08.12.1986

SCHACHMeine Mafia, deine Mafia

Mit falschen Mitteln und falschen Freunden ist Schach- und Showstar Kasparow bei dem Versuch gescheitert, den Fide-Präsidenten Campomanes zu stürzen. *
Zu zehn von elf Partien kam der Weltmeister pünktlich zu spät.
Nie saß Garri Kasparow, 23, an seinem Platz im Spielsaal der Schacholympiade zu Dubai (Vereinigte Arabische Emirate), wenn der Gong ertönte und die Schachuhren gestellt wurden.
Von den fünf Minuten, die den Photographen dann für ihre Aufnahmen zugestanden wurden, ließ er immer mindestens zwei, höchstens drei Minuten verstreichen. So sorgte er für einen augenfälligen Kontrast zwischen sich als Star und den anderen als Statisten, nimmt man Schach als Show.
Kaum ein Bildreporter vertrieb sich die Wartezeit damit, etwa den Mann am zweiten Brett der sowjetischen Mannschaft, Kasparows Vorgänger Karpow, oder irgendeinen anderen Spieler aufzunehmen. Die Traube der Photographen hing rings um den leeren Platz des Weltmeisters. Wenn er dann im Sturmschritt nahte und noch beim Anmarsch dem Gegner die Hand zum Gruß entgegenstreckte, blitzte und klickte es vielhundertfach, bis die Saalwächter die Photographen verscheuchten.
Kasparows Beliebtheit litt kaum, als es zum einzigen Eklat der Olympiade kam, obwohl es um ihn und seine Landsleute ging. Als das Außenseiter-Team Spanien, das von dem sowjetischen Großmeister Tamas Georgadse trainiert wird, haushoch gegen den Mitfavoriten England gewann, kam der Verdacht auf, daß Georgadse die Sache gefingert habe.
Der Georgier gilt als das größte Schlitzohr unter den weltbesten Schachspielern. Die Engländer glaubten, daß Georgadse entweder seinem Star Fernandez am ersten Brett und den anderen spanischen Spielern wichtige Züge zugeflüstert oder sogar die vier sowjetischen Spieler als heimliche Sekundanten beschäftigt habe.
Beides schien durchaus möglich. In Dubai wieselten wie bei allen großen Schachturnieren viele Spieler, wenn sie nicht gerade am Zuge waren, zwischen den anderen Brettern umher, und oft bildeten sie Gruppen und erörterten beim Kiebitzen, wie die fremden Partien wohl weitergehen würden. Und daß nicht nur Georgadse, sondern auch die sowjetischen Spieler die Nähe der Spanier und Engländer suchten, blieb niemandem verborgen. Aber ob sie nur Neugier oder unsportliche Absichten dorthin trieb, wurde nicht geklärt.
Aussage stand gegen Aussage, bewiesen wurde durch einen ungarischen Ohrenzeugen _(Unten: Neben Campomanes Scheich Butti ) _(el-Maktum, vorn Gegenkandidat Lucena. ) _(Oben: Mit dem sowjetischen ) _(Schachverbands-Präsidenten Tschikwaidse. )
lediglich, daß Georgadse dem Spieler Illescas, als der über ein Remisangebot seines Gegners Nunn nachdachte, einen Zug nannte und ihn damit aufforderte, weiterzuspielen. Aber auch diese Partie, die der Spanier dann gewann, wurde nicht annulliert, und Georgadse kam mit einer Verwarnung davon.
Die sowjetische Mannschaft gewann zwar die Olympiade, spielte aber kaum besser als die Teams aus England und den USA. Kasparow hingegen bewies bei seinem ersten Auftritt nach dem dritten WM-Match gegen Karpow, daß derzeit niemand auf der Welt die Schachkunst so beherrscht wie er. Und er demonstrierte auch, daß er ein Showstar ist, wie es noch keinen in der Schachgeschichte gab.
In einer dritten Rolle aber erwies sich Kasparow als Stümper. Parallel zur Olympiade tagte die Generalversammlung des Weltschachbundes - der Fide. Kasparow hatte sich zum Ziel gesetzt, den Fide-Präsidenten Florencio Campomanes zu stürzen, und scheiterte schmählich. Dubai wurde für ihn zum Waterloo.
Schon vor fast einem Jahr hatte sich Kasparow auf die Seite des Brasilianers Lincoln Lucena geschlagen. Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Kasparow auf dem Flughafen Amsterdam hatte der farblose und weithin unbekannte Brasilianer angekündigt, er wolle in Dubai als Gegenkandidat zu Campomanes auftreten.
Nicht nur der Mann an der Spitze sollte ausgewechselt werden. Als Vizepräsident für Europa war der Schwede Rolf Littorin, als Generalsekretär der Engländer Raymond Keene vorgesehen. Und im Hintergrund agierte Keenes Schwager, der Schotte David Levy.
