09.02.1987

SPIEGEL Gespräch

Ich will klotzen, nicht kleckern

Von Bickerich, W. und Halter, H.

Bundesgesundheitsministerin Rita Süssmuth über Aids und staatliche Maßnahmen zur Bekämpfung und Vorsorge *

SPIEGEL: Frau Süssmuth, wie viele Deutsche werden sich heute, an einem gewöhnlichen Werktag, mit dem Aids-Virus HIV infizieren?

SÜSSMUTH: Das vermag ich nicht zu sagen.

SPIEGEL: Können Sie es schätzen?

SÜSSMUTH: Ich könnte natürlich jetzt im Rahmen einer Modellrechnung sagen: Wenn es innerhalb von sechs bis zwölf Monaten soundso viele sind, dann kann ich eine hypothetische Zahl für einen Tag ermitteln.

SPIEGEL: Das würden wir gern hören.

SÜSSMUTH: Wenn ich weiß, daß wir jetzt zwischen 30 000 und 100 000 Infizierte haben, dann fehlt mir jener Zeitraum, in dem die Ansteckung stattfand. Sind das sechs Jahre, vier Jahre? Seit 1981 sprechen wir über Aids. Dann müßte ich fragen: Was weiß ich vom Verhalten der heute in der Bundesrepublik Erkrankten und Infizierten? Ich gehe nämlich davon aus, daß sich das Verhalten - dafür gibt es Anhaltspunkte - mit den Aufklärungskampagnen verändert und verändert hat.

Daraus folgt: Ich kann nicht mehr im Rahmen der bisherigen Zahlen weiterrechnen, das könnte ich nur mit der alten Zahl von Infizierten.

SPIEGEL: Dürfen wir bei der Rechnung helfen? Sie geben die Zahl der derzeit Infizierten mit 30 000 bis 100 000 an; manche Professoren rechnen mit bis zu 200 000, andere mit noch mehr. Nehmen wir den Mittelwert Ihrer Zahl - das wären 65 000, die sich seit 1981 infiziert haben. Diese Zahl verdoppelt sich in bestimmten Abständen ...

SÜSSMUTH: Zunächst gingen wir davon aus, daß sich die Zahl der Kranken alle acht Monate verdoppelt. Heute sagen wir: alle neun bis zwölf Monate, vielleicht auch dreizehn.

SPIEGEL: Also infizieren sich in den nächsten zwölf Monaten nach Ihrer vorsichtigen Annahme weitere 65 000 Bürger in der Bundesrepublik. Macht statistisch pro Tag, also heute, fast 180.

SÜSSMUTH: Gesichert ist nur, daß sich die Zahl der Aids-Fälle - also jener, bei denen die Krankheit akut ausbricht - in regelmäßigen Abständen verdoppelt. Man kann aus den jetzt beobachteten Verdoppelungsraten nicht darauf schließen, daß sich auch die Zahl der Infizierten verdoppelt. Zum anderen hat sich Aids anfangs relativ schnell in einer relativ kleinen Gruppe der Bevölkerung verbreitet.

SPIEGEL: Sie meinen Homosexuelle, Fixer - also die Hoch-Risikogruppen.

SÜSSMUTH: Was wir nicht wissen, ist, ob und wie wir die Annahme über Promiskuität in dieser kleinen Gruppe auf die ganze Bevölkerung hochschreiben können. Wenn wir das tun, dann können wir allerdings annehmen, daß es weiterhin zu Verdoppelungen kommt. Aber das würde unterstellen, daß alle Bürger Promiskuität praktizieren.

SPIEGEL: Viele Mediziner befürchten, daß die Zahl der Infizierten zu niedrig angesetzt wird, weil die Dunkelziffer so hoch ist. Sie kriegen ja nur die wenigsten Infektionsfälle gemeldet.

SÜSSMUTH: Wir müssen immer Dunkelziffern einbeziehen. Wir unterstellen auch bei den Erkrankungszahlen, sie lägen doppelt so hoch. Nein, ich möchte eine solche Zahl, nach der Sie fragten und die Sie vorrechneten, nicht bestätigen. Was ich in der Öffentlichkeit sagen würde, ist, daß wir für eine Reihe von Jahren von der Verdoppelungsrate der Erkrankungen ausgehen müssen.

SPIEGEL: Jedenfalls ist die Bedrohung immens.

SÜSSMUTH: Festzuhalten ist: Wir können nicht automatisch unterstellen, daß diejenigen, die HIV-positiv getestet sind, nun auch Aids-Erkrankte sind. Im übrigen gibt es Anhaltspunkte, daß sich das Verhalten der Hoch-Risikogruppen ändert.

SPIEGEL: Die Zahl der positiven Teste nimmt in den Risikogruppen - Promiske, Homosexuelle, Hämophile, Drogenfixer - in den vergangenen Jahren leider immer noch zu.

SÜSSMUTH: Was wir gegenwärtig im Test messen, beruht auf Infektionen, die

weit zurückliegen können. Aber ich habe Indikatoren, um sagen zu können: Im Bereich der Geschlechtskrankheiten und im Bereich derjenigen, die Zugang zur Szene haben - die deutlichsten Hinweise haben wir in der Gruppe der Homosexuellen -, verringert sich die Zuwachsrate.

SPIEGEL: Um bessere Daten zu erhalten, könnten Sie doch die Tests und Ergebnisse von Blutuntersuchungen aus deutschen Labors abfragen und sammeln. Wollen Sie das tun?

SÜSSMUTH: Bisher haben wir freiwillige Meldungen. Aber das ist gegenwärtig nicht nur in der Diskussion, sondern in Vorbereitung. Wir wollen bei den Laboratorien die Zahlen abrufen.

SPIEGEL: Würde das auf eine anonymisierte Meldepflicht hinauslaufen, bei der der Name verdeckt bleibt?

SÜSSMUTH: Nein. Zum Test geht der Patient in der Gewißheit, er wird nicht gemeldet, im Labor wird nur sein Blut untersucht.

SPIEGEL: Sie beschränken sich auf eine Verbesserung der Statistik?

SÜSSMUTH: Wir müssen drei Fragen klären. Erstens: Täuschen wir uns über das Ausmaß der Krankheit, gerade in der Epidemiologie? Zweitens: Was folgt daraus in bezug auf Krankenversorgung stationärer und ambulanter Art wie für die psychosoziale Beratung und Betreuung? Bis hin zu der Frage: Was hat das für Folgen für die Forschung, sind alle Wege, die der Erfassung dienen, auch zu nutzen? Schließlich hat die Krankheit immer auch eine sozialpsychologische Seite. Wir müssen Maßnahmen vermeiden, die kontraproduktiv sind im medizinischen und sozialpsychologischen Sinne.

SPIEGEL: Befürworter der Meldepflicht - die ja noch nicht existiert -

verweisen auf die große Dunkelziffer, von der auch Sie vorhin sprachen ...

SÜSSMUTH: Ich habe Pressemeldungen gelesen, daß in Bayern 120 oder 128 Fälle registriert seien, aber in bayrischen Krankenanstalten 208 Patienten liegen.

SPIEGEL: Ein Kinderarzt in Westdeutschland betreut 21 aidskranke Kinder. Wissen Sie, wie viele aidskranke Kinder in Ihrer Gesamtstatistik sind? Es sind neun, soweit wir wissen. Brauchen Sie nicht die anonymisierte Meldepflicht, damit Sie einen zuverlässigen epidemiologischen Überblick über die Krankheit bekommen?

SÜSSMUTH: Ich glaube, daß Verbesserungen im Erkenntnisstand über die Ausbreitung der Krankheit auf einem anderen Weg erfolgen können. Dieses Spiel mit den Zahlen halte ich für das Problematischste, was es im Augenblick gibt.

