30.05.2015

Somalia„Wir werden dich töten“

32 Monate lang wurde der Journalist Michael Scott Moore von Piraten gefangen gehalten – in Lagern, Bauruinen, auf Schiffen. Hier beschreibt er zum ersten Mal seine Zeit der Geiselhaft.
Michael Scott Moore, 45, arbeitete als freier Journalist unter anderem für SPIEGEL ONLINE und den "Guardian", er ist deutscher und US-amerikanischer Staatsbürger. Im Januar 2012 wurde er in Somalia von Piraten verschleppt, erst im September 2014 kam er frei, nach Zahlung von 1,6 Millionen Dollar Lösegeld.
An einem dieser Nachmittage in einer verdreckten Piratenvilla in Galcaio spielte ich mal wieder mit dem Gedanken, die Flucht zu wagen, auch wenn ich sie vielleicht nicht überleben würde. Bashko, mein Bewacher, hatte gerade den Raum verlassen, sein Gewehr lag noch da. Ich richtete mich auf und überlegte, wie viele meiner Bewacher ich erschießen könnte, bevor sie mich erschießen würden.
Ganz in der Nähe starteten und landeten Flugzeuge, der Lärm ließ mich schon seit Tagen von der Freiheit träumen. Ich hatte alle Szenarien durchgespielt, von einer Befreiung auf dem Rollfeld bis hin zu geheimen Missionen mit Kampfhubschraubern und Spezialkommandos, die in der Nacht kamen, um meinen Arsch zu retten.
Da kam Bashko zurück, er bemerkte das Gewehr, und mit einem breiten Lächeln sagte er: "Problem!" Er nahm das Gewehr und legte es hinter sich. Ich lächelte. Eigentlich bin ich ein friedlicher Mensch, ich wollte weder Bashko noch jemand anders töten. Aber ich wurde langsam verrückt.
"Michael", sagte Bashko gut gelaunt. "Wenn die Amerikaner kommen, werden wir dich töten."
"Ich weiß."
"Warum kein Geld?"
Ich zuckte mit den Schultern, ich wusste es ja auch nicht.

Die Entführung

Vor gut drei Jahren flog ich nach Somalia, um über eine Piratenbande zu schreiben, der in Hamburg der Prozess gemacht wurde, mindestens fünf der zehn Angeklagten kamen aus Galcaio. Die Provinzhauptstadt liegt in der Wüste, auf halbem Weg zwischen Mogadischu im Süden und dem Hafen von Boosaaso im Norden. Norden und Süden wurden von verschiedenen Clans beherrscht, die Spannungen zwischen ihnen ließen immer wieder Kämpfe ausbrechen.
Ich war mit dem Filmemacher Ashwin Raman hergekommen, zu unserem Schutz hatten wir zudem Mohamed Sahal Gerlach engagiert, einen in Berlin lebenden Somalier, der die Gegend kannte. Wir sprachen mit den Verwandten der in Hamburg inhaftierten Piraten, nach zehn Tagen waren wir fast fertig. Ich wollte Galcaio so schnell wie möglich verlassen und nach Nairobi fliegen, Ashwin wollte nach Mogadischu.
Wir wussten, dass die Fahrt zum Flughafen von Galcaio gefährlich sein konnte. Einige Monate zuvor waren hier die beiden Entwicklungshelfer Jessica Buchanan und Poul Thisted entführt worden. Aber Gerlach versicherte uns, die Strecke sei sicher. In Begleitung eines bewaffneten Bewachers fuhren wir am 25. Januar zum Flughafen, dort verabschiedete ich mich von Ashwin, mein Flug ging erst am nächsten Tag. Dann machten wir uns auf den Weg zurück zum Hotel. Doch weit kamen wir nicht.
An der Straße wartete ein "Technical", ein Pick-up mit aufmontierter Schnellfeuerkanone. Der Wagen fuhr auf uns zu, die Kanone auf unsere Frontscheibe gerichtet. Ein Dutzend Männer sprangen von der Ladefläche und feuerten in die Luft. Ich versuchte, die Tür zu blockieren, doch sie rissen sie auf und zogen mich heraus. Sie schlugen mir mit Kalaschnikows auf den Kopf und die Hand, mein Gelenk brach, meine Brille fiel hinunter. Der Bewacher feuerte nicht einen Schuss ab. Auch Gerlach wurde geschlagen, aber die Entführer ließen ihn im Auto zurück.
Im ersten Moment hatte ich noch versucht, mir einzureden, dass das alles nicht wahr sein könne. Doch als die Männer mich aus dem Auto zerrten, packte mich eine schreckliche Angst um meine Familie, ein kaltes Grauen über die Last, die ich für sie sein würde. Ich wollte alles noch einmal zurückspulen. Aber es war zu spät.
Die Männer zwangen mich in einen wartenden Wagen. Mit zerrissenen Kleidern und blutendem Kopf kauerte ich eingezwängt zwischen drei Bewaffneten, während wir stundenlang durch den Busch rasten. Es holperte so stark, dass ich meinen Kopf am Dach des Autos anstieß und einen Blutfleck hinterließ.

