10.11.1986

„Der Erdball wird durchs All schlingern“

SPIEGEL-Redakteur Peter Seewald über Apokalypsen in Niederbayern *
Für die Familie Wagner in Richardsreut sind Jesus und Maria nicht außer Mode gekommen, weder als Wanddekoration noch als Not-Heilige. Weihrauchduft und Glaubensflair sind für die Niederbayern wichtiger denn je. Die Wagners nämlich leben im Bewußtsein der Endzeit.
Vor sechs Jahren schon ließ Reinhold Wagner, Fertigungsleiter in einer Bohrerfabrik, für 60000 Mark im Garten einen angeblich atombombensicheren Bunker anlegen, Fassungsvermögen zwölf Personen, Konserven sind gehortet und Wolldecken, zwei Stück pro Familienmitglied, zumindest bestellt. "Heilige Maria, Mutter Gottes", litaneien Vater, Mutter, Kinder abends vor dem zum Mini-Altar stilisierten Beistelltischchen, "bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen."
Sonntags in die Kirche, jeden Tag Rosenkranz, zweimal die Woche intensive Gebetsstunden - mag sein, daß ein mittlerweile gut hundertköpfiger Gebetskreis, um den frommen Mann das drohende Malheur aufgehalten hat. Abwenden aber läßt es sich aus seiner Sicht nicht mehr. "Es wird in einem Frühjahr sein", verrät der 38jährige, "die Sonne wird sich verdunkeln. Durch Atombombenexplosionen werden sich die Polarachsen verschieben. Der Erdball wird drei Tage lang durchs All schlingern."
Vom Kosmos zum Chaos, so sieht auch der Fabrikarbeiter und Nebenerwerbslandwirt Max Straßer, 56, den Lauf der Dinge, wenn er von seiner Eckbank aus den Blick über Zeit und Raum hinausgleiten läßt. "Du hast das Essen vor dir", zitiert der Landmann in Heindlschlag dieser Tage aus einer alten Vorausschau, "und kannst es nicht essen. Du hast das Wasser im Grandl und darfst es nicht trinken, weil es dein Tod ist. Die Luft frißt sich in die Haut wie ein Gift ... Wenn dir die Haare ausfallen, hat es dich erwischt."
Nachfrage überflüssig, jeder Zuhörer weiß, was gemeint ist. "Die Menschheit", setzt der Erzähler fort, "stellt sich den Weltuntergang ganz falsch vor. Die ganze Vergiftung der Natur zum Beispiel oder das Versagen der Technik, das bedeutet doch schon den Aufmarsch der Apokalypse." Straßers eigene Wahrnehmung und auch seine kleine, abgegriffene Bibliothek, deren Titel ("Und Gott sagt basta") allesamt um "die großen Zeichen der Endzeit" kreisen, deuten darauf hin. "Zwei Drittel der Menschheit gehen zugrunde. Wahrscheinlich war Tschernobyl der Anfang."
Im Bayerischen Wald, dem Land der Seher, der Ur-Heimat von Sonderlingen, Weltscheuen, Rutengängern und Menschen mit dem zweiten Gesicht, war die Mystik schon immer zu Hause. Gewachsen, _(Oben links: Josef Bierbichler als ) _(Mühlhiasl in Werner Herzogs "Herz aus ) _(Glas"; ) _(unten: Hinter glasbild von Rudolf ) _(Schmid. )
gelebt und überliefert, sind die Geschichten um Wunderdinge und Unheilskunden Kulturgut des Volkes geworden. Nun aber, mit einem allgemein zunehmenden Gefühl der Bedrohung durch Umweltkatastrophen und Menetekel a la Seveso, tritt der Mystizismus der Hinterwäldler aus dem Herrgottswinkel heraus: Der Prophet Mühlhiasl, sprich Muihiasl, geht wieder um.
Der sagenhafte Wundermann aus dem Waldgebirge, angeblich als Sohn des Müllers Mathias Lang um 1750 im Weiler Apoig bei Straubing auf die Welt gekommen, wird aufs neue zitiert in den Dörfern. Spätestens seit dem Super-GAU in Rußland - im Jahre des Kometen Halley - paßt seine Weissagung vom "großen Abräumen" wieder in die Landschaft. Wer''s übersteht, sagt der Hiasl, "muß einen eisernen Kopf haben".
Mühlhiasl-Texte werden von Hand zu Hand gereicht. Heimatverlage, die im Dutzend Hellseher-Werke auflegen, vermerken beste Auftragstage. Auf der Untergangswelle reiten Popmusiker, wie die Gruppe "Haindling", die in einem psychedelischen Mühlhiasl-Song verkündet, daß zwar "die Menschen die Welt vernichten", aber auch "die Welt die Menschen vernichten" wird.