SPIEGEL: Ist das nicht ein Bestandteil der Aufklärung?

SÜSSMUTH: Wir haben dieses Zahlenspiel ja gerade nach Tschernobyl gehabt. Ich halte das für unverantwortlich. Deswegen nenne ich immer die obere Grenze der Zahl und nicht die Untergrenze. Ich rede nicht von 30 000. Wir müssen bei allen Planungen staatlicher und nichtstaatlicher Leistung immer von Höchstzahlen ausgehen, um den Anforderungen gerecht zu werden.

SPIEGEL: Sie rechnen mit der schlimmsten Zahl. Wie verträgt sich das mit dem Text der von Ihrem Hause "An alle Haushaltungen" verteilten Broschüre, "nur fünf bis 15 Prozent, höchstens 20 Prozent" der Angesteckten bekämen Aids? Nach den Frankfurter Untersuchungen von Helm und Stille sind nach sieben Jahren 75 Prozent der Patienten im Endstadium der Seuche, werden ihr erliegen.

SÜSSMUTH: Ich habe zu denjenigen gehört, die das schnellstens korrigiert haben, als mir der Erkenntnisstand zugänglich war.

SPIEGEL: Am Eingang Ihres Ministeriums liegen einige Dutzend Schriften, darunter eine einzige zum Thema Aids, diese falsche, mit dem wissenschaftlichen Irrtum von gestern.

SÜSSMUTH: Dies war damaliger Erkenntnisstand; der ist in die Broschüre eingegangen. Ich nehme für mich in Anspruch, daß ich diesen Punkt mehrfach öffentlich klargestellt habe. SPIEGEL: Professor Gallo, der angesehenste Retrovirologe, hat in der jüngsten Ausgabe des "Scientific American" mitgeteilt, daß 90 Prozent der Aids-Infizierten, wenn kein Wunder geschieht und kein Heilmittel gefunden wird, in

das letzte tödliche Stadium gelangen werden.

SÜSSMUTH: Prozentzahlen helfen uns nicht weiter. Wer sagt uns, daß die jetzigen richtig sind? Wir müssen aufklären, informieren, die Ansteckungswege benennen. Aids ist keine Pest, die schicksalhaft, unabwendbar kommt.

SPIEGEL: Die Pest ist heute behandelbar und heilbar. Sie hat früher jeden zweiten laufenlassen. Nicht jeder, der mit der Pest in Kontakt kam, starb.

SÜSSMUTH: Das ist mir bekannt,

SPIEGEL: Millionen haben die Pest überlebt, während der Aids-Kranke schlimmer dran ist: Es gibt ja bisher kein Heilmittel.

SÜSSMUTH: An dieser Stelle muß ich ganz hart sagen: Ich erwarte, daß unsere Medien - auch der seriöse SPIEGEL - nicht nur die Mitteilung bringen, wer in das Erkrankungsstadium kommt, muß mit höchster Wahrscheinlichkeit sterben. Die wichtigste Meldung ist doch die Information, wie ich verhindere, daß jemand erkrankt oder sich infiziert. Das ist ein qualitativer Unterschied zur Pest.

Ich sehe als Politikerin meine vordringlichste Aufgabe darin, im Verbund

- aus Bund, Ländern, Kommunen, Ärzteschaft, Pflegepersonal und und und - Menschen zu erreichen, damit sie sich vor dieser Krankheit schützen. Das ist nach dem gegenwärtigen Stand der Forschung das wichtigste und wirksamste Mittel.

SPIEGEL: Und das wollen Sie mit Ihren Anzeigen fürs Kondom, mit den Aufklärungsannoncen unter den Kontaktanzeigen oder mit Ihrem alten Faltblättchen?

SÜSSMUTH: Ich möchte jetzt powern. Ich will klotzen - und nicht kleckern. Unsere Faltblättchen sind, nebenbei, in Europa mehrfach kopiert worden.

SPIEGEL: Wir nehmen zur Kenntnis, daß Sie oder Ihr Haus nun nicht mehr abwiegeln wollen. Vor etwas mehr als zwei Jahren, am 23. Oktober 1984, stand im Pressedienst Ihres Amtsvorgängers Heiner Geißler: "Eine allgemeine Gefährdung der Bevölkerung ist nicht gegeben." Das war damals

die Antwort auf einen SPIEGEL-Artikel. Man hatte uns vorgeworfen, Panik zu erzeugen, weil wir sagten, auch Heterosexuelle könnten Aids kriegen; Motor der Seuche sei die Promiskuität und nicht homosexuelles Verhalten.

SÜSSMUTH: Der Hauptverbreitungsgrad liegt nach wie vor in den Risikogruppen. Auch die gegenwärtigen Zahlen zeigen mit 77 Prozent Homosexuelle an. Da habe ich noch nicht die Drogenabhängigen gezählt. Aber schon letztes Jahr habe ich gesagt: Die Ausweitung der Krankheit in den Nicht-Risikogruppenbereich hinein ist für mich Anlaß einer breitgestreuten Kampagne, die jeden erreichen muß.

Nun können Sie mir vorwerfen, daß ich das nicht schon ''85 getan habe. Ich muß sagen: Nach damaligem Wissensstand lag die Betonung auf den Risikogruppen. In meiner Kampagne war von Anfang an der Slogan: "Aids geht jeden an."

SPIEGEL: Wir können uns wohl einigen auf die Feststellung: Bisher ist im Rahmen des Möglichen einiges geschehen; aber es ist wenig, und es muß in Sachen Aufklärung geklotzt werden. Wir würden gerne von Ihnen hören, wie.

SÜSSMUTH: Da muß ich noch mal korrigieren, wenn Sie sagen, es sei wenig geschehen. Das klingt für meine Ohren - und der Leser wird''s auch so verstehen: Eigentlich haben Sie sich bisher nicht um die Krankheit gekümmert, jetzt fangen Sie an, sich um die Gefährdung durch Aids zu kümmern. Das ist weiß Gott nicht wahr. Im europäischen Vergleich hat die Bundesrepublik als erstes Land Maßnahmen ergriffen. Wir haben für die Blutprodukte Richtlinien ausgearbeitet. Als in den anderen Ländern überhaupt noch keine Maßnahmen ergriffen wurden, hat die Bundesrepublik bereits gehandelt. England hat jetzt im Herbst angefangen, Frankreich gerade begonnen. Wir waren in ''85 bereits in allen Haushalten. Wir haben, in meiner Amtszeit, für Aufklärung 17 Millionen Mark ausgegeben. Wenn ich dazuzähle die Anstrengungen der Bundesländer, komme ich rasch auf Zahlen, die sich im Bereich von 30 Millionen bewegen, ohne Leistungen der Krankenkasse, auch Forschungsmittel nicht einbezogen. Trotzdem stelle ich zur Diskussion: Reichen die gegenwärtigen Mittel aus?

SPIEGEL: Reichen sie aus?

SÜSSMUTH: Wir brauchen angesichts der Aufklärungskampagne, die jetzt läuft, Nachbewilligungen und wollen den Rahmen ausschöpfen. Das können maximal zehn Millionen sein, die wir für das Notwendige fordern. Es kann nicht an der Geldfrage scheitern. SPIEGEL: Was machen Sie konkret?

SÜSSMUTH: Über die Anzeigen sprachen wir. Wir starten eine Aufklärungskampagne an den Schulen und auch für die verschiedensten Zielgruppen. Wir werden ansprechen die Beschäftigten in Restaurants oder in Zahnarztpraxen, die Friseure und Friseusen. Ein Plakat wirbt in einer Auflage von acht Millionen. Allerdings muß ich bei allen Kampagnen abwägen, ob das richtig ist für die Bevölkerung: Kampagnen können Panik auch erzeugen.

