10.11.1986

VOLKSWAGENIn einer Randgesellschaft

Im unwegsamen Amazonas-Urwald wollte VW do Brasil eine Musterfarm errichten. Es ging gründlich daneben, VW will seine Rinder wieder loswerden. *
Wer immer in den letzten Jahren nach Brasilien flog, um das Volkswagen-Zweigwerk zu besuchen, hatte einen Abstecher in den Nordosten des südamerikanischen Landes im Programm. Mit einer kleinen firmeneigenen Düsenmaschine ging es zur "Companhia Vale do Rio Cristalino", zur Rinderfarm des deutschen Automobil-Multis im fernen Amazonasgebiet.
Cristalino, 2200 Kilometer vom Firmensitz Sao Paulo entfernt, war lange Zeit der ganze Stolz des brasilianischen VW-Chefs Wolfgang Sauer. Begeistert war Volkswagen in die "amazonische Leere" (so ein Firmenprospekt) eingetaucht, hatte Zehntausende Hektar Urwald gerodet. Über 200 Wasserteiche und 175 Kilometer Straßen angelegt.
In ganzseitigen Zeitungsanzeigen warb VW seinerzeit für die Pionierarbeit. "Dieser VW läuft auf Gras", stand unter dem Bild eines Rindviehs zu lesen.
44000 Rinder grasen inzwischen in VW-Diensten. Doch die Eigentümer haben längst die Lust an diesem Produktionszweig verloren. Fast so gründlich, wie die deutsche Mutter sich mit dem Aufkauf der Schreibmaschinenfirma Triumph-Adler vergriff, hat die brasilianische Tochter sich mit dem Ausflug in die Landwirtschaft vertan: Der gute Ruf der Autofirma litt, und Geld wurde kaum verdient.
Triumph-Adler wurde von den Wolfsburgern in diesem Jahr an Olivetti verkauft; für ihre brasilianische Fehlinvestition suchen sie noch einen Käufer. Der Meistbietende kann die Farm erwerben.
Der Erwerber kauft einen Musterbetrieb. Die Rinder werden mit Kleinflugzeugen überwacht. Ein Computer wertet die peinlich genau zusammengetragenen Daten aus. "Weide-Management" sorgt für die langfristige Werterhaltung des Bodens. Forscher der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich mühen sich, die besten Qualitäten des aus Indien stammenden Nelore-Rindes zu züchten.
Chef des VW-Viehbetriebs ist ein Schweizer Agronom namens Friedrich Georg Brügger. "Die Deutschen", sagt der VW-Mann lächelnd, "nennen uns ja ohnehin Kuhschweizer. Also mußte einer her, um die Farm zu leiten."
Er tut es mit schweizerisch-deutscher Gründlichkeit. Geradezu revolutionär für Brasilien ist die von Brügger eingeführte Endmast von mehreren tausend Rindern: Während der Trockenzeit futtert das Vieh Gras, das in Silos gegärt hat (Brügger: "Genau wie Sauerkraut"). Dazu gibt es Maismehl und Harnstoff, um die Magenbakterien der Rinder anzuregen.
Nach vier Monaten, im Oktober. wenn in Brasilien nur mageres Vieh angeboten wird und der Fleischpreis am höchsten ist, kann Cristalino mit fetten Nelores aufwarten.
Brügger und seine Leute schafften es auch, die sogenannte Herdausnutzung auf brasilianisches Rekordniveau zu heben. Die Herdausnutzung besagt, wie groß der Anteil der Herde ist, der im Jahr verkauft werden kann, ohne daß der Bestand abnimmt.
In den USA liegt die Quote bei gewaltigen 45 Prozent, in Brasilien bei armseligen 10 Prozent. Diese Zahl konnte die Cristalino-Farm verdoppeln.
Doch alle agrarischen Erfolge nutzten dem VW-Management wenig. Sie schafften es bis heute nicht, ihre Musterfarm in die schwarzen Zahlen zu schieben. Wenn überhaupt, so rechnet sich der VW-Betrieb nur, weil die Regierung von Anfang an hohe Subventionen und Steuervergünstigungen gewährte.
Ein Mastrind von VW kostet um die 300 US-Dollar, und das liegt weit über dem von der Regierung eingefrorenen Fleischpreis. "Es gibt in Brasilien keinen Markt für diese moderne Technologie", meint ein einheimischer Züchter, "die Preise sind nicht darauf eingestellt."
Das liegt daran, daß anders als die pingeligen Europäer die brasilianischen Viehzüchter unvermindert Raubbau treiben. Die Herden grasen ein Gebiet ab, bis dort - nach etwa vier Jahren - Sekundärwald den Boden überwuchert: dann ziehen sie weiter und erschließen sich neue Weideflächen durch ökologisch schädliche Brandrodung des Urwalds.
Die Farmer von VW hingegen pflegen ihre Weidegründe. Die Weidereinigung - von Hand und mit Herbiziden - verschlingt 30 bis 40 Prozent der Mittel. Und alle vier Jahre wird gedüngt. "Das kostet 50 Dollar pro Hektar. Also rund 12 Dollar pro Tier und Jahr", rechnet Brügger. Der Cristalino-Chef ist dennoch
davon überzeugt, daß die Farm langfristig rentabel arbeitet: "Wenn man die Wertsteigerung des Landes mitberechnet, kommt man auf einen Zinsertrag von sieben Prozent." Auf der Bank gebe es vielleicht mehr. Doch als langfristige, sichere Anlage sei das so schlecht nicht.