Die beiden Briten sahen sich von vornherein starkem Mißtrauen ausgesetzt. Beide gehen einer Vielzahl von Schachgeschäften nach, Keene vor allem auf dem Buch-, Levy auf dem Computermarkt. Und schon seit Jahren werden sie von ihren Gegnern der Verquickung kommerzieller und verbandspolitischer Interessen beschuldigt.
Auf Kasparows Vorwurf, Campomanes regiere die Fide mit Mafia-Methoden antwortete die Gegenseite, zu Mafia-Zuständen würde es wohl erst kommen wenn die Großfamilie Keene-Levy mit ihren weitverzweigten Geschäftsbeziehungen die Macht in der Fide übernehmen wurde.
In Dubai nutzte Kasparow nicht wie die anderen Spieler die Zeit zwischen den Partien, um im Persischen Golf zu baden, sich am Strand zu sonnen und den üppigen Büffets zuzusprechen. Oft bis weit in die Nachtstunden hinein führte er einen intensiven Wahlkampf. Er traf sich mit vielen kleinen Gruppen, um Stimmung gegen Campomanes und für Lucena zu machen.
Ein paar Tage vor der Wahl glaubte sich die Truppe um Kasparow und Keene fast am Ziel. Sie sprachen beiden Seiten gleich viele Anhänger zu und hofften, daß der sowjetische Schachverband und damit der ganze Ostblock für Lucena stimmen und die Mehrheit bringen würde.
Ein Indiz dafür, daß Moskau auf Kasparow-Kurs gegangen sei, schien der Wechsel des Schachverbands-Präsidenten zu sein. Der Ex-Kosmonaut und Karpow-Freund Witalij Sewastjanow ging, der weder auf den früheren noch auf den jetzigen Weltmeister fixierte Alexander Tschikwaidse kam. Als der neue Präsident in Dubai auftauchte. Ließ er sich des öfteren in der Nähe Kasparows blicken, wenn Photographen zu sehen waren.
Doch das besagte nicht viel. Ein Anruf aus Moskau brachte die Ernüchterung. Nikolai Krogius, Delegierter des sowjetischen Schachverbandes in Dubai, wurde angewiesen, für Campomanes zu stimmen.
Kasparow, Keene und ihre Kampfgenossen steckten auf. Campomanes wurde für vier Jahre wiedergewählt und konnte noch mehr Posten als bisher mit seinen Leuten besetzen. Der Weltmeister hatte das Gegenteil dessen bewirkt, was er erreichen wollte.
Es hätte der Entscheidung Moskaus für Campomanes gar nicht bedurft. In Wahrheit hatte Lucena, allen Anstrengungen Kasparows zum Trotz, nicht die Spur einer Chance, eine Mehrheit zusammenzukriegen.
Campomanes führte die Kampagne für seine Wiederwahl souverän. In seinen vier Amtsjahren hatte er 100 der 124 Schachverbände in aller Welt besucht. In Dubai gab er sich staatsmännisch, die Schmutzarbeit überließ er Gehilfen.
Die Polit-Amateure um Keene und Kasparow hingegen begingen einen Fehler nach dem anderen.
Sie wählten viele falsche Worte. Keene spottete darüber, daß Campomanes "nur die unwesentlichen Probleme" gelöst und die Schachspieler in der Dritten Welt mit Uhren, Figuren und Brettern versorgt habe. Kasparow prahlte, er und seine Freunde würden nach dem Sturz von Campomanes nur einen Tag brauchen, um der Schachpolitik einen neuen Inhalt zu geben.
Und sie verkannten auch die Situation vor Ort. Weitaus die meisten Delegierten und Spieler genossen die Tage der Olympiade. Es war nicht nur die größte, sondern auch die seit langem bestorganisierte und - dank der Millionenzuschüsse aus den Kassen der Ölscheichs - die für die Teilnehmer angenehmste.
Mehrere Delegationen waren gratis eingeflogen worden, etliche brauchten auch für Kost und Logis in den Luxushotels nicht selbst aufzukommen. Den anderen Teams wurden Sonderpreise berechnet. Niemand brauchte, wie sonst bei Olympiaden, in Herbergen oder Notquartieren Unterschlupf zu suchen.
Noch bei keiner Olympiade stand eine Stadt so im Zeichen des Schachs wie Dubai. Hunderte von mannshohen Schachfiguren waren auf den Straßen aufgestellt, das örtliche Fernsehen hatte ein Team der Londoner BBC engagiert und berichtete täglich mehrfach, die drei englischsprachigen lokalen Tageszeitungen brachten viele Sonderseiten.
Und vor dem Marmorpalast des Rathauses wurde zum ewigen Andenken an das Großereignis der Schacholympiade ein Denkmal enthüllt: ein mit Schachbrett und -turm geschmücktes Kamel.
Unten: Neben Campomanes Scheich Butti el-Maktum, vorn Gegenkandidat Lucena. Oben: Mit dem sowjetischen Schachverbands-Präsidenten Tschikwaidse.

DER SPIEGEL 50/1986
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