12.01.1987

„Ihr werdet Japan doch niemals verstehen“

SPIEGEL-Redakteur Tiziano Terzani über Selbstbewußtsein und Überlegenheitsgefühl der Japaner Sie halten sich für einzigartig und rassisch „homogen“. Sie glauben, besondere Nasen und ein besonderes Gehirn zu haben. Sie möchten die Welt nicht nur mit den Produkten Ihrer Wirtschaft, sondern auch mit ihrer Kultur beglücken: Die Japaner werden selbstbewußter und arroganter. Ihre Nachbarn sehen das mit Besorgnis. *
Ein europäischer Diplomat und ein europäischer Banker betraten eine exklusive Bar in Tokios Ginza-Viertel. Kaum hatten sie sich gesetzt, als am Nachbartisch ein eleganter Japaner halblaut zu seinem Begleiter sagte: "Es stinkt! Heute abend stinkt es hier!"
Die beiden Europäer taten, als verständen sie nicht, und bestellten einen Whisky. Der elegante Japaner wiederholte sein "Es stinkt" und schickte den Ausländern durch die Bar-Hostess einen Zettel: "... und nehmt Euch in acht, Ihr werdet auch die Zeche nicht bezahlen können!"
Sie schafften es tatsächlich knapp. Ihr Whisky kostete sie an die 3000 Mark. Der neue Reichtum hat die Japaner arrogant gemacht, ihre traditionelle feindselige Einstellung zu den "gaijin", den Leuten von draußen, tritt ungenierter zutage als früher.
"Macht es Ihnen etwas aus, neben einem Gaijin zu sitzen?" werden japanische Passagiere Erster Klasse von besonders höflichen Japan-Airlines-Stewardessen am Schalter mitunter gefragt. Vor kurzem veröffentlichte die japanische Presse den Brief eines Ausländers, der berichtete, wie ein japanischer Kollege, mit dem er reiste, wiederholt Entschuldigungen von seiten des JAL-Chefstewards bekam, "wegen der Unannehmlichkeit, neben einem Gaijin sitzen zu müssen".
In manche Diskotheken des Roppongi-Viertels in Tokio werden Ausländer nicht eingelassen. "Gaijin sind zu laut", heißt die übliche Rechtfertigung. Auf der Tür der "Oban"-Sauna (nur für Männer) im Stadtviertel Shinjuku steht: "Ausländer werden gebeten, nicht einzutreten." Denn Gaijin gelten als Aids-Träger.
Als Inselbewohner, die sich selbst über 200 Jahre lang - von 1639 bis 1853 - jeglichen Kontakt mit dem Ausland untersagten, hatten die Japaner schon immer besondere Schwierigkeiten mit ihren Beziehungen zu anderen Völkern. Hin- und hergerissen zwischen einem Minderwertigkeits- und einem Überlegenheitskomplex, flüchten sie sich gern in die Vorstellung so verschieden von allen anderen Völkern zu sein, daß kein anderes Volk sie verstehen könne - wegen ihrer Einzigartigkeit.
"Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt in Japan, aber ich muß Sie warnen: Sie werden uns nie begreifen lernen", sagt ein Professor der Kioto-Universität alljährlich zu den ausländischen Austauschstudenten, die in Japan studieren wollen.
Das vor kurzem erschienene Buch eines jungen Engländers, der über 3000 Kilometer in Japan zu Fuß zurücklegte (Alan Booth: "The Roads to Sala"), enthüllt eine denkwürdige Unterhaltung mit einem alten Japaner auf der Insel Hokkaido. Nachdem der Alte dem Fremden erklärt hatte, es sei sinnlos, Japanisch zu sprechen, Japan zu bereisen und sich mit den Japanern zu unterhalten, fragte der Engländer ihn, was er denn tun solle. Antwort: "Nichts. Ihr werdet Japan doch niemals verstehen."
Seit einigen Jahren gedeiht in Japan ein neues Fach, "nihonjin ron", Theorie des Japanertums. Japanische Symposien, Fernsehserien, Essays haben Japan zum Hauptthema. Über tausend Bücher wurden bereits geschrieben, in denen Japaner die Japaner erklären, viele davon sind Bestseller. Eines, das die Japaner mit den Juden vergleicht, erreichte binnen eines Jahres eine Auflage von über einer Million Exemplaren. Jedes Thema wird behandelt, vom japanischen Denken bis zum japanischen Lächeln. Unlängst erschien sogar ein Werk über "Die japanische Nase".
"Das Japanertum ist zur wahren Religion Japans geworden", sagt Professor Shichibei Yamamoto, ein Historiker in Tokio: "Die Japaner sind die Götter."
