschaft, mit 18 Jahren war er Weltmeister und Europarekordler.

Zudem ist er mit 2,01 Meter der zur Zeit längste unter immer mehr Hünen im Schwimmbecken. "Die Weltrekorde", erkannte Groß, hängen "mit der zunehmenden Körpergröße zusammen." Auch Hollmann faßte Untersuchungs-Ergebnisse so zusammen: "Je länger, desto besser fürs Schwimmen."

Der Japaner Kusuo Kitamura, 1932 mit 14 Jahren schon Olympiasieger, war noch eine Ausnahme. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg unterwanderten Teenager, durch zehn und mehr Trainingskilometer täglich gedrillt, sämtliche Rekordlisten. Die australischen Geschwister Ilsa und John Konrads stürzten, sie 13, er 15 Jahre alt, ihre ersten Weltrekorde.

Besonders DDR-Schwimmerinnen brachen als 14- und 15jährige in die Weltelite ein. Mit 14 Jahren schaffte Kornelia Ender den ersten Weltrekord. 21 weitere Weltbestleistungen fügte sie hinzu, acht Welttitel und vier Olympiasiege. Aber schon mit 18 Jahren stieg sie endgültig aus.

Schwimmerinnen haben es schwerer, ihre Leistungsfähigkeit zu konservieren, weil, so Hollmann, "ihre Fettpolster wachsen" und das Gewicht erhöhen. Durch Doping, etwa mit dem männlichen Geschlechtshormon Testosteron, wird mitunter versucht, das Wachstum der Muskeln zu fördern, die Brüste dagegen möglichst lange flach zu halten.

Nebenwirkungen wie tiefere Stimmen sind dann allerdings nicht auszuschließen. Als Reporter beim Olympia 1972 den DDR-Trainer auf die Bässe seiner schwimmenden Teenies ansprachen, antwortete er ungerührt: "Die sollen hier schwimmen und nicht singen"

Veranlagung spielt mit: Schwimmerinnen, die weniger zum Aufbau von Fettpolstern neigen, können ihre günstige Wasserlage länger in Höchstleistungen umsetzen. Die überschlanke Dortmunderin Ursula Happe war schon 30 Jahre alt, als sie 1956 zu olympischem Gold schwamm.

Jungen haben es leichter, ihre Leistungskraft zu stabilisieren. Sie setzen, verglichen mit Mädchen, mehr Muskeln und weniger Fett an. Aber nur wenige unterziehen sich der Trainingsfron, bis sie alle Möglichkeiten ausgeschöpft haben. Denn die Welt kennen sie längst und in ihrem Amateursport verdienen nur wenige nennenswerte Summen.

Anders als zum Beispiel in der Leichtathletik, wo Superstars wie Edwin Moses und Carl Lewis für den Auftritt bei einem Sportfest 50000 Mark oder mehr kassieren, zahlt sich für die weltbesten Schwimmer Leistung materiell kaum aus. Auch die Werbebranche hat wenig Interesse an ihnen. Sogar der Amerikaner Mark Spitz erhielt nur kurze Zeit nach seinen 1972 in München erschwommenen sieben Goldmedaillen lukrative Angebote. Im deutschen Team gilt allein Michael Groß als attraktiver Werbeträger, ohne allerdings auch nur annähernd bei Boris Beckers Millionenspiel mithalten zu können.

Die Schwimmer, vornehmlich Individualisten wie Groß, treibt meist die Liebe zu ihrem Sport,und die muß nicht von Dauer sein. Groß erklärte zwar in Madrid, er wolle bis zu den Olympischen Spielen 1988 in Seoul aktiv bleiben, doch als verbindlich kann dies schwerlich gelten.

Denn, so der eigenwillige Student der Germanistik aus Frankfurt: Es sei keineswegs auszuschließen, daß er von heute auf morgen sage, "ich mag nicht mehr ins Wasser springen".


DER SPIEGEL 35/1986
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