SPIEGEL: Wie wollen Sie das vermeiden?

SÜSSMUTH: Meine Aufgabe muß darin bestehen, zu verhüten und das Handeln aus Nachdenken heraus zu verstärken.

SPIEGEL: Fühlen Sie sich in diesem Sinne von den katholischen Bischöfen unterstützt oder kritisiert?

SÜSSMUTH: Ich muß sagen: an diesem Punkt in falscher Weise kritisiert. Ich habe genügend gearbeitet und nachgedacht über verantwortetes Sexualverhalten und bin weit davon entfernt, alles in einen Topf zu werfen ...

SPIEGEL: Sie sind Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken.

SÜSSMUTH: Ich sag'' mal für mich: Damit habe ich mich lange genug auseinandergesetzt. Sexualität und Würde des Menschen haben in der Tat viel miteinander zu tun. Ich wünschte mir, daß die katholische Kirche in gleichem Umfang zu Formen der psychischen und körperlichen Gewalt in der Sexualität Stellung nehmen und - das möchte ich auch hier im SPIEGEL sagen - ein klares Ja sagen würde zu mehr verantworteter Sexualität.

Ich möchte Aids nicht dazu benutzen, um eine Moral aus Angst zu fördern. Das führt die Emanzipation, eine selbst bestimmte und selbst verantwortete Sexualität nicht weiter. Zu sagen, nun haben wir den Augenblick, wo der Mensch aus Angst doch moralisch handeln könnte, mag ja für den Augenblick wirksam sein, weil Angst ein wichtiges Stimulans ist; aber ob es uns wirklich zu einer neuen qualitativen Dimension weiterhilft - da möchte ich ein großes Fragezeichen setzen.

SPIEGEL: Können Sie sich vorstellen, daß die Bischöfe Ihnen entgegenkommen?

SÜSSMUTH: Ich halte die Stellungnahme für eine sehr maßvolle und werde mich der Diskussion stellen. Aber unsere Kampagne als Aufforderung zu sexueller

Freizügigkeit zu etikettieren, da kann ich nur sagen, da wäre die Intention der Kampagne fehlinterpretiert oder nicht verstanden. Ich meine nicht, daß eine häufig wechselnde Partnerschaft irgend etwas mit befreiter oder gelebter Sexualität junger Menschen zu tun hat.

Die Kirche hätte einen maßgeblichen Auftrag in einem klaren Ja zur Körperlichkeit bis hin ins hohe Alter, mit all den Formen, die dazu gehören als Zärtlichkeit oder auch als Sexualität. Kein Mensch hat das Recht, sich in diesen intimsten Bereich durch rigide Sexualvorschriften einzumischen.

SPIEGEL: Für Katholiken auch keine religiöse Instanz?

SÜSSMUTH: Es gehört zum Menschen. Ich denke, die Herausforderung bei Aids könnte sein, daß wir lernen, Negatives abzuschütteln und Positives zu befördern. Es ist auch eine Chance, in neuer Weise über dieses Thema zu sprechen und es nicht zu tabuisieren. Eine Gefahr, die ich in der bischöflichen Reaktion sehe, ist die, daß Aids eben doch unter einem eher strafenden Aspekt gesehen wird als ...

SPIEGEL: . . . als Geißel Gottes, hat Kardinal Höffner gesagt.

SÜSSMUTH: Als Wink Gottes, hat er gesagt. Es geht um Sexualität als Teil ganzheitlich gelebter Personalität. Vor allem ist aber die Frage wichtig: Wie leben wir mit Aids-Erkrankten und -Infizierten?

SPIEGEL: Dazu schweigen die Bischöfe.

SÜSSMUTH: Ich fühle mich in der evangelischen Kirche besser verstanden. Eine Antwort hätte ich wirklich gern von den Bischöfen, was sie ihrerseits den Betroffenen sagen würden. Das würde mich wirklich interessieren. Ich habe dafür zu sorgen, daß Gefährdungen ausbleiben, und dann muß ich auch zu Mitteln greifen können wie jetzt den Anzeigen: Wer nicht treu ist, soll Kondome benutzen. Also: Die einen sind treu, und die anderen benutzen Kondome. Wer treu lebt, ist nicht gefährdet.

SPIEGEL: Und nun werden Sie einmal pro Woche vor der "Tagesschau" auftreten und den Bürgern ins Gewissen reden?

SÜSSMUTH: Nein. Ich muß Panikmache vermeiden. Ich würde mich der Lächerlichkeit preisgeben und zu einer falschen Übersättigung beitragen. Wir wissen aus allen Aufklärungskampagnen, daß einmalige Aufklärung nicht ausreicht. Sie muß periodisch eingesetzt werden.

SPIEGEL: So wie die Aufklärung des Gesundheitsministeriums auf der Zigarettenpackung - oder stärker?

SÜSSMUTH: Die ist ja völlig unwirksam.

SPIEGEL: Was verstehen Sie denn nun unter Klotzen?

SÜSSMUTH: Zum Klotzen gehören - eben in periodischen Abständen - die Anzeigenaktion in den Printmedien, die Spots im Fernsehen, die Aufklärungsaktion in den Schulen. Es wird eine weitere folgen, in der wir Arbeitgeber, Gewerkschaften und Kirchen an einen Tisch holen und fragen: Was könnt ihr in eurem Bereich tun? Mit ihnen ist zu überlegen, welches Material in Betrieben auszuhändigen ist und was das Engagement der Kirchen sein kann. Es ist ja mehr nötig als Krankenhaus-Seelsorge. Wir müssen uns wenden an die Multiplikatoren in Ärzteschaft und im Krankenpflegepersonal.

SPIEGEL: Andererseits erreichen Sie bestimmte Gefährdungsgruppen mit Ihrer Aufklärung gar nicht - etwa die Drogenabhängigen oder Strichjungen.

SÜSSMUTH: Wir erreichen sie nicht qua Behörde. Deswegen haben wir ja auch sehr früh, schon 1985, begonnen, zum Beispiel die Deutsche Aids-Hilfe - mit ihrem spezifischen Zugang zu Risikogruppen - zu fördern. Die können sich einer direkten, drastischen Ansprache bedienen, stärker als wir es in unseren Plakataktionen können.

SPIEGEL: Was sagen Sie als Mutter Ihrer 19jährigen Tochter, die studiert ...

SÜSSMUTH: Nein, sie ist in der Lehre. Ich sag'' ihr nichts anderes, als ich auch hier sage.

SPIEGEL: Raten Sie ihr ab von der Liebe?

SÜSSMUTH: Keineswegs. Wie käme ich dazu?

SPIEGEL: 19jährige suchen normalerweise nach einem Partner.

SÜSSMUTH: Keine Mutter steckt in ihrer Tochter oder in ihrem Sohn. Ich denke, daß meine Tochter auch einen Anspruch auf Nichteinmischung hat. Was ich tun kann, ist, sie zu beraten. Sie diskutiert auch im Freundeskreis darüber, was das bedeutet, wie sie sich zu schützen haben, daß sie sich überlegen müssen: Woher kommt dieser Partner eigentlich? Kenn'' ich ihn?

SPIEGEL: Kann man/frau ihn denn kennen?

SÜSSMUTH; Ja, kann ich ihn kennen? Und was tauschen wir untereinander aus? Und in manchen Gesprächen,

denke ich, taucht bei einzelnen auch die Frage auf: Sollen wir uns nicht doch mal testen lassen?

SPIEGEL: Und? Sollen sie?

SÜSSMUTH: Ich sage ganz klar: Jeder, der meint, sich infiziert haben zu können, oder der sich als gefährdet ansieht, soll sich testen lassen.

SPIEGEL: Sollen die Kassen das bezahlen?

