10.11.1986

SPIEGEL Gespräch„Die Buren sind ein schizophrenes Volk“

Der südafrikanische Schriftsteller Breyten Breytenbach über seinen Kampf gegen die Apartheid *
SPIEGEL: Herr Breytenbach, ein Bure, der gegen alles kämpft, was den Buren teuer ist; ein Lyriker, der gegen die mächtige Maschine des Apartheidstaates aufsteht: ein Weißer, ein "Albino-Terrorist" (wie Sie sich selbst nennen), der den Weißen trotzt - das alles sind Sie. Aber ist Ihr vorbildlicher Kampf nicht auch ein wenig unrealistisch?
BREYTENBACH: Jeder muß seinen Anteil zu allem beitragen, zur Realität wie zu den Träumen. Wenn der Schriftsteller einen Beitrag leisten kann, dann vielleicht den, daß die Träume nicht ganz verlorengehen.
SPIEGEL: Was heißt das aber für den derzeitigen Konflikt in Südafrika''?
BREYTENBACH: In Südafrika wird im Grunde die große Frage nach der kulturellen Identität gestellt: Die Machthaber rechtfertigen ihre Taten fortlaufend mit ihrem kulturellen und ethnischen Selbstverständnis. Deshalb ist es wichtig, gegen ihre Definition anzuschreien, einer afrikanischen Solidarität Geltung zu verschaffen, und daß heißt auch einer gewissen Generosität. Wir dürfen nicht in dieselbe Einteilung von Gut und Böse verfallen, die uns die Machthaber auferlegt haben.
SPIEGEL: Ihr Urteil über das System in Südafrika ist unnachsichtig. Sie haben geschrieben: "Wir sind ein Bastardvolk, wir haben eine Bastardsprache und vollziehen das Gesetz des Bastards." Ist das nicht eher eine psychopathologische als eine politische oder historische Analyse?
BREYTENBACH: Ich will damit sagen: Die Buren sind sich ihrer selbst dermaßen wenig sicher, daß sie unentwegt das Bedürfnis haben, sich selbst und mithin auch die anderen zu definieren. Die Frage nach der kulturellen Identität der Buren ist wie eine offene Wunde, wie ein Geschwür, das nicht heilt. Man ist erstarrt und schafft sich zum Schutz ein System von Gesetzen - die Gesetze der Apartheid. Damit soll definiert werden, was nicht definierbar ist. Das alles ist in meinen Augen in der Tat psychopathologisch.
SPIEGEL: Warum aber ist es eine "Bastardisierung"?
BREYTENBACH: Bastardisierung oder vielmehr Rassenvermischung muß in meinen Augen nichts Negatives sein. Afrika ist das Land der Rassenvermischung par excellence, das Land der Metamorphosen. Leopold Senghor hat das schon gesagt: Alle Kultur ist Rassenvermischung, alle Kultur ist Metamorphose. Für uns, die Weißen, gibt es in Südafrika nur eine einzige Hoffnung: Wir müssen uns total wandeln, ganz und gar Afrikaner werden. Das ist zwangsläufig ein Prozeß der Bastardisierung, und in meinen Augen ist er positiv.
SPIEGEL: Glauben Sie denn, daß die Mehrheit der Schwarzen überhaupt noch bereit ist, einen solchen Wandel der Weißen zu akzeptieren?
BREYTENBACH: Ja, sehr weitgehend. Die Grundfrage Südafrikas ist: Handelt es sich hier um ein kolonialistisches Regime oder um etwas anderes - nämlich um eine sehr alte Verpflanzung eines Volkes, das von woanders her nach Südafrika gekommen ist und dort in einer Weise absorbiert wurde, daß es ein afrikanischer Stamm wurde?
SPIEGEL: Das politische System dieses weißen afrikanischen Stammes, die _(Mit Redakteur Dieter Wild im Pariser ) _(SPIEGEL-Büro. )
Apartheid, bezeichnen Sie als "Negation der Moral, der Menschlichkeit und der menschlichen Würde", als "geistige Krankheit". Wie muß man die Tatsache erklären, daß diese geistige Krankheit am Kap der Guten Hoffnung so lange überleben konnte?
