09.02.1987

FLICK-PROZESSTeuflisch schlaue Idee

Eberhard von Brauchitsch setzt im Flick-Prozeß auf Milde des Gerichts - schließlich hat der Flick-Konzern Steuern auch gezahlt. *
Stocksteif, die Arme über der Brust verschränkt, Oberkörper und Kopf zurückgelehnt, die Augen halb geschlossen, lauscht Eberhard von Brauchitsch den Plädoyers der Verteidiger. Mehr als 120 Tage hat er nun schon im holzgetäfelten Schwurgerichtssaal an der Bonner Wilhelmstraße zugebracht. Aber erst jetzt, eineinhalb Wochen vor dem Urteil, scheint ihm klarzuwerden, in welch besorgniserregender Nähe zum Knast sich dieser Schwurgerichtssaal befindet.
"De Blech", wie die Bonner ihr Gefängnis nennen, liegt gleich nebenan. Und seit die Staatsanwälte vier Jahre Gefängnis für ihn forderten, muß der ehemalige Flick-Manager mit der Möglichkeit rechnen, tatsächlich für eine Zeitlang hinter Gitter zu wandern.
Seine Mitangeklagten haben dergleichen nicht zu befürchten. Der wirtschaftspolitische Sprecher der FDP, Otto Graf Lambsdorff, wühlt sich - zur Vorbereitung der Koalitionsgespräche - durch seine Akten, als säße er nicht im Gerichtssaal, sondern in seinem Büro. 15 Monate auf Bewährung hat die Anklage für ihn verlangt.
Der zweite Mitangeklagte, Ex-Wirtschaftsminister Hans Friderichs, scheint die meiste Zeit zu träumen. Die von den Staatsanwälten geforderte Geldstrafe von 120000 Mark bringt den ehemaligen Vorstandssprecher der Dresdner Bank nicht aus der Ruhe.
Beide vermitteln den Eindruck, als ginge sie der Rest des Prozesses nichts mehr an. Eberhard von Brauchitsch aber wirkt versteinert.
Nur die ständige Bewegung seiner Hustenbonbons zermalmenden Kinnladen und die Augen lassen die kalte Wut ahnen, die den einst so mächtigen Industriekapitän befallen hat - unter diesen Blicken müßten den ihm gegenübersitzenden Staatsanwälten eigentlich die Ohren abfrieren.
Fast 18 Millionen Mark haben sie dem Angeklagten von Brauchitsch in Rechnung gestellt. Unter seiner Verantwortung als persönlich haftender Gesellschafter des Flick-Konzerns sei Körperschaftsteuer in Höhe von 14419469 Mark und Gewerbesteuer in Höhe von 3407151 Mark hinterzogen worden. Nicht in die eigene Tasche habe der Manager gewirtschaftet, sondern ausschließlich zum Wohle des Konzerns und des Konzernchefs Friedrich Karl Flick.
Daß er für den Jugendfreund mitbüßen soll, erbittert den Ex-Manager in besonderem Maße. Während er im Gericht sitzt, feiert Friedrich Karl Flick
seinen 60. Geburtstag und verkündet in Interviews, wie toll es sei, daß er wieder ein "Mädel" gefunden hat.
Mehr als 21 Millionen Mark hat der Milliardär in den Jahren 1975 und 1976 in einem Devisentermingeschäft verdient - ohne auch nur einen Finger zu rühren. Das Geschäft besorgten andere für ihn. Und nach Auffassung der Staatsanwälte war es von Brauchitsch, der den zunächst auf Rechnung des Konzerns erwirtschafteten Devisengewinn am Fiskus vorbei in die Schatulle seines Chefs geleitet hat.
Der treue Diener des Konzern-Herrn muß nun sehen, wie er das Gericht davon überzeugt, daß nicht er selbst, sondern wiederum andere - nämlich die Experten der Konzern-Steuerabteilung - dafür verantwortlich sind.
Gelänge der Nachweis, sähe das Sündenregister des Managers nicht mehr gar so furchterregend aus: Immerhin gehen zwölf der 18 Millionen, die die Staatsanwälte ihm ankreiden, auf das Konto des beanstandeten Gewinntransfers.
Aber das ist gar nicht so leicht. Die von den Staatsanwälten gesammelten Indizien deuten sehr wohl darauf hin, daß von Brauchitsch schon damals einer war, ohne den im Flick-Konzern nichts mehr lief - und schon gar nicht ein Geschäft dieser Größenordnung.
Auch der zweite dicke Brocken, die unter dem Deckmantel christlicher Nächstenliebe mit der Steyler Missionsgesellschaft Soverdia eingefädelte wundersame Geldvermehrung, ist keineswegs leicht aus dem Weg zu räumen.