Vor kurzem veröffentlichte ein Mitglied der medizinischen Fakultät der Universität Tokio ein angeblich wissenschaftliches Buch: "Das japanische Gehirn: Einzigartigkeit und Universalität". Anhand von Diagrammen und farbigen Computer-Bildern beweist Tadanobu Tsunoda, daß der Kopf der Japaner anders funktioniere als der aller anderen Völker der Welt.
Nach 20jährigen Experimenten will Tsunoda festgestellt haben, daß die Japaner die Vokale (die im Japanischen besonders häufig sind) in der linken Seite ihres Gehirns verarbeiten, andere Völker dagegen in der rechten. Das erkläre, weshalb bei den Japanern die linke Seite des Gehirns entwickelter sei als bei den Gaijin.
Erstaunlich, daß dieses für einen kleinen Zirkel geschriebene Buch ein nationaler Bestseller wurde. In ihm ist nachgewiesen, daß die Japaner " in höchstem Grad feinfühlige Menschen sind und daß sie dem Anhören von Zikaden und anderen Insekten ein Gefühl der Entspannung abgewinnen". Den Westlichen dagegen seien die Klänge der Insekten gleichgültig. "Sie sind ihnen genauso unbedeutend wie das Rattern eines Wagens oder das Surren einer Klimaanlage."
Die Vorstellung, daß nur die Japaner in völliger Harmonie mit der Natur leben, ist unter Japanern weitverbreitet.
Regierungschef Yasuhiro Nakasone selbst sagte im April vorigen Jahres in den Shinjuku-Palastgärten vor über 1000 Gästen, die zum Fest der Kirschblüte geladen waren, er habe während seiner Reise nach Europa wohl Geranien an den Fenstern gesehen, doch seien die Japaner das einzige Volk, das Blumen wirklich genießen könne.
Das japanische Außenministerium verteilt das Buch der Soziologin Chie Nakane, "The Japanese Society". Das Werk will die "einzigartige Struktur" der japanischen Gesellschaft beweisen. Neuankömmlinge sollen sich durch die Lektüre von der Unvergleichlichkeit Japans überzeugen lassen.
Die Einzigartigkeit wiederum dient dann dazu, auf internationalen Konferenzen Vorteile einzufordern, etwa, indem die Japaner erklären, sie müßten "nach japanischer Art" handeln, das heißt, sie wollen dartun, das Prinzip internationaler Gegenseitigkeit habe für sie keine Gültigkeit.
Japan ist das einzige Land der Welt, das im Ausland durchgeführte Medikamenten-Tests nicht anerkennt. Bis vor kurzem noch mußten alle importierten Pharmazeutika erst an Japanern getestet werden, bevor sie in Japan verkauft werden durften. Neuerdings dürfen einige im Ausland getestete Medikamente verkauft werden - doch nur, wenn diese Tests an im Ausland lebenden Japanern gemacht wurden.
Vorletztes Jahr ließ das Ministerium für internationalen Handel und Industrie (Miti) durch einen Universitätsprofessor beweisen, daß selbst der japanische Schnee einzigartig sei, feuchter und weicher als der europäische, und daß deshalb nur japanische Skier, und nicht aus Europa importierte, japanischen Wintersportlern die nötige Sicherheit gäben.
Das Gefühl, so ganz anders als alle anderen zu sein, entschädigt die Japaner für alle ihre Minderwertigkeitskomplexe. Wenn sie auch sagen, daß Gaijin stinken (sie werden "Butter-Stinker" genannt), das japanische Schönheitsideal ist längst westlich bestimmt. Fast jede Mode-Werbung bedient sich der Gaijin als Mannequins.
Denn in Wirklichkeit halten sich die Japaner selbst für unschön. Am Anfang des Jahrhunderts schrieb der Schriftsteller Soseki Natsume in London in seinem Tagebuch über seine Verzweiflung, sich im Vergleich zu den Engländern klein und häßlich zu wissen. Nach zweijährigem Aufenthalt verließ er das Land wegen tiefer Depressionen.
Und der welterfahrene Diplomat Ichiro Kawasaki, Tokios Botschafter in Buenos Aires und Warschau, notierte in seinem Buch "Japan Unmasked": "Von allen Rassen der Welt sind die Japaner wohl physisch die am wenigsten anziehenden, mit Ausnahme der Pygmäen
und der Hottentotten." Soviel Unverblümtheit kostete ihn seinen Posten.