BREYTENBACH: Ein wenig aus denselben Gründen, wie die Sklaverei sehr lange überleben konnte. Was darüber hinaus mit den Buren passiert ist, erklärt sich am besten paläontologisch. Sie haben den Kontakt zu Europa in einem für die Entwicklung des europäischen Geistes entscheidenden Augenblick verloren und sind in Afrika verschwunden: im Jahrhundert der Aufklärung, als man sich der Menschenrechte bewußt zu werden begann, als Liberalismus und Syndikalismus entstanden. Die Buren haben an alldem nicht teilgehabt. Im 20. Jahrhundert sind sie dann plötzlich wieder aufgetaucht - Menschen mit den Verhaltensweisen von ehedem.
SPIEGEL: Und darin wurden sie auch noch vom Ausland gestützt.
BREYTENBACH: Ja, ich glaube, daß sich jemand wie Kanzler Kohl viel stärker mit Pieter Willem Botha identifizieren kann als mit Nelson Mandela oder Desmond Tutu. Es gibt mithin eine Defacto-Unterstützung, so daß das weiße Südafrika darauf bauen kann, vom Westen akzeptiert zu werden.
SPIEGEL: In Ihrer Rede vor dem burischen Establishment in Pretoria im April haben Sie gesagt: "Unser moralischer Verfall ist ohne Beispiel, unsere Selbstzerstörung unaufhaltbar." Haben Sie nach diesen Worten bei den Buren eine Reaktion bemerkt?
BREYTENBACH: Mich hat sehr beeindruckt, daß man lebenswichtige Probleme jetzt in einer Weise ansprechen kann, die vor zwei oder drei Jahren nicht denkbar gewesen wäre.
SPIEGEL: Die Buren hätten sich geläutert?
BREYTENBACH: Nein, nicht unbedingt. Aber das orthodoxe Gedankengebäude der Buren bröckelt langsam. Sie haben ihren blinden Glauben an den Staat, an ihre Stärke und Gerechtigkeit verloren, den sie bis vor kurzem noch hatten.
SPIEGEL: Hat die Mehrheit der Buren diesen Glauben wirklich schon verloren?
BREYTENBACH: Nach Meinungsumfragen ist bislang zwar nur eine Minderheit bereit, für die Abschaffung der Apartheid einzutreten. Aber immerhin glauben bereits über 60 Prozent der Buren, daß es in zehn Jahren keine Apartheid mehr geben wird.
SPIEGEL: Die Buren ergehen sich also in ihr Schicksal?
BREYTENBACH: Die Buren wissen, daß sich alles ändern wird, auch wenn sie selbst nichts tun. Als ich dieses Jahr dort war, machte irgend jemand eine für ihn schreckliche Bemerkung: Vor zehn Jahren, sagte er, stellten sich die jungen Buren die Frage, welcher Platz den Schwarzen in unserer Gesellschaft gegeben werden könnte: heute konzentriere sich die Diskussion darauf, welchen Platz die Weißen einnehmen könnten. Da hat unbestreitbar ein Wandel in der Wahrnehmung der Wirklichkeit stattgefunden - und eine intellektuelle Erschütterung.
SPIEGEL: Befördert diese intellektuelle Erschütterung nicht eine gewisse Angst, die dann viele Buren noch unbelehrbarer macht?
BREYTENBACH: Ja, das kann sein. Auf der extremen Rechten gibt es inzwischen eine Bewegung, die proklamiert: Schaffen wir uns unseren eigenen, rein weißen, exklusiven Staat, in den wir uns zurückziehen, um unter uns zu bleiben.
SPIEGEL: Wo soll das sein?
BREYTENBACH: Diese Leute haben begonnen, in der Provinz Oranje-Freistaat
Farmen aufzukaufen, um dort ihren Traumstaat zu schaffen.
SPIEGEL: Apartheid im Laboratorium.
BREYTENBACH: Welches Ergebnis hat die Apartheid denn gezeitigt? Sie hat zur Isolierung geführt, zu geistiger und ethischer Korruption, zu moralischer Verblendung, zu Ignoranz.
