10.11.1986

Seine Majestät das Kind

Von Jenny, Urs

SPIEGEL-Redakteur Urs Jenny über Bertoluccis Film-Abenteuer in China *

Wenn der Kaiser Lust hatte, in den Garten zu gehen, lief ein Herold voraus: zwei Diener trippelten neben ihm her, um ihn zu halten, falls er stolperte: danach kam, respektvoll schweigend, ein Troß von paar Dutzend Leuten, die ihm das Nötigste nachtrugen - Sessel, Sänfte, Sonnenschirm, Wasserkessel, Teegeschirr, Keksdose, Kleider, auch einen Nachttopf, dazu aus der Hofapotheke Arzneien wie die "Sechs-Harmonie-Pille zur Stabilisierung der Zentralorgane" und das "Tränklein der drei Unsterblichen für gute Verdauung".

Der Kaiser war drei Jahre alt und wollte im Garten spielen, notgedrungen allein, da er niemals ein anderes Kind zu Gesicht bekam. Etwas später lernte er radfahren und hängte das lästige, feierlich stumme Gefolge ab.

Wenn der Kaiser den Wunsch äußerte, etwas zu essen, setzte eine Kommandostafette zu den Hofküchen-Gebäuden dort eine Kellner-Karawane in Gang: Eine Batterie von Vorspeisen und an die 30 Hauptgerichte wurden aufgetischt, alle vom Vorkoster für gut befunden. Laut Küchenrapport bekam Seine Majestät ganz allein monatlich rund 800 Pfund Fleisch und 240 Stück Geflügel serviert.

Leider galt da nicht die Regel: Was auf den Tisch kommt, wird gegessen. Der kleine Kaiser hat von all diesen Köstlichkeiten nie etwas anrühren dürfen, ihre tägliche Schaustellung war rein zeremoniell. Für seine wirkliche Ernährung hatten andere zu sorgen, und die nahmen es nicht immer so genau.

Einmal hat der Kleine insgeheim das trockene Brot aufgegessen, das ihm ein Diener in den Garten nachtrug für den Fall, daß er Lust haben sollte, die Goldfische im Teich zu füttern.

Der kleine Kaiser namens Pu Yi hat von 1908 bis 1911 regiert oder Kaiser gespielt, während andere für ihn regierten und das Reich ruinierten. Seine Diener, etwa 1500, waren alle Eunuchen, denn nachts sollte der Kaiser der einzige Mann im Palast sein. Er hat ihn, den größten der Welt, die hochummauerte "Verbotene Stadt" in Peking, in diesen Jahren nie verlassen, sein Volk nie gesehen.

Bernardo Bertolucci, einen zerknautschten Strohhut in die Stirn gerückt, steht vor dem kaiserlichen Allerheiligsten, der "Halle der höchsten Harmonie", und blickt der Sonne entgegen, die die gelbglasierten Dächer der Verbotenen Stadt leuchten läßt. Vor ihm auf _(Vorn Richard Wu als Pu Yi. )

der weiten Marmorterrasse haben sich etwa 500 Herren in den pfauenbunten Gewändern kaiserlicher Würdenträger aufgebaut, manche ziegenbärtig, alle mit rasierten Schädeln und Nackenzopf; hinter ihnen, auf dem tieferliegenden Innenhof, der gut die Größe von zwei Fußballfeldern hat, stehen 2000 Mann der chinesischen Volksbefreiungsarmee, gesäumt von Kavallerie, in den leuchtenden Farben der acht alten mandschurischen Heerbanner, auch sie kahl und bezopft - und sie alle vollziehen nach Lautsprecherkommando zugleich den neunfachen Kotau, die Niederwerfung vor dem Sohn des Himmels.

Jahrelang hat Bertolucci, inzwischen 45, auf diesen Augenblick hin geträumt, gearbeitet und gekämpft: Für drei Tage ist er "Kaiser", für drei Tage haben die chinesischen Behörden ihm das Herzstück der Verbotenen Stadt freigeräumt - den großen Hof, den Krönungssaal durch den sonst täglich rund 25000 Touristen strömen, und sogar den originalen Kaiserthron -, damit er den Machtantritt des kleinen Pu Yi nach bald 80 Jahren noch einmal inszenieren kann, noch einmal, denn ein Theater war es schon damals.