Vor allem wenn sie außer Landes sind, fühlen sich die Japaner plump und unbeholfen. Jedes größere japanische Unternehmen hat deshalb heute eine Sonderabteilung, die ins Ausland reisenden Angestellten während wochenlanger Kurse beibringt, wie man sich in westlichen Flugzeugen, Restaurants und Hotels zu verhalten habe.
Der Gedanke, sie seien einzigartig, kam den Japanern erst relativ spät - Ausländer vermittelten ihn den Einheimischen. Der Jesuit Franz Xaver, der 1549 als erster europäischer Missionar in Südjapan landete, schrieb in sein Tagebuch: "Die Menschen, die wir angetroffen haben, gehören zu den besten... und es scheint mir, daß wir niemals einer der japanischen Rasse ebenbürtigen begegnen werden." Seither bestaunt und bewundert der Westen das Anderssein der Japaner, und die Japaner schlugen daraus Kapital.
Ende des vergangenen Jahrhunderts, zur Meiji-Zeit, kamen Tausende von Ausländern nach Japan, um den Japanern westliche Wissenschaft und Technologie beizubringen. Psychologische Verteidigung gegen den Gaijin-Einfluß schien nötig. Die Abwehrreaktion ließ in den dreißiger Jahren jenen Chauvinismus und Ultra-Nationalismus entstehen, der Japan auf den Weg zur Eroberung großer Teile Chinas und Südostasiens führte. Die Tatsache, daß diese Theorie heute, mehr als 40 Jahre nach der japanischen Niederlage im Zweiten Weltkrieg, so viele Anhänger findet, beunruhigt bereits viele japanische Intellektuelle.
"Das ständige Beharren auf Einzigartigkeit führt zur Wiederbelebung der Intoleranz, die in unserer Gesellschaft auf der Lauer liegt", schrieb das Wirtschaftsblatt "Nihon Keizai Shimbun".
Von "einzigartig" zu "besser" ist der Schritt klein. Premier Nakasone tat ihn bereits mehrmals. Schon vor einigen Jahren, als er noch nicht Regierungschef war, sagte er auf den Abiturfeierlichkeiten eines Gymnasiums: "Im allgemeinen sind die Japaner im Westen den Franzosen am nächsten, doch sind sie im Durchschnitt den Franzosen überlegen."
Der Grund jener Überlegenheit? Nakasone hat ihn deutlich ausgesprochen: "Die japanische Rasse ist hervorragend, denn seit den Zeiten der Göttin Amaterasu sind die Japaner rein wie der beste, unvermischte Sake-Reiswein."
Vor zwei Jahren wiederholte Nakasone seine Theorie in Hiroschima: "Wir haben soviel geleistet, weil sich seit 2000 Jahren keine ausländische Rasse unter die japanische gemischt hat."
Die rassische "Homogenität" muß herhalten, um Japans Erfolge von heute zu beschreiben.
Wer eine Erklärung des japanischen Wirtschaftswunders sucht, trifft-auf eine sogenannte Theorie der Modernität, die wiederum auf der angeblichen Homogenität der Menschen fußt.
Umgekehrt haben japanische Automanager schon geäußert, der Niedergang der amerikanischen Autoindustrie habe mit der steigenden Zahl schwarzer Arbeiter in den Fabriken von Detroit begonnen. Denn die japanischen Vorurteile gegen Ausländer im allgemeinen verdichten sich noch, wenn die Gaijin schwarz sind. Einer japanischen Schulklasse, die mit einer Klasse amerikanischer Kinder korrespondierte, wurde plötzlich befohlen, die Korrespondenz einzustellen: Die Schule hatte entdeckt, daß die amerikanischen Brieffreunde schwarz waren.
Die Japaner haben keinerlei moralische Hemmungen, über Minderheiten fremder Länder Diskriminierendes zu äußern - sie diskriminieren in ihrer eigenen Gesellschaft fast ungehemmt.
Die in Japan ansässigen über 700000 Koreaner, Nachkommen von Gastarbeitern, die vor 300 Jahren, oder von Zwangsarbeitern, die zu Anfang des 20. Jahrhunderts nach Japan gekommen sind, werden als Menschen zweiter Klasse betrachtet. Die etwa drei Millionen "Burakumin", Unterschicht-Japaner aus alten Zeiten, sind heute noch eine verachtete Minderheit.
Als Hunderttausende von Flüchtlingen aus Kambodscha und Vietnam Zuflucht in aller Welt suchten, nahm Japan nur ein paar Tausend auf - und auch erst, nachdem es unter starken internationalen Druck geraten war. Die Flüchtlinge, lautete die Ausrede, würden sich der homogenen japanischen Gesellschaft nicht anpassen können.
