06.04.1987

Der reiche Jude in Manhattan

SPIEGEL-Redakteur Rainer Weber über Fassbinders „Müll“ an der Lower East Side *
Antisemitismus? Ja, gut, okay, das auch, sagt Nick Fracaro. Aber der erbitterte Streit in Frankfurt ist für ihn eher Beweis für die Verknotungen des deutschen Seelenlebens. Und wenn es nur um Antisemitismus bei Fassbinders "Der Müll, die Stadt und der Tod" ginge, dann würde er es auch nicht in Szene setzen.
Genau das tut er aber. "Trash, the City, and Death" soll am 16. April in New York im NoHo Theater (100 Sitzplätze) uraufgeführt werden. Öffentliche Voraufführungen, sogenannte Previews, liefen in der ganzen vorletzten Woche in einem Studiotheater, ein paar Blocks weiter südlich. Sie liefen bislang ungestört. Und sie liefen in einer Umgebung die Fassbinders Frankfurt-Stück um Stadtzerstörung und Grundstücksspekulation bestens ansteht.
Vor zwei Jahren noch war Rivington eine schäbige Straße östlich der verkommenen Bowery, unbewohnbar wie der Mond. Manchmal, sagt ein blendend gelaunter Cop im zuckenden Blaulicht seines Streifenwagens östlich der Bowery, hätten hier Dealer und Kunden "Hemd an Hemd" gestanden. Inzwischen genüge es, wenn der Ortsfremde nicht gerade "aussieht wie ein Opfer", wenn er unbehelligt im Viertel herumlaufen will.
Die plötzliche Aufbesserung hat die Stadt durchgesetzt, ihr gehören die meisten Grundstücke in der Gegend. Eine massive Polizei - "Operation Pressure Point" - hat das Areal halbwegs befriedet. Das schicke Greenwich Village ist nah, auch die Bürotürme der Financial City mit Wall Street, mit ihren Hunderttausenden von gutverdienenden Yuppies sind schnell zu erreichen.
Es gab Steuergeschenke an Bauherren, Häuser wurden zwangsgeräumt, Wohnsubstanz wurde zerschlagen - und Lower East Side zum heißesten Spekulationsgebiet von New York: Am East River läuft die Mainhattanisierung Manhattans.
Immer lebten hier Einwanderer. Bis zum Zweiten Weltkrieg kamen Juden aus Europa. Jetzt ist das Gros der Bevölkerung hispanisch oder schwarz. Im Haus Rivington 124 werden noch Shapiros Kosher Wines verkauft, in Nr. 128 betreibt die Firma Geller & Breier ihr Hebrew Book Store. Bei Nr. 156 teilt sich das "ABC No Rio"-Studiotheater eine Feuerschutzwand mit einer Mazze-Bäckerei.
Im ABC No Rio, einem im Untergrund inzwischen legendären Austragungsort avantgardistischer Musik und wüster Performances, spielt die Truppe "Thieves Theatre" die Previews des als antisemitisch verschrieenen Fassbinder-Stücks.
Aus dem ersten Stock dröhnt Pop, oben ist eine "Shooting Gallery", eine Schießbude. Geschossen wird Rauschgift. Unten, im Studio und zwischen der titelgerechten "Müll"-Dekoration aus Bruchmöbeln und zerborstenem Glas ruht griffbereit ein Baseballschläger auf zwei Wandhaken. Das ist zwar nicht _(Annie Rae Etheridge und Robin McAlpin. )
erst seit dem "Trash" so, aber immer wieder gut gegen unerwünschte Eindringlinge.
Regisseur Fracaro hat seine Truppe "Thieves Theatre" getauft, nach dem "Tagebuch eines Diebes", des Sträflings- und Schwulendichters Jean Genet. Die 28 "Theaterdiebe" sind zwar Profis, doch leben können sie von ihrer Kunst nicht. Fracaro kutschiert Möbel, auf seiner Visitenkarte steht "Man With Van", also mit Lieferwagen. Lebensgefährtin Gabriele Schafer, die Fassbinders Stück "Der Müll, die Stadt und der Tod" neu übersetzt hat, jobbt als Textverarbeiterin - letzte Woche bei der Firma Rothschild. Gelegentlich arbeitet sie als Synchronsprecherin, zuletzt mit dem Reklamesatz "Fritz, isch baken schnickerdoodles". Frau Schafer stammt aus dem Odenwald.
Nach "Trash", meinen einige in der Truppe, hat die Not vielleicht ein Ende, dann würden sie in der Theaterwelt Beachtung finden. Denn Fassbinders Frankfurter Westend-Melodram um Spekulation, Stadtzerstörung, Sadomasochismus, um einen reichen Juden und eine arme Hure hat bisher ja schon reichlich Wind gemacht und für Wirbel gesorgt.
Wegen antisemitischer Passagen trennte sich der Ur-Verlag von dem Text. Laut Vermächtnis des 1982 verstorbenen Autors darf das Stück nur an einem Frankfurter städtischen Theater oder in New York uraufgeführt werden - ein Vermächtnis freilich, das nirgendwo schriftlich fixiert ist und immer mal wieder bestritten wird. 1984 untersagte die Stadt Frankfurt, daß der "Müll" in eine U-Bahn-Baugrube an der Alten Oper gekippt wurde, der Generalmanager mußte gehen. Dann, im November 1985, verhinderten Mitglieder der Frankfurter Jüdischen Gemeinde per Go-In und Bühnenbesetzung die geplante Uraufführung - weltweite Publicity.
