17.11.1986

NEUE HEIMATNur noch zahlen

Die Liquidation der Neuen Heimat, die nun unter Führung der Banken betrieben wird, kostet die Gewerkschaften noch Milliarden.
Wenn Ernst Breit vor Kameras und Mikrophone tritt, wird es in jüngster Zeit oft teuer für die Gewerkschaften. Vor acht Wochen, als der DGB-Vorsitzende den Verkauf der Neuen Heimat (NH) an den Berliner Brotfabrikanten Horst Schiesser bestätigte, hofften die Gewerkschaftsführer noch, mit einem Zuschuß von einer Milliarde Mark davonzukommen.
Doch nach Breits Fernsehauftritt in der Nacht zum Freitag vergangener Woche ist klar, daß es wieder mal ein bißchen mehr sein darf. Der Schaden, der nicht in Mark und Pfennig zu berechnen ist, kommt noch dazu.
Da Schiesser mit den 17 Milliarden Mark Schulden der Neuen Heimat nicht fertig wurde, soll eine Auffanggesellschaft ihm den Wohnungskonzern wieder abnehmen, gab Breit betreten bekannt. Aus der "desolaten Lage" führe kein anderer Weg, der die "Gewerkschaften und ihre politischmoralischen Grundlagen ungeschoren" ließe.
Es muß einem Gewerkschafter inzwischen arg schwerfallen von moralischen Grundlagen zu sprechen. Über Jahre hinweg hat der DGB zugelassen, daß die Manager der Neuen Heimat Schindluder mit ihrem Wohnungsunternehmen trieben und daß die Gewerkschaftsholding BGAG in einer Nacht-und-Nebel-Aktion das Unternehmen verschleuderte. Nun darf die verstoßene Tochter wieder zurück.
Im September als die Gewerkschaftsführer in ihrer Hilflosigkeit auf den Fabrikanten Schiesser verfielen, hofften sie noch, das Problem Neue Heimat ein für allemal los zu sein. Doch die DGB-Spitze war den Managern der Gewerkschaftsholding BGAG aufgesessen.
Alfons Lappas und sein Adlatus Rolf Freyberg hatten behauptet, die Banken seien über alles informiert und damit einverstanden, daß Schiesser die Neue Heimat übernehme. Jetzt wissen es die DGB-Führer besser. Lappas und Freyberg "haben uns schamlos angelogen", sagt der Vorsitzende einer Einzelgewerkschaft. Am Donnerstag vergangener Woche mußte Lappas die Konsequenzen ziehen und seinen hochdotierten Posten aufgeben. Über die Höhe seiner Abfindung und Pension ist noch nicht entschieden.
Inzwischen ist den Gewerkschaftsvorsitzenden längst klar, wie das Trio Lappas, Freyberg und Mitvorstand Manfred Wiesmeier die Genossen in die Katastrophe gesteuert haben. "Mit der Kohlenschaufel", so ein Berater des IG-Metall-Vorsitzenden Franz Steinkühler, hätten die drei das Geld der Gewerkschaften aus dem Fenster geworfen.
In der Tat: Zu all den Millionen, die im Laufe der Jahre für die NH geopfert wurden, kommen neue Milliarden. Das Zwischenspiel mit Schiesser wurde teurer als alle vorher erwogenen Lösungen. Die Gläubiger haben nun, verärgert durch die dilettantische Art des NH-Verkaufs an Schiesser, das Kommando übernommen. Die BGAG hat nichts mehr zu sagen, nur noch zu zahlen.
Die Banken zwangen die BGAG, Schiesser die Neue Heimat wieder abzunehmen. Einen Konkurs können sich die Gewerkschaftsmanager nicht leisten, weil sie sonst damit rechnen müßten, daß offenbar würde, wie lange das Unternehmen schon überschuldet ist. Verfahren wegen Konkursverschleppung wären unvermeidlich. "Wir müßten mit dem Staatsanwalt rechnen", gesteht ein Gewerkschaftsfunktionär.
Eine neue Holding soll nun das Wohnungsunternehmen liquidieren. Gesellschafter dieser Holding werden die BGAG und Interessenten der öffentlichen Hand, die noch gesucht werden. Mit Heinz Sippel, dem Sanierer der Hessischen Landesbank, wurden am Freitag bereits erste Gespräche geführt: Er soll als Treuhänder diese Holding leiten und in den Aufsichtsrat der NH einziehen.
Die BGAG wird noch einmal mindestens zwei Milliarden Mark für die Neue Heimat aufbringen müssen. Sie hat den Banken zugesagt, die Verluste nicht nur für 1985 und 1986, sondern auch für das nächste Jahr noch auszugleichen. So haben die Gläubiger einen ordentlichen Spielraum, um ihr Geld über drei Jahre hinweg abzuschreiben.
So wie die Gewerkschaftsmanager hatte auch der NH-Käufer Schiesser keine Chance, sich gegen die harte Hand der Geldgeber zur Wehr zu setzen. Ohne Zugeständnisse der Banken konnte er den verschuldeten Wohnungskonzern nicht weiterführen. Die Banken, hatte Schiesser gehofft, würden auf einen Teil ihrer Zinsen verzichten.
Inzwischen geriet der Brotfabrikant auch mit seinem übrigen "Firmen-Haufen" (Schiesser) in Schwierigkeiten.