SÜSSMUTH: Die Kassen haben eine sehr flexible Praxis. Wenn jemand kommt und sagt, ich befürchte, ich könnte etwas haben, sagen die Kassen nicht nein und finanzieren den Test. Viele Gesundheitsämter bieten den Test kostenlos an.

SPIEGEL: Es kommt also auch Ihnen darauf an, möglichst frühzeitig jeden Virusträger zu orten, damit der weiß, ob er sich einem anderen überhaupt zumuten kann.

SÜSSMUTH: Ja. Ich denke, daß gerade der Appell an die Eigenverantwortlichkeit und Verantwortlichkeit gegenüber dem Nächsten einmündet in die klare Aufforderung, daß jeder, der sich als gefährdet betrachtet, auch sich in Kenntnis setzt, ob er Virusträger ist oder nicht; denn das ist unabdingbar.

SPIEGEL: Wenn es an der eigenen Verantwortung hapert - soll der Staat nachhelfen? Etwa bei der Musterung für die Bundeswehr, wo die Betroffenen, also die 18jährigen, ohnehin untersucht werden?

Gibt es künftig vor der Einziehung der Rekruten einen Zwangs-Aids-Test?

SÜSSMUTH: In Absprache mit dem Verteidigungsministerium gilt die Regel: freiwillig ja, zwangsweise nein.

SPIEGEL: So wird es bleiben?

SÜSSMUTH: Ich bin der Meinung, daß es so bleiben sollte. Zwang führt dazu, daß viele wegtauchen.

SPIEGEL: Bei der Musterung wird ohnehin Blut untersucht.

SÜSSMUTH: Trotzdem: Die Antwort ist nein. Kein Zwang. Ich weiß natürlich, daß manche Firmen den Test vornehmen, ohne die Betroffenen zu fragen. Das ist nicht richtig. Es gehört zum Vertrauensverhältnis in der Demokratie und zur Wahrung unseres Grundgesetzes, daß davon in Kenntnis gesetzt wird und daß ich zunächst einmal die Grundrechte des einzelnen schützen muß. Nur wenn ich Anhaltspunkte der Art habe, daß ich diese Grundrechte außer Kraft

setzen muß wegen weit größerer Gefahren, kann ich davon absehen.

Ich denke, daß wir in der Demokratie allen Grund haben, alle Mittel im Rahmen unserer Grundrechtsordnung auszuschöpfen, und vorsichtig sein sollten, darüber hinauszugehen, wenn es nicht unabdingbar ist. Wir haben unheilvolle Erfahrungen in der Geschichte, und deswegen ist das für mich ein so eiserner Grundsatz.

SPIEGEL: Bleiben wir mal bei der Bundeswehr. Kann ein aidskranker Rekrut dort seinen Dienst verrichten?

SÜSSMUTH: Warum sollte der Infizierte ausgeschlossen werden?

SPIEGEL: Weil es bei Verletzungen Blutkontakte geben könnte.

SÜSSMUTH: Aber nicht jede Verletzung führt schon zur Blutbahn der nächsten Person.

SPIEGEL: Unser Rekrut weiß aber nicht, daß er HIV-infiziert ist, weil er nicht getestet wurde. Die Ärzte oder die Sanitäter, die ihn am Unfallort versorgen oder beatmen, obwohl er blutende Verletzungen der Mundschleimhaut oder im Mundbereich hat, gehen das Risiko ein, Aids zu bekommen.

SÜSSMUTH: Nein, nicht bei einer Beatmung.

SPIEGEL: Aber natürlich, wenn der Patient Verletzungen im Mundbereich hat ...

SÜSSMUTH: ... er und der Arzt oder Sanitäter auch, sonst nicht! Das, was Sie jetzt sagen, gilt im übrigen für alle Schüler in der Bundesrepublik, wenn sie hinfallen. Warum muß ich beim Rekruten einen Sonderfall konstruieren?

SPIEGEL: Nehmen wir den Fall jenes kleinen Jungen in Wesel am Niederrhein, der ganz offensichtlich Bluter ist und Aids hat. Die Eltern der Mitschüler haben sich geweigert, daß dieses Kind in die gleiche Klasse gehen darf wie die eigenen Sprößlinge.

SÜSSMUTH: Ich denke, diesen Sonderfall darf man nicht verallgemeinern. Es ist ganz wichtig, daß aidsinfizierte Kinder im Regelfall natürlich weiterhin zur Schule gehen. So ist auch die Rechtslage. Bei diesem Jungen war eine besondere Gefährdung gegeben, weil es sich um ein schwer verhaltensgestörtes Kind handelt, das mit Aggressionen auf seine Umgebung reagiert. In der Tat ist bei einem solchen Kind, das mit Bissen auf Kontakte reagiert, eine Gefährdung gegeben, die Eingreifen nötig macht. Auch nach der Rechtslage kann und muß ich diese Gefährdung ausschließen. Die Gefahr dieses Falles sehe ich darin, dies für einen Präzedenzfall zu halten und nun

alle Aids-Kinder in der Schule auszugliedern. Wichtig ist, daß die Behörde in einem solchen Einzelfall - hier bei einem Bluterkind - genau kontrolliert und dann entscheidet, unter welchen Bedingungen es in der Schule bleiben kann. Sonst sind wir sehr bald dabei, daß wir die Welt zweiteilen in diejenigen, die noch am öffentlichen Leben teilnehmen, und jene, die es nicht dürfen.

SPIEGEL: Haben Sie dafür schon Anhaltspunkte?

SÜSSMUTH: Die Sorge ist da. Ich unterstelle gar nicht, daß die Menschen das aus Böswilligkeit tun. Sie tun es wohl aus Angst.

SPIEGEL: Wie läßt sich diese Gefahr geringhalten?

SÜSSMUTH: Die Aufklärung in diesem Feld ist am schwierigsten, weil das weit über medizinisches Grundwissen hinausgeht. Die sachliche Information ist sehr viel leichter überzubringen als die Aufklärung im Umfeld oder die Beseitigung von Angst. Möglicherweise stilisiere ich das Problem so hoch, daß alle darauf aufmerksam werden, statt dafür Sorge zu tragen, daß ein Maximum an natürlichem Umgang gewährleistet bleibt.

SPIEGEL: Frau Süssmuth, Sie haben vorhin gesagt, Sie wären dafür, die Virusträger möglichst vollständig und möglichst frühzeitig zu orten.

SÜSSMUTH: Nein. Ich bin dafür, daß im Rahmen unserer heutigen Möglichkeiten jeder die Bereitschaft entwikkelt, sich einer Untersuchung zu unterziehen, um sich und andere zu schützen. Also: freiwillig.

SPIEGEL: Manche sind mehr gefährdet, manche weniger. Die Konferenz der Gesundheitsminister will die Frage prüfen, ob der Aids-Test routinemäßig in die Schwangerschaftsuntersuchung aufgenommen wird, weil aidsinfizierte Schwangere in aller Regel aidskranke Kinder zur Welt bringen.

SÜSSMUTH: Diese wie auch die Frage, ob in bestimmten Berufsgruppen ein Test angezeigt ist, wird gegenwärtig vom Nationalen Aids-Beirat bis zur nächsten Sitzung geprüft. Meine erste Antwort: Jede Schwangere, die dies will, muß die Möglichkeit dazu haben.

SPIEGEL: Und wenn sie nicht will?

SÜSSMUTH: Das ist eine sehr schwierige Frage, die auch Gynäkologen nicht einhellig beantworten.

SPIEGEL: Bei Verdacht auf andere Infektionskrankheiten - Tuberkulose, Syphilis, Gonorrhöe - ist eine solche Untersuchung in jeder Klinik ganz selbstverständlich.

