25.08.1986

Die Zeit heilt nicht die Wunden

Von Limmer, Wolfgang

Francesco Rosi verfilmt in Kolumbien die "Chronik eines angekündigten Todes" von Garcia Marquez *

Eine verhärmte, ins Schwarz der Liebesdürre gekleidete Frau umstreicht ein einstmals prunkvolles Haus, von dem nun aber die tropische Vegetation Besitz genommen hat. Lianen winden sich aus den glaslosen Fensteröffnungen, Mauerrisse zeugen von der unnachgiebigen Kraft des vermeintlich sanften Grüns. Trotz der Hitze fröstelnd bleibt die Frau vor einem verrosteten Jaguar-Coupe stehen, aus dem, wie aus einer absurden Vase, Blumen wachsen. Der Blick der Frau richtet sich auf einen Mann, der ihr auf dem Weg zum Haus entgegenkommt. Wehmut senkt sich über ihre Augen.

"Cut, grazie. Faciamo un' altra." Als hätte man den Strom abgeschaltet, verschwindet der Ausdruck, macht einem hinter den angeschminkten Falten plötzlich fröhlichen Jungmädchengesicht Platz, dessen smaragdgrüne Augen unverwechselbar Ornella Muti verraten. Nach eher peinlichen Ausrutschern auf dem für sie zu glatten Parkett des Fin de siecle ("Eine Liebe von Swann"), mißbraucht für die schmierigen Phantasien des klimakterischen Perverslings Marco Ferreri, zum erotischen Sidekick des Egomanen Adriano Celentano verharmlost, spielt sie hier endlich wieder eine anspruchsvolle, ihrem Talent entsprechende Rolle.

In der Verfilmung der "Chronik eines angekündigten Todes" des kolumbianischen Nobelpreisträgers Gabriel Garcia Marquez spielt sie die Angela Vicario eine Schönheit in einem karibischen Ort derentwegen ein Mann erstochen wird, weil Angela zum Zeitpunkt ihrer Eheschließung keine Jungfrau mehr war. Ihr Gatte der schöne und reiche Fremdling Bayardo San Roman, bringt sie noch in der Hochzeitsnacht zu ihren Eltern zurück, und damit nimmt das melodramatische Verhängnis seinen Lauf.

Um die Ehre der Familie wieder herzustellen, muß Rache genommen werden an Angelas Verführer. Doch als sie ihn benennt, ist man allgemein erstaunt, wenn nicht ungläubig. Es ist Santiago Nasar, Sohn einer geachteten Araberfamilie, befreundet mit allen im Dorfe, ganz und gar nicht der Typ des Jungfernschänders.

Doch gleichviel, Moral und Ehre fordern ihren Tribut. Angelas Brüder, die Zwillinge Pedro und Pablo, Schlachtergesellen und im Umgang mit dem Messer erfahren, verkünden lauthals, Santiago, ihren Freund, zu erstechen. Zu ihrem eigenen Erstaunen hindert sie niemand daran, und so bleibt ihnen nichts anderes übrig, als, im Grunde widerwillig, die Tat an dem Ahnungslosen zu begehen. "Es hat nie einen öfter angekündigten Tod gegeben", heißt es bei Garcia Marquez.

"Dies ist eine Parabel über kollektive Verantwortung, kollektive Schuld", sagt Regisseur und Drehbuchautor Francesco Rosi, dessen Oeuvre von der dramatischen Recherche ("Wer erschoß Salvatore G?") bis zur komplexen Schilderung von Familienschicksalen ("Drei Brüder") immer wieder rückständige Tradition und verheerenden Wandel des Mezzogiorno angeprangert hat. "Wer vor der Gewalt die Augen schließt, ist gewalttätig gegen sich selbst. Man versteckt sich vor der Verantwortung."

Nicht nur thematisch scheint Rosi zu diesem Thema prädestiniert zu sein. Wie in den meisten seiner Filme, verweben sich auch in Garcia Marquez' Roman Vergangenheit und Gegenwart zu einem Geflecht, aus dem sich Schicksal und Tragödie formen. Die Zeit heilt nicht die Wunden, sie ist die Wunde selbst.