In einem "Kgl. bay. Wald-Stadl zu Habischried wird "Mühlhiasl, der Waldprophet" als Wachsfigur an gutgläubige Preußen verkauft. In Zwiesel setzt die Wirtsfamilie Duschek ihren Gästen den "Filettopf Waldprophet" vor. Im "Märchenwald am Arbersee" erschreckt ein pappnasiger Waldschrat den Naturfreund aus Wanne-Eickel mit "Grüß Gott, lieber Wanderer" und gibt dann, für fünfzig Pfennig, unter dem Namen "Mühlhiasl, Waldprophet aus Rabenstein" mit krächzender Stimme seinen Lebenswandel als "einfacher, naturverbundener Waldhirte" preis.
An der vermeintlichen Geburtsstätte des Propheten, am Mühlbach in Apoig, muß sich Mühlenbesitzer Georg Schneider neuerdings auf Kundschaft einlassen, die das Haus wie eine Kultstätte verehrt. Vorwiegend "Pfarrer, Doktoren und Geschäftsleut''" seien darunter, erzählt er, sie wollten was Genaueres wissen, "damit s'' dahoam a bißl überzeugend reden können".
Der Zwieseler Heimatpfleger Reinhard Haller, ein promovierter Volkskundler, bekommt über Telephon-Anrufe ("Lohnt es sich noch, in das Geschäft zu investieren?") und Briefe ("Gibt es Parallelen zu anderen Sehergruppen?") das durch Tschernobyl verstärkte Interesse am Propheten zu spüren. "Für die Einheimischen", so der Hiasl-Experte, "ist das ja nichts Neues mehr." Die Auswärtigen aber, "die jetzt erst diese Kuriositäten entdecken, sind plötzlich wie geschockt".
Es liest sich ja auch schrecklich, was in des Müllers Weissagungen, die erstmals um 1800 aufgezeichnet wurden, geschrieben steht: _____" In der ersten Zeit "werden die Leut allweil " _____" g''scheiter und allweil narrischer" . Da wer den "eiserne " _____" Straßen" in den Wald gebaut werden, und " Wagen ohne Roß " _____" und ohne Deichsel" werden fahren und die stöckel " _____" beschuhten "Weiberleut" wird man "wie die Geißen spüren". " _____" Der Große Krieg "wird andere Zeiten anfangen". Um " _____" "200 Gulden wird man keinen Laib Brot kriegen", von "den " _____" Leu ten wird eins das andere nimmer mögen". Den "Herrgott " _____" werden sie von der Wand reißen und im Kasten einsperren". " _____" Leute werden "in der Luft fliegen", der "Wald aber wird " _____" so licht werden wie des Bettel manns Rock". " _____" Und dann kommt das große Abräumen: "Das Bayerland " _____" wird verheert und ver zehrt von seinem eigenen Herrn, ''s " _____" Böh merland mit dem Besen auskehrt ... Wer zwei Laib Brot " _____" unterm Arm hat und verliert einen, der soll ihn liegen " _____" lassen und laufen ... Die Leut werden krank, und niemand " _____" kann ihnen helfen." "
Das Götterdämmerungsschema paßt zu jeder Krisenzeit. Immer dann, weiß Pater Thomas Handgrätinger, Prior des über Apoig gelegenen Prämonstratenser-Klosters Windberg, "wird es virulent". Auch wenn für den Priester selbst die Sage des Waldpropheten "im Bereich vor dem Glauben" liegt, "ein Stück Plausibilität" spricht auch er ihr zu. Sie sei zumindest eine Warnung vor der Zerstörung des blauen Planeten, ein Mahnbild, "nicht blind in den Tag hineinzuleben".
Die archaischen Bilder bekommen offenbar Faszination, seit sie neu interpretierbar wurden, seit ein ganzes Bündel globaler Bedrohungen - in Kürzel gefaßt wie Aids, SDI und WAA, aus der Nähe sichtbar wie das Waldsterben - die Apokalypse in die Fernsehecke der Bauernstube trägt.
Und hat''s denn der Mühlhiasl nicht g''sagt? Ist nicht längst schon eingetreten, was vor kurzem in weiter Ferne schien? Genauso hätte der Hiobs-Bringer reden können: Flora und Fauna geschädigt wie nie zuvor, viele Arten von Tieren und Pflanzen bedroht, die Bäume krank, das Trinkwasser vergiftet, die Böden versauert, Seen ohne Fische, die Luft so dreckig, daß Kinder daran sterben?
