06.04.1987

Giftzähne ziehen

„Report“-Moderator Franz Alt wird demontiert: Sein Intendant will ihm den Bildschirm nicht mehr allein überlassen. *
Vor Jahren schon klagte Willibald Hilf, Intendant des Südwestfunks in Baden-Baden, über "Mythenbildung" und den "Aufbau von unangreifbarer Meinungsmacht". Jetzt will Hilf den Mythos endlich weghaben: "Report"-Moderator Franz Alt.
Mit dem populären TV-Mann, Christdemokrat wie Hilf, ist der Senderchef über die Jahre immer wieder zusammengerasselt. Demnächst wird Alts Doppelfunktion als Redaktionschef und Moderator des TV-Magazins demontiert.
"Alt wird Redaktionsleiter bleiben" sagt Hilf, "aber in der Präsentation der Themen wird sich sicher etwas ändern." Moderator Alt soll Platz für einen zweiten Akteur auf dem Bildschirm machen, der dann Themen wie Atomkraft, Rüstung und Umweltfragen verkauft.
Für Freitag dieser Woche ist der Rundfunkrat des Südwestfunks (SWF) zu einer Sondersitzung einberufen, einziges Thema: die Zukunft von "Report".
Zuletzt hatte die konservative Mehrheit im SWF-Fernsehausschuß eine Sendung vom Januar gerügt, die über den Verdacht berichtete, daß sich in der Umgebung von Kernkraftwerken Mißbildungen _(Am 20. Januar; im Hintergrund: das ) _(stillgelegte Kernkraftwerk Garigliano in ) _(Italien. )
bei Mensch, Tier und Pflanzen häufen. Der Autor, Wolfgang Moser, wurde bald danach ins Dritte Programm abgeschoben (SPIEGEL 12/1987). Nun ist Alt selber dran, der Magazinchef, der sich vor Moser gestellt und seine eigenen Parteifreunde immer wieder durch Kritik an der Nachrüstung, an Umweltsünden und der Atomenergie erzürnt hatte. Hilf will ihm die "missionarische Kanzeltätigkeit" austreiben.
Daß Alt nicht versetzt wird, ist nur Taktik: Hilf will einen großen Eklat vermeiden. Doch die Präsenz auf dem Bildschirm, der Alt seine Popularität verdankt, wird ihm beschnitten. Alt selbst war bis Freitagabend letzter Woche von Hilfs Absichten nicht informiert und will sich "erst äußern, wenn mir das offiziell mitgeteilt worden ist".
Absehbar ist, daß als neuer Moderator der frühere Bonner ARD-Korrespondent Reinhard Kleinmann hinzukommt, der seit Juni vergangenen Jahres bereits ein demoskopisches Politbarometer, den "Meinungsreport", in der Sendung präsentiert. Kleinmann ist als TV-Chefredakteur auch der Vorgesetzte von Alt; dessen weitgehende Entmachtung wäre somit gesichert.
In Franz Alt, seit über 15 Jahren Leiter der Baden-Badener Ausgabe von "Report" (neben dem gleichnamigen konservativen Münchner Fernsehmagazin), wird einer der letzten Kombattanten für einen kritisch-unabhängigen Fernsehjournalismus lahmgelegt. Der immer noch jugendlich wirkende Schwabe, 48, Sympathieträger mit gescheitelter Haartolle und asketischen Zügen, machte sich bei Parteifreunden als Dissident unbeliebt und geriet mit dem SWF-Rundfunkrat und dessen Fernsehausschuß öfter über Kreuz.
"Das ganze Haus" wisse, attackierte Südwestfunk-Veteran und Jazz-Professor Joachim-Ernst Berendt den Intendanten in einem offenen Brief, daß Hilf "eine Chance zur Wiederwahl" im Herbst 1988 nur habe, wenn er "endlich das Problem ,Report"'' löse.
Schon einmal, vor dreieinhalb Jahren, untersagte der Anstaltschef dem Magazinmann die Moderation, weil sich Alt auf Diskussionsforen und in seinem Buch "Frieden ist möglich" gegen die Nachrüstung engagiert hatte. Einen Monat später durfte der Journalist wieder vor die Kamera - bei einem gerichtlichen Vergleich hatte er zusagen müssen, sich bei Friedensthemen zurückzuhalten. Hilf war nicht nur bei Alt-Freunden, sondern auch bei den Scharfmachern in der Union blamiert.
Noch stärker geriet der Intendant nach seiner Wahl zum ARD-Vorsitzenden Anfang letzten Jahres unter innerparteilichen Druck. Hilf verlangte eine "Bestands- und Entwicklungsgarantie" für die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und kam prompt den Bonner Unionskämpfern für privates Fernsehen in die Quere. Sein Verhältnis zu Helmut Kohl, dem er einst als Staatskanzleichef in Mainz gedient hatte, kühlte ab.
Im letzten Dezember trafen sich die Intendanten Hilf, Dieter Stolte vom Mainzer ZDF und Friedrich Nowottny vom Kölner WDR, alle drei von christliberalen Gremienmehrheiten gekürt, zu einem Geheimgespräch bei Kohl im Kanzleramt. Später, nachdem das Treffen ruchbar geworden war, gaben sie unterschiedliche Auskünfte über den Gesprächsverlauf.
In der Runde soll, was das Trio bestreitet, auch über Programmfragen geredet worden sein - nach der Kohl-Devise: "Linken Journalisten muß man die Giftzähne ziehen." "Sie wissen", räumt Hilf dazu einsilbig ein, "daß der Kanzler manchmal eine kräftige Sprache führt", doch dieses Kohl-Zitat habe er damals nicht vernommen. "Im Sinne einer Inpflichtnahme" habe der Unionschef
ihn jedenfalls nicht angesprochen. Das war auch gar nicht nötig, der Intendant wußte seit langem, worum es ging: Kohl hält den Abweichler Alt, der sich bei seiner Regierungskritik gern auf die Bergpredigt oder christliche Theologen beruft, für "gefährlich".
Im Monat nach der Kanzler-Audienz war es mal wieder so weit. Fünf Tage vor der Bundestagswahl führte Alt gegen die christdemokratische Atompolitik den Christen Albert Schweitzer ins Feld, der einst vor den unverantwortlichen Folgen der Radioaktivität, "schwersten körperlichen und geistigen Schäden" für Neugeborene, gewarnt habe. Dann folgte Mosers Bericht über den mutmaßlichen "Zusammenhang zwischen Atomkraftwerken und Mißbildungen".
Die Sendung löste bei der ARD eine Kettenreaktion aus. Nach Mosers Abschiebung ins regionale Vier-Wochen-Magazin "Schauplatz Europa", die ihm schon wegen früherer Mißhelligkeiten angekündigt worden war, wurde Alt abgemahnt, weil er gegen diesen Kniefall vor den "Lobbyisten der Atomwirtschaft" protestiert hatte. Seit langem laufen Kraftwerksbetreiber Sturm gegen atomkritische "Report" -Beiträge.
Alt und Moser gingen gegen die SWF-Sanktionen vors Arbeitsgericht. Beide beharren darauf, "keinen Fehler in der Sendung" gemacht zu haben. Einen "Leukämie-Report" des früheren SS-Manns und KZ-Aufsehers Walther Soyka habe Moser, anders als seine Gegner behaupten, überhaupt nicht erwähnt. Und daß ein Hobbygärtner, der angeblich radioaktiv geschädigte Pflanzen aus seinem Garten in dem Film präsentierte, von Kritikern der Sendung als Rechtsradikaler attackiert wurde, habe nur von wissenschaftlich seriösen Zeugen ablenken sollen - Moser hätte schadlos auf ihn verzichten können.
Der Verdacht, die Abluft von Atomkraftwerken verursache "Schäden bei Mensch, Tier und Pflanzen" (Alt), ist bislang nicht beweisbar. Die Meinungen gehen auseinander, es gibt Indizien dafür und dagegen. Deshalb ist die Rüge des SWF-Fernsehausschusses, Moser habe nicht "wahrheitsgetreu" berichtet, auch wieder nur die unbewiesene Behauptung einer parteipolitischen Mehrheit im Gremium - die herrschende Meinung, die sich selbst bestätigt.
Der frühere SPD-Bundestagsabgeordnete Hugo Brandt, Mitglied im SWF-Fernsehausschuß, hielt dagegen, die "leichtfertige" Rüge entspreche nicht dem Ergebnis der Gremiendiskussion. In einem Protest-Inserat verwiesen 219 Unterzeichner auf eine britische Langzeituntersuchung über "Mehr Krebs bei Atomanlagen". Auch durch diese Studie jedoch, so hatte Moser objektiv berichtet, sei ein Zusammenhang zwischen Atomkraftwerken und Mißbildungen nicht erwiesen.
Längst hat sich das Publikum in den Konflikt eingemischt. "Kübelweise", so der Südwestfunk, trafen Protestschreiben aus der Bevölkerung gegen das "persönliche Unrecht" und die "unnötigen Hindernisse" für Alt und Moser beim Sender ein. Hilf sieht darin lediglich Symptome einer "abrufbaren Entrüstungsbewegung".
Ein Symposium für Intendanten und prominente ARD-Programm-Macher, mit dem Hilf seinen Sender bundesweit profilieren will, droht nun für ihn zum Tribunal zu werden. Schriftsteller und Journalisten, Umweltschutz- und Friedensinitiativen haben für den ersten Tag der geplanten Gesprächsrunde (Titel: "ARD im Wettbewerb") am Dienstag dieser Woche vor dem Baden-Badener Kongreßhaus zu einer "Solidaritätskundgebung" für die "Report"-Redaktion aufgerufen. Die Einladung, in der Hilfs Rücktritt gefordert wird, unterschrieben Autoren wie Johannes Mario Simmel, Horst-Eberhard Richter, Robert Jungk und Organisationen wie "Ärzte gegen den Atomkrieg" und "Christliche Demokraten für Schritte zur Abrüstung".
Ihr Aufruf zur "Moderation ohne Maulkorb" findet auch in anderen TV-Anstalten ein Echo. Denn die "Report"-Affäre hat sich ausgeweitet.
Beim Sender Freies Berlin (SFB) etwa erhielt die Redaktion des Nord-III-Forums "Berliner Platz" für eine geplante TV-Diskussion über "Die Zukunft der politischen Magazine" nicht das - bei Sendungen über ARD-Interna erforderliche - Plazet. Aus Köln sollte "Monitor"-Leiter Klaus Bednarz erscheinen auch SWF-Kommandeur Hilf stand auf der Gästeliste.
Als die Redaktion schriftlich gegen das Veto protestierte, lieferte TV-Direktor Kurt Rittig eine "abenteuerliche Begründung" (SFB-Redakteure) nach: Hilf sei gehalten, Vertraulichkeit über die Ereignisse in den Sendern zu wahren und stehe aus Termingründen ohnehin nicht zur Verfügung. Außerdem sei es "nicht die Aufgabe der ARD", begründete Kultur-Hauptabteilungsleiter Georg Groos, "interne Entscheidungen auf dem Marktplatz auszutragen".
Als in Köln die "Monitor"-Redaktion vorigen Monat einen Beitrag über Mosers Fall zusammentragen wollte, endeten die Recherchen im eigenen Haus. Fernsehdirektor Günter Struve untersagte, Südwestfunk-Intendant Hilf zu interviewen. Struve kündigte an, er wolle das Gespräch mit Hilf selber führen, denn auch er recherchiere gern. Die Redakteure verzichteten auf die Sendung.
In Baden-Baden nahm derweil der Skandal seinen Fortgang, als TV-Chef Kleinmann der "Report"-Redakteurin Hannelore Gadatsch eine neue Kernkraft-Recherche kurzerhand verbot. Frau Gadatsch wollte Behauptungen über "Spätfolgen von Tschernobyl" nachgehen, etwa angeblich vermehrte Mißbildungen bei Kälbern. Für einen solchen Report, so Kleinmann, gebe es "keinen aktuellen Anlaß".
Als die ARD-Chefredakteure kurz darauf vereinbarten, dem Atom-Thema am Mittwoch dieser Woche eine ganze "Brennpunkt"-Sendung zu widmen, war Kleinmann plötzlich auch dafür. "Niemand", so ließen die ARD-Muftis verlauten, wolle "ein wichtiges Thema unter den Teppich" kehren.
"Das war schon immer eine fabelhafte Methode", spottete der frühere "Panorama"-Moderator Gert von Paczensky im WDR-Hörfunk, "eine bestimmte Redaktion von der Behandlung eines Themas fernzuhalten, indem man sagt, da steigen wir ganz riesig darauf ein."
Das Augenmerk bestimmter Redaktionen für bestimmte Themenbereiche nennt Hilf neuerdings "Blickfeldverengung". Damit meint er vor allem "Report" - aber nicht nur. Der ARD-Chef betreibt die Zusammenfassung der bisher alternierenden Sendungen "Report", "Panorama", "Monitor" und "Kontraste" zu einem "ARD-Magazin". Hilfs Hintergedanke ist klar: Ein "dauernder Konflikt", so der "Evangelische Pressedienst", werde befriedet, wenn Proporzträger wie ARD-Programmdirektor Dietrich Schwarzkopf und ARD-Politikkoordinator Martin Schulze die Kontrolle zentral übernehmen.
Beide machen sich für die Einheitsidee stark. Schulze: "Ich bin in der Tat der Meinung, daß wir so etwas haben sollten."
Am 20. Januar; im Hintergrund: das stillgelegte Kernkraftwerk Garigliano in Italien.

DER SPIEGEL 15/1987
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