SÜSSMUTH: Bei diesen Krankheiten kann anschließend geholfen werden. Ich persönlich würde dazu neigen - nicht als Zwangsmaßnahme -, jeder Schwangeren den Test zu empfehlen.

Aber mein Gegenargument: Es gibt Menschen, für die es besser ist, dies nicht zu wissen, auch für ihre eigene Psyche. Ich denke, auch wenn es mir als Staatsvertreterin weniger genehm ist, muß ich das letzte Votum der betroffenen Person hier berücksichtigen.

SPIEGEL: Wir nehmen den Fall einer drogenkranken Fixerin, von der in der Klinik bekannt ist, daß sie anschaffen ging. Die ist schwanger, kommt im zweiten Monat in die Klinik, um das kontrollieren zu lassen - Sie würden es dieser Patientin anheimstellen, ob sie sich einem Aids-Test unterzieht?

SÜSSMUTH: Bei der Drogenabhängigen würde ich natürlich - das wird auch gemacht -, wenn sie freiwillig kommt, was entscheidend ist . . .

SPIEGEL: .. . und selten.

SÜSSMUTH: Da liegen Schwierigkeiten. Ich muß sagen, der richtige Weg wäre, sie dahingehend zu beeinflussen, daß sie sich diesem Test unterzieht.

SPIEGEL: Wäre ein positiver Aids-Test bei Schwangeren ein Fall für eine medizinische Indikation? Die Frau hat sich testen lassen und steht nun vor der Frage: abtreiben oder nicht?

SÜSSMUTH: Das ist eine der schwierigsten Fragen. Genau an diesem Punkt werden sich die verschiedenen Positionen heftig im Raum stoßen. Aus meiner Sicht - die Gynäkologen sagen Unterschiedliches - ist es durchaus ein Fall für medizinische Indikation. Nur wissen wir gerade aus der Gruppe der Prostituierten wie der Drogenabhängigen, daß manche der Betroffenen dieses Kind unbedingt behalten wollen. Kein Staat hat das Recht, zur Abtreibung zu zwingen.

SPIEGEL: Ein ähnlicher Fall: Die Frau kommt zur Untersuchung, weil sie denkt, sie ist schwanger. Sie läßt sich freiwillig auf Aids testen und auf die Schwangerschaft. Sie ist nicht schwanger, aber positiv, und sie verdient ihren Lebensunterhalt, indem sie der Beschaffungsprostitution nachgeht. Der Arzt unterliegt der ärztlichen Schweigepflicht, aber er kann sie dem Gesundheitsamt melden. Soll er das? Soll sie weiter anschaffen gehen?

SÜSSMUTH: Das kann ich nicht beantworten. Wenn ich ihr ein Verbot erteile, ist ja nicht sichergestellt, daß sie nicht weiter anschafft; und dann habe ich sie nicht mehr unter Kontrolle.

SPIEGEL: Peter Gauweiler, der Staatssekretär im bayrischen

Innenministerium, sieht im Bundesseuchengesetz die Handhabe für einen solchen Fall: Die Positiven werden dem Gesundheitsamt gemeldet. Sie werden dort belehrt. Sie erhalten ein Tätigkeitsverbot für Prostitution, das überwacht und mit den staatlichen Mitteln auch durchgesetzt werden soll.

SÜSSMUTH: Daß das Bundesseuchengesetz diese Handhabe gibt, wissen wir. Wenn Leute wegen Aids eine neue Gesetzgebung fordern, antworten wir, daß das Bundesseuchengesetz eine Palette von Maßnahmen bietet, die auch eingesetzt werden können. Um bei Gauweiler zu bleiben: Richtig ist, daß Personen, von denen Gefährdungen ausgehen, zu beobachten sind. Aber es gibt keine Sicherheit, diese Personen auch so überwachen zu können, daß nichts mehr passiert. Dort, wo in irgendeiner Weise angezeigt wird, daß von Personen Gefährdungen für andere ausgehen, kann ich nicht nur tätig werden, sondern muß ich tätig werden.

SPIEGEL: Das setzt aber, sagt Gauweiler, die namentliche Meldepflicht voraus.

SÜSSMUTH: Warum?

SPIEGEL: Der Arzt, der den Test gemacht hat, müßte das Gesundheitsamt verständigen - namentlich. Nur dann kann das Gesundheitsamt eingreifen und ein Tätigkeitsverbot erteilen. Das kann doch nicht der behandelnde Arzt.

SÜSSMUTH: Aus dem Tatbestand, daß eine Dirne positiv ist, kann man kein Tätigkeitsverbot ableiten.

SPIEGEL: Trotz der Lebensgefahr für andere?

SÜSSMUTH: Das hängt vom Einzelfall ab. Wenn der Arzt aus dem Gespräch mit dem Mädchen den Eindruck gewinnt, daß sie trotz Wissen um die Infektion ihr Verhalten nicht ändern wird, dann hat er das Recht, tätig zu werden.

SPIEGEL: Dann müßten Sie das konsequenterweise überwachen.

SÜSSMUTH: Konsequenterweise müßte ich ja in gleicher Weise alle Freier überwachen und dem Gesundheitsamt vorführen. Ich bin weiß Gott keine Anwältin der Prostitution, aber ich wehre mich gegen ungleiche Rechtsbehandlung.

SPIEGEL: Das Ungleiche ist doch jetzt geltendes Recht: Wenn eine Prostituierte Syphilis hat, dann bekommt sie ein Tätigkeitsverbot.

SÜSSMUTH: Ich lasse mir nicht unterstellen, daß ich diese Frau laufenlassen werde. Derjenige, der sich gefährdend verhält, erhält ein Tätigkeitsverbot. Nur sag'' ich Ihnen auch: Damit ist doch eine Überwachung nicht perfekt.

In Universitätsstädten werden während der Semesterferien Studentenzimmer zur Prostitution überlassen. Wie soll

denn da Überwachung möglich sein? Sie brauchten noch mehr: Sie müßten die meisten Schlafzimmer kontrollieren.

SPIEGEL: Wenn die Bereitschaft zu Kooperation oder Einsicht bei einem HIV-Positiven nicht vorhanden ist - welche Möglichkeiten hat das Gesundheitsamt oder die Polizei?

SÜSSMUTH: Wenn nicht entsprechend den Rechtsvorschriften gehandelt wird, ist das strafrechtlich zu ahnden. Wenn jemand menschliches Leben gefährdet, verhält er sich wider das Recht und hat mit Strafen zu rechnen.

SPIEGEL: Der nächste Fall: Ein junger Student kommt zu seinem Zahnarzt, weil er in der ganzen Mundhöhle weißen Belag hat. Der Doktor ahnt eine Aids-Infektion und bittet um einen Bluttest, der positiv ausfällt. Soll sich der Doktor nach den Partnerinnen des Patienten erkundigen? Soll er die Namen dem Gesundheitsamt melden? Oder soll er

sagen, Sie sind Aids-positiv, ich appelliere an Ihre Vernunft?

SÜSSMUTH: Zunächst einmal ist der normale Weg, daß er vom Arzt aufgeklärt wird. Der Zahnarzt hat nicht das Recht, die Sexualpartner namentlich abzurufen. Das geht weit in die Grundrechte der Person hinein. Dazu hat er keinen Anhaltspunkt, wenn er nicht absehen kann, daß sich der Patient gefährlich für andere verhält. Es wäre Aufgabe des jungen Mannes, tätig zu werden und, soweit er sich erinnert, die Personen darauf aufmerksam zu machen.

SPIEGEL: Ohne Gesundheitsamt?