SPIEGEL: Die Apartheid hätte den Unterdrückern mehr geschadet als den Unterdrückten?
BREYTENBACH: Ich weiß nicht, wie man körperliches Leiden, den Tod eines schwarzen Kindes etwa, mit dem geistigen Tod weißer Kinder vergleichen könnte. Aber der Schaden, den die Weißen sich selbst zugefügt haben, ihre Selbstzerstörung, wiegt vielleicht schwerer - sie ist nicht rückgängig zu machen.
SPIEGEL: Ist diese Art Selbstbestrafung, psychologisch gesehen, von den Buren vielleicht sogar gewollt?
BREYTENBACH: Es gibt da einen guten Schuß Masochismus. Die burische Prädestinationslehre hat eine sehr düstere Seite. Unter den Psalmen, welche die alten "Voortrekker" sangen, ist ein sehr bekannter, der lautet: "Aus tiefer Not schrei ich zu dir, Herr Gott, erhör mein Rufen." Wahrer Sinn: Wir sind verloren.
SPIEGEL:: Sie glauben, daß dieser düstere Fatalismus heute noch lebt?
BREYTENBACH: Im Gefängnis hatte ich einen 19 Jahre alten Aufseher. Jeden Tag, wenn ich zu ihm sagte: "Guten Morgen, wie geht es Ihnen?", antwortete er: "Es geht so, aber ich glaube, das Ende der Zeiten ist da. So steht es übrigens auch schon in der Bibel: Krieg wird kommen und Unordnung, und wir können nichts dagegen tun. Gott hat so entschieden." Von da erklärt sich dieser fast perverse Wille, Bestrafung auf sich zu nehmen.
SPIEGEL: Sie sind einer der berühmtesten Weißen, die je in Südafrika aus politischen Gründen verurteilt wurden. Sie haben sieben Jahre im Gefängnis gesessen. Haben Sie das Gefühl, daß Ihre Untergrundtätigkeit und dann Ihr Leidensweg den Menschen irgendwie geholfen hat?
BREYTENBACH: Was ich zu tun versucht habe, ist zunächst einmal gescheitert. Viele Leute nannten das sogar Naivität oder Weltfremdheit und sprachen von Donquichotterie. Aber auf Dauer war es doch eines jener Elemente, die die Denkart vieler Menschen beeinflußt haben, vor allem von Studenten, Intellektuellen und anderen Schriftstellern. Es entstand ein Bezugspunkt, zu dem man Stellung nehmen mußte, und das ist schon etwas. In dem Maß, wie man die Wirklichkeit komplexer macht, öffnet man auch das Denken der Buren ein klein wenig, das sollte man nicht außer acht lassen.
SPIEGEL: Waren Sie für Ihre Familie der verlorene Sohn?
BREYTENBACH: Nein, ich hatte niemals das Gefühl, verloren oder ausgeschlossen zu sein.
SPIEGEL: Aber Ihre Familie zählt doch zu den ältesten des Landes.
BREYTENBACH: Ja, gewiß. Es gibt da etwas Interessantes: Man sagt immer, die Buren seien im wesentlichen holländischer Abkunft. Wissen Sie aber, daß sie anscheinend zu 32 oder 33 Prozent deutscher Abstammung sind? So auch meine Familie. Ein Breytenbach, der für die holländische Ostindische Kompanie arbeitete, ist nach den Unterlagen 1658 am Kap gelandet. Wir sind also wirklich eine sehr alte Familie.
SPIEGEL: Was besagt das für die sogenannte Reinheit des Blutes?
BREYTENBACH: Anfangs gab es ja keine Apartheid. 80 Prozent der alten Familien und auch meine haben sich deshalb in früher Zeit mit Menschen aus dem Land vermischt, die seit Beginn der Zeiten hier waren.
SPIEGEL: Aber Sie wissen nicht konkret, ob etwa Ihr Urgroßvater mit einer Farbigen verheiratet war?