Nur ein Verrückter konnte sich auf die Idee kaprizieren, mitten im kommunistischen China die alte Kaiserherrlichkeit noch einmal all ihren Pomp entfalten zu lassen, und nur ein Verrückter mit der Zähigkeit und Bärenkraft Bertoluccis konnte sie wirklich werden lassen. Er hat in Peking antichambriert; er hat den jüngeren Kaiserbruder Pu Jie als Filmberater verpflichtet und dem stellvertretenden Kulturminister, dem Schauspieler Ying Ruo Cheng, eine Hauptrolle offeriert (die der nun auch spielt); er hat den Zuständigen in Peking seine Filme vorführen lassen, nicht nur "1900", auch den "Letzten Tango", obwohl die darüber nur entsetzt gewesen sein können - warum es am Ende geklappt hat, gegen alle Warnungen vor Chinas Unergründlichkeit, kann Bertolucci nicht sagen. "Wer weiß schon, was die sich denken? Die schreiben ja auch, wenn sie wollen, alle paar Monate ihre Geschichte um." Was die Chinesen jedenfalls kriegen, sind die rund zehn Millionen Dollar, die die Produktion in dreieinhalb Monaten Drehzeit im Land läßt.

Es hat Wochen gedauert, während in den verträumten Randbezirken des Palast-Geländes andere Szenen gedreht wurden, um dieses Krönungs-Zeremoniell vorzubereiten, um im idyllisch untermotorisierten Peking Transportmittel für Tonnen von filmtechnischem Material, für annähernd 3000 Menschen und ihre Verpflegung zusammenzuziehen; und jetzt dauert es Stunden, bis der kollektive Kotau einigermaßen synchron klappt, die Kameraschienen mit der Wasserwaage verlegt sind und die Sonne hoch genug steht, um das gewünschte glühende Gegenlicht zu liefern,

das der Kameramann Vittorio Storaro so liebt.

Bertolucci, der leise Bär, wartet, schlendert auf der hohen Terrasse umher, die Hände ins Kreuz gestemmt, und plaudert leise mit ein paar Helfern - nur das unablässige Mahlen seiner Kiefer verrät, unter welcher Spannung er steht: Jetzt müssen die teuersten zwei, drei Minuten des ganzen Films gelingen, sein erster Höhepunkt, sein Schlüsselmoment. Was schiefgeht, ist irreparabel, und weil das belichtete Filmmaterial zum Entwickeln und Kopieren nach Rom geflogen werden muß, wird man das erst in zehn Tagen sehen.

Als das Signal zur ersten Aufnahme kommt, steht plötzlich ein rundlicher kleiner Engländer hinter Bertoluccis Regiestuhl, legt ihm die Hand auf die Schulter und starrt mit ihm gebannt auf den grauen Monitor, der zeigt, was die Kamera filmt. Das ist Jeremy Thomas, 37, Filmproduzent - der andere "Verrückte", der diese Riesen-Chinoiserie mit dem Titel "The Last Emperor" gegen alle Widerstände durchgesetzt und dafür einen Etat von annähernd 24 Millionen Dollar zusammengebracht hat.

Als Miete für die "Halle der höchsten Harmonie" kassiert die Volksrepublik China täglich 40000 Dollar. "Eine symbolische Summe", sagt Jeremy Thomas angesichts der unbezahlbaren Pracht, "der Petersdom samt Platz davor wär zu diesem Preis nicht zu kriegen."

Bertolucci setzt in Szene, wie der kleine Pu Yi, nicht ganz drei Jahre alt, nachdem man ihn in der düsteren Halle auf den Thron gesetzt hat, ins Freie hinausläuft, auf die helle Terrasse, vom Licht fast geblendet, und einem Meer von sich beugenden Rücken gegenübersteht, Tausenden von Erwachsenen, die dem Kind anbetend zu Füßen liegen: In diesem rauschhaft überwältigenden Augenblick hat "Seine Majestät das Kind" - Bertolucci sagt es mit einer Formel von Freud - eine Erfüllung seiner infantilen Allmachtsphantasien ohnegleichen erlebt. Bertolucci "krönt" die Schlüsselszene, indem er den kleinen Kaiser auf seinem Gipfel von Angst, Erregung und fassungsloser Selbstbegeisterung auf den Thron pinkeln läßt: Für ihn ist Pu Yi ein Mensch, der sein Leben lang die Wiederkehr dieses kindlichen Wahn-Triumphs gesucht hat.

