06.04.1987

Das kurze Leben eines „Volksschädlings“

Heinrich Hannover über Christoph U. Schminck-Gustavus' Buch „Das Heimweh des Walerjan Wrobel“ Der Bremer Strafverteidiger Heinrich Hannover, 61, ist Verfasser zahlreicher Fachbücher und Kinderbuchautor. *
Im Zeitalter des organisierten Massenmords hat man sich an große Zahlen gewöhnt, durch die Menschenleben chiffriert werden. Begriffe wie Megatonnen und Megatote kennzeichnen den Zynismus eines Sprachgebrauchs, der uns das Nachdenken über Geschichte und das Vordenken über den nächsten Krieg ausreden will.
Geschichte, oder genauer: die Zeit, die wir oder unsere Eltern erlebt haben, die Zeit, in der wir leben, und die Zeit die wir erleben oder nicht mehr erleben werden, zu begreifen, heißt immer mehr: Geschichte am Beispiel zu erläutern, verallgemeinerungsfähige Einzelschicksale von Menschen und Gruppen zu beschreiben.
Nicht die Millionenzahlen der durch Kriegshandlungen und Massenverbrechen getöteten Menschen haben Verstand und Gefühle der Nachlebenden erreicht, sondern das Tagebuch der Anne Frank oder die Holocaust-Serie. Diese neue Art, eine unbegreifliche Geschichte wenigstens ansatzweise verstehbar zu machen, hat in Christoph U. Schminck-Gustavus einen neuen Meister gefunden.
Man wußte bereits oder konnte wissen daß in der Zeit des vorläufig letzten Weitkrieges über sechs Millionen Polen getötet worden sind, davon nur zehn Prozent durch unmittelbare Kampfhandlungen, neunzig Prozent jedoch durch den Zivilterror der deutschen Okkupanten. Jeder fünfte Pole ist durch deutsche Staatsterroristen getötet worden! Bekannt war auch, daß etwa 2841000 polnische Zivilisten und Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter für das Deutsche Reich und deutsche Konzerne ausgebeutet worden sind.
Aber diese Geschichte der großen Zahlen hat im öffentlichen Bewußtsein des westdeutschen Volkes, sofern sie überhaupt aufgenommen worden ist, wenig bewirkt. Ihr Vergessen wird bereits propagiert, bevor sie begriffen worden ist. Schminck-Gustavus'' Buch über den als 16jährigen straffällig gewordenen und von einem deutschen Sondergericht zum Tode verurteilten Polen Walerjan Wrobel könnte die Chance haben, ein verdrängtes Kapitel deutsch/polnischer Geschichte bewußt zu machen, dem noch keine Kollektivscham gefolgt ist. _(Christoph U. Schminck-Gustavus: "Das ) _(Heimweh des Walerjan Wrobel. Ein ) _(Sondergerichtsverfahren 1941/42". Verlag ) _(J. H. W. Dietz Nachf. Bonn; 156 Seiten; ) _(29,80 Mark. )
Der Autor, Hochschullehrer in Bremen, hat eine Arbeitsmethode entwickelt, mit der er unter seinen juristischen Fachkollegen wohl ziemlich einzig dasteht. Er beschreibt Geschichte gewissermaßen von innen. Er beeindruckt nicht durch große Zahlen und statistische Aufbereitung des Materials, sondern durch intensive Recherche geschichtlicher Erlebniszusammenhänge, des Kriegsschicksals einer Stadt ("Bremen kaputt", Brockkamp Verlag, Bremen 1983), einer Gruppe von Zwangsarbeitern ("Hungern für Hitler", Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1984) oder jetzt eines einzelnen Menschen.
Walerjan Wrobel war gerade 16 geworden, als er in die Mühlen deutscher Terrorherrschaft geriet. Als Zwangsarbeiter auf einem Bauernhof in der Nähe Bremens machte der in seiner geistigen Entwicklung zurückgebliebene, an Heimweh leidende Junge zwei Versuche zu seinen Eltern nach Polen zurückzukommen. Ein Fluchtversuch zu Fuß scheiterte schon auf den ersten Metern. Ein zweiter, nicht minder unreif ausgedachter Plan, nach Hause zu kommen, _(Nach dem Todesurteil aus dem Gefängnis ) _(geschmuggelt. Text: Liebe Mami und ) _(lieber Papi, Bruder und Schwesterchen. ) _(Letzte Worte. Walerjan Wrobel. )
sollte ihn das Leben kosten. Er wollte eine Scheune seines Zwangsarbeitgebers anzünden in der Erwartung, daß man ihn dann als unbrauchbare Arbeitskraft nach Polen zurückschicken werde. Das Feuer wurde schnell entdeckt und unter seiner Mitwirkung gelöscht, bevor nennenswerter Schaden entstanden war. Aber mit Hilfe der Paragraphen eines Unrechtsstaates und seiner Rechtsanwender wurde aus dieser kindlich unbedachten Tat ein todeswürdiges Verbrechen.
