02.02.1987

DDRHeimlicher Handel

Die DDR braucht Silber und ködert Spekulanten. Folge: Der Westkurs für Ost-Mark geriet ins Rutschen. Muß die SED neue Noten ausgeben? *
An West-Berlins Wechselschaltern, wo DDR-Rentner ihr Erspartes gegen D-Mark zu verhökern pflegen, drängelte sich in den letzten Wochen mondänere Ostkundschaft.
Distinguierte Herren, meist unschwer als Angehörige des in Ost-Berlin akkreditierten Diplomatischen Korps zu erkennen, präsentierten stapelweise Ost-Mark, vielfach druckfrisch und noch in Staatsbank-Banderole gebündelt. Gelegentlich förderten solche Kunden aus weiten Mänteln Millionenbeträge hervor.
Hundert Millionen Ost-Mark, schätzen Berliner Geldexperten, kamen im letzten Monat auf den Markt, mindestens zehn Millionen mehr, als das System verkraftete. Folge des Überhangs: Vorübergehend purzelte der - inoffizielle - Kurs dramatisch von 1:6 auf nahezu 1:10, erholte sich in der letzten Woche aber wieder; die offizielle Tauschrelation von 1 zu 1 gilt nur bei DDR-Banken oder im Interzonenhandel.
Den plötzlichen Andrang von Ost-Mark löste, so die Analyse Berliner Banken, vor allem ein akuter Silbermangel der mikroelektronischen DDR-Industrie aus. Um den Engpaß zu beheben, ohne knappe Devisen ausgeben zu müssen, habe der VEB Münze der DDR kurzfristig den Ankaufpreis für Silber pro Kilobarren auf 6200 Ost-Mark erhöht. Im Westen kostete der Kilo-Barren in der letzten Zeit weniger als 450 Mark.
Da machte selbst bei einem Kurs von 12 Mark West für 100 Mark Ost der Silberverkäufer einen guten Schnitt: Er bekam für 6200 Ost-Mark 744 West-Mark.
Die unvermutete Marktlücke nutzten nicht nur DDR-Bürger und machten ihr Tafelsilber zu Geld. Viele in Ost-Berlin akkreditierte Diplomaten erhielten so erkleckliche Spekulationsgewinne: Sie verkauften der staatlichen Münze eine größere Menge Silber, die sie im Schutz diplomatischer Immunität in die DDR gebracht hatten - und tauschten die erlöste Ost-Mark in den West-Berliner Wechselstuben in harte Westwährung.
Der Silberhandel ist nur ein Teil der Währungstransaktion zwischen Ost und West. Jährlich fließen nach Schätzung westlicher Geldkaufleute bis zu 250 Millionen Ost Mark auf den internationalen Markt - ein Vorgang, der die DDR gleichermaßen am Prestige wie am löchrigen Devisenhaushalt trifft.
Seit eh und je muß Ost-Berlin zusehen, wie sein Geld, eine reine Binnenwährung, die nirgend sonst in der Welt ausgegeben werden kann, unkontrollierbar in beiden Richtungen über die Staatsgrenze West strömt.
Es ist versteckt im Diplomatengepäck wie unter der Rheumabinde eines Rentners, ausländische Schlepper treten in Aktion, und sogar Kirchenmänner wurden schon in Devisendelikte verwickelt - etwa der frühere Präses Kurt Scharf, der 1957 half, 400000 Ost-Mark zugunsten von DDR-Kirchenstellen über die Grenze zu schleusen.
Hauptdrehscheibe ist West-Berlin, wo Geschäftsbanken und vor allem private Wechselstuben ein gut Teil des Ost-Mark-Umsatzes abwickeln. Wer als Westler, statt offiziell zum Kurs von 1:1 zu tauschen, sich in West-Berlin mit billigem Ost-Geld eindeckt, kann dank Dumpingkurs im Nachbarland, wo ein Schweine-Steak "Lukullus" in besseren Lokalen 10,40 Mark kostet, praktisch fürs Trinkgeld speisen.
Auch anderweitig öffnet der "Schwindelkurs" Ostreisenden großzügige Okkasionen, sofern sie es wagen, das Schwarzgeld über die Grenze zu schmuggeln: etwa Geldgeschenke an Verwandte oder die Ost-Berliner Zweitfreundin. Privilegierte, zum Beispiel die von Grenzkontrollen ausgenommenen westalliierten Militärs, organisieren ohne jedes Risiko Hamsterfahrten in dem Ostteil der ehemaligen Hauptstadt - Einkaufsschlager unter GIs zuletzt: optische Geräte, vorzugsweise Ferngläser aus Jena.
Drakonische Strafdrohungen für kapitale Devisensünder in der DDR - bis zu zehn Jahren Gefängnis- können den Transfer nicht stoppen. Reiseerleichterungen und vereinfachter Grenzverkehr erschweren den DDR-Organen die Kontrolle.
Als Devisenschlepper größten Stils wirken vor allem die in Ost-Berlin ansässigen Diplomaten. Viele von ihnen erhalten ihr Gehalt nur teilweise in DDR-Währung, den Rest in Westdevisen, die sie dann - zwecks Anhebung der eigenen Kaufkraft und unbehelligt durch Kontrollen - am Westschalter in Ost-Mark vervielfachen und schließlich wieder durch die Mauer schmuggeln.
Nicht nur östliche Botschaftsangehörige schleusen fremdes Geld. Auch Bonns Ständige Vertretung mußte 1982 einen Mann abziehen, der bei einer Transfer-Affäre - es ging um mindestens 500000 Ost-Mark - aufgeflogen war.
Der DDR entgehen durch den freihändigen Geldtransfer Deviseneinnahmen in zweistelliger Millionenhöhe; zudem verschärfen die dank billigen Wechselkurses günstigen Einkäufe der Westtouristen - begehrt sind zumeist rare DDR-Waren - die Versorgungsnöte der eigenen Bevölkerung. Folgerichtig daher, daß die DDR 1980 einen durch den heimlichen Devisenhandel erlittenen "volkswirtschaftlichen Schaden" reklamierte und damit die Anhebung des Zwangsumtauschs auf derzeit 25 Mark pro Reisenden und Tag begründete.