In der Hand der Piraten

Kurz vor Sonnenuntergang kamen wir im ersten Lager nahe Hobyo an der Küste an, in dem auch andere Geiseln waren. Meine Bewacher führten mich zu einer Schaumstoffmatratze neben einer Klippe. Jemand brachte mir eine Dose Thunfisch. Ich war durcheinander und krank vor Sorge. Ich war verraten worden. Ich vermutete, dass wir uns im Osten des autonomen Landesteils Galmudug befanden, denn die Sonne versank hinter uns. Das hieß, wir waren nach wie vor auf dem Gebiet des Sa'ad-Clans, dessen Gäste wir in Galcaio gewesen waren. Dort musste mich irgendjemand verraten haben. Konnte das sein?
"Okay, Michael?", fragte einer der Bewacher, ein ernster, junger Somalier mit Turban und heller Haut. Er stand auf einer Anhöhe und hielt eine Kalaschnikow.
"Nein", sagte ich nach einer Weile.
In diesen ersten Wochen des Jahres 2012 würden wir von Camp zu Camp ziehen, mitten im somalischen Busch. Denn vier Tage nach meiner Entführung hatten US-amerikanische Navy Seals die Entwicklungshelferin Jessica Buchanan und ihren dänischen Kollegen Poul Thisted aus einem Piratenlager in Zentralsomalia befreit.
Das wusste ich zwar noch nicht, bekam es aber jetzt zu spüren. Die Rettung hatte unsere Wachen verängstigt und den Piratenkönig Mohamed Garfanji verärgert, der beide Entführungen finanziert hatte. Er verlangte daher jetzt für mich 20 Millionen Dollar. Eine absurde Forderung, an der er viele Monate lang festhalten würde.
Eine Mischung aus Angst und eintöniger Leere bestimmte jeden meiner Tage. Ich war mit dieser Reise ein unverantwortliches Risiko eingegangen, jetzt fühlte ich mich schuldig für alles, was meine Familie und Freunde erleiden mussten. Ich war froh, nicht allein zu sein. Mit mir waren zwei weitere Geiseln im Lager, beide um die sechzig, einer war Marc Songoire, er sah sehr afrikanisch aus, der andere hatte hellere Haut und kleine stechende Augen. Er hieß Rolly Tambara und war ein katholischer Fischer von den Seychellen. Ende 2011 hatten Piraten die beiden überfallen, ungefähr 50 Seemeilen vor ihrem Hafen auf den Seychellen.
Rollys Gesellschaft half mir in diesen ersten Wochen durchzuhalten. Er sprach ein sehr komisches, französisches Englisch und schien unsere Geiselnahme mit schier endloser Geduld zu ertragen. Von ihm lernte ich, eine Geisel zu sein. Ich lernte, meine Tage einzuteilen, meine Wut zu zügeln, mich mit anderen Gedanken abzulenken.
Alle paar Tage hörten wir Militärflugzeuge, ich hoffte, sie würden uns suchen. Die Piraten behaupteten, sie hätten sogar Drohnen gesehen. Möglich ist es, aber da meine Brille bei der Entführung zersprungen war, konnte ich kaum etwas sehen. Ich verbrachte fast die gesamten zweieinhalb Jahre meiner Gefangenschaft in einem Zustand, der dem der Blindheit nahekam.
Dann, in einer Nacht Ende Februar, traf ich zum ersten Mal meinen Geiselnehmer, den Piratenboss Mohamed Garfanji. Die Wachen fuhren mich mit einem Land Rover in den Busch, dort saß im Mondschein dieser düstere, übergewichtige Mann, ein teures Smartphone in den Händen.
Garfanji war der Gründer eines Piratennetzwerks in Zentralsomalia, er führte sein Reich wie ein Kriegsherr. Aber zu mir sprach er mit einer hohen, fast kindlichen Stimme. Er wählte auf seinem Smartphone eine amerikanische Nummer und reichte es mir. Am anderen Ende der Leitung war ein Unterhändler, der sich Bob nannte, seine Stimme klang vernünftig und kraftvoll. "Sie schlagen dich doch nicht etwa oder machen andere Dinge mit dir?", fragte er.
"Nein", antwortete ich, obwohl mein schmerzendes Handgelenk seit Wochen in einer Holzschiene lag und mich einer der Piraten auf den Kopf geschlagen hatte. Nach einem kurzen Gespräch verband mich der Mann mit meiner Mutter in Kalifornien. Als ich ihre Stimme hörte, war ich unendlich erleichtert. Damals war mir nicht bewusst, dass FBI-Agenten unser Gespräch mithörten, auf der Suche nach Anhaltspunkten zu meinem Aufenthaltsort und meinem Gesundheitszustand.
Doch ansonsten blieb der Anruf ohne Ergebnis, so wie fast alle Gespräche über Lösegeld. Die Piraten forderten einfach zu viel.
Nach dem Anruf sagte Garfanji zu mir: "Deine Leute haben neun meiner Leute getötet. Wenn sie versuchen, dich zu befreien, erschießen wir dich."
"Was geschah mit den Geiseln?", fragte ich. "Sie wurden auch getötet", sagte Garfanji und warf sein Handy auf den Boden. Das stimmte nicht, Buchanan und Thisted lebten, aber er wollte mich einschüchtern. Nach unserer Rückkehr lag ich lange wach und grübelte. Neun tote Piraten würden die Verhandlungen erschweren; 20 Millionen Dollar Lösegeld aufzutreiben erschien aussichtslos. In dieser Nacht träumte ich davon, dass ich meine Freunde traf, ich weiß nicht mehr, ob in Deutschland oder in Amerika. Ich träumte von einem lustigen Abend und gutem Essen. Aber der Traum endete damit, dass ich nach dem Abend zurückmusste in mein Gefängnis, wie ein Krimineller. Als ich aufwachte, sah ich Akazien und meine somalischen Bewacher, neben sich ihre Waffen.
Ich begann, Fluchtpläne zu schmieden und über Selbstmord nachzudenken. Es wäre ein Leichtes gewesen zu sterben, überall lagen Kalaschnikows herum. Ich stellte mir vor, ein paar Piraten und dann mich selbst zu erschießen. Das erschien mir sogar moralisch richtig, denn es hätte vielen Leuten Ärger erspart. Niemand würde sein Leben riskieren müssen, um mich zu retten. Selbstmord wäre zwar für meine Familie, die für meine Freilassung kämpfte, eine Niederlage gewesen, aber mit Logik kommt man nicht gegen Verzweiflung an.
Rolly erzählte mir, er habe in den ersten Wochen seiner Gefangenschaft eine Überdosis an Schmerzmitteln erwogen. Dann habe er angefangen, den Rosenkranz zu beten. Ich schaffte es auf andere Weise. Ich fand eine Bibel und machte Yoga, beides half mir, meinen Kopf zu beruhigen.