Schminck-Gustavus ist den Spuren nachgegangen, die das kurze Leben des Walerjan Wrobel hinterlassen hat. Im Bremer Staatsarchiv fand er die Akte des Bremer Sondergerichtsverfahrens nebst Gnaden- und Vollstreckungsheft, die über die letzten Monate dieses in die Apparatur des Unrechtsstaates geratenen Knaben Auskunft gab. Weitere Informationen holte der Autor bei Freunden und Angehörigen ein, die er in Polen aufsuchte. Sie gaben ihm vertrauensvoll die beiden erschütternden Abschiedsbriefe des Jungen mit. Und schließlich folgte er auch den Spuren der Justiztäter, wobei der Autor sich auch hier nicht mit Aktenstudien begnügte, sondern in einem Fall es darauf ankommen ließ, an der Haustür abgewiesen zu werden.
Walerjan Wrobel wußte, was Brandstiftung bedeutet und daß ihr keineswegs immer Strafe folgt. Sein Elternhaus war niedergebrannt, als deutsche Flugzeuge sein polnisches Heimatdorf mit Bomben beworfen hatten. Er wußte, daß auch Kinder ihr Dach über dem Kopf verlieren, wenn die Erwachsenen Krieg spielen. Was er nicht wußte: daß Kinder auch zum Tode verurteilt werden können, wenn die Erwachsenen Krieg spielen. Jedenfalls wenn die Kinder Polen und die Erwachsenen Deutsche sind. Und daß die von einem Kind verübte Brandstiftung dann zum todeswürdigen Verbrechen werden kann.
Die Definitionsmacht lag damals, als Wrobel in Bremen-Lesum Brandstiftung beging, bei Richtern, die sich später "beschworene Richterpflicht" und "menschliche Erwägungen" zugute hielten, als auf dem Scherbenhaufen des Nazi-Reichs auch die 49 Todesurteile des Bremer Sondergerichts lagen und einer Erklärung bedurften. Vergessen war, daß der Vorsitzende des Gerichts schon bei einer "Vorschau" (damals übliche regelmäßige Treffen aller höheren Richter und Staatsanwälte eines Gerichtsbezirks), ohne den Angeklagten persönlich zu kennen, auf Grund der Aktenlage beflissen erklärt hatte, "daß in diesem Falle keine Bedenken gegen eine Todesstrafe bestünden". Ein Versprechen, das selbst nach dem "Recht" des Nazi-Staats gar nicht so leicht zu erfüllen war.
Das Sondergericht verurteilte den 16jährigen als "Volksschädling". Damit begründete es das Urteil ("Das Gesetz kennt als Strafe nur die Todesstrafe"). Wenn die Richter gewollt hätten, wäre hier ein Ansatzpunkt gewesen, ihn mit dem Leben davonkommen zu lassen.
Die Verurteilung als "Volksschädling" nach dieser am fünften Kriegstag erlassenen Verordnung setzte voraus, daß der Täter "die Widerstandskraft des deutschen Volkes schädigt" und dies auch wollte. Schon dieses subjektive Tatbestandsmerkmal hätte man bei dem nur auf seine Heimkehr bedachten Jungen ohne Schwierigkeiten verneinen können. Es kam aber nach der Rechtsprechung des Reichsgerichts weiter darauf an, ob die Straftat "nach dem gesunden Volksempfinden besonders verwerflich" war. Es wäre ein leichtes gewesen, aus der Jugend des Täters, seiner kindlichen Motivation (Heimweh) und der Geringfügigkeit des eingetretenen Schadens die "besondere Verwerflichkeit" der Tat nach "gesundem Volksempfinden" zu verneinen. Man hätte, einem 1942 veröffentlichten Urteil des Sondergerichts Graudenz folgend, sogar die Anwendbarkeit der Volksschädlings-Verordnung auf Polen überhaupt verneinen können.
Das gröbste Unrecht, dessen sich die Richter und der Staatsanwalt schuldig machten, war aber die rückwirkende Anwendung der Polen-Strafrechtsverordnung, mit der die Todesstrafe gegen einen Minderjährigen begründet wurde. Sie war erst Ende Dezember 1941 in Kraft getreten. Wäre Walerjan Wrobel unverzüglich nach der Tat abgeurteilt worden, hätte es auch nach damaligem "Recht" keine Handhabe gegeben, einen 16jährigen Polen zum Tode zu verurteilen.