BREYTENBACH: Man will so etwas nicht wissen, es gibt da eine kollektive Betäubung. Die Buren sind ein schizophrenes Volk. Wir behaupten immer, daß wir die Wahren seien und die anderen, die später Gekommenen, die Falschen. Die Liberalen oder die Kommunisten etwa sehen wir als Fehlentwicklung des westlichen Geistes an, während wir die wahren Werte weitergeben. Aber gleichzeitig will man jeglichen Hinweis auf Rassenvermischung auslöschen.
SPIEGEL: Einer Ihrer Brüder ist Oberst in der südafrikanischen Armee.
BREYTENBACH: Er hat eine viel dunklere Hautfarbe als ich.
SPIEGEL: Hat er während Ihrer Gefangenschaft den Kontakt mit dem ketzerischen Bruder aufrechterhalten?
BREYTENBACH: Ja, er hat mich besucht und mir gesagt: "Du hast es ja gewollt, das ist die Wirklichkeit. Man soll eben kein Träumer sein.
SPIEGEL: Auf Ihre eigene Frage, wie man so viele Jahre im Gefängnis überleben könne, haben Sie geantwortet: "Ich habe nicht überlebt." Was in Ihnen ist abgestorben?
BREYTENBACH: Die Auffassung, daß der einzelne einmalig sei, unerschütterlich, ewig, unwandelbar. In dieser Zeit der Isolierung bin ich mir darüber
klargeworden, daß ich eine Vielzahl von Personen in mir habe, daß man selbst vielfältig ist und mit der Zeit ein anderer wird. Dann ist in mir noch der Glaube an die Unschuld der Beziehungen zu anderen gestorben. Im Gefängnis lernt man, daß man niemandem mehr vertrauen kann, wer es auch sei. Jedermann ist ein potentieller Feind, ein Verräter, selbst der engste Freund.
SPIEGEL: Wie lebt man dann mit anderen Gefangenen zusammen?
BREYTENBACH: Mit den Insassen der Nachbarzellen stand man natürlich gemeinsam gegen die Aufseher. Aber gleichzeitig wurden wir korrumpiert, zum Verrat angereizt. Und sei es auch nur, um ein wenig besser zu essen, man kam dahin, seinen Kameraden früher oder später zu verraten.
SPIEGEL: Und was macht die Isolierung aus dem Künstler?
BREYTENBACH: Das ästhetische Gefühl geht einem verloren, je mehr die eigene Ansicht über schön und häßlich zerstört wird. Ich mußte plötzlich schön finden, was unschön war. Die häßlichste Mauer wurde sehr freundlich, wenn man sie von nahem ansah. Die stumpfesten Farben, etwa Uniformgrün oder -grau, gerieten plötzlich zu Schönheit.
SPIEGEL: Sie haben die Folgen dieser Isolierung sehr bewegend beschrieben. Einmal sahen Sie im Traum Dostojewski in Ihre Zelle treten und versprachen ihm, ein Gedicht aus den "Brüdern Karamasow" zu vollenden. Wie lange braucht es, bis solche Halluzinationen sich wieder verlieren?
BREYTENBACH: Das ist fast eine Frage der physischen Verfassung. Man muß den Körper daran gewöhnen, sich muß den Körper daran gewöhnen, sich wieder umzustellen, aufzuwachen. Lange Zeit bleiben die Alpträume sehr lebhaft, dann sinkt das Erlebte ins Unterbewußtsein und bildet dort eine sehr tiefe Schicht, die nicht oft wieder nach oben steigt. Ich habe manchmal heute noch einen fatalistischen Alptraum. Ich träume, wieder im Gefängnis zu sein: jeder Möglichkeit beraubt, Widerstand zu leisten oder für mich selbst zu entscheiden. Das heißt: Ich hatte mein Los akzeptiert. Darin bin ich vielleicht zutiefst Bure.
SPIEGEL: Sie sind Bure, aber andererseits haben Sie gesagt: "Ich habe aufgehört, Bure zu sein." Sind Sie nun einer oder nicht?