SÜSSMUTH: Ja. Sonst müßten doch alle aidspositiven Jugendlichen, die Promiskuität praktizieren, genauso behandelt werden. Das würde zu dem sicheren Ergebnis führen, daß der Anteil, den wir nicht erfassen, von Monat zu Monat größer wird. Allein die Diskussion um die Meldepflicht führt ja schon dazu, daß sich weniger Infizierte melden. Die Bereitschaft zum Untertauchen nimmt zu, die Dunkelziffer steigt - das kann nicht Sinn unserer Maßnahmen sein. In dem Augenblick, wo in der Öffentlichkeit bekannt ist, daß jemand Aids-positiv getestet ist und auf sein gesamtes Umfeld befragt wird, möchte ich wissen, wie viele noch kommen.

SPIEGEL: Bei Tripper und bei Syphilis werden auch die Sexualpartner ermittelt.

SÜSSMUTH: Das scheint mir auf Aids vor allem wegen der langen Inkubationszeit nicht übertragbar zu sein. Ich betone: Die Situation ist nicht gegeben, dies so zu praktizieren. Bei anderen Geschlechtskrankheiten gibt es Heilungschancen, deshalb ein Interesse des Kranken an der Heilung und keine Gefahr wie bei Aids unterzutauchen.

Wir bleiben bei unserer Linie: Infektionen vermeiden. Dort, wo Menschen sich verantwortlich verhalten, hat der Staat nicht das Recht, Zwangsmaßnahmen zu ergreifen und Grundrechte außer Kraft zu setzen.

SPIEGEL: Und dort, wo Menschen sich unverantwortlich verhalten?

SÜSSMUTH: Dort gibt es eine Verpflichtung, Gefährdungen auszuschließen.

SPIEGEL: Inklusive der Pflicht, in bestimmten Fällen einen Patienten namentlich dem Gesundheitsamt zu melden?

SÜSSMUTH: In bestimmten Fällen, ja. Das Bundesseuchengesetz gibt uns alle Maßnahmen an die Hand, um bei Verstoß gegen das Recht der Weitergabe der Krankheit Einhalt zu gebieten.

SPIEGEL: Würden Sie jemanden, der andere bewußt infiziert - etwa um sich an der Gesellschaft rächen zu wollen -, aus dem Verkehr ziehen?

SÜSSMUTH: Ja. Ich kann nicht unverantwortliches Verhalten akzeptieren. Da, wo jemand erklärt, mir ist das ganz egal, was passiert, muß ich handeln. Allerdings: Es gilt für beide Sexualpartner. Ich kann nicht nur den einen verantwortlich machen und den anderen nicht. Was meinen Sie, wie vielen Ehefrauen ich ansehe, daß sie hoffen, es betreffe sie ja nicht - aber sie denken: Wie ist das eigentlich, wenn? Ich hör'' es im Hinterkopf klingeln. Das sind doch die Ängste um die eigenen Ehemänner.

SPIEGEL: Halten Sie es für nötig, daß man jetzt schon Vorsorge gegen Diskriminierungen Aids-Infizierter oder -kranker trifft?

SÜSSMUTH: Die Vorsorge beginnt nicht nur auf der gesetzlichen, sondern auf vielen Ebenen. Es kann gar nicht früh genug beginnen, dafür Sorge zu tragen, daß Aids-Infizierte nicht wie Aussätzige behandelt werden. Wir brauchen gleichsam ein tägliches Training im Zusammenleben mit Aids-Infizierten.

SPIEGEL: Brauchen wir Schutzgesetze?

SÜSSMUTH: Das müssen wir abwarten. Ich habe bisher keine Anzeichen dafür. Aber es könnte nötig werden - etwa zugunsten mancher Berufsangehöriger, wenn Infizierte ausgeschlossen werden sollen. Bei den Krankenkassen habe ich keine Sorge, aber bei den Versicherungen, beim Berufszugang oder bei der Fortdauer der Berufsausübung.

SPIEGEL: In manchen US-Bundesstaaten gibt''s schon solche Anti-Diskriminierungsbestimmungen.

SÜSSMUTH: Das Ziel muß sein, so viel Normalität wie möglich zu erhalten.

Mit Sondermaßnahmen sind oft Ausgrenzungen verbunden. Zunächst mal müssen wir im Rahmen der Aufklärungskampagnen deutlich machen, daß es keine rechtlichen Grundlagen gibt und auch von den Tatbeständen her in aller Regel keine Grundlagen gibt, die Betroffenen beruflich, schulisch, versicherungsmäßig auszusondern. Das wird die Nagelprobe werden.

SPIEGEL: Franz Josef Strauß hat seinem Staatssekretär Gauweiler versprochen, er wolle bei den Koalitionsgesprächen auch das Thema Aids aufbringen und mit Ihnen über Meldepflicht streiten.

SÜSSMUTH: Ich stelle mich darauf ein. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es kommt. Aber wir haben gute Argumente. Ich bin kein Einzelkämpfer. Alle

Gesundheitsminister der Länder, einstimmiger Beschluß aller Mitglieder ...

SPIEGEL: Sie wissen die CDU auf Ihrer Seite?

SÜSSMUTH: Das denke ich. Der Nationale Aids-Beirat hat einstimmig sein Nein zur Meldepflicht geäußert. Auch der Aids-Beirat in Bayern ist dieser Meinung.

SPIEGEL: Und dabei wird es bleiben?

SÜSSMUTH: Wenn jemand mir sagt, die Meldepflicht führt zu einer wirksameren Verhütung der Krankheit, und mir dies belegt, dann bin ich doch nicht so sturköpfig zu sagen: Ihr könnt mir sagen, was ihr wollt, ich orientiere mich nicht daran.

Aber nach meinem bisherigen Erkenntnisstand verweist alles darauf, daß es kontraproduktiv ist. Mit der Meldepflicht besteht die große Gefahr der Volkstäuschung. Die Bürger glauben,

wenn''s gemeldet ist, dann ist das Problem im Griff. Dabei enthebt doch die Meldepflicht überhaupt nicht von der Eigenverantwortlichkeit. Sie wissen doch deswegen niemals, wer Ihnen als Partner begegnet. Sorgfalt ist weiterhin erforderlich.

SPIEGEL: Könnten Sie sich unter Aufklärung auch staatliche Hilfe vorstellen? Etwa eine Gratisabgabe von Kondomen? Oder Kondome auf Krankenschein ...

SÜSSMUTH: ... das kann ich mir nicht vorstellen. Ich möchte nicht dazu beitragen, daß der Staat für alles beansprucht und haftbar gemacht wird. Ich fordere nicht auf zur Promiskuität und zu leichtfertigem sexuellen Umgang. Für mich ist es nicht Sexualität, möglichst viele Kondome verbraucht zu haben,

sondern: verantwortlich Partnerschaft zu leben.

SPIEGEL: Frau Ministerin, werden Sie im neuen Kabinett vertreten sein?

SÜSSMUTH: Ich habe abzuwarten, ob mir das Amt wieder angetragen wird.

SPIEGEL: Das nehmen wir aber an. Wenn man eines fernen Tages Ihre Ministertätigkeit rückwirkend betrachtet, meinen Sie, werden Sie daran gemessen, wie Sie sich dem Problem Aids gestellt haben?

SÜSSMUTH: Ich kann mir nicht vorstellen, daß die Ministerin primär an Aids beurteilt wird, sondern es geht mehr in den Fächer ein. Sicherlich wird ein sehr wichtiges Kriterium sein: Was hat sie dafür getan, daß das Leben von Männern und Frauen in der Bundesrepublik ein anderes wird, als es war?

SPIEGEL: Frau Ministerin, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

"Es vergehen noch Jahre"

Aids-Medikamente und Aids-Tests in der Erprobung

Noch immer sind gegen Aids weder ein Impfstoff noch ein Heilmittel in greifbarer Nähe.