Zu der Misere trägt die DDR freilich selber bei. Schon in den siebziger Jahren erschien kofferweise druckfrische DDR-Mark auf den Geldhandelsplätzen in Zürich, Frankfurt und Wien. Die dafür zum Schleuderkurs eingetauschte West-Mark sollte volkseigenen Betrieben aus der Klemme helfen; anderweitig so schnell nicht erhältliche Güter wurden notgedrungen im Westen aufgekauft - Maschinenbauteile, Industriediamanten, Reißverschlüsse.
Der größten Ost-Mark-Schleuse West-Berlins gewährt die DDR sogar Gastrecht. Die Deutsche Verkehrs-Kredit-Bank unterhält Schalter im zugehörenden Bahnhof Zoo. "Jeder Vorbeikommende", so beschwerte sich ein Branchenkonkurrent schriftlich in Ost-Berlin, "muß den Eindruck gewinnen, als ob die
DDR den Ankauf von Mark der DDR in Berlin (West) zu den hier gängigen Kursen billigt."
Muß wohl so sein. Denn selbst im eigenen Land bedient sich die SED trotz aller gebetsmühlenhaft wiederkehrenden Tiraden gegen den "Schwindelkurs" der bis Mitte 1986 geltenden 1:5-Kennziffer: In den "Delikat"- und, Exquisit"-Läden für Lebensmittel, Textilien und Schuhe verschachert der staatliche Handel Waren gehobener Qualität aus Westproduktion zum drei- bis siebenfachen Preis an Kunden, die mit Ostgeld zahlen.
Das Geld für Einkäufe im Intershop, wo gegen West-Mark fast alles zu haben ist, woran es der DDR-Gesellschaft sonst mangelt, besorgen sich clevere Ost-Bürger in regionalen Zentren für den illegalen Geldverkehr. Der Kurs, der dort gezahlt wird, bildet sich nach den Gesetzen des Marktes.
Am Hermsdorfer Kreuz bei Gera tauschten Ostdeutsche schon vor einem Jahr bei Transitreisenden ohne Murren sieben Mark Ost gegen eine West. Die Raststätte gilt als zentrale Wechselstube für den gesamten Süden der SED-Republik.
Die sonst so wachsamen Genossen von der Staatssicherheit drücken beide Augen zu. Denn um an Westgeld zu kommen, ist den SED-Oberen (fast) jedes Mittel recht - sogar der organisierte Schwarzmarkt im Herzen des realen ostdeutschen Sozialismus.
Nur wenige Meter von der Ost-Berliner Prachtstraße Unter den Linden entfernt sind jeden Morgen vier bis sechs Profis im Einsatz, um unbedarften West-Touristen D-Mark und Dollars aus der Tasche zu ziehen.
Die Herren verwickeln ihre Opfer in ein harmloses Gespräch, fragen, wie lange es denn heute an der Grenze gedauert habe und ob der Herr Nachbar auf seine Ost-Verwandten warte. Dann kommen sie en passant zur Sache: Ob man nicht ein paar Märker tauschen möchte, die Freundin habe Geburtstag, und um die Ecke sei zufällig ein Intershop.
Der Kurs sei, leider, leider, nicht ganz so günstig wie in West-Berlin, aber 1:4 sei schon drin, dafür habe man das Geld aber auch nicht durch die Grenzkontrollen schleusen müssen. Ein Risiko, so beteuern die Wechsler, gebe es nicht. Falls der Besucher Ost-Geld übrigbehalten sollte, könne er das ja an der Grenze zum Kurs 1:1 zurücktauschen - eine für den Wechsel-Willigen gefährliche Lüge. Denn wird er mit heißer Ost-Mark erwischt, blühen ihm zumindest stundenlange Verhöre durch die Staatsorgane.
Die illegalen Geschäfte, räumt ein Ost-Berliner Finanzexperte freimütig ein, seien "eine finstere Sache"; aber die DDR brauche jede West-Mark, die sie kriegen könne, und deshalb dulde die Staatspartei die Gaunerei.
Diese Politik des lockeren Geldes, davon ist der im Mai letzten Jahres in die Bundesrepublik gewechselte ehemalige SED-Funktionär Hermann von Berg überzeugt, zahlt sich für die SED nicht aus. Berg bezweifelt, daß sich die schwarze Ost-Mark im Westen wieder auf den jahrelang gültigen Standard-Kurs von 1:5 einpendeln wird. Das Absacken der Ost-Währung, so seine These, sei in erster Linie auf die anhaltend negativen Trends der DDR-Wirtschaft zurückzuführen.
Die wichtigsten Minuspunkte der ostdeutschen Wirtschaft: die schlechte
Energiesituation der DDR, der Rückgang des Westhandels, auch des innerdeutschen Handels, eine rückläufige Entwicklung der Investitionsrate sowie die erneut angewachsene Westverschuldung - derzeit nach westlichen Hochrechnungen netto etwa acht Milliarden Dollar.
Ostexperten in West-Berlin wollen von Erwägungen in der SED-Führung wissen, wie der Verfall der DDR-Mark im Westen aufzuhalten sei - mit einem kurzfristigen Umtausch der jetzigen in neue Banknoten. Damit könne, wie zuletzt 1964, die im Westen umlaufende Ost-Mark zu Makulatur werden.
Nachteil: Die SED würde ihre wichtigsten westlichen Partner verärgern, die Banken. Und auf deren Kreditfreude bleibt sie angewiesen.
[Grafiktext]
STURZ DER OST-MARK Wert von 100 DM-Ost in DM-West, Mittelkurse; 1948 bis 1986 Jahresdurchschnitte 31,80 16,55 21,00 22,55 35,05 28,10 29,20 21,20 17,48 12,25 1948 1950 1955 1960 1964 1970 1975 1980 1986 Mittelkurs am 19. Januar 1987 Kurse sagen nichts über die Kaufkraft der DM-Ost aus Quelle: DIW, Berlin
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 6/1987
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 6/1987
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