Premier Nakasone befand Ende Dezember einfach: "Japaner, die wie Japaner aussehen", würden in ihrer Heimat natürlich anerkannt. Aber "Japaner, die irgendwie gemischt aussehen, werden hier nicht geachtet".
Dabei sind die Japaner längst nicht so homogen, wie sie vorgeben. Es genügt, durch Tokios Straßen zu laufen, um Japanern zu begegnen, die wie Mongolen oder Filipinos aussehen. Doch Japan ist fest entschlossen, den Mythos der Homogenität aufrechtzuerhalten.
Vor einiger Zeit wurden die archäologischen Ausgrabungen an einem alten Kaisergrab in der Nähe von Osaka plötzlich gestoppt. Begründung: Die frische Luft drohe, die Kunstgegenstände zu zerstören. Der wahre, unausgesprochene Grund war, die Funde könnten womöglich die befürchtete Vermutung erhärten daß die Vorväter der "reinen" japanischen Kaiser-Familie in Wirklichkeit Koreaner waren.
Dem Mythos zufolge stammt die kaiserliche Familie in ununterbrochener Linie von der Sonnengöttin Amaterasu ab. Zwar mußte der Kaiser sich 1946 als "menschlich" erklären, doch heißt es heute wieder in japanischen Schulbüchern, die japanische Rasse stamme von den Göttern ab.
Während des Zweiten Weltkriegs war dieser Wahn zu voller Blüte gereift. 1942, als General Tomoyuki Yamashita die britische Festung Singapur erobert hatte, erzählte man sich in Tokio begeistert, wie der Sieger die Lage beurteilte. Yamashita: "Die Weißen stammen, laut ihrem eigenen Wissenschaftler Darwin, von Affen ab. Wir Japaner hingegen stammen von Göttern ab. Wer diesen Krieg zwischen Affen und Göttern gewinnen wird, liegt auf der Hand!"
Der Generation von Japanern, die heute das Land regiert, ist die Erinnerung an die Rasseneuphorie der Kriegszeit noch sehr gegenwärtig - dem Regierungschef Nakasone ganz gewiß. Daß andere Rassen, vor allem die asiatischen, den Japanern unterlegen seien, ist die Überzeugung sehr vieler Japaner.
Südostasiaten haben es besonders schwer, in Tokio eine Mietwohnung zu finden. Südostasiatischen Studenten in japanischen medizinischen Fakultäten ist es nicht gestattet, bei ihrem Praktikum japanische Patienten zu behandeln.
Daß Andersrassige die Entwicklung eines Landes hemmen, brachte Nakasone zum Ausdruck, als er im September vorigen Jahres vor einer Versammlung
junger Mitglieder seiner Partei erklärte, die Japaner seien intelligenter als die Amerikaner, weil in Amerika Neger, Puertoricaner und Mexikaner das allgemeine Niveau drückten.
Als Nakasone diese Bemerkung machte, waren 50 japanische Journalisten zugegen. Keinem von ihnen war sie wichtig genug, als daß er sie aufgegriffen und darüber berichtet hätte - es war keine "news", vielmehr allgemeine Überzeugung der Bevölkerung.
Erst als die kommunistische Parteizeitung "Akahata" Nakasones Worte veröffentlicht, tauchten sie auch in der amerikanischen Presse auf - und nun war der Teufel los. Nakasone mußte sich nach rechts und links mehrmals formell entschuldigen - aber weniger für seinen Hochmut als für den Fauxpas, ihn offen artikuliert zu haben.
Viele Japaner ärgerten sich nun darüber, daß ihr Land wieder mal in die Lage des Schulknaben gedrängt worden war, der, auf frischer Tat ertappt, versprechen mußte, fortan brav zu sein.
Nur wenige Tage zuvor hatte Nakasones Erziehungsminister Masayuki Fujio geäußert, die Japaner hätten es nicht mehr nötig, sich ihrer Rolle im Zweiten Weltkrieg zu schämen - Indiz dafür, daß die Japaner sich jetzt relativ frei fühlen, ihre innersten Gedanken auszudrücken. Sie wollen die Rolle des Sündenbocks und Verlierers, zu der sie in den vergangenen vierzig Jahren verdammt waren, nicht mehr akzeptieren.
Sie sehen mit Stolz, daß Japan heute das größte Gläubigerland der Welt und die zweitgrößte Industriemacht des Westens ist.