Nur 500 Dollar hat das "Thieves Theatre" für die New Yorker Aufführungsrechte an den Frankfurter Verlag der Autoren gezahlt. Mehr sei bei den armen Theaterdieben aus dem Lower East End nicht dringewesen, sagt Agentin Elisabeth Marton. Erzielt die Truppe höhere Erlöse, werden rund sechs Prozent Tantieme, also das Übliche, abgeführt. Niemand sonst in New York habe sich für den "Müll" von Rainer Werner Fassbinder ernsthaft interessiert.
Dem Verlag kann das, auf Dauer gesehen, egal sein. Denn ganz gleich, wer den "Müll" hier auf die Bühne bringt - wenn erst einmal eine Uraufführung in New York stattgefunden hat, ist das Stück frei für die Welt. Dann kann sich zeigen, mit welchem künstlerischen Wert das eilig hingehauene Melodram aus dem Dickicht der Städte aufgeführt werden kann. Dann aber ist auch denkbar, daß ausgemachte Antisemiten in Fassbinders "Müll" wühlen.
Genau hier sitzt der perfide Widerhaken des Manhattan-"Trash". Während Fracaro und seine Freunde in Fassbinders Stück vor allem ein melancholischwüstes Drama um Gewalt und Liebe von Menschen sehen, die von der gutbürgerlichen Gesellschaft diskriminiert werden (Huren, Schwule, Zwerge), sieht sich die jüdische Gemeinde mit der wenig ermunternden Zukunftsperspektive eines immerwährenden Guerillakampfes gegen die immergleichen Antisemitismen ("Er saugt uns aus, der Jud") konfrontiert, die unweigerlich einmal in demagogischer Absicht präsentiert werden.
Eineinhalb Wochen vor der geplanten Premiere hat die Anti-Diffamierungs-Liga der mächtigen jüdischen B''nai-B''rith-Organisation vor "Fassbinders haßerfülltem Bühnenstück" gewarnt, das "als Katalysator antisemitischer und rassistischer Reaktionen" gedient habe. Ihrer besonderen Verantwortlichkeit zum Schutz der Gemeinde vor Beleidigung sei sich die Organisation bewußt - Bühnenbesetzung in New York?
"Vorsichtshalber" und ein bißchen routinemäßig schwärmten Mitte März Rechercheure der "Anti-Defamation-League" aus, um die Hintergründe des "Thieves Theatre" auszuleuchten und auf eventuelle Querverbindungen zu rechtsradikalen oder antisemitischen Zirkeln abzuklopfen. Berichte wurden geschrieben, Archivunterlagen gewälzt, kommunale Kulturinstanzen befragt.
Dabei kam raus: Die Urzelle der autonomen Theaterkompanie war der Knast. 1981 führte Regisseur Fracaro, gelernter Literaturwissenschaftler, mit Insassen des Staatsgefängnisses von Illinois Genets "Deathwatch" ("Unter Aufsicht") auf, ein Szenenphoto schmückt, neben allerlei schwarzmagischem Schnickschnack wie entflammten Hexensternen, _(Edgar M. Böhlke und Ellen Schulz. )
noch immer die Broschüren seiner Truppe.
Mit ehemaligen Patienten einer Nervenheilanstalt zu den Klängen eines Punkmusikers namens Mike Nightmare (zu deutsch: Michael Alptraum) brachte er den "Marat/de Sade" von Peter Weiss auf eine New Yorker Off-Bühne.
In einer "Autobiographie des Jesus Christus" verlegte der 35jährige sanfte Mensch im Macho-Look mit dem kurzgeschorenen Schädel den Auferstehungsmythos des Vogels Phoenix ins Cowboyland des amerikanischen Südwestens, bevor er sich mit Inbrunst auf Cocteau und Rimbaud warf. Jetzt, "viele Evolutionsstufen später", will seine Truppe, der per Suchanzeige ein "langer Prozeß der Ensemblebildung" verheißen wurde, ihre kollektive Theater-Stimme den "Stigmatisierten, Quarantänisierten und Ausgegrenzten" dieser Erde leihen. Daraus erwachse "Aussöhnung".
Das klingt bei weitem nicht so schulmeisterhaft wie die gußeisernen Sätze von Frankfurts Schauspielchef Günther Rühle, der "dem Juden" (O-Ton Rühle) im Namen der historischen Notwendigkeit mal zeigen wollte, wo''s langgeht zur deutsch-jüdischen Normalität. Und weil die unbefangene New Yorker Truppe ihr Preview-Publikum nicht in die Frankfurter Folterkammern des Gutgemeinten schicken mußte ("nein, nein, Antisemiten sind wir nicht"), konnte das "Thieves Theatre" in wenigen starken Momenten die Sprengkraft des wild sich auskotzenden, jäh um sich schlagenden Stücks um Kälte, Liebe (und deshalb immer auch Gewalt) und Tod vermitteln.
Die "Theaterdiebe" klotzen einen groben Genet-Aufguß in ihr schäbiges Probenstudio, dumpf schwitzt die Lederkneipe. Ein Transvestit in Dessous drückt prächtige Handstände auf die Armlehnen eines Rollstuhls, und fast wird ein zum Masochisten geläuterter Loddel wirklich zum Ergötzen der Zuschauer im Putzeimer ersäuft. Über nackte Schenkel läuft viel Blut, und nie trägt der ,reiche Jude" weh den Frankfurter Weltschmerz im edlen Antlitz.
Über eine Million Juden leben in New York, mehr als in jeder anderen Stadt der Welt, die israelischen eingeschlossen - keine fast unsichtbare Minderheit wie die Überlebenden der Shoah in Deutschland. Das nämlich haben die New Yorker Juden ihren deutschen Glaubensbrüdern voraus, auch so funktionieren deshalb die Widerhaken in Manhattan: Ein stadtbekannter Discothekenmanager, der es vorzieht, sich nur mit seinem Vornamