30.05.2015

ArbeitskampfFröhliche Wut

Schon drei Wochen Kita-Streik – der Ausstand treibt die Eltern zur Verzweiflung. Es ist ein unlogischer Streik: Er trifft nur Opfer, verfehlt den wahren Gegner.
Was ist das, ein Streik? Wenn Hanna, vier Jahre alt, dauernd nach den anderen Kindern in der Kita fragt und beleidigt ist, dass sie die nicht trifft. Wenn für Tim und Len, vier und knapp zwei Jahre, plötzlich Ferien sind, die sie genießen, mit Hafenrundfahrt, Miniaturwunderland und Besuch bei der Tante im Büro. Wenn die vierjährige Tochter von Nicole Krüttgen sauer und gestresst ist, weil sie in die Notfallbetreuung muss, die ihr nicht gefällt.
Was ein Streik ist, erlebten die Eltern deutscher Kita-Kinder gerade schmerzlich in der dritten Woche. Es ist ein seltsamer Streik, weil viele Eltern völlig einverstanden sind, dass die Erzieher in den kommunalen Kitas mehr Geld bekommen sollen, wofür sie ja streiken; man ist derselben Meinung und trotzdem über Kreuz.
Denn nun wird es eng. Überstunden sind abgefeiert, Urlaubstage genommen, die Großeltern erschöpft. Ein Streik muss wehtun, das ist das Prinzip. Und das tut er auch.
Für Judith und Florian Schmale aus Hamburg, er Architekt, sie Gestalterin bei H&M, war der vergangene Donnerstag noch einer der entspannteren Tage: Sie hatten ihre vierjährige Tochter und ihren knapp zweijährigen Sohn am Vormittag bei Freunden abgegeben, die Kinder im gleichen Alter haben und zufällig frei hatten. Sie arbeitete morgens ab sieben, ihr Mann ging später und brachte die Kinder weg. Sie verkürzte die Mittagspause, hörte eine Stunde früher auf, hetzte um halb zwei nach dem Arbeitsende zu den Freunden, um die Kinder dort abzuholen, und verbrachte den Rest des Tages mit ihnen.
Das war der entspannte Tag.
Doodle-Listen erstellen, Pläne machen und wie Elke Wiedemann, teilzeitbeschäftigte Mutter des fünfjährigen Theo, den Tag am Telefon verbringen, um für die nächste Woche zu klären, welche Mutter welche Schicht übernimmt; von Tag zu Tag überlegen, was man für die Kinder organisiert, sodass sie nicht total durchdrehen – das ist Alltag bei Kita-Eltern, und es heißt, das könne bis zu den Sommerferien so weitergehen.
Es ist ein Streik, der untypisch und unlogisch erscheint. Und das ist er auch.
Die Erzieher bleiben weg. Die Eltern drehen allmählich durch. Und die Kommunen, also die Arbeitgeber, auf die eigentlich Druck ausgeübt werden soll, profitieren womöglich sogar davon – weil sie sparen. Weil es wohl nicht allen Eltern gelingen wird, die Kindergartengebühren zurückzubekommen, die für die Zeit des Streiks schon bezahlt worden sind.
Ein typischer, ein klassischer Streik würde ein Unternehmen treffen, er würde den Profit schmälern, die Arbeitgeber unter Druck setzen und so den Wunsch der Bestreikten wecken, dass man sich zügig einigen wird.
Dieser hier tut das nicht.
Ökonomisch betrachtet sind Kitas ja nicht Teil der Produktion, sondern der Reproduktion – also jenes gesellschaftlichen Sektors, der Arbeitskraft wiederherstellt oder erschafft. Eines unterbezahlten Sektors, der lange schon Frauenarbeit gewesen ist. Einer, dem die Wertschätzung fehlt, vielleicht, weil der Gedanke herrscht: Das kann jeder. Bei einem Mechatroniker denken die meisten Menschen das nicht.
Es ist nicht Wertschöpfung im betriebswirtschaftlichen Sinn, die hier stattfindet; im volkswirtschaftlichen, im gesellschaftlichen Sinn aber wohl: Wer sich um Kita-Kinder kümmert, wer sie ein wenig schlauer und sozialer macht, sorgt für die Arbeitskräfte von morgen.
Es gibt ja eigentlich keine politischen Streiks in Deutschland; dies hier aber ist einer, oder er müsste es jedenfalls sein.
Wenn Politik bedeutet: Wie organisieren wir unsere Gesellschaft? Was ist uns wichtig? Was ist uns wie viel wert? Wenn das zutrifft, dann ist es eine politische Frage, was jetzt in den Kitas geschieht.