Das erste Geiselvideo

Vier Monate nach meiner Entführung wurde mein erstes Erpressungsvideo aufgenommen. Seit März waren wir mit anderen Geiseln auf einem rostigen Fischkutter untergebracht, weil die Piraten das für sicherer hielten. In dieser Nacht Anfang Mai brachten sie uns mit einem kleinen Boot an Land und von dort im Auto zu einem ausgetrockneten Flussbett.
Sie führten Rolly weg, ich musste im Auto warten. Dann hörte ich ihn schreien. Meine Bewacher zerrten mich aus dem Auto, wir gingen in Richtung der Schreie. Dort hing Rolly, kopfüber an einem Ast, an den Fußknöcheln festgebunden. Er pendelte an dem Seil hin und her, seine Arme baumelten wie bei einer Stoffpuppe. Ein dicker Mann prügelte mit einem Bambusrohr auf seinen Rücken und seine Brust. Rolly schrie jetzt nicht mehr, er war vollkommen ruhig. Seine Augen waren geschlossen, er ließ es einfach geschehen.
Der dicke Mann war Garfanji, der Piratenboss. Er blinzelte mich an und sagte, Rolly müsse bestraft werden, weil er nicht zugeben wollte, ein Israeli zu sein.
"Aber er ist kein Israeli", entgegnete ich.
"Ich habe im Internet Beweise gefunden", sagte Garfanji.
Ich wollte gerade sagen, dass Rolly kein Hebräisch spricht, doch im letzten Moment biss ich mir auf die Zunge, aus Angst, sie könnten mich selbst für einen Israeli halten. Stattdessen sagte ich: "Er spricht wie ein Mann von den Seychellen."
Ohne dass ich es bemerkt hatte, war Ali Duulaaye dazugekommen, er hockte sich neben Rolly auf den Boden, in der Hand eine brennende Zigarette. Garfanji war der Finanzier der Geiselnahme, aber Duulaaye hatte unsere Entführungen organisiert. Er war mager, etwa 40 Jahre alt, seine Haut von Akne zerfressen. Er war ein Sadist und schlug uns oft aus Spaß.
Jetzt hielt er die Zigarette vor Rollys Gesicht und versuchte, sie zwischen seine Lippen zu schieben.
"Nein, Ali, du weißt, ich mag keine Zigaretten", sagte der alte Fischer.
Drei Teenager filmten die Szene. Irgendwann ließen die Piraten Rolly wieder zu Boden. Er stützte sich auf einen Ellbogen, um zu Atem zu kommen. Ich setzte mich neben ihn und bat die Somalier um Essen und Wasser. "Bist du hungrig?", fragte ich. Rolly nickte.
Danach war ich dran.
Garfanji wandte sich mir zu, er fragte, warum niemand Geld für mich schicke. Wenn es nicht sofort angewiesen werde, drohte er, würde er mich an die Terroristen der Schabab-Milizen verkaufen.
"Wir haben nicht so viel Geld", flehte ich.
"Du lügst! Ich habe mir dein Bankkonto angesehen!", rief Garfanji.
"Dann weißt du ja, dass ich noch nicht mal eine Million habe", antwortete ich.
"Was ist dein Vorschlag, wie wir an das Lösegeld kommen?", fragte er.
"Du hast meinen deutschen Pass", sagte ich. "Vielleicht kann die deutsche Regierung helfen." Daran glaubte ich zwar nicht, aber ich hatte Angst vor den Männern, vor dem, was sie tun könnten, wenn sie kein Lösegeld bekommen würden.
Die Deutschen, diese Idee gefiel ihnen. Garfanji schlug vor, ein Video aufzunehmen. Die Teenager stellten zum zweiten Mal ihr Stativ mit der Kamera auf. Garfanji stellte Fragen, alles wurde gefilmt. Erst am Ende merkte ich, dass sich schwer bewaffnete Männer hinter mir aufgestellt hatten. Eine Kulisse, die einschüchtern sollte. Das Video erschien wenig später auf einer somalischen Nachrichten-Website.
Wir fuhren nach Hobyo und verbrachten den Rest des Tages in einem zerstörten Haus, das offenbar öfter für die Unterbringung von Geiseln benutzt wurde. Gegen Abend kam Ali Duulaaye wieder, er hielt ein Gewehr in der Hand. "Na, Rolly, wie geht's dir?", fragte er drohend. Als er weg war, sagte Rolly: "Ich möchte sterben."