Die Berliner Bank hatte ihm nach dem NH-Kauf eine Kreditlinie über 25 Millionen Mark gestrichen. Nun hat die BGAG, nachdem Schiesser der Rückgabe der NH-Anteile zustimmte, ihm einen Kreditspielraum von 25 Millionen zugesagt.
Der Druck auf Schiesser hatte sich bereits in der vorvergangenen Woche verstärkt. Die Banken legten ihm zunächst den Gang zum Vergleichsrichter nahe.
BGAG-Manager Freyberg forderte die Banken auf, Geduld zu zeigen. Die Ausgangslage der NH, so Freyberg im "Handelsblatt", sei "deutlich besser als vor dem Eigentümerwechsel", das Sanierungskonzept Schiessers biete durchaus "Erfolgsaussichten".
Die Bankiers zeigten sich unbeeindruckt. Sie glaubten nicht daran, daß Schiesser eine Lösung des NH-Problems zu bieten habe.
In der Tat hatte das Berliner "Innovations-Team" (Schiesser) nur Wirres zu bieten. Jürgen Havenstein, Schiessers Mann an der NH-Spitze, lief zwar ständig mit einer gelben Mappe umher, in der ein Sanierungskonzept exakt berechnet war. Doch alle Voraussetzungen dieses Konzepts - 2,5 Prozent jährliche Mietsteigerung, zehnprozentige Kostensenkung- waren falsch.
Als Schiesser sich hartnäckig weigerte, Vergleich anzumelden, drohten die Banken damit, selbst zum Amtsgericht zu gehen und Konkurs anzumelden. Freyberg begriff, daß es den Gläubigern bitterernst war.
So informierte er den Aufsichtsratsvorsitzenden der BGAG, DGB-Chef Breit, über den drohenden Zusammenbruch der NH. Breit und Freyberg waren sich einig: Ein Konkurs der NH mußte um jeden Preis verhindert werden. IG-Metall-Chef Franz Steinkühler hatte sich ausrechnen lassen, daß bei einem Konkurs der NH Forderungen
von bis zu acht Milliarden Mark auf die Gewerkschaften zukommen könnten.
Im Auftrag Breits nahm Freyberg über Eberhard Weiershäuser von der WestLB Kontakt zu der Sechsergruppe der NH-Gläubiger auf. Die dachten sich dann übers Wochenende die Treuhand-Lösung aus.
Am Montag der vergangenen Woche kamen die 15 führenden NH-Gläubiger zu einer Sitzung im Frankfurter Hotel Hessischer Hof zusammen. Die Sechsergruppe unterrichtete die übrigen Banken über die Entscheidungen und Gespräche der vergangenen Tage. Anschließend baten die Banken Freyberg hinzu. Den Brotfabrikanten, der in seinem Hotel wartete, wollte niemand mehr sehen.
Freyberg erklärte den Bankiers, die BGAG habe "nie versucht, sich aus der Verantwortung zu stehlen". Sie wolle einen Konkurs der NH auf jeden Fall verhindern und sichere zu alle Schulden bis Ende 1987 zu übernehmen.
"Die Gewerkschaften", so ein Banker später über das Angebot von Freyberg, "sind über ihren eigenen Schatten gesprungen."
Um drei Uhr morgens in der Nacht zum Mittwoch vergangener Woche unterschrieb Schiesser dann nach langen Verhandlungen ein "notariell beurkundetes unwiderrufliches Angebot", das den Verkauf der NH an die geplante Holding vorsieht. Am Donnerstagabend billigte der Aufsichtsrat der BGAG erstaunlich prompt die Treuhandlösung. Die Gewerkschaften sind sich darüber im klaren, daß sie sich weitere Fehler nicht mehr leisten können.
"Dies"-, so Weiershäuser von der WestLB, "ist die letzte Chance für alle Beteiligten."
Einige der Beteiligten, wie Alfons Lappas, sind bei dem neuen Spiel nicht mehr dabei. Auch NH-Chef Havenstein gab sein Amt sofort auf, eine Abfindung von 2,5 Millionen Mark nimmt er mit.
Eine neue Chance bekommt dafür Wilfried Bundt, der vor sechs Wochen gefeuerte ehemalige NH-Vorstand. Die BGAG ließ den Volkswirt, Verfasser eines Werkes mit dem Titel"Sanieren - aber wie", zum Generalbevollmächtigten machen.
Ob DGB-Chef Breit die Folgen des NH-Debakels übersteht, ist nicht sicher. Für den Berliner DGB-Bezirk ist auch der DGB-Vorsitzende "kein Tabu". Der Bundesvorstand der IG Bau-Steine-Erden forderte "Konsequenzen für die Verantwortlichen" des NH-Komplexes.
Der Mann dagegen, der die Aufregung der vergangenen Wochen produziert hat, kann mit Gelassenheit in die Zukunft sehen. Horst Schiesser hat nicht nur neuen Kredit bis zu 25 Millionen Mark, sondern bekommt als Aufwandserstattung von der BGAG gut 14 Millionen, genau: 14199224 Mark und 40 Pfennig.
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Vor dem Parlamentarischen Untersuchungsaus schuß am Donnerstag vergangener Woche in Bonn.

DER SPIEGEL 47/1986
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