30.05.2015

Geschichte„Mit der Toilette kam das Chaos“

Der britische Kunsthistoriker Lee Jackson hat erforscht, wie das viktorianische London zur dreckigsten Stadt der Welt wurde.
Jackson, 43, gehört zu einer Reihe Autoren, die Geschichte lebendig und spannend präsentieren wollen, aus der Alltagsperspektive der einfachen Menschen. Am Beispiel der größten Metropole des 19. Jahrhunderts schildert Jackson, wie das unkontrollierte Wachstum der Großstädte im Frühkapitalismus zu haarsträubenden hygienischen Verhältnissen führte.
SPIEGEL: Das viktorianische England galt bislang als sexuell verklemmtes, aber klinisch reines Zeitalter. Ein Irrglaube?
Jackson: Sexuell verklemmt stimmt, doch aseptisch? Richtig sauber ging es nur auf den Abbildungen von Pralinenschachteln zu: eine Lady in einem prächtigen Kleid und dazu ein freundlicher Gentleman mit strahlend weißem Lächeln. Ein ziemlicher Unfug.
SPIEGEL: Was ist falsch an diesem Bild?
Jackson: Der Kontrast zwischen Anspruch und Wirklichkeit könnte kaum größer sein. Die Viktorianer pflegten ausgiebig einen Sauberkeitsfimmel. Sie putzten ihr Tafelsilber und hantierten pausenlos mit einem Staubwedel herum. Doch gleichzeitig war ganz London von einer widerlich schwarzen Schicht überzogen. Eine klebrige Paste aus Ruß, Staub, Dreck und Exkrementen, der auch Wohlhabende kaum entkommen konnten, bedeckte die Straßen. Ausländer, die London besuchten, fragten sich: Wie kann man nur so leben?
SPIEGEL: Genau darüber haben Sie jetzt ein Buch geschrieben(*). War die Hauptstadt des Empire wirklich so eklig, wie Sie es darstellen?
Jackson: Leider ja, das ist eine gruselige Geschichte. Besonders schlimm muss die Luft gewesen sein. Es stank dermaßen
nach Rauch, dass kein heute Lebender das ausgehalten hätte. Aber daran waren die Londoner selbst schuld. Sie wollten partout nicht auf ihre offenen Kamine verzichten, in denen sie Kohle verbrannten. Ein geschlossener Ofen hätte die Wohnungen sicher auch gewärmt. Aber so ein offenes Feuer ist natürlich viel schöner. Außerdem hielten viele den Geruch von Kohlebrand sogar für gesundheitsfördernd.
SPIEGEL: Wie sind die nur darauf gekommen?
Jackson: Nun, wir befinden uns in einer Zeit, in der die Erkenntnisse des deutschen Mediziners Robert Koch über Bakterien längst noch nicht verbreitet waren. Die Leute dachten damals wirklich noch, dass Krankheiten durch üble Gerüche ausgelöst würden und nicht von winzigen Erregern. Kohle galt als reinigend und gutes Mittel gegen den angeblich krank machenden Gestank von Kot und Urin, der aus den Sickergruben unter den Häusern aufstieg.
SPIEGEL: Was ist denn da schiefgelaufen? Großstädte wie New York oder Paris klagten nicht über solch schockierende Zustände.
Jackson: London war damals mit Abstand die größte Stadt der Welt und ein Vorreiter in Sachen Vermüllung. New York, Paris und auch Berlin zogen erst einige Jahrzehnte später nach. In London erwies sich zudem als verheerend, dass sich niemand um den allgegenwärtigen Dreck kümmerte. Die Macht lag in den Händen kleiner Gemeindeverwaltungen, in denen erfolgreiche Geschäftsleute und Geistliche um ihren Einfluss kämpften. Selbst wenn jemand kluge Ideen zur Verbesserung der Hygiene gehabt hätte, wären diese vermutlich niemals umgesetzt worden. Wie weit die Uneinigkeit ging, konnte man mit einem Blick auf den Boden erkennen: Beinahe jede Straße war auf unterschiedliche Weise gepflastert.
SPIEGEL: Allerdings brachte es London irgendwann fertig, ein Abwassersystem zu bauen.
Jackson: Ja, aber auch das war kein wirklich weitsichtiges Projekt. Das Abwassernetzwerk des Ingenieurs Joseph Bazalgette orientierte sich ebenfalls an der irrigen Annahme, dass Krankheiten wie Typhus und Cholera durch Fäulnisgeruch übertragen würden. Folglich plante Bazalgette nach dem Motto "Aus den Augen, aus dem Sinn" und leitete die stinkenden Abwässer einfach flussaufwärts aus dem Zentrum der Stadt hinaus – so wurde der Gestank nur woandershin verschoben.
SPIEGEL: Immerhin scheint sich im viktorianischen London eine Art frühes ökologisches Bewusstsein gebildet zu haben. Sie beschreiben, wie zu dieser Zeit eine rege Recyclingindustrie entstand.