BREYTENBACH: In meinem Aufstand gegen die Buren weise ich das Burentum zurück, so wie es die Machthaber verstehen. Gleichzeitig spüre ich durchaus den sehr burischen Wunsch, dieses pathologische, geistige und kulturelle Bedürfnis, sich selbst zu definieren: Wer bin ich, wohin gehe ich, und warum bin ich hier?
SPIEGEL: Wer sind Sie also?
BREYTENBACH: Ich bin ein Afrikaner, ein weißlicher Südafrikaner, der als erste Sprache Afrikaans spricht, der in Europa lebt und sich nicht nur mit Südafrika zutiefst solidarisch fühlt, sondern mit dem ganzen afrikanischen Kontinent.
SPIEGEL: Und wie denken Sie über die anderen Buren?
BREYTENBACH: Die anderen Buren traumatisieren mich. Ich bekomme einen Schock, wenn ich einen treffe, der mich auf Afrikaans anspricht. Dann fangen in meinem Kopf rote Lichter an zu blinken, die mir sagen: "Gefahr, Gefahr, Gefahr. Das ist der wirkliche Feind." Aber man kann seine Abkunft nicht verleugnen, und zu meiner Sprache habe ich eine sehr enge Bindung.
SPIEGEL: Fangen die roten Lichter an zu blinken, wenn Sie etwa den Präsidenten Botha im Radio hören?
BREYTENBACH: O ja, er verunstaltet das Afrikaans, spricht es wie eine faschistische Sprache. Ich verstehe darunter, daß er die Betonung auf jene Gutturallaute legt, die das Afrikaans mit den anderen germanischen Sprachen gemeinsam hat. Der frühere Premier Vorster sprach genauso.
SPIEGEL: Haben Sie Vorster deshalb den "großen Häuptling Sitting Bull" genannt?
BREYTENBACH: Nein, sondern wegen seines großen Körpergewichts. Vorster war für mich ein Intimfeind, den ich aber fast nicht kannte. Ich weiß, daß er dem damaligen Justizminister Jimmy Kruger 1975 nach meiner Verhaftung sagte: "Tun Sie mir den Gefallen und erzählen Sie niemandem was davon, damit ich mich erst in meinem Zimmer ein wenig für mich allein freuen kann." Ich fand das sehr bewegend.
SPIEGEL: Sie haben Ihren Feinden nicht verheimlicht, was Sie von ihnen halten. Über den Polizeiminister Le Grange haben Sie gesagt, er sei jemand mit großen Händen, aber kleinem Hirn.
BREYTENBACH: Man sollte die Wirklichkeit nicht entstellen. Le Grange ist für Hunderte von Toten verantwortlich. Ich sage nicht, daß er persönlich getötet hätte, aber als Polizeiminister hätte er das Töten verhindern können. Laut Tutu gibt es eine Ur-Verneinung: wenn man einem anderen sein Menschsein abspricht. Die Machthaber in Südafrika haben die Auffassung vom Wert
des menschlichen Lebens zutiefst entstellt und verdorben.
SPIEGEL: Sie haben über das Afrikaans als Sprache gesagt: "Es eignet sich nur noch für Grabinschriften. Ist es nicht niederdrückend, in einer solchen Sprache zu schreiben?
BREYTENBACH: Ich habe das nach meiner Entlassung aus dem Gefängnis gesagt. Jetzt wird mir immer klarer, daß Afrikaans nicht der Exklusivbesitz der Machthaber ist. Heute sprechen in Südafrika schon mehr Menschen Afrikaans- und unter ihnen auch Schwarze -, als es Buren gibt.
SPIEGEL: Nach Ihrer Entlassung aus dem Gefängnis haben Sie erklärt, nicht mehr auf afrikaans schreiben zu wollen.
BREYTENBACH: Weil ich nicht in der alten Erstarrung weitermachen wollte. Wenn man aus dem Schatten des Todes kommt, ist die Notwendigkeit, weiterzuleben und sein Leben zu ändern, am stärksten.
SPIEGEL: Aber dann haben Sie Ihre Meinung gewechselt?