Als Erfolg werten die Wissenschaftler dennoch, was ihnen in den nur vier Jahren seit der ersten Beobachtung des HIV-Virus schon gelungen ist: Wie das Aids-Virus aufgebaut ist und wie es seine gefährliche Wirkung im menschlichen Körper entfaltet, wurde weitgehend aufgeklärt. Schneller als bei jeder anderen Viruserkrankung gelang es, Bluttests zu entwickeln, mit denen sich eine Aids-Infektion im Körper oder in Blutkonserven nachweisen läßt. Und erste Erfolge haben die Forscher auch bei der Entwicklung von Medikamenten zu verzeichnen, die den Verlauf der Krankheit verzögern und die Situation im Organismus des Kranken zumindest zeitweilig zugunsten der körpereigenen Abwehrkräfte verändern können.

Mehr als 3000 Amerikaner, neuerdings auch Aids-Kranke an etlichen europäischen Kliniken werden mit einer Substanz behandelt, die aus dem Sperma von Heringen gewonnen wird.

Die Substanz namens Azidodeoxythymidin (abgekürzt: AZT) weckte bei einer ersten, im vergangenen Jahr in den Vereinigten Staaten unternommenen Doppelblindstudie Hoffnungen: 145 Aids-Patienten, im letzten Stadium der Krankheit, erhielten AZT, eine Kontrollgruppe von 137 Aids-Patienten bekam ein Scheinmedikament (Placebo). Nach viermonatiger Behandlung war in der AZT -Gruppe nur ein Patient gestorben, in der Placebo-Gruppe hingegen gab es 16 Tote.

Das Patent für die Herstellung der Substanz, die im Organismus dafür sorgt, daß die nichtinfizierten Abwehrzellen sich wieder vermehren können, ohne gleich von Aids-Viren ruiniert zu werden, hält der britische Pharma-Konzern Burroughs-Wellcome. Allein in den USA rechnet die Firma - bei Behandlungskosten von 5000 Dollar je Patient und Jahr - mit einem jährlichen Umsatz von 1,3 Milliarden Dollar für AZT.

Allerdings sind bei Kranken, die AZT erhielten, schwere Nebenwirkungen aufgetreten: Das Mittel schädigt das Knochenmark und die roten Blutkörperchen; in den meisten Fällen wurden die Patienten anämisch, häufig mußten sie mit Blutkonserven behandelt werden. Noch ist nicht abzusehen, welche Schäden AZT anrichtet, wenn es über einen längeren Zeitraum eingenommen wird.

Geradezu ein Run konkurrierender Pharma-Unternehmen setzte ein, als Ende letzten Monats die Lizenz für die Herstellung eines weiteren Aids-Medikaments feilgeboten wurde, das dem AZT verwandt ist. Der Basler Chemie-Konzern Hoffmann-La Roche erhielt den Zuschlag für das Mittel Dideoxycytidin (abgekürzt DDC), von dem sich die Mediziner ähnlichen Nutzen wie von AZT, aber geringere schädliche Nebenwirkungen erhoffen.

Übertriebene Erwartungen dämpfte ein Firmensprecher sogleich. Bis DDC, "wenn überhaupt", marktreif werde, so Hoffroche-Sprecher John Doorley, "vergehen noch Jahre". DDC ist bislang erst an Tieren getestet; die klinischen Versuche mit Aids-Kranken stehen noch aus.

Große Anstrengungen werden von Aids-Forschern auch unternommen, um die bislang noch nicht hundertprozentig sicheren und im übrigen lückenhaften Bluttests zur Erkennung einer Aids-Infektion zu verbessern. Die bisher üblichen Tests sprechen erst an, wenn der Organismus des Untersuchten gegen eingedrungene Aids-Viren Abwehrwaffen, sogenannte Antikörper, entwickelt hat. Zwischen dem Eindringen der Viren und der Bildung von Antikörpern liegen aber tückischerweise bei Aids im allgemeinen mehrere Wochen.

Das "Fenster" zwischen Infektion und Serokonversion, so der Fachausdruck, zu schließen bemühen sich Forscher in zahlreichen Labors. Von diesem Ziel ist ein neuer Aids-Test noch entfernt, dessen Erprobung Hoffmann-La Roche gleichfalls Ende letzten Monats ankündigte.

Nach Angaben der Firma ist das neue Testverfahren ("Anti-HIV EIA Roche"), das gleichfalls noch auf der Erkennung von Aids-Antikörpern beruht, zuverlässiger, schneller und billiger als die bislang üblichen Tests.

Einen Schritt weiter gehen Forschungszentren wie das Paul-Ehrlich-Institut in Frankfurt oder die Blutspendezentrale des Saarlands: In beiden Institutionen werden Testverfahren gesucht oder erprobt, bei denen es nicht um den Nachweis von Antikörpern, die als Reaktion auf das Aids-Virus vom Organismus gebildet werden, sondern um den Nachweis des Virus selbst geht.

"Ein Spinnweb gegen die Gefahr"

Schützen Präservative gegen Aids? Zeitungsleser J. Gerhard aus München

80 schickte seine launige Zuschrift an die "AZ": "Frau Süssmuth empfiehlt: ''Kondome beim Sex!'' Der Bischof empfiehlt: ''Beten statt Sex!'' Kompromiß: ''Beim Sex beten, daß Kondome dicht sind''."

An einer Bonner Anzeigenkampagne zum Thema Aids-Gefahren hatte sich der Streit zwischen weltlicher und geistlicher Macht entzündet. Doch nicht nur dadurch geriet, wie die "FAZ" in einem Kommentar entgleiste, das Kondom letzte Woche "in aller Munde".

Sollen demnächst Präservative an Bundeswehrsoldaten kostenlos verteilt werden? Sollen Kondom-Automaten an jeder Ecke, auch in Damentoiletten aufgestellt werden?

Die bei Homos wie bei Heteros wachsende Aids-Furcht kommt einer Industriebranche gelegen, deren Absatzziffern noch bis vor zwei Jahren einen Trend nach unten zeigten. Erstmals 1986, erläutert Claus Richter, Marketingleiter beim westdeutschen Kondom-Produzenten Mapa, verzeichne die Branche wieder steigende Umsätze. Auch Mapa-Konkurrent London Rubber in Mönchengladbach glaubt, daß sich die Aufrufe der Aids-Warner, wenn überhaupt, erst mit einem "Verzögerungseffekt" in den Büchern niederschlagen werden.

In den USA, wo die gezielten Aids-Kampagnen schon früher einsetzten, ist die Kondom-Branche im letzten Jahr mit vier bis fünf Prozent in den Aufwind geraten. Die westdeutschen Hersteller suchen nun nach neuen Vertriebswegen. Um die "lückenlose Versorgung" zu erreichen, so Mapa-Sprecher Richter, könnte künftig auch in Zigarettenautomaten "ein Schacht für Kondome" reserviert sein.

Von Anfang an hatten die hautengen Hüllen gesundheitlichen Schaden abwenden sollen. Er schwöre beim "ewigen Gott", versicherte der italienische Anatom Gabrielle Fallopio in seinem 1564 erschienenen Standardwerk über die Syphilis ("De Morbo Gallico liber absolutismus"), daß er mit einem neuartigen Experiment 1100 Männern die Krankheit vom Leib gehalten habe: Nach der Weisung des Heilkundlers stülpten die Probanden über die Eichel ein leinenes Säckchen und schoben die Vorhaut wie eine Manschette darüber.

Doch schon einem mittelalterlichen Schlachter könnte, wie Norman E. Himes in seiner 1936 erschienenen "Medizingeschichte der Verhütung" vermutet, beim Hantieren mit elastischem Tiergedärm der zündende Gedanke gekommen sein. Ziegenblasen, so glauben die Forscher, haben bei den Römern dem gleichen Zweck gedient: der Vorbeugung gegen Infektionen.