DDR:
Heimlicher Handel

Video 01:11

Wie im Actionfilm US-Polizist schießt durch eigene Windschutzscheibe

  • Video "Gefahr am Badesee: Wie man Ertrinkende erkennt - und rettet" Video 03:06
    Gefahr am Badesee: Wie man Ertrinkende erkennt - und rettet
  • Video "Schwarzenegger zu Trump: Weichgekochte Nudel, Fanboy!" Video 01:07
    Schwarzenegger zu Trump: "Weichgekochte Nudel, Fanboy!"
  • Video "Trump-Putin-Gipfel: Melania, nimm das mal!" Video 02:51
    Trump-Putin-Gipfel: "Melania, nimm das mal!"
  • Video "Amateurvideo von Hawaii: Lava-Bombe trifft Ausflugsboot - 23 Verletzte" Video 01:52
    Amateurvideo von Hawaii: "Lava-Bombe" trifft Ausflugsboot - 23 Verletzte
  • Video "Was läuft schief in der SPD? Zwei Genossinnen, zwei Meinungen" Video 05:01
    Was läuft schief in der SPD? Zwei Genossinnen, zwei Meinungen
  • Video "Grönland: Riesiger Eisberg bedroht Dorf" Video 01:06
    Grönland: Riesiger Eisberg bedroht Dorf
  • Video "Prototyp aus dem 3D-Drucker: Aus diesem Reifen ist die Luft raus" Video 03:17
    Prototyp aus dem 3D-Drucker: Aus diesem Reifen ist die Luft raus
  • Video "Überschwemmungen in Indien: Riesenwellen faszinieren Schaulustige" Video 01:02
    Überschwemmungen in Indien: Riesenwellen faszinieren Schaulustige
  • Video "Flitzer bei WM-Finale: Videobotschaft von Pussy Riot" Video 01:42
    Flitzer bei WM-Finale: Videobotschaft von "Pussy Riot"
  • Video "China: Steinschlag zertrümmert Highway" Video 00:44
    China: Steinschlag zertrümmert Highway
  • Video "Sensationsfund in Ägypten: Forscher entdecken vergoldete Mumienmaske" Video 01:07
    Sensationsfund in Ägypten: Forscher entdecken vergoldete Mumienmaske
  • Video "Putin und Trump beginnen Vier-Augen-Gespräch: Die Welt möchte, dass wir miteinander auskommen" Video 01:11
    Putin und Trump beginnen Vier-Augen-Gespräch: "Die Welt möchte, dass wir miteinander auskommen"
  • Video "Trump-Putin-Gipfel: Maximale Unberechenbarkeit" Video 03:18
    Trump-Putin-Gipfel: "Maximale Unberechenbarkeit"
  • Video "Gerettete Jungs in Thailand: Was ich als erstes essen möchte..." Video 01:08
    Gerettete Jungs in Thailand: "Was ich als erstes essen möchte..."
  • Video "Wie im Actionfilm: US-Polizist schießt durch eigene Windschutzscheibe" Video 01:11
    Wie im Actionfilm: US-Polizist schießt durch eigene Windschutzscheibe