BREYTENBACH: Ich will kein Mann des Exils sein, keine Reliquie der Vergangenheit. Das Exil ist für mich etwas Trauriges, Negatives. Ich habe gerade ein Buch zu schreiben begonnen - und fast ohne es zu wollen, schreibe ich es auf afrikaans.
SPIEGEL: Sie kritisieren das politische System Südafrikas unnachsichtig, aber Sie lassen gleichzeitig erkennen, daß Sie für die Zukunft des Landes doch noch viel Hoffnung haben. Halten Sie es immer noch für möglich, daß die Mehrheit der Buren sich ändert und die Schwarzen als Gleiche ansieht?
BREYTENBACH: Ja, es gibt keinen Grund, weshalb die Buren sich nicht ändern könnten. Doch dazu muß man ihre Umgebung ändern. Man muß das Gefängnis, die Isolierung der Buren, zerschlagen. Sie müssen aus ihrem Gefängnis herauskommen. Ich bin da optimistisch. Ich glaube im übrigen, daß man noch gar nicht weiß, wie die Buren auf Druck von außen und innen reagieren. Es gibt erste Risse, obschon sie einem fühlbaren Druck noch gar nicht unterworfen wurden. Der fängt jetzt erst an.
SPIEGEL: Dennoch haben Sie erklärt, Sanktionen müßten "mit Geschmeidigkeit" angewendet werden. Warum?
BREYTENBACH: Gegen grundsätzliche Sanktionen habe ich Vorbehalte, weil ich nicht überzeugt bin, daß die Außenwelt in Südafrika wirklich einen tiefen Wandel will. Es gibt da teilweise einen ungeheuren moralischen Schwindel - die Apartheid ist das schwarze Schaf der Heuchler jeder Art geworden.
SPIEGEL: Welcher Heuchler?
BREYTENBACH: Der Rassismus, der gegenwärtig in Europa grassiert, ist schon recht beunruhigend. Da stürzt man sich auf etwas, das eine moralische Stellungnahme leichtmacht, nämlich die Apartheid. Man ist bereit, die Buren zu opfern, weil sie eine geschichtliche Kuriosität sind mit ihren großen Bärten und ihren großen Hüten. Das Wesentliche möchte man letztlich gern behalten - Südafrika als Versorgungsquelle für den Westen, selbst wenn man dafür die Buren preisgeben mußte.
SPIEGEL: Warum also sollen Sanktionen "geschmeidig" sein?
BREYTENBACH: Sanktionen können zerstörerische Wirkung haben. Wenn man damit einmal angefangen hat, ist das schwer wieder zu stoppen. Und wie soll die südafrikanische Wirtschaft wiederaufgebaut werden, wenn sie einmal zerstört ist?
SPIEGEL: Es gibt eine steigende Zahl von Schwarzen, die sagen: "Man muß zunächst alles zerstören."
BREYTENBACH: Es gibt Schwarze, die sagen, zuerst Befreiung, dann Demokratie; oder zuerst Befreiung, dann Erziehung: oder zuerst Zerstörung, dann Wiederaufbau. Ich verstehe diese Gefühle, aber sie sind Ausdruck einer Frustration.
SPIEGEL: Was müßte man mithin tun, damit die Buren vernünftig werden?
BREYTENBACH: Für die Machthaber ist die politische, diplomatische, religiöse, kulturelle, wirtschaftliche Verbindung mit der Außenwelt sehr wichtig. Man muß die Machthaber isolieren, man muß ihre Legitimität bestreiten, man muß alle Verbindungen kappen, einschließlich der diplomatischen. Südafrika ist kein legitimer Staat. Aber gleichzeitig muß man viel mehr Mittel einsetzen, um die andere Seite zu stärken.
SPIEGEL: Wie wäre das zu machen?
BREYTENBACH: Man darf nicht hinnehmen, daß jede Hilfe für Lesotho, Botswana und Simbabwe über Südafrika gehen muß. Man darf nicht hinnehmen, daß dieses Südafrika als Gendarm des ganzen Südkontinents anerkannt wird.