Historisch ist der Waldfex noch immer nicht eindeutig nachgewiesen. Letztendlich aber, so der Volkskundler Reinhard Haller, sei es auch unerheblich, ob die Prophetentexte auf den Hiasl, auf einen gewissen Stormberger oder auf mittelalterliche Wandersagen und damit auf das Alte Testament zurückzuführen sind. Die Aussagen seien im Grunde nichts anderes als ein Sittenkodex, eine Sammlung erprobter Wahrheiten und hätten eine religionspädagogische Absicht: Sie wollten die Menschen zum Nachdenken bewegen, notfalls zur Umkehr.
Die Botschaft des Hiasl mag zur Zeit ihrer Entstehung nicht einmal so gruselig auf die Waldler gewirkt haben. Im Bayerischen Wald zählte zum Alltag, daß einen teuflische Irrlichter ins schwankende Moor lockten. Wanderer von Natternschwärmen verfolgt wurden und Waldweiblein den Wöchnerinnen die hübschen Babys gegen einen struppigen Wechselbalg austauschten.
Die Bauern begriffen die Gleichnisse des eingeborenen Druiden als Warnung vor Teuerung, Klimaveränderung, vor lasterhaftem Treiben, Hochmut, Bruderzwist und Eitelkeit. Es seien "Eingebungen und Gesichte", schrieb der Heimatdichter Franz Schrönghamer-Heimdal, die "einem Stadtmenschen versagt sind".
Napoleonische Kriege, das Aufkommen des bayrischen Beamtenstaats und die sich abzeichnende Säkularisierung hatten zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Wandersage stark beflügelt. Im Ersten Weltkrieg ließen dann Bauern ihren Besitz verkümmern, weil sie Mühlhiasls Weltenende gekommen sahen. Als 1938, ein Jahr vor Kriegsbeginn, ein "Nordlicht" am Himmel sichtbar ward und obendrein auf dem Zwieseler Kirchturm wieder mal die Birken grünten, ein laut Weissagung deutliches Katastrophen-Omen, wurden von den Nazis die Bücher mit der Mühlhiasl-Sage kurzerhand beschlagnahmt, mündliche Verbreitung mit Gefängnis bestraft.
Von Anfang an waren es vorwiegend die Männer Gottes, welche die Legende vom Waldpropheten durch lokalhistorische Forschung und glaubenstheoretische Analyse am Leben hielten. In ihrer Tradition läßt auch der amtierende Hüter des Grals, Pater Norbert Backmund aus dem Kloster Windberg, ein Deuteln am Propheten nicht zu.
Der 82jährige, ein promovierter Historiker und nach Ansicht seines Priors durch "fundierte historische Forschung" ausgewiesen, zeichnet seinen Mann als "ausgesprochenes Original kernhaften Glaubens und ernsthafter Lebensauffassung". "Verschiedner Meinung" könne man nur darüber sein, ob die Gesichte eines Sehers "Folge einer naturgegebenen seherischen Anlage waren, die von einem kindlich frommen Gemüt in die religiöse Sphäre erhoben wurden oder ob es sich wirklich um religiöse Offenbarungen handelt".
Als gesicherten Beweis für die "Prophetengabe als charismatische Gabe von oben" führt der Pater gleich noch den 1959 verstorbenen Wünschelrutengänger Alois Irlmaier aus dem Chiemgau an. Irlmaier, der sich auch bei der Aufklärung von Kriminalfällen dienstbar machte und später aus Verbitterung über den spöttelnden Zeitgeist ein Warnschild vor
seinem Haus anbrachte ("Bin nur noch in Angelegenheit des Brunnensuchens zu sprechen"), hatte wohl aufgrund eines schweren Nervenschocks zu seiner Berufung gefunden.
Seitdem, beschreibt Backmund, "gab es ihm häufig einen ''Riß'', dann sah er Personen, Landschaften, Striche und Zahlen" oder die "kosmische Katastrophe einer 72stündigen Nacht" - Fehlerquoten inbegriffen, wenn, so der Pater, "Irlmaier als Hellseher versagte". Immerhin: "Des wos der Mühlhiasl sehgt", soll der Bauernbursch aus Freilassing gesagt haben, "des sehg i aa."
Oben links: Josef Bierbichler als Mühlhiasl in Werner Herzogs "Herz aus Glas"; unten: Hinter glasbild von Rudolf Schmid.
Von Peter Seewald

DER SPIEGEL 46/1986
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