15.12.1986

AUTO-INDUSTRIEWie eine Schrotflinte

Auch in Deutschland passieren unerklärliche Unfälle mit Audi-Automatikwagen. In den USA hat das Unternehmen bereits über 200000 Autos zurückgerufen. *
Robert Vetter wollte nur "ganz ruhig ausparken". Die Geräuschkulisse allerdings, die er dabei mit seinem Audi 200 Automatik in Bielefeld-Brackwede verursachte, ließ eher auf eine Massenkarambolage schließen.
Vetter hatte zwar, so sagte er, "den Fuß auf der Bremse". Doch als er die Rückwärtsfahrstufe einlegte, "schoß der Wagen plötzlich mit affenartiger Geschwindigkeit los" und prallte gegen einen Baum. Nachdem Vetter in die Fahrstufe "D" geschaltet hatte, raste der Audi abermals los, diesmal vorwärts, ramponierte zwei Autos, fuhr in einen Zaun und kam erst nach einem Aufprall auf den dahinterliegenden Stapel Kaminholz zum Stehen.
Wie Robert Vetter aus Bielefeld, so beteuern auch Erich Radke aus Berlin, Erika Stöcklin aus Grenzach-Wyhlen und Stefanie Marchiotti aus Lenggries, ihr Audi-Automatik sei plötzlich und ohne ersichtlichen Grund losgerast.
In diesen vier Fällen überstanden die Fahrer die Eskapaden ihres Wagens unversehrt. Tödlich aber endete ein Unfall vor drei Jahren, der sich ausgerechnet auf dem Audi-Werksgelände in Neckarsulm ereignete. Ein Ingenieur startete einen Automatikwagen, legte den Rückwärtsgang ein, und das schnell beschleunigende Auto überfuhr einen Radfahrer, der tödlich verletzt wurde.
Der Unfallfahrer gab an, der Wagen habe von allein so schnell beschleunigt. Der Deutsche Kraftfahrzeug-Überwachungs-Verein (Dekra) untersuchte das Fahrzeug. Die Ingenieure fanden keinen technischen Defekt.
Für Audi können diese Fälle dennoch fatale Folgen haben. Die Manager hatten bisher stets beteuert, solche Unfälle mit - den in ihrem Wirkungsgrad ohnehin veralteten - Automatikgetrieben gebe es nur in den USA. Jetzt muß Entwicklungschef Ferdinand Piech, mit diesen Beispielen konfrontiert, eingestehen: "Es gibt auch einige, aber sehr wenige solcher Unfälle in Europa."
Audi wird auch auf dem Heimatmarkt von einem Problem eingeholt, das dem Unternehmen in den USA bereits schwere Einbußen bescherte. Dort hat die Verbraucherschutzgruppe Center for Auto Safety insgesamt 750 Unfälle mit 250 Verletzten und sechs Toten als Folge plötzlich losrasender Audi-Automatikwagen registriert.
Das Unternehmen rief über 200000 Autos in die Werkstätten zurück. Der New Yorker Generalstaatsanwalt Robert Abrams fordert Audi of America unterdes auf, den Verkauf seiner Automatikmodelle völlig einzustellen.
Juristische Möglichkeiten, dies durchzusetzen, hat Abrams nicht. Doch sein Aufruf und Berichte über neue Unfälle der in den USA "runaway Audis" genannten Wagen wirken fast so stark wie ein Verkaufsverbot: Immer weniger Amerikaner bestellen ein Fahrzeug mit den vier Ringen auf dem Kühler.
Audi hat inzwischen seinen US-Chef Peter Fischer abgelöst. Gebracht hat das nichts. In diesem Jahr wird die VW-Tochter in den USA mindestens 20000 Wagen weniger verkaufen als geplant, allein im November blieben die Verkäufe um knapp 40 Prozent unter der Vergleichszahl des Vorjahres. Den Ingolstädtern fehlen damit Einnahmen von über einer halben Milliarde Mark.
Das Problem treibt den Audi-Vorstand mittlerweile schier zur Verzweiflung. Keiner der vielen Techniker konnte bislang eine Ursache der gefährlichen Geisterfahrten entdecken - weder die hauseigenen Leute noch Experten des amerikanischen Verkehrsministeriums, weder Fachleute von Battelle noch Experten der Virginia Polytechnic Institute and State University. Physiker Heiko Barske, der bei Audi die Untersuchung leitet, ist sicher: "Es gibt keinen technischen Fehler."