Jackson: Es gab tatsächlich wenig, das nicht wiederverwertet wurde. Selbst tote Katzen wurden umgehend zum Kürschner getragen. Die weißen Kadaver brachten am meisten Geld ein. Das Hauptgeschäft aber wurde mit Asche gemacht, die von den Ziegeleien zum Brennen von Ziegeln benötigt wurde. Das war ein herrlicher Geschäftskreislauf: Je mehr Ziegel produziert wurden, desto mehr Häuser wurden gebaut, deren Kaminasche wiederum dazu diente, noch mehr Ziegel zu brennen. Dieser Kreislauf kam erst zum Erliegen, als London zu groß wurde und die Bautätigkeit nachließ. Natürlich steckte hinter alldem überhaupt kein ökologischer Gedanke. Die Armut war groß, und die Leute taten alles, um zu Geld zu kommen.
SPIEGEL: Wie war es denn um die Geruchsbelästigung in den Häusern selbst bestellt?
Jackson: Zu jedem Haus gehörte eine offene Sickergrube, zwei Meter tief und anderthalb Meter breit, in die durch ein gemauertes Rohr die Exkremente plumpsten. Meistens lag dieses Becken direkt am Haus und wurde nur alle ein bis zwei Jahre geleert – von Hand. In den Wohnungen muss es bestialisch gestunken haben. In reicheren Haushalten lag die Sickergrube deshalb weiter vom Haus entfernt im Garten. Trotz des Gestanks funktionierte das System ganz passabel. Dann aber hielt eine moderne Erfindung Einzug, die alles durcheinanderbrachte ...
SPIEGEL: ... und die wäre?
Jackson: Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde das Wasserklosett plötzlich immer beliebter. Blöd war nur, dass keiner einen Plan hatte, wie man mit dieser Neuheit umgehen sollte. Die Klempner sagten den Besitzern: "Hey, ich kann deine Toilette mit deiner Sickergrube verbinden." Doch das war eine schlechte Idee. Die Kloaken waren überhaupt nicht für die Wassermassen ausgelegt, die nun in sie hineingespült wurden. Die Becken liefen ständig über, Exkremente und Unrat wurden in die Gegend geschwemmt, und es stank noch viel schlimmer als vorher. Man kann also sagen: Mit der Toilette kam das Chaos!
SPIEGEL: Was ist aus den Sickergruben geworden?
Jackson: Irgendwann kam man auf die rettende Idee, die Toiletten an ein Kanalsystem anzuschließen. Die Kehrseite: Daraufhin nutzten viele Londoner die nicht mehr benötigten Sickergruben, um ihren Müll loszuwerden. Nun ja. Immerhin entwickelten sich die Gruben dadurch zu interessanten archäologischen Stätten.
SPIEGEL: Stimmt es, dass es die Menschen damals auch mit dem Waschen nicht so genau nahmen?
Jackson: Das ist so nicht richtig. Natürlich haben sich die Leute in den damals entstehenden Badehäusern in die wärmende heiße Wanne gelegt, sobald sie die Gelegenheit dazu hatten. Der Alltag war allerdings grimmiger: Keine Frau hätte sich zwischen vier und sieben Uhr früh an den See "Serpentine" im Hyde Park verirrt. Zu der Zeit verrichteten dort die Männer ihre Morgentoilette.
SPIEGEL: Und diese öffentliche Zurschaustellung von Nacktheit war nicht verboten?
Jackson: Im Gegenteil, viele Seen sind vor allem zu dem Zweck angelegt worden, damit die einfachen Leute sich dort waschen konnten. Wo sollten sie auch sonst hin?
SPIEGEL: Sie beschreiben die Themse als die größte Kloake Londons. Warum hat das die Leute nicht davon abgehalten, daraus sogar Wasser zu schöpfen?
Jackson: Die Themse wurde durchaus als Übeltäter ausgemacht, wenn es um die Verbreitung von Typhus und Cholera ging. Aber wie schon gesagt, von krank machenden Bakterien hatten die Menschen noch keine Ahnung. Die haben das Wasser aus der Themse geholt und gewartet, bis sich im Kanister das angeblich böse, schlecht riechende Sediment am Boden abgelagert hatte. Wenn das Wasser dann einigermaßen klar war, wurde es für gut befunden.
SPIEGEL: Das muss aber furchtbar geschmeckt haben.
Jackson: Oh nein, das Wasser wurde nicht getrunken, sondern zum Waschen genutzt. So verrückt waren die Leute dann doch nicht. Getrunken wurde vor allem Alkohol – Bier oder Gin. Auch Quellwasser war sehr beliebt, ähnlich unserem heutigen Mineralwasser. 1828 gab es allerdings einen Riesenskandal, als herauskam, dass eine gierige Firma wohlhabende Haushalte mit Trinkwasser belieferte, das sie aus der Themse gepumpt hatte.
Interview: Frank Thadeusz
* Lee Jackson: "Dirty Old London. The Victorian Fight against Filth". Yale University Press, London; 296 Seiten; 19,95 Euro.
Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 23/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 23/2015
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Geschichte:
„Mit der Toilette kam das Chaos“

  • Vor 20 Jahren in Berlin: Der Niedergang des Wedding
  • Webvideos der Woche: Festhalten bitte, wir starten durch!
  • Nasa-Sonde zeichnet Geräusche auf: So klingt der Mars
  • Faszinierende Bilder: Das Geheimnis der leuchtenden Delfine