02.03.1987

„Es ist verlogen, Doping abzustreiten“

SPIEGEL-Interview mit Paul Breitner über den Wirbel um Schumachers Enthüllungen Paul Breitner, 35, bestritt 48 Spiele in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Er war Welt- und Europameister und bis 1983 Kapitän des FC Bayern München. *
SPIEGEL: Herr Breitner, nach Ansicht des DFB-Trainers und 96maligen Nationalspielers Berti Vogts hat Toni Schumacher "sein eigenes Nest beschmutzt". Sind Sie auch der Auffassung?
BREITNER: Das kann der Berti nicht ernst gemeint haben, denn er muß sich im Verlauf seiner langen Karriere mit dem Problem Doping beschäftigt haben. Das ist nun mal ein Thema in der Bundesliga - bei allen. Entweder die Profis machen es selbst, oder sie bemerken es bei Mitspielern und Gegnern.
SPIEGEL: Bayern Münchens Torwart Jean-Marie Pfaff offensichtlich nicht, denn der meinte: "Toni soll in den Spiegel gucken und vor sich selber ausspucken."
BREITNER: Na ja, der Jean-Marie geht eben so durchs Leben - blauäugig und positiv. Tatsache aber ist: Jeder weiß Bescheid, denn in der Bundesliga ist Tratsch üblich. Da wird - vor allem vor Saisonbeginn - von neuen Spielern viel erzählt. Wieviel beim früheren Klub geschluckt und was beim neuen Verein bevorzugt wird. Es ist deshalb verlogen, Doping abzustreiten. Das Aufputschen ist im Fußball genauso an der Tagesordnung wie in anderen Sportarten.
SPIEGEL: Warum dann die zum Teil empörte, fast hysterische Reaktion in der Branche?
BREITNER: Die Öffentlichkeit ist auf solche Themen nicht vorbereitet. Wären wir in der Vergangenheit offener und ehrlicher gewesen, hätten wir das Problem jetzt nicht...
SPIEGEL: ... und die Fans hätten eine Illusion weniger.
BREITNER: Darum geht es ja gerade. Das Bild des Fußballers wird doch immer noch geprägt vom Herberger-Mythos "elf Freunde müßt ihr sein". Schön adrett, nett und clean. Es ist aber eine scheinheilige Welt, in der Fußballer nicht rauchen, nicht trinken und nichts mit Frauen haben. Die Realität, das wollen die wenigsten wahrhaben, sieht anders aus. Es muß endlich gelingen, ein normales Bild des Sportlers aufzubauen.
SPIEGEL: Statt dessen wird gesperrt, ausgeschlossen und abgesetzt.
BREITNER: Das sind Maßnahme n zur erneuten Tabuisierung.
SPIEGEL: In dem von Ihnen herausgegebenen Buch "Kopf-Ball" haben Sie sich allerdings auch nicht als Aufklärer hervorgetan. Zum Thema Doping haben wir darin nichts gefunden.
BREITNER: Ich habe einmal konkret begonnen, etwas zum Thema zu schreiben. Ich habe sogar schon Bänder besprochen und bin dabei einen Schritt weitergegangen als Toni Schumacher. Ich habe Namen genannt, mir dann aber überlegt: Damit treibst du Leute möglicherweise in eine ausweglose Situation.
SPIEGEL: Schumacher hat sich immerhin selbst als Doping-Sünder zu erkennen gegeben.
BREITNER: Erstens hat er wohl gedacht, indem er sich selbst bezichtigt, schwächt er die Enthüllungen ab. Leider hat er dabei übersehen, daß wir in einer Zeit leben, in der man nicht mehr fair ist zu Leuten, die Bekenntnisse ablegen. Zweitens: Das Timing der Veröffentlichung ist fürchterlich. Die Bundesliga hat doch gerade erst begonnen, verspielten Kredit zurückzugewinnen. Nun ist das Vertrauen in der Öffentlichkeit erneut erschüttert - deshalb der Aufschrei.
SPIEGEL: Sehen Sie eine Parallele zum Bundesliga-Bestechungsskandal?
BREITNER: Die Gefahr ist groß, daß die Leute wie damals sagen: Wir werden verscheißert. Manche werden jetzt beispielsweise an den sensationellen 7:3-Europacup-Sieg der Uerdinger gegen Dynamo Dresden denken oder an die Pokalkrimis Schalke gegen Bayern oder Mönchengladbach gegen Werder.