In Deutschland wurde auch der Unwagen des Bielefelders Robert Vetter untersucht. Fazit: "Bei getretener Fußbremse und eingelegtem Wahlbereich kann der Motor so hoch drehen, wie er will, der Wagen bewegt sich nicht, der Drehmomentschlupf läßt das nicht zu."
Zu deutsch: Die Bremskraft ist stets stärker als die Beschleunigungskräfte. Robert Vetter muß wohl, so die Erkenntnis der Techniker, das Pedal verwechselt haben.
Entwicklungschef Piech ist überzeugt, daß es sich "nicht um ein Audi-, sondern um ein Automatikproblem handelt". In den USA passierten ähnliche Unfälle mit Automatikmodellen von General Motors, Ford, American Motors, Nissan, Toyota und Daimler-Benz.
Die Wagen von General Motors wurden vom US-Verkehrsministerium untersucht, das im Abschlußbericht festgesellt: "Ein technischer Defekt besteht offenbar nicht." Unbeabsichtigte Verwechslung von Gas- und Bremspedal "scheinen die Ursache vieler Unfälle zu sein, wobei die Fahrer auch später noch glauben, die Bremse getreten zu haben".
Die Untersuchung der Audi-Modelle läuft zur Zeit noch. Audi-Mann Barske mußte bereits einige Male nach Washington fliegen, um der Behörde dort Auskunft zu geben - in einem fensterlosen Raum, in dem alle Anhörungen stattfinden. Am Ende, glaubt Barske, "werden sie bei uns das gleiche feststellen wie bei General Motors - die Fahrer verwechselten die Pedale".
Wenn das tatsächlich die Ursache der merkwürdigen Unfälle ist, dann hat Audi bereits eine Lösung, wie die Fehlbedienung zumindest in den meisten Fällen ausgeschlossen werden kann.
Rund 80 Prozent der Unfälle, hat Barske ermittelt, passiert beim Anfahren. Automatikfahrer müssen den Fuß auf der Bremse haben, wenn sie den Vor- oder Rückwärtsgang einlegen, sonst rollt der Wagen einfach los. Verwechseln sie Brems- und Gaspedal und schalten auf "Drive", rast das Auto sofort mit Vollgas davon.
Um das zu verhindern, haben die Audi-Techniker eine Sperre entwickelt. Vor- oder Rückwartsstufe können nur eingelegt werden, wenn der Fahrer den Fuß bereits auf der Bremse hat.
Die Verantwortung für die Unfälle kann Entwicklungschef Piech dennoch nicht völlig auf die Fahrer abwälzen. "Wenn es Unfälle gibt", räumt er ein, "die man durch technische Veränderungen hätte verhindern können, fühlt man sich als Entwickler immer mitschuldig."
Piech vergleicht das mit Schrotflinten, bei denen sich früher auch leicht unbeabsichtigt ein Schuß lösen konnte. Jetzt sind die Flinten automatisch abgesichert - "genau das ist es, was wir bei den Automatikwagen machen" (Piech).
Eingebaut wird die Sperre bislang aber nur in die Modelle, die Audi nach Amerika verschifft. Für Deutschland ist die Sperre nicht vorgesehen, noch nicht. Die Zahl der Unfälle sei "mindestens um den Faktor hundert geringer", so Piechs Begründung. Man wolle "das Problem ja nicht herbeireden".
Das Problem jedoch ist, wie die geschilderten Unfälle zeigen, bereits da. Auch wenn die Fahrer tatsächlich jeweils das Pedal verwechselt haben - ein Hersteller, der das nicht verhindert, obwohl er es könnte, handelt fahrlässig. Denn Autos, falsch bedient, sind gefährlicher als Schrotflinten.
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Bei der Übernahme des "Goldenen Lenkrads" für den Audi 100.

DER SPIEGEL 51/1986
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