02.02.1987

FRAUENInhaltlich quer

In einem Münchner Strafprozeß um deftige Schimpfworte wurde klar, daß auch Feministinnen zu „hinterfotzigen Kampfmethoden“ neigen. *
Hannelore Mabry, 56, Herausgeberin der Münchner Zeitschrift "Der Feminist", ist wahrlich eine beredte Frau. Richter Bernd Anke vom Amtsgericht München hatte jedenfalls seine liebe Not, das Strafverfahren gegen die Münchner Streiterin für die Frauenbewegung wenigstens hin und wieder auf den Punkt zu bringen.
Richter Anke: "Finden Sie es richtig, andere Frauen als Arschlöcher zu bezeichnen?" Feministin Mabry: "Erstens mache ich keinen Unterschied zwischen Frauen und Männern, zweitens muß in manchen Fällen etwas im Interesse der Öffentlichkeit deutlich gesagt werden, und drittens habe ich nicht Arschlöcher, sondern Arschlöcherinnen gesagt."
Adressatinnen der anrüchigen Verbalinjurie waren die Veranstalterinnen einer DGB-Frauentagung im Münchner Sophie-Scholl-Gymnasium zum Thema "Frauen verändern Schule". Hannelore Mabry hätte sich vor den etwa 300 versammelten Gewerkschaftsdamen gern über "Koedukation" und "feministische Utopien" geäußert, ersatzweise hätte sie auch referiert über "Frauensolidarität - Anspruch, Wirklichkeit und Versuch einer Prognose für die nächsten Jahre".
Statt des Vortrags erlebten die Zuhörerinnen die Wirklichkeit der Frauensolidarität ganz unmittelbar: Schon nach wenigen Sekunden wurde das Mikrophon ausgeschaltet, denn Hannelore Mabry ist in der Feministinnen-Szene als eifernde Diskussionsrednerin bekannt und gefürchtet. Eine der Veranstalterinnen vor Gericht: "Die formuliert gut, fängt bei irgendeinem Thema an und endet dann bei Adam und Eva."
Eine andere Zeugin wunderte sich, "wie man so lange Zeit, schon vom Körperlichen her, so laut schreien kann". Denn Frau Mabry hatte sich in der Hitze des Gefechts nicht mit nur einer wortstarken Beleidigung begnügt. Die Beschuldigte: "Ich habe auch DGB-Huren, Patriarchatshuren und Arschkriecherinnen gesagt - und das wollte ich auch."
Insoweit war der Tatbestand der Beleidigung, der zunächst einen Strafbefehl über 30 Tagessätze oder 600 Mark ausgelöst hatte, ziemlich unzweideutig festgestellt. Doch Richter Anke wollte der ungestümen, redegewandten Feministin nicht ohne Not in die Quere kommen, er räumte dem Bagatellfall gleich drei Verhandlungstage ein: "Ich nehme mir gerne Zeit, um alles genauestens aufklären zu können."
So geriet der von Mabry-Anhängerinnen gut besuchte Prozeß zu einem kleinen Seminar über die neuere Geschichte des Feminismus, einer laut Hannelore Mabry ohnehin stark vernachlässigten Sparte: "Kein Hahn und kaum eine Henne kräht danach."
Nach einer Theater- und Fernsehkarriere ("Nicht von gestern") studierte Hannelore Mabry mit 36 Jahren politische Soziologie, Sozialpsychologie, Volkswirtschaft, politische Wissenschaft, Philosophie und Marxismus; 1971 legte sie unter dem Titel "Unkraut ins Parlament" eine Diplomarbeit über die vernachlässigte Emanzipation im Bayerischen Landtag vor.
Danach gründete sie ein "Frauenforum München", das später in den "Förderkreis zum Aufbau der feministischen Partei" überging- mit dem unregelmäßig erscheinenden Zentralorgan "Der Feminist". Schon der Titel macht deutlich, daß bei Mabrys Spielart der Frauenbewegung Männer willkommen sind: "Die müssen doch die Scheiße des Patriarchats wegräumen helfen." Tatsächlich hat die Münchner Feministin auch schon einen männlichen Feministen gefunden - Hansi, einen Bauernsohn und Kunstmaler, der tapfer die Aktionen der Frauen mitmacht.
Nicht nur wegen ihres Feministen sitzt die Mabry nach eigener Einschätzung "wirklich zwischen allen Stühlen" und "inhaltlich quer zur ganzen Bewegung". Die autonomen Frauen hat sie vergrätzt, weil sie den "Lesbianismus", diese "Philosophie aus den Schamlippen", als "miesen Sexismus" definiert. Da sie den Marxismus, den Anarchismus und das Christentum gleichermaßen als "Bollwerke des Patriarchats" abtut, hat sie weder bei Linken noch bei Rechten Freundinnen oder Anhängerinnen.
Exemplarisch ist wohl ihr Verhältnis zur "Emma"-Chefredakteurin Alice Schwarzer, die von Mabry unerbittlich bekämpft wird: "Wenn die Feministin ist, dann bin ich keine."
In den Gewerkschaften sieht die Münchnerin "patriarchalische Mackerinnen" am Werk, und auf dem Gründungskongreß der Grünen hat sie sich mit einem Grundsatzreferat über den "Antifeminismus der Grünen" auch nicht eben vorteilhaft in Szene gesetzt. Bei der Hamburger Frauenwoche wurde sie "an Händen und Füßen gepackt und aus dem Saal getragen", und auch beim jüngsten Mütterkongreß der Grünen in Bonn war sie als Referentin unwillkommen. "Ich werde nirgends genommen", ärgert sich die Streitbare, "das ist doch die Scheiße."
In ihrer Zeitschrift "Der Feminist" (Auflage: 4000) geißelt sie immer nachhaltiger den "Mythos von der Frauensolidarität". Im Umgang von Frauen untereinander, so verrät die Titelgeschichte "Frauen gegen Frauen", herrsche nur selten "körperliche Brutalität", dafür seien um so häufiger "Mißgunst, Sticheleien, Verleumdungen und Intrigen" - kurzum "hinterfotzige Kampfmethoden" des "Fertigmachens, Herabsetzens, Kaltstellens".
"Es muß jetzt erst mal raus, was Frauen sich gegenseitig antun", doziert die Feministin, denn "die Machtkämpfe der Frauen finden im Hinterhof und im Dunklen statt". Hannelore Mabry: "Mit der neuen Zärtlichkeit in der Frauenbewegung ist es nicht so doll."
Da sind ja fast die Männer noch zärtlicher, zumindest gegenüber Frauen. Amtsrichter Bernd Anke jedenfalls stellte am dritten Verhandlungstag ziemlich ermattet das Strafverfahren gegen Hannelore Mabry wegen Geringfügigkeit ein - ohne Auflagen und Kostenfolgen.
Sonst sind die Tarife in Bayern nicht so günstig. Ein Vergleich mit "Gestapomethoden" kostete im Dezember letzten Jahres 1000 Mark Strafe, ein "komischer Vogel" 1200 Mark und ein "Idiot" sogar satte 3000 Mark. Der kleine Unterschied: Es handelte sich durchweg um Beschimpfungen von Männern gegen Männer.

DER SPIEGEL 6/1987
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