Die kratzigen Eichelhauben und das Tiergedärm arbeiteten bei beiden Geschlechtern der Wonne entgegen. Die Armierung des Penis, klagte Madame de Sevigne ihrer Tochter, der Gräfin de Grignan, 1671 in einem Brief, sei ein "Bollwerk gegen das Vergnügen, aber ein Spinnweb gegen die Gefahr".

Erst die Zeitgenossen Casanovas (1725 bis 1798) bedienten sich der Kondome als Mittel zur Empfängnisverhütung. Der regsame Liebhaber selbst zwängte sein Glied zum Zwecke der Kohabitation bereitwillig in die "tote Haut", solange ihm dadurch nur bestätigt wurde, "daß ich völlig auf der Höhe bin".

Bald war für die Futterale auch ein internationaler Markt entstanden, wie die Londoner Herstellerin Mrs. Philips gegen Ende des Jahrhunderts auf Werbezetteln verkündete: Größere Aufträge aus Frankreich, Spanien, Portugal und Italien würden mit Leichtigkeit befriedigt. Unter der Kundschaft tummelten sich, wie Mrs. Philips kundtat, "Botschafter, Ausländer, Ehrenmänner und Schiffskapitäne".

Hauptsächlich die Blinddärme von Lämmern, Schafen, Kälbern und Ziegen wurden zu "englischen Mänteln" verarbeitet. Die Vorläufer der hauchdünnen Hochleistungspräser waren in drei Größen erhältlich (so zeigte ein Fund in einem englischen Landhaus 1952). Dem Gentleman wurde der Schoner auf Wunsch maßgeschneidert.

Eine ruppige Längsnaht störte Präservativbenutzer im 19. Jahrhundert. 1839 hatte Charles Goodyear die Vulkanisierung des Kautschuks zu Gummi erfunden: Die Verhütungsmittel wurden zur billigen Massenware, die ihren Trägern gelegentlich den Eindruck verschaffte, als hätten sie ihr Fortpflanzungsorgan in einen Fahrradschlauch gezwängt.

Längst werden die Kondome seither aus dem Saft des Gummibaumes, der Latexmilch, gefertigt. Gefühlsechtheit steht bei der Kundschaft hoch im Kurs. Mit einer Wanddicke von 0,04 bis 0,08 Millimeter sind die üblichen Modelle dünner als ein menschliches Haar.

Nur jedes achte Paar verwendet in der Bundesrepublik die "hauchdünne Illusion" ("FAZ"), um sich vor Schwangerschaft zu schützen. Eine "Betonwand von Vorurteilen", stellte der ärztliche Leiter des Karlsruher Instituts für Familienplanung und Gesundheit, Knut 0.K. Hoffmann, 1985 fest, stehe dem mechanischen Verhütungsmittel bei westdeutschen Verbrauchern im Weg. Nur eine Minderheit der Sex-Aktiven mag sich für die mal trockenen, mal feuchten, mal mit gefühlsanregender Beschichtung und mal mit spermizider Gleitsubstanz ausgerüsteteten Gummihäute entscheiden.

Aversionen und Hemmungen im Umgang mit Präservativen sind auch unter den jüngeren Paaren verbreitet, wie eine Befragung durch Wissenschaftler der Abteilung für Sexualforschung an der Hamburger Universität ergab: Die Befragten lehnten Kondome noch vehementer ab als den Coitus interruptus. Nichts, so erfuhren die Wissenschaftler, ist in deutschen Betten verpönter und dämpft die Lust nachhaltiger als das umständlich aus der Verpackung gefingerte Präservativ.

1980 haben sich die führenden Kondom-Hersteller der Bundesrepublik zu einer Gütegemeinschaft zusammengeschlossen, die auf die Qualität der Produkte achtet: Die maschinell zu Hunderttausenden pro Tag produzierten Präser durchlaufen laut Vorschrift 33 elektronische und mechanische Tests, ehe sie hygienisch verpackt in den Handel gehen.

Für die Fremdüberwachung der mit dem Gütesiegel "dlf" (Deutsche Latex Forschung) ausgezeichneten Kondome sorgt die staatliche Materialprüfungsanstalt. Dennoch fielen, als sich die Berliner Warentester 1983 die schlüpfrigen Gummis vorknüpften, vier von insgeamt zwölf getesteten Marken durch: "Vor allem die Kondom-Spitze war oft ''undicht''."

Bei einer nur über die Apotheken vertriebenen Marke waren den Testern bei einem Prüfmuster "allein dreizehn Undichtigkeiten in Längsrichtung" aufgefallen. Vier Kondome flogen den Prüfern um die Ohren, noch ehe das festgesetzte Berstvolumen von mindestens 20 Litern Luft erreicht war. Beim Vergleich verschiedener Methoden der Schwangerschaftsverhütung schnitten denn auch Kondome mit am schlechtesten ab: Wenn 100 Frauen ein Jahr lang mit Kondomen lieben, kommt es in etwa sieben Fällen zu ungewollten Schwangerschaften - eine Versagerquote, zehnmal so hoch wie bei der Pille.

Für Aids-Viren ist, wie für Spermien, das Gummi undurchlässig, solange es dicht bleibt. Doch vor der Annahme, daß sich Homosexuelle beim Analverkehr mit Präservativen zuverlässig gegen das Aids-Virus schützen könnten, warnte schon 1985 der Berliner Professor Hans Pohle. Mehr als einen "gewissen Schutz", so der Internist, dürften sich die Schwulen nicht versprechen: "Rutscht er ab, reißt er, sitzt er locker", sei der Schutz dahin und das Aids-Virus frei.

Dem Analverkehr, erläuterte Pohle, sei "so ein dünnes Gummi" nicht gewachsen.

Speziell für Kundschaft, bei der eine "etwas härtere Gangart" (Richter) gepflegt wird, hat Hersteller Mapa deshalb vor einem halben Jahr ein neues Modell auf den Markt gebracht: Mit einer Wandstärke von 0,1 Millimeter ist es hauchdünnen Kondomen in puncto Sicherheit überlegen.

Beim Aids-Kongreß in Berlin im letzten Jahr will dagegen der Mönchengladbacher Konkurrent London Rubber unter den Schwulen die Gegentendenz ausgemacht haben. In der Szene, so brachte eine Firmenmitarbeiterin in Erfahrung, herrscht wie bei den Heteros der Wunsch nach einem gefühlsintensiven, mit Feuchtigskeitsfilm versehenen Kondom vor.

Vom holländischen Ableger des Unternehmens lassen sich die Mönchengladbacher seither mit einem 0,08 Millimeter dicken Modell ausrüsten, das "in dieser Richtung positioniert" ist.

Der vorbeugende Nutzen von Präservativen gegen Infektionen ist bei Experten unumstritten. Zweifler können dagegen schon beim englischen Landarzt Daniel Turner Bestätigung finden. Das Kondom, so schrieb der Medicus Anfang des 18. Jahrhunderts in einem Werk über die Syphilis, sei "das beste, wenn nicht das einzige Mittel, auf das unsere Libertins bisher gestoßen sind".

Der Doktor wollte allerdings den Lustschwärmern nicht trauen. Viele von ihnen, so war ihm hinterbracht worden, hatten den Tripper gewählt, anstatt sich "cum hastis sic clypeatis", mit der Speerspitze im Futteral, zu begnügen.

[Grafiktext]

AIDS Entwicklung der Aids-Erkrankungen (kumulativ) in... der Bundesrepublik den USA Stand Februar 1987: 30396

[GrafiktextEnde]

Mit Redakteuren Wolfram Bickerich und Hans Halter; im Ministerbüro in Bonn.

DER SPIEGEL 7/1987
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