Das Soverdia-Geschäft, das selbst der Brauchitsch-Verteidiger Hans-Ludwig Schreiber "eine teuflisch schlaue Idee" nennt, beruhte auf dem Prinzip des wechselseitigen Gebens und Nehmens. Der Flick-Konzern spendete den Missionaren für angeblich mildtätige, jedenfalls steuerlich begünstigte Zwecke jährlich eine Million. Mit der Quittung über diese Summe, vorzulegen beim Finanzamt, ließ sich der Konzern aber jedes Jahr 800000 Mark zurückbringen. Das Geld floß in die "schwarze Kasse".
Erfunden hat nicht von Brauchitsch diesen Handel - nach Meinung seiner Verteidiger hat er auch nichts davon gewußt. Es war Konrad Kaletsch, ein Vetter des Firmengründers Friedrich Flick und nach dessen Tod die "graue Eminenz". Und der eigentliche Mittäter war eben jener Chef des Rechnungswesens, Rudolf Diehl, dessen "wg."-Kürzel den ganzen Flick-Prozeß erst ins Rollen gebracht haben. Er ließ sich von dem Missionspater Josef Schröder das Geld - in Tausendern abgepackt - zurückbringen, das vorher gespendet worden war.
Die Glaubwürdigkeit des Zeugen Diehl zu erschüttern ist das Hauptanliegen der Verteidigung. Der Buchhalter, so argumentieren sie, habe aus durchsichtigen Gründen ein Interesse daran gehabt, eine Mitwisserschaft des Managers von Brauchitsch zu unterstellen. Schließlich habe er sich an der von ihm geführten schwarzen Kasse - das jedenfalls lassen die Verteidiger in ihren Plädoyers anklingen - selbst bereichert. Diehl wurde außerdem wegen anderer Steuerstraftaten bereits verurteilt.
Konrad Kaletsch steht als Zeuge nicht mehr zur Verfügung. Er starb 1978. Aber er wird in diesem Prozeß mindestens ebensohäufig von der Verteidigung zitiert wie der 1981 ermordete FDP-Schatzmeister Heinz Herbert Karry. Tote Zeugen sind auch im Flick-Prozeß die besten Zeugen. Die Verteidiger wären ihre Honorare nicht wert wenn sie dies außer acht ließen.
Immerhin haben sie es schon geschafft, ihre Mandanten vom Vorwurf der Korruption freizukämpfen. Seit die Siebte Große Strafkammer im Juli vorigen Jahres erklärte, mit einer Verurteilung wegen Bestechlichkeit und Bestechung sei nicht zu rechnen, betrachten die Advokaten den Vorsitzenden Hans-Henning Buchholz und seine Beisitzer, Christoph Bauer und Reinhard Thiesmeyer, sogar schon fast als Verbündete.
"Ein Juwel" sei der Beschluß vom Juli, schwärmt Friderichs-Anwalt Eberhard Wahle, der bei Prozeßeröffnung noch gejammert hat, er halte ein faires Verfahren nicht mehr für möglich. Jetzt schaltet er ganz auf Schmusekurs: Sein Mandant Friderichs habe "das Glück gehabt, auf diese Kammer und diesen Vorsitzenden" zu stoßen.
Egon Müller, einer der Lambsdorff-Verteidiger, fühlt sich bemüßigt, das Gericht gegen die Schelte der Staatsanwälte in Schutz zu nehmen. Daß die immer noch an Korruption glauben wollen, zeige doch nur ihr Unvermögen, sich von einem einmal gefaßten Verdacht zu lösen.
Müllers Kollege Reinhold Vester setzt noch einen drauf. Er nimmt den Staatsanwälten
übel, daß sie ihren Strafantrag - vier Jahre Gefängnis für von Brauchitsch - offenbar ohne Ansehen der Person festgesetzt haben: Die Vertreter der Anklage "hätten nicht so achtlos über die Persönlichkeit unseres Mandanten und über seine Verdienste für Staat Gesellschaft und Wirtschaft hinweggehen dürfen".
Schließlich schulde der Staat dem Manne "Wiedergutmachung", weil er ihn "mehr als fünf Jahre lang dem ungerechtfertigten Vorwurf ausgesetzt hat, Minister bestochen zu haben".
Und die 18 Millionen? Nur normale Sterbliche kann diese Summe beeindrucken. Der Manager von Brauchitsch denkt in anderen Größenordnungen. Entscheidend, so läßt er seinen Anwalt Vester vortragen, seien doch auch jene 750 Millionen Mark, die eben nicht hinterzogen, sondern vom Flick-Konzern an Steuern gezahlt wurden - "in ertragsarmen Zeiten". Daß die Firma überhaupt Geld abwarf, hält der Verteidiger ihrem damaligen Manager zugute. Vester: "Es ist mit sein Verdienst."

DER SPIEGEL 7/1987
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