SPIEGEL: An Spiele, in denen es hieß: Sie spielten wie aufgedreht.
BREITNER: Klar, daß die Leute rückblickend fragen: Ging das mit rechten Dingen zu? Ich glaube sogar, die Auswirkungen des Schumacher-Buches sind gravierender als die Bestechungsaffäre 1971. Damals war der Fußball stark und positiv, selbst der Skandal konnte ihm nur wenig anhaben. Aber heute wird am Fußball gesägt und gezweifelt. Die Basis das aufzufangen und den Schaden zu begrenzen, ist nicht mehr da.
SPIEGEL: Das klingt, als würden Sie Schumacher für den Totengräber des Fußballs halten.
BREITNER: Nein, das will ich damit nicht sagen. Ich finde es sogar ausgesprochen gut, daß er sein Buch als noch aktiver Spieler geschrieben und veröffentlicht hat. Hätte er nach Beendigung seiner Laufbahn ausgepackt, wäre das eine linke Tour gewesen.
SPIEGEL: Das Lob wundert uns, denn Sie sind selbst Leidtragender. Schumacher schreibt über Breitner: "Er soff wie ein Kosake."
BREITNER: Richtig ist, daß wir bei der Weltmeisterschaft 1982 in Spanien nach dem verlorenen Algerien-Spiel viel getrunken haben. Ich habe mich allerdings dagegen verwahrt, als Saufkopp dargestellt zu werden, dem morgens die Hände zittern und der erstmal einen Cognac braucht. Der Toni hat das richtiggestellt. Ansonsten bin ich der Meinung: Wer austeilt, muß auch einstecken können. Ich vertrage einiges.
SPIEGEL: Andere sind dünnhäutiger. Der Schalker Olaf Thon, von Schumacher im Buch als "sträflich dumm" charakterisiert, kann sich nur noch schwer vorstellen, mit dem Kölner in der Nationalelf zu spielen.
BREITNER: Da Toni noch spielt, hat jeder die Gelegenheit, sich zu wehren und ihm eine aufs Maul zu hauen.
SPIEGEL: Schumacher allerdings rechnete mit einer Solidaritätsaktion der Profis.
BREITNER: Unter Fußballern gibt es keine Solidarität. Deshalb fallen Leute wie Toni und ich, die unbequeme Themen anreißen, immer auf die Schnauze.
SPIEGEL: Der Kölner besonders unsanft: Er wurde als Kapitän der Nationalelf abgesetzt und vom Lehrgang ausgeladen.
BREITNER: Franz Beckenbauer war in einer schwierigen Situation: Er weiß, der Toni hat recht. Er mußte aber auch die Interessen des Deutschen Fußball-Bundes berücksichtigen. Denn so wie beim Skandal mittels Bestechung Spiele verschoben wurden, so ist Doping auch eine Art von Schiebung, die untersucht werden muß.
SPIEGEL: Ist Schumachers Rückkehr in die Nationalelf noch vorstellbar?
BREITNER: Es wäre ein Blödsinn, ihm die Lizenz zu entziehen und zu sagen: Du darfst da nicht mehr spielen.
SPIEGEL: Aber die Kapitänsbinde ist er los?
BREITNER. Nein, wenn er wieder für würdig befunden wird, für Deutschland zu spielen, dann auch als Kapitän...
SPIEGEL: ... mit dem Verdienst, für die Einführung der Dopingprobe in der Bundesliga gesorgt zu haben.
BREITNER: Möglich, denn sie ist seit Jahren überfällig. Nur frage ich: Wo fange ich mit Tests an und wo höre ich auf? Es reicht doch nicht, die erste Bundesliga zu kontrollieren. Ich muß auch in die zweite Liga und in die Amateurligen reingehen. Die sind doch auch nicht von gestern, die machen nichts anderes als die ganz Großen.
SPIEGEL: Sie streiten zumindest den Gebrauch verbotener Mittel ebenso vehement ab.
BREITNER: Die wissen auch: Wer jetzt noch etwas über Dopingerfahrungen rausläßt, der wird zurückgepfiffen und muß den Schwanz einziehen.

DER SPIEGEL 10/1987
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