Daß es erst im Juli 1942, also 15 Monate nach der Tat, zur Hauptverhandlung kam, lag daran, daß Wrobel von Juni 1941 bis April 1942 im KZ Neuengamme zubringen mußte (über diese furchtbare Zeit hat dem Autor ein Leidensgenosse Wrobels sehr anschaulich berichtet), offensichtlich ein Versuch der Gestapo, den Fall "in eigener Zuständigkeit zu erledigen". Und im Verlauf dieser zehnmonatigen KZ-Quälereien, vor denen die "soldatisch schnell arbeitende standgerichtliche Schlagkraft" (Freisler) der Sondergerichtsbarkeit den jungen Polen nicht zu schützen wußte, kam es zum Erlaß der Polen-Strafrechtsverordnung, die mit Zustimmung der Staatsanwaltschaft auch auf Taten, die vor dem Inkrafttreten der Verordnung begangen sind, angewendet werden konnte (nicht mußte).
Im Gnadenverfahren entsannen sich auch die Richter und der Staatsanwalt dieser Unrechtslage und befürworteten das Gesuch des Verteidigers. Sie hätten wie aufgezeigt, in eigener Zuständigkeit dem jungen Polen das Leben retten können, aber dazu reichten ihre moralische Kompetenz und ihr politischer Mut nicht aus. Es hätte bei der "Nachschau" eine Beanstandung geben können, die nicht karrierefördernd gewesen wäre. Vielleicht nicht einmal das, denn man hätte, wie das Graudenzer Beispiel beweist, die Begründung für ein humaneres Urteil mit unmerklicher List aus dem
Wörterbuch des Unmenschen abschreiben können.
Schminck-Gustavus druckt auch die kläglichen und im Detail widerlegbaren Rechtfertigungsversuche der Richter des Sondergerichts ab, mit denen sie sich für eine Weiterverwendung in der Nachkriegsjustiz empfahlen. Sie hatten gewichtige Fürsprecher, die ihnen bestätigten daß sie dem Nationalsozialismus "innerlich fremd und ablehnend gegenübergestanden" hätten. Das mag sogar zutreffen. Die Rechtfertigungsideologie deutscher Richter beruhte seit eh und je auf einem Gesetzesgehorsam, der sich des "rechten" Weges unbewußt ist. Diese Ideologie funktioniert auch dann, wenn sich das Amt des Gesetzgebers in Verbrecherhänden befindet.
Und ein wichtiges Element der Schuldabweisung war und ist die Teilung der Verantwortung. Sie wird nicht nur dem Gesetzgeber zugeschoben, dessen verbrecherische Befehle man blindlings ausgeführt hat, sondern auch der Gnadeninstanz, die ihrerseits mit Verbrechern besetzt war. An wen die Bremer Sonderrichter die Verantwortung für die Hinrichtung des Walerjan Wrobel delegiert hatten, ist auf Seite 87 des Buches im Faksimile nachzulesen. Roland Freisler beschied in seiner damaligen Zuständigkeit im Reichsjustizministerium das Gnadengesuch des Verteidigers: " ... habe ich mit Ermächtigung des Führers beschlossen, von dem Begnadigungsrecht keinen Gebrauch zu machen, sondern der Gerechtigkeit freien Lauf zu lassen".
Der Vorsitzende des Bremer Sondergerichts hat sich später gerühmt, sein Gericht habe sich stets bemüht, "seine Rechtsprechung so zu gestalten, daß sie einerseits mit unserer beschworenen Richterpflicht, andererseits mit unserem menschlichen Gewissen im Einklang stand".
Soweit das Sondergericht "an der Verhängung einer Todesstrafe nicht vorüberkommen konnte, hat es . . . gleichzeitig mit dem Erlaß des Urteils einen Gnadenerweis befürwortet". Auch dieser Richter ist also seine Verantwortung für den Tod des Walerjan Wrobel losgeworden. Seine wohlerworbene Pension hat ihm niemand streitig gemacht.
Einen der beisitzenden Richter habe ich als junger Anwalt noch kennengelernt, er amtierte als Vorsitzender einer Zivilkammer des Bremer Landgerichts. Sein Entnazifizierungsverfahren war nur ein lästiger Formalismus. Anmaßend schrieb er an die Spruchkammer: "Zu meiner Ladung auf den 24. 3. 1947, 10 Uhr, bitte ich, wenn es möglich ist, mich pünktlich zu hören, da ich auf 10.30 Uhr, 10.45 Uhr und 11.15 Uhr Gerichtstermine angesetzt habe."
Mitte der sechziger Jahre wurden anläßlich seines 80. Geburtstages die Verdienste dieses Richters vom Senat der Freien Hansestadt gewürdigt, die Tagespresse berichtete über die Ehrungen. Schminck-Gustavus: "Das Bremer Sondergericht taucht in diesen Würdigungen nicht auf."
Christoph U. Schminck-Gustavus: "Das Heimweh des Walerjan Wrobel. Ein Sondergerichtsverfahren 1941/42". Verlag J. H. W. Dietz Nachf. Bonn; 156 Seiten; 29,80 Mark. Nach dem Todesurteil aus dem Gefängnis geschmuggelt. Text: Liebe Mami und lieber Papi, Bruder und Schwesterchen. Letzte Worte. Walerjan Wrobel.
Von Heinrich Hannover

DER SPIEGEL 15/1987
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