Aber sie sehen mit Erbitterung: Der wirtschaftliche Riese ist ein politischer Zwerg geblieben. Wenn sein Premierminister es wagt, die für das Vaterland Gefallenen im nationalistischen Yasukuni-Schrein zu ehren, protestiert Peking entrüstet, weil unter den Seelen der Verehrten auch die von sieben hingerichteten Kriegsverbrechern sind. Die japanischen Schulbücher wagen es, ihre eigene Fassung von der Geschichte des Zweiten Weltkriegs zu geben - und alle Länder Asiens empören sich.
Erziehungsminister Fujio hatte sein Ministerium im Juli vergangenen Jahres kaum übernommen, als er auch schon mit Bestimmtheit erklärte, daß *___die von den Japanern in Asien begangenen Greuel keine ____Greuel gewesen seien, weil "es kein Verbrechen ist, im ____Krieg zu töten"; *___der Prozeß von Tokio, in dem, ähnlich wie im Nürnberger ____Prozeß, sieben Kriegsverbrecher zur Hinrichtung durch ____den Strang verurteilt wurden, ein "willkürlicher Prozeß ____der Sieger über die Besiegten" gewesen sei; *___die amerikanischen Atombomben auf Hiroschima und ____Nagasaki, durch die rund eine Viertelmillion Zivilisten ____starben, wahrscheinlich unmoralischer gewesen seien als ____die von den Japanern in Asien begangenen Massaker.
Die weitaus meisten Japaner dachten darüber immer schon so. Neu war, daß ein amtierender Minister dies so aussprach.
Zwar mußte Nakasone seinen Erziehungsminister entlassen, weil dessen Werturteile einen Entrüstungssturm im Ausland ausgelöst hatten. Doch als Fujio sein Ministerium verließ, standen Hunderte von Angestellten an den geöffneten Fenstern und applaudierten ihm.
"Der japanische Glaube an die eigene Überlegenheit ist heute tiefer verwurzelt denn je", schreibt der Publizist Masahiko Ishizuka im "Japan Economic Journal". Ihr neuerworbener Reichtum und ihre wirtschaftliche Macht verführen die Japaner dazu, den ihnen (wie sie glauben) angemessenen Platz in der Welt zurückzuverlangen.
"Im 19. Jahrhundert hat Großbritannien eine internationale Wirtschaftsordnung aufgebaut und sich selbst an ihre Spitze gestellt. Im 20. Jahrhundert haben die Amerikaner dasselbe getan. Es ist an der Zeit, daß Japan sich ein internationales System ausdenkt, welches die eigenen Interessen widerspiegelt", sagt ein Stratege des Wirtschaftsforschungsinstituts "Nomura" in Tokio.
Die Japaner bereiten sich innerlich auf diese globale Rolle vor. So wie zunächst die Engländer und dann die Amerikaner die Welt nicht nur mit ihrer Wirtschaftsmacht, sondern auch mit ihrer Kultur beglückten, fragen sich viele Japaner heute, welchen kulturellen Beitrag sie der Welt neben ihrer starken Währung zukommen lassen könnten.
Auf der siebten Etage des Erziehungsministeriums in Tokio arbeitet eine kleine Gruppe ausgewählter Beamter unter der Leitung des Professors Takeshi Umehara an der Planung des von Nakasone selbst angeregten Internationalen Instituts zum Studium Japans. Es soll in der alten Kaiserstadt Kioto eröffnet werden, 60 Wissenschaftler sollen darin forschen, sie werden ein Budget von einer Milliarde Yen (zwölf Millionen Mark) haben.
"Unsere Aufgabe wird sein das Besondere der japanischen Kultur klarzustellen und sie der Menschheit weiterzugeben. " Ausländer müssen imstande sein, Basho zu zitieren, so wie wir Rilke zitieren können", erklärt Professor Umehara.
Japans steigendes Selbstgefühl beunruhigt andere Länder, besonders die Nachbarn, unter denen Japan kaum einen Freund hat. Als im Oktober 1986 über die bereits vereinbarte Aufnahme Japans in den Uno-Sicherheitsrat abgestimmt wurde, schaffte Tokio es nur mit der Mehrheit von einer einzigen Stimme: 52 Länder, fast ein Drittel der Uno-Mitglieder, hatten sich gegen Japan ausgesprochen.
Manche Intellektuelle warnen vor der Gefahr der "neuen japanischen Arroganz" (so die Tageszeitung "Asahi"). Für andere ist sie bereits gegenwärtig.
Jared Taylor, Autor des vor kurzem erschienenen kritischen Buchs "Shadows of the Rising Sun" (Schatten der aufgehenden Sonne) sagt: "Jetzt, wo die Japaner wieder einherstolzieren, dürfte es immer unangenehmer werden, mit ihnen zu tun zu haben."
Von Tiziano Terzani

DER SPIEGEL 3/1987
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