Die ungewöhnliche Sozialisation, die dem einsamen Jungen in seinem Palast zuteil wurde, ist ihm nicht gut bekommen. Von Eunuchenscharen kriecherisch verwöhnt und heimlich verhöhnt, ist er bald zu einem mißtrauischen, launisch bösartigen Ekel geworden, dessen größte Lust darin bestand, seine Diener durchprügeln zu lassen. Er ist so sehr ohne Liebe herangewachsen, daß er nicht einmal deren Mangel empfand. Seine leibliche Mutter hat er erst sieben Jahre nach seiner Inthronisation wieder zu sehen bekommen. Als sie dann in den Palast zitiert wurde, um eine Rüge für ihren unartigen Sohn entgegenzunehmen, wußte sie, was sich gehört, und hat anschließend Selbstmord begangen. Dabei war Pu Yi damals schon längst nicht

mehr Kaiser. Im Februar 1912, ein paar Tage nach seinem sechsten Geburtstag, hat der letzte Sohn des Himmels abgedankt. Doch auch für die Herren Revolutionäre, die die Republik ausriefen, war das Kaisertum eine so heilige Institution, daß sie an die Verbotene Stadt nicht zu rühren wagten. So herrschte der Junge in unverminderter Pracht weiter in seinem Palast, nun erst recht ein Gefangener des falschen Scheins, umgeben von Einbläsern, die ihm die Rückgewinnung des Throns als Lebensziel und nationale Aufgabe predigten.

Gelegentlich hat Pu Yi als Heranwachsender versucht, das Illusorische, Kulissenhafte seines Lebens zu durchbrechen, etwa indem er sich mit theatralischer Gebärde selbst den geheiligten Zopf abschnitt oder einen Versuch unternahm, mit der gigantischen Korruption im Palast Schluß zu machen. Seine Höflinge und Eunuchen haben nicht nur die täglich präsentierten Leckerbissen aus der Hofküche gefressen und die täglich abgelegten Prachtgewänder des Kaisers verscherbelt, sie haben auch an Juwelen und Kunstwerken aus seinen Schatzhäusern geklaut, was sich nur wegschleppen ließ, bis hin zu den Perlen aus der Krone der Kaiserin. Als Pu Yi ihnen - spät, viel zu spät - auf die Schliche kam und Generalinventur anordnete, geriet, kaum zufällig, der ganze Palasttrakt in Brand, in dem die Kostbarkeiten verwahrt wurden.

Da hat Pu Yi die ganze Bande aus dem Palast gejagt und sie nur noch eines mitnehmen lassen, das Eingemachte: die kleinen Tonkrüge, in denen jeder seine Hoden verwahrte, um einst mit ihnen begraben zu werden. Bertolucci lacht in Erinnerung an heikle Gespräche: Jeder Schauspieler Pekings drängte sich, bei seinem Film dabeizusein, in einer noch so kleinen Rolle, doch keiner wollte einen Eunuchen spielen - Jeremy Thomas mußte die Hemmschwelle durch einen Extratarif beseitigen.

Seine Star-Chinesen hat Bertolucci ohnehin fast ausnahmslos aus den USA importiert. Der schmale, elegante John Lone spielt den erwachsenen Pu Yi, den eitlen Affen, den Dandy, den Kindskopf, der im britischen Country Club von Tientsin, wo ansonsten "Für Hunde und Chinesen Zutritt verboten" war, mit seinen beiden Gemahlinnen Quickstep tanzte und in den Bürgerkriegswirren jede Partei üppig mit Geld versah, die ihm die Rückkehr auf den Thron versprach, sogar einen weißrussischen General, der mit einer besseren Räuberbande in Nordchina marodierte.

Zielstrebig blind ist dieser Pu Yi dann den einzigen in die Falle gegangen, die einen Kaiser-Popanz brauchen konnten: den Japanern. Sie haben ihn 1934, nach der Eroberung der Mandschurei, als Kaiser ihres Satellitenstaats "Mandschukuo" installiert, und er, ohnmächtig gefangen in seinem Allmachtswahn, hat in dieser Rolle über alle Schweinereien hinweggeschaut, die die Japaner anrichteten - über blutigen Terror, Versklavung und sanften Völkermord durch Opium-, und im Palastkeller schlimmer als je seine Diener ausprügeln lassen.