Trotzdem will Wolfsburg von der Rinderzucht nichts mehr wissen. Denn schwerer noch als der bisherige materielle Verlust wiegt der Ansehensverlust, den die Farm den Autobauern in Brasilien eintrug. Seit Jahren regnen immer wieder Anklagen auf den Automulti nieder.
Zunächst sollten Satellitenbilder bewiesen haben, daß VW eine Million Hektar Urwald niedergebrannt habe, was freilich das Mehrfache des Besitzes gewesen wäre. "Wir sahen gleich, daß dieses Latifundium größer ist als viele Länder Europas", phantasierte der Abgeordnete Exposito Soares nach einem Besuch auf der Farm.
Härter traf die Firma 1983 der Bericht, den ein Priester der "Landpastorale" in Conceicao do Araguaia verbreitete. Pater Ricardo Rezende verkündete, VW behandle die Arbeiter wie Sklaven. "Rezende ist Kommunist", wehrt sich Brügger. Und: "Alle Beschuldigungen sind widerlegt worden."
Schlicht erfunden sind die Vorwürfe allerdings mitnichten. Sklavenähnliche Arbeitsbedingungen sind in den ländlichen Regionen Brasiliens durchaus üblich.
"In den drei Monaten, seit ich hier bin, habe ich noch nie einen Landarbeiter mit Geld aus dem Urwald kommen sehen", sagt der dynamische neue Staatsanwalt Sergio Tiburcio in der nahe der VW-Farm gelegenen Stadt Santana do Araguaia.
Die Ausbeutung besorgt allerdings nicht das Management der VW-Farm; das machen all die vielen Unternehmen, die in Brüggers Auftrag auf der Farm arbeiten.
"Man kann die Leute ja nicht alle fest anstellen", meint Brügger. Die "Gatos" (Katzen) genannten Unternehmer bekommen Aufträge für Rodung, Umzäunung oder Weidereinigung zu Festpreisen. Die Arbeiter werden im Akkord angestellt.
In den Pensionen der oft in großer Entfernung liegenden Städte der Bundesstaaten Para, Goias oder Mato Grosso heuern die Gatos an, sie lösen dabei oft noch die angehäuften Schulden ihrer Tagelöhner ab.
Nach dem Transport ins aller Zivilisation ferne Arbeitsgebiet erweisen sich die versprochenen Löhne meist als reine Phantasie. Für Lebensmittel verlangen die Gatos so viel, daß am Ende der Arbeit meist eine "Schuld" zu bezahlen bleibt. So sichern sich die Auftragsnehmer der VW-Farm die Arbeitskräfte für den nächsten Auftrag.
Auch Kranke werden angeblich zur Arbeit gezwungen. Sozialabgaben sparen sich die Gatos. In Conceicao do Araguaia gaben Landarbeiter der Polizei zu Protokoll, sie seien von einem Gato gegen Barzahlung weiterverkauft worden. Bewaffnete Vorarbeiter haben während der Rodung - wenn bis zu 300 Mann starke Kolonnen in den Urwald vorrücken - unwillige Tagelöhner angeblich zusammengeschlagen, wie in Gerichtsakten festgehalten wurde. "Und wer fliehen will", so behauptete Pater Rezende, "der wird mit Waffengewalt zurückgehalten."
"Die lungern in den Dörfern herum, lassen sich ihre Schulden zahlen und wollen dann abhauen", klagt hingegen Brügger, "da kann es schon vorkommen, daß die Gatos etwas energisch werden. Wir leben hier in einer Randgesellschaft."
Doch gerade ein so im Lichte der Öffentlichkeit stehender Multi wie VW kann es sich schwerlich leisten, nach den Regeln dieses wilden Westens zu handeln. Das Argument der VW-Manager, für die Missetaten gegenüber den Landarbeitern seien allein die Subunternehmer verantwortlich, ist zumindest umstritten. Das Arbeitsgericht von Belem, Hauptstadt des Bundesstaats Para, befand im März. Gatos wie VW-Farm seien gemeinsam für Verstoße gegen das Arbeitsrecht bei Tagelöhnern haftbar zu machen.
Ganz anders als Arbeitern der Subunternehmer geht es den 250 Brasilianern, die auf der Farm fest angestellt sind. Da mühen sich die VW-Leute um mustergültige Arbeitsverhältnisse. Die VW-Landarbeiter wohnen in großzügigen Stein- oder Holzhäusern und werden ärztlich versorgt. Ein Schulbus legt jeden Tag 300 Kilometer zurück.
Inzwischen hat sich offenbar auch die Lage bei den Tagelöhnern gebessert. Die Rodungsarbeiten sind weitgehend abgeschlossen, für Umzäunung oder Weidereinigung haben ehemalige Angestellte oder aufgeschlossenere Unternehmer die Sklaventreiber von gestern ersetzt.
"Wir bekommen aber immer noch Klagen über Verletzungen des Arbeitsrechts bei VW", sagt ein Sprecher des Ministeriums für Landreform in der Bundeshauptstadt Brasilia. Tatsächlich ist es ja auch kaum möglich, in diesem wilden Urwald-Westen Brasiliens die Einhaltung der Gesetze zu überwachen. "Es ist ein großer Fehler, die bedauerlichen Lebensumstände der brasilianischen Tagelöhner mit europäischen Maßstäben zu messen", rechtfertigt sich Cristalino-Chef Brügger.
Da mag VW sich noch soviel Mühe geben, besser als alle Nachbarn zu sein - mit dieser Randgesellschaft will Wolfsburg offenbar nichts mehr zu tun haben. Kaufpreis für die modernste Rinderfarm Amazoniens: 25 bis 30 Millionen Dollar.
[Grafiktext]
BRASILIEN VW-Fazenda Cristalino
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 46/1986
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