Der Mann, der Angela vor dem verfallenen Haus entgegenkommt, heißt Christo Bedoya, im Roman eine Nebenfigur. Im Film nimmt er die Rolle des Marquezschen Ich-Erzählers ein, aus dessen Erinnerungen die Ereignisse rekapituliert werden. Als junger Medizinstudent war Bedoya damals Zeuge des Verbrechens. Nun kehrt er nach 25 Jahren als erfolgreicher Arzt zurück, um die Leitung des örtlichen Krankenhauses zu übernehmen. Die Spuren der damaligen Tat führen ihn zu Angela und zu jenem verfallenen Haus, das sie für eine einzige, ihr Schicksal bestimmende Nacht mit ihrem Bräutigam bewohnt hatte. Die Vergangenheit hat beide eingeholt, doch die Zukunft, so endet der Film, wird für Angela eine versöhnliche Gnade bereithalten.

Gian Maria Volonte spielt Christo Bedoya, und in jeden Blick, den die Großaufnahmen

dieser entscheidenden Szene festhalten, legt Volonte eine ergreifende Melancholie. Es herrscht eine faszinierend harmonische Konzentration an diesem Drehtag. Seit "Bataillon der Verlorenen" ist Volonte Rosis bevorzugter Schauspieler. Die Vertrautheit, die zwischen beiden herrscht, macht viele Worte überflüssig. Auch das Team um Rosis ständigen Kameramann Pasqualino de Santis scheint von dieser Atmosphäre angesteckt.

Das ist nicht immer so. Zwei Tage zuvor probte Rosi eine komplizierte Szene, einen Streit zwischen Angela, ihrer Mutter (dargestellt von Irene Papas), und ihren hämischen Schwestern, die ihr den schönen Bräutigam mißgönnen. Da explodierte Rosis neapolitanisches Temperament, er tobte, schrie, trampelte auf den Boden wie Rumpelstilzchen, griff brutal in das Spiel ein, bis er, zufrieden lachend, die verstörten Schauspieler in den gewünschten Erregungszustand versetzt hatte. "Ein Regisseur", so Rosi, "muß zärtlich und feinfühlig sein, aber auch aus sich herausgehen können, wenn es die Szene erfordert. Ich brauche das, denn ich besetze in meinen Filmen viele Rollen mit Laien, die ich auch physisch führen muß"

In der tropisch-schwülen Hitze Cartagenas zehrt diese Anstrengung doppelt an den Kräften, doch der Dreiundsechzigjährige verfügt über eine schier unerschöpfliche Vitalität. Sein berserkerhafter Einsatz, vom italienischen Team mit ergebener Hochachtung honoriert, läßt spüren, wie sehr ihm dieser Film am Herzen liegt, welchen Kampf es gekostet hat, die Produktion zu realisieren.

Eine Reihe von Regisseuren hatte sich 1981 nach Erscheinen des Buches um die Filmrechte beworben, darunter auch Robert Altman, der Rosi in einem Telegramm zu Drehbeginn seine freundschaftliche Eifersucht mitteilte. Mit Unterstützung des damaligen französischen Kulturministers Jack Lang (für die er sich durch die Besetzung von Langs Tochter in einer Nebenrolle bedankte) konnte Rosi sich eine Option auf die Rechte sichern. Gaumont Italia, der italienische Zweig des französischen Medienkonzerns, sollte die Produktion finanzieren, doch die Firma rauschte in eine gigantische Pleite.

Die Frankoschweizer Produzenten Yves Gasser und Francis von Büren, die schon Rosis "Christus kam nur bis Eboli" mitfinanziert hatten, übernahmen das Projekt, verkauften die weltweiten Videorechte für zwei Millionen Dollar und brachten das Acht-Millionen-Dollar-Budget in Frankreich, Italien und Kolumbien zusammen. Das scheint viel für einen Film, der nicht gerade auf das umsatzstarke Jugendpublikum zielt. Doch allein Garcia Marquez ließ sich für die Filmrechte des Romans, der in der spanischen Originalausgabe mit der ungewöhnlich hohen Startauflage von einer Million Exemplaren herausgekommen war, 450000 Dollar bezahlen.