SPIEGEL: Wenn morgen Westeuropa seinen gesamten Außenhandel mit Südafrika abbräche, würde das einen heilsamen Effekt haben?
BREYTENBACH: Ich glaube, einen sehr positiven. Zunächst würde das die große Bewußtseinskrise der Machthaber vertiefen. Denn sie betrachten sich nach wie vor als die leiblichen Vettern der Holländer oder der Deutschen. Wenn man von ihnen plötzlich nichts mehr wissen will, zwingt sie das, sich Fragen zu stellen. Außerdem wäre es eine Form von Unterstützung für die Bevölkerungsmehrheit, die Schwarzen. Für den Westen ist es politisch und moralisch sehr wichtig, auf der Seite der Unterdrückten zu stehen.
SPIEGEL: Sie haben nicht ausgeschlossen, daß am Ende des gegenwärtigen Kampfes in Südafrika ein Staat stehen könnte, der nicht minder totalitär ist als der heutige.
BREYTENBACH: Diese Perspektive war vielleicht übertrieben düster, als ich sie 1984 entwarf. Ich fürchtete damals, daß der Sieg des ANC die Gefahr einer anderen Form von Totalitarismus heraufbeschwören _(Vor Verhängung einer südafrikanischen ) _(Blockade gegen den schwarzen Binnenstaat ) _(Anfang des Jah res. )
könnte. Er ist ja eine vom Inneren des Landes abgeschnittene Bewegung, muß sich auf die Länder des Ostblocks stützen, hat damit eine Ideologie übernommen, die dem Land von außen dogmatisch auferlegt werden könnte.
SPIEGEL: Sie haben expressis verbis geschrieben, daß die Rekrutierungsarbeit, die Finanzen, das Sekretariat und die Ideologie des ANC in den Händen der KP Südafrikas lägen.
BREYTENBACH: Ich sehe das heute nuancierter. Im ANC gibt es nicht nur eine Partei. Es gibt noch Chancen für einen Dialog, und wenn ich zu diesem Dialog im ANC beitragen könnte, würde ich es gern tun. Die Karten sind noch nicht endgültig auf dem Tisch.
SPIEGEL: Zur Entgegennahme Ihres Literaturpreises sind Sie im April nach Südafrika gereist, in ein Land, das Sie grausam behandelt hatte. Spürten Sie keine Angst, daß Sie sich im Gefängnis wiederfinden würden?
BREYTENBACH: Natürlich hatte ich Angst. Jeder fühlt einen Narren in sich, den er im Schatten halten möchte. Dieser Narr hat so zu mir gesprochen: "Wer sagt dir eigentlich, daß der Literaturpreis nicht ein Hinterhalt ist, dich ins Land zu locken?" Aber neben dem Narren spürt man auch einen Weisen in sich, und der sprach zu mir: "Was kannst du für das Land bewirken? Kannst du Francois Mitterrand oder Helmut Kohl erzählen, was in Südafrika vor sich geht? Die wissen es schon oder könnten es wissen. Du bist dem Land verfallen, es hat dir eine Wunde gerissen, die sich nicht schließen will. Also mußt du hingehen.
SPIEGEL: Warum, glauben Sie, hat das Regime Ihnen ein Visum erteilt? Etwa, um Ihnen die Möglichkeit zu geben, in Pretoria zu erklären: "Südafrika stellt in der internationalen Gemeinschaft ein Element des Wahnsinns dar?"
BREYTENBACH: Gewiß nicht deshalb. Es muß da Leute geben, die sich sagen: "Was kann uns dieser naive Dichter schon Böses tun?" Und es gibt auch Leute, die sagen: "Wenn er erst mal sieht, was hier vor sich geht, könnte er seine Ansicht ändern." Die Buren haben den Wunsch, etwas wiederzugewinnen. was sie verloren haben. Obschon sie brutal geworden sind und gewisse moralische Fähigkeiten verloren haben, sind sie nicht unbedingt zynisch - das ist schrecklich für sie. Ich glaube, es gibt unter ihnen gewiß einige, die mich sogar irgendwie lieben oder achten.