Umzug nach Galcaio

Im Herbst 2012 brachten mich die Piraten in ein halb fertiges Haus in Galcaio, wo ich bis zum Ende meiner Gefangenschaft bleiben würde. Garfanji und Rolly sah ich nie wieder. Der neue Piratenboss hieß Dhuxul, ein glatzköpfiger, fetter Mann mit stumpfen Augen und einer Holzprothese. Er sagte mir, dass sein Fuß 1993 in Mogadischu weggeschossen worden sei, als US-Spezialkräfte versuchten, Teile der Stadt einzunehmen.
Auf seinen Befehl hin fesselten die Männer mich jeden Abend mit einer Fahrradkette. Hatte ich eine ihrer Regeln gebrochen oder ihnen widersprochen, wurden die Ketten enger um meine Knöchel angezogen. Ich blieb die ganze Nacht angekettet, von sechs Uhr abends bis zum Gebetsruf am Morgen. Dhuxul hatte meinen Bewachern verboten, mich schlecht zu behandeln, aber einem von ihnen gefiel es, mich zu quälen. Er schlug mir mit der Hand aufs Auge, ohne dass ich mich wehren konnte. Oft schmerzte es tagelang.
Fast zwei Jahre lang ertrug ich diese tägliche Routine. Morgens gab es eine Schüssel mit aufgewärmten, grässlich schmeckenden Bohnen. Manchmal vergaßen meine Bewacher mein Essen, dann hungerte ich den ganzen Tag. Danach folgten zähe, qualvolle Stunden der Langeweile. Es gab nichts zu tun, ich hatte keine Bücher, nichts, womit ich mich beschäftigen konnte. Ich hätte mich gern mit meinen Bewachern unterhalten, aber sie sprachen so gut wie kein Englisch, und so kamen wir meistens nicht weit.
Die Männer wachten nachts mit ihren Kalaschnikows auf der Veranda und kauten Kat. "Unser somalisches Bier" nannten sie es. Ein Leben ohne Kat war für die Piraten nicht vorstellbar, nichts versetzte sie so in freudige Aufregung wie das Eintreffen frischer Kat-Blätter. Dabei waren sie durchaus religiös. Fünfmal am Tag rollten sie ihre Teppiche aus und beteten. Das überraschte mich, die Piraten hatten den Ruf, sich um Religion nicht zu scheren.
Eines Tages fragte ich meinen Bewacher Bashko, wie ein Muslim es rechtfertigen könne, Pirat zu sein. Bashko war der Einzige unter den Wachleuten, den ich mochte, er war 25, hatte wache Augen und ein breites Lächeln. "Bashko", sagte ich, "du bist Muslim, aber du bist auch ein Dieb, das passt doch nicht zusammen."
Er richtete sich auf und schlug sich auf die Brust. "Ja, ich bin ein Dieb. Aber warum? Weil wir in Somalia hungern."
Eine Woche später kamen wir wieder auf das Thema. Diesmal redeten auch die anderen Männer mit. Einer von ihnen, Abdul, sagte, er habe als Wachmann angeheuert, weil es die Pflicht eines guten Muslims sei, einen Ungläubigen an einem feindseligen Ort zu beschützen.
Dann fragte Abdul mich, ob ich glaube, dass die Piratenbosse gute Muslime seien. Hatte ich sie je beim Gebet gesehen? "Ha", antwortete er, triumphierend. Diese Männer seien Ungläubige.
Kurz bevor das Jahr 2012 zu Ende ging, kam Bashko aufgeregt zu mir, seine Hand machte ein abhebendes Flugzeug nach. "Rolly und Marc", rief er, "frei." Vier Millionen Dollar Lösegeld seien geflossen, behauptete er, vermutlich waren es eher drei Millionen für die beiden. Meine Bewacher freuten sich. Offenbar glaubten sie, wenn man für zwei Fischer von den Seychellen so viel Geld bekommen könne, müsse ich noch viel mehr wert sein. Sie redeten darüber, was sie mit dem Geld machen würden. Die meisten wollten weg aus Somalia, nach Nairobi, Dubai oder Europa.