Zudem verlangte Garcia Marquez, daß der Film an den im Buch angegebenen Originalschauplätzen gedreht werden müsse. Denn Buch wie Film basieren auf einem realen Vorfall, dessen Zeuge, so heißt es, Garcia Marquez selbst gewesen sei und der sich 1951 in Sucre, einem Städtchen in der Nähe von Cartagena, zugetragen habe. Nach Erscheinen des Buches glaubte sich ein Zwillingspaar als Täter geschildert zu sehen und klagte, allerdings erfolglos.

Die wahre Angela Vicario soll noch in der Gegend leben und sich von Stickereien ernähren, die in Cartagena verkauft werden. Eine spanische Reporterin hat vor einigen Jahren auch Angelas Bräutigam entdeckt, nun ein dicklicher Familienvater, der als Versicherungsvertreter arbeitet und Garcia Marquez' Novelle "meisterhaft" findet.

Als wär's ein Film von Rosi: Wirklichkeit und Mystifikation mischen sich in den Erzählungen der Leute, die in Cartagena mit dem Film zu tun haben, zu einem unentwirrbaren Geflecht. In den karibischen Tropen wuchert auch die Phantasie.

Die Gewalt, um die sich vieles hier rankt, erscheint in der quirligen Beschaulichkeit dieser blendend schönen, von den spanischen Eroberern erbauten Stadt, die jahrhundertelang vergebens von Piraten berannt worden war und später als ein Hauptumschlagplatz des Sklavenhandels gilt, wie ein Nachklang blutiger Vergangenheit.

Und doch ist sie real: Einer der Sicherheitsleute, die die Produktion engagiert hatte, wurde eines Morgens mit neun Kugeln im Körper gefunden. Ein Opfer des Drogenkriegs, heißt es. Aus Furcht vor möglichen Guerilla-Attacken stellten die kolumbianischen Behörden jedem Schauspieler einen bewaffneten Bodyguard bei, Alain Delons Sohn Anthony, der das Mordopfer Santiago Nasar spielt, bekam deren sogar zwei.

Doch die Guerilla, die ihre Sympathie für das Filmprojekt mitteilen ließ, bereitete weniger Schwierigkeiten als die Korruption, die die Italiener dank heimatlicher Erfahrungen leidlich in den Griff bekamen.

Es war ein versierter Kollege aus dem Showbusiness, der das größte Produktionshindernis aufwarf: Just an jenem Platz, auf dem Rosis Architekt Andrea Crisanti, wie seit zwei Jahren zugesagt, die zentrale Filmkulisse bauen wollte, gefiel es Johannes Paul II., während seines letzten Südamerikatrips eine Messe abzuhalten. Der Film mußte weichen, und so entstand die vierfach vergrößerte Nachbildung eines kolumbianischen Dorfplatzes vor den Toren Cartagenas inmitten eines Armenviertels zwischen Holz- und Wellblechhütten.

Geduldig stehen deren Bewohner, von schlagstockbewehrten Polizisten in Schach gehalten, hinter den Kulissen und beobachten Stunde um Stunde, wie die "Gringos" eine Tragödie nachstellen, die sich vor einiger Zeit unweit von ihnen zugetragen hat. Nun werden ihre Landsleute von Engländern, Franzosen und Italienern verkörpert, und in einigen Jahren können sie vermutlich das ihnen vertraute Tropendrama vor ihren Fernsehkisten, über die jede Hütte verfügt, nacherleben. Manchmal würgt die Art, wie in die Wirklichkeit eingegriffen wird, um sie nachzustellen. Wolfgang Limmer


DER SPIEGEL 35/1986
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