Gerade jetzt, durch die Not, erfahren manche Eltern tatsächlich, wie fordernd der Umgang mit einer größeren Anzahl Kinder ist – die moderne deutsche Familie kennt das ja nicht mehr.
Eine Art Gemeinschaftsgefühl sei zwischen den Eltern in Not entstanden, sagt die zweifache Mutter Allegra Rickauer; man muss sich koordinieren, organisieren, das gefällt ihr. Trotzdem ersehnt sie das Ende des Streiks.
Fünf bis sechs Kinder kommen im Schnitt auf einen Erwachsenen als Betreuer, so erlebt Judith Schmale das, die im Notfallprogramm mithilft. "Wobei die meisten schon froh sind, wenn alle gegessen und eine saubere Windel haben."
Mutter arbeitet, das Kind geht in die Kita: Das ist eine Aufteilung, die gewünscht und gewollt ist, von der Politik propagiert – spätestens seit Ursula von der Leyens Zeit als Familienministerin. Aber unterbezahlt ist die Erziehungsarbeit geblieben.
Dabei ist genau dies eine Art Arbeit, die unersetzbar ist, auch in der modernen, digitalisierten Gesellschaft. Kein Smartphone kann eine Windel wechseln, kein Roboter trösten, wenn das Kind stolpert und fällt.
Eine zukunftsträchtige Arbeit also – nur dass das nicht zählt. Eltern, sagt Nicole Krüttgen, "haben überhaupt keine Möglichkeit, Druck aufzubauen. Wenn wir demonstrieren, sieht das sogar noch lustig und fröhlich aus, weil die Kinder mitgehen. Aber es ist überhaupt nicht lustig und überhaupt nicht fröhlich".
Nein, es herrscht eine hilflose Wut unter Eltern, gegen die Politik, gegen die Verbände. Das Anliegen der Erzieher sei "absolut berechtigt", meint Florian Schmale. Nur seien die Erzieher leider immer die Ersten, die einem über den Weg liefen, und die "kriegen den Frust dann erst mal ab".
Der Streik "zielt auf die Falschen", meint ein anderer frustrierter Vater.
Aber wie könnte er auf die Richtigen zielen?
Die Kommunen, die Arbeitgeber also, sagen: zu teuer. Sie können sich das Geforderte nicht leisten. Sie brauchen mehr Geld vom Bund.
Das klingt nach Ausflucht, aber falsch ist es nicht. Über viele Jahre hat der Bund soziale Aufgaben bei den Ländern und den Kommunen abgeladen, zu deren Finanzierung er nur unzureichend beiträgt. Kita-Plätze garantieren, Behinderte eingliedern, Wohnkosten für Bedürftige übernehmen, die Schulen sanieren, die Kanalisation – zu viele Verpflichtungen liegen bei den Kommunen, die nötigen Mittel aber nicht.
Der Druck auf die Berliner Politik müsste spürbar sein und ernst genommen werden, es müssten, das ist die Idee von Nicole Krüttgen, die Unternehmen aktiv werden: "Die haben den Hebel in der Hand. Bei der Vereinbarung von Familie und Beruf geht es schließlich nicht um private Einzelschicksale, sondern um den Wirtschaftsstandort Deutschland. Wie modern ist er wirklich, wenn es hart auf hart kommt?"
Man müsse neue Aktionsformen finden, meint ein betroffener Vater. Wie, wenn in einem großen Unternehmen plötzlich alle Kita-Eltern gleichzeitig Urlaub einreichen würden, weil die Kita streikt?
So weit ist es nicht. Eltern demonstrieren, tragen den Ärger in die Rathäuser, organisieren zähneknirschend den Tag fürs Kind. Suchen individuelle Lösungen für ein gesellschaftliches Problem, und bei manchen kommt möglicherweise Hilfe auf unerwartete Art.
Swantje Hagedorn aus Stuhr in Niedersachsen, Mutter von Paul, 16 Monate, und Jana, viereinhalb, hat die Kinder im Moment den Großeltern anvertraut. Sie arbeitet bei einem Paketdienstleister in Bremen. Beim Paketdienstleister könnte es in Kürze zu Warnstreiks kommen.
Sie würde das begrüßen. Dann könnte sie zu Hause bleiben und sich um die Kinder kümmern.
Von Susanne Amann, Markus Brauck, Anke Dürr, Alexandra Duong, Barbara Hardinghaus, Barbara Supp und Claudia Voigt

DER SPIEGEL 23/2015
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