SPIEGEL: Wie wird das Debakel am Kap ausgehen? Wird Europa die Weißen schließlich wieder bei sich aufnehmen müssen?
BREYTENBACH: Ich glaube nicht, daß die Weißen dieses Land verlassen werden. Etwa 60 Prozent von ihnen werden gezwungen sein, dort zu bleiben. Da sind wieder der Narr und der Weise, die mir unterschiedliche Botschaften übermitteln. Der Narr sagt: "Wir sind auf dem Weg zu einer Libanisierung des südlichen Afrika, am Rand eines politischen Großbrandes." Libanisierung heißt, daß jede Gruppe sich mit ihren eigenen militärischen Kräften verteidigt, eine reale Möglichkeit. Der Weise sagt: "Wir haben eine so lange Geschichte, eine so alte Kultur, so viel altes Gedankengut, wir sind zur Lösung unserer Probleme besser gerüstet sind als irgendwer in Afrika."
SPIEGEL: Sprechen Sie von allen Südafrikanern. Weißen wie Schwarzen?
BREYTENBACH: Von allen. Weißen wie Schwarzen. Niemand von uns ist vollkommen, niemand hat eine alleingültige Sicht der Wirklichkeit.
SPIEGEL: Hat die Zurückweisung der Weißen durch die Schwarzen nicht einen Punkt erreicht, an dem eine Umkehr unmöglich ist?
BREYTENBACH: Nein. Die Befreiung ist ein Prozeß, kein vorgegebenes System. Ich bin Dialektiker genug, zu wissen, daß der Weg, den man einschlägt, und die Mittel, die man anwendet, die Gewohnheiten oder selbst das zu erreichende Ziel verändern können.
SPIEGEL: Sie haben Südafrika die "Republik Niemandsland" genannt. Was verstehen Sie darunter?
BREYTENBACH: Ganz im Wortsinne ist es ein Land, das niemandem gehört. Die Weißen behaupten zwar, es sei ihr Land, aber das ist nicht wahr. Ebensowenig kann man sagen, daß es das Land der Schwarzen sei. Die Vorstellung, daß es irgend jemandes Eigentum sei, sollte überhaupt verschwinden.
Dann heißt Niemandsland im militärischen Sinn aber auch ein zwischen zwei Fronten liegender Raum voll von Hinterhalten und von Minen - ein schrecklicher Raum.
SPIEGEL: Herr Breytenbach, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. *KASTEN
Breyten Breytenbach *
ist der bedeutendste burische Intellektuelle, der mit dem Burenstaat in Konflikt geriet. 1962 heiratete er in Frankreich eine Vietnamesin, mit der er nach dem Rassenrecht in seiner Heimat nicht leben konnte. Er blieb mit ihr im Exil und engagierte sich für die Widerstandsgruppe "Okhela", die dem ANC nahestand. 1975 kehrte er mit falschem Paß und falschem Namen nach Südafrika zurück, um im Untergrund Kontaktpersonen anzuwerben. Beim Abflug in Johannesburg verhaftet, wurde er wegen terroristischer Tätigkeit zu neun Jahren Gefängnis verurteilt, von denen er zwei Jahre in fast völliger Isolation verbrachte. Nach Protesten vieler Literaten und Francois Mitterrands kam er 1982 frei und lebt seither als französischer Staatsbürger in Paris. Für seine Gedichte und seine Prosa, die der Burensprache Afrikaans den Anschluß an die literarische Moderne vermittelten, erhielt Breytenbach, 47, Literaturpreise im Ausland wie in Südafrika. Sein Bericht über die Haft "Wahre Bekenntnisse eines Albino-Terroristen" (Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1984; 568 Seiten; 44 Mark) wurde, mit einem Anhang politischer Lyrik, ein ergreifendes Dokument des Engagements eines weißen Schriftstellers für die Sache der Schwarzen in Südafrika.
Mit Redakteur Dieter Wild im Pariser SPIEGEL-Büro. Vor Verhängung einer südafrikanischen Blockade gegen den schwarzen Binnenstaat Anfang des Jah res.
Von Dieter Wild

DER SPIEGEL 46/1986
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