Die letzten Stunden als Geisel

Es war der 23. September 2014, kurz nach dem Mittagessen, als vor dem Haus in Galcaio ein Auto hielt. Das war seltsam. Autos kamen immer nachts. Einer der Bewacher rief mich: "Michael, dein Auto ist hier." Als ich herauskam, strahlten die Männer. Sie hielten einen durchsichtigen, versiegelten Plastiksack, gefüllt mit Bündeln voller Hundert-Dollar-Noten, in den Händen. "Du wirst freigelassen!", sagten sie.
Ich fühlte nichts. Ich hatte diese Worte schon oft gehört, nie war etwas geschehen. Vielleicht, dachte ich resigniert, hatten sie mich an eine andere Gruppe verkauft. Ich fühlte mich wie ein Fisch in einem tiefen Sumpf; Somalia hatte aus mir ein verkümmertes, lebloses Etwas gemacht.
"Du musst deine Sachen packen", sagte einer. "Du fährst zum Flughafen."
"Gut." Mehr sagte ich nicht. Kurz darauf stieg ich mit zwei Männern in das Auto. Normalerweise begleiteten mich acht bewaffnete Männer, jetzt gab es keine Waffen, kein Hineinzwängen in den Wagen, keine Augenbinde. Wir fuhren durch Galcaio und ein Stück in die Savanne hinaus, wo ein anderes Auto auf mich wartete. Ich stieg um. Der Fahrer war allein, er lächelte mich an. Dann wählte er eine Nummer auf seinem Handy, und ich hörte die Stimme von Bob, dem amerikanischen Vermittler. Und dann hörte ich meine Mutter.
"Dein Fahrer bringt dich in ein Hotel", erklärte Bob. "Danach wird dich ein anderer Somalier zum Flughafen fahren. Der Name deines Piloten lautet Derek."
Am Flughafen wartete eine einmotorige Maschine auf mich, ein Mann mit verspiegelter Sonnenbrille stieg aus. Wir hielten neben dem Flugzeug. Ich war nervös. Der Pilot zückte sein Mobiltelefon, um ein Foto zu machen. "Für deine Mutter", sagte Derek. Ich war unfähig, Erleichterung, Aufregung oder Freude zu spüren. Als Derek mir einen Rucksack mit Kleidung gab, begann sich der Nebel aus Grauen, Langeweile und Ausweglosigkeit aufzulösen.
Es sollte Tage dauern, bis ich erfahren würde, was in Galcaio zur selben Zeit geschah. Das Lösegeld für mich musste unter meinen Entführern aufgeteilt werden, aber es war nicht genug für jeden. Mein Entführer Ali Duulaaye beanspruchte den Löwenanteil der 1,6 Millionen Dollar, die meine Familie, amerikanische sowie deutsche Organisationen aufgebracht hatten. Weil die Piraten sich nicht einigen konnten, kam es zu einer Schießerei. Duulaaye war auf der Stelle tot, auch vier andere Piraten wurden getötet.
Das Flugzeug rollte auf die Startbahn. "Galcaio Tower", funkte Derek. "Erbitte Starterlaubnis. Zwei Mann an Bord."
Keine Antwort. Dann endlich, nach ein paar Sekunden, die sich anfühlten wie eine Ewigkeit, eine kratzende Stimme im Funkgerät. "Ja, okay." Mehr nicht.
Wir hoben ab.

DER SPIEGEL 23/2015
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