Die Impotenz des kaiserlichen Kindskopfes war nicht bloß metaphorisch. Seine diversen Gemahlinnen hat er als kostbare Repräsentationsstücke geschätzt, aber sonst war da nichts. Als die Japaner seinen jüngeren Bruder Pu Jie mit einer _(Joan Chen und Wu Jun Mei. )

Nichte ihres Kaisers verheirateten, damit er einen passend gekreuzten Thronfolger für das künftige neue Reich zeuge, geriet Pu Yi in Panik: Er trieb seine unendlich geduldige Kaiserin zum Ehebruch, um zu einem "eigenen" Erben zu kommen - die Japaner haben das Kind bei der Geburt getötet, und dann, auf ihre sanfte Opium-Art, auch die Kaiserin.

Wann ist Pu Yi aus seinem Wahn erwacht? Als er, fünfundvierzigjährig, zum ersten Mal im Leben in die peinliche Lage kam, sich die Schuhe selbst anziehen zu müssen, weil kein kriechender Diener zur Hand war, stellte er fest, daß er nicht wußte, wie man sie zubindet. Doch er begriff das nicht als Zeichen seiner Schwäche, Unfähigkeit und Verkrüppelung, sondern als schändliches Unrecht der Erdengeschichte, die den Sohn des Himmels seiner Sklaven beraubt hatte.

Chinas siegreiche Revolutionäre von 1949, sonst in Todesurteilen nicht zimperlich, wollten Pu Yi so wenig um einen Kopf kürzer machen wie die Revolutionäre von 1911. 1945 hatten die Russen den Operettenkaiser von "Mandschukuo" gefangengenommen und samt Gefolge fünf Jahre lang in einem Hotel in Sibirien wohlverwahrt. Doch als sie den Chinesen 1950 ihren prominentesten Kriegsverbrecher auslieferten, dachten die nicht an einen Schauprozeß, sondern wollten ein Exempel des kommunistischen Heils statuieren.

Fast zehn Jahre lang wurde Pu Yi und seinen Mitverbrechern in einem Spezialgefängnis eine "Umerziehung" zuteil, und er hat das nicht als Drill in Marxismus-Leninismus-Maoismus erlebt, sondern als Weg der Selbsterkenntnis, als geduldig schmerzliche Gruppen-Psychotherapie: Aus dem aufgeblasenen Sohn des Himmels ist ein Mensch geworden, ein demütiger, er hat gelernt, sich selbst die Schuhe zu binden.

Träumt Bernardo Bertolucci, wenn er nun noch einmal das schimärenhafte Krönungsschauspiel in Szene setzt, eigenen kindlichen Allmachtsphantasien nach?

Drei Tage lang hat er die Herrschaft über den Thron, doch der Kaiser ist ein anderer: Ein verspielter vierjähriger Junge aus Los Angeles namens Richard Wu, ein kleiner Chinese, der kein Won chinesisch spricht, in drachenbestickter gelbseidener Robe, kahlköpfig und mit schwarzem Nackenzopf auch er.

Weil er der Kaiser ist, darf er alles, auf ein Stativ klettern oder einem Photographen die Kamera wegnehmen und wild herumschießen; die Frauen des Filmteams schwitzen vor Anstrengung, mit ihm herumzualbern, und seine Mutter schaut aus Distanz verängstigt zu. Wohl oder Wehe einer 24-Millionen-Dollar-Produktion hängt an diesem Tag nicht nur von Bertoluccis ruhiger Bärenkraft ab, auch von der Mitspiellaune eines vierjährigen Kindes, dem das alles vielleicht als unglaublicher Zirkus erscheint als Traum, wie dem kleinen Pu Yi vor bald 80 Jahren.

Richard spielt mit, viele Stunden lang Als er ein letztes Mal verzückt hineinläuft in das bunte Meer aus sich beugenden Rücken, steht die Sonne schon so tief, daß Vittorio Storaro alles an Scheinwerfern dazuschalten muß, um sein goldglühendes Licht zu bekommen.

Jeremy Thomas schaut südwärts über die gelben Dächer des Palastes. Dort in der Ferne liegt, dem Mao-Mausoleum schräg gegenüber, die "Große Halle des Volkes", wo der Volkskongreß tagt. In ihr möchte Jeremy Thomas, vor 8000 Zuschauern, im nächsten Herbst "The Last Emperor" zur Uraufführung bringen: Das ist sein Allmachts-Traum, an dem er hängt, auch wenn die Miete für die kahle "Halle des Volkes" höher sein sollte als die für den ganzen kaiserlichen Märchenpalast.

Vorn Richard Wu als Pu Yi. Joan Chen und Wu Jun Mei.

DER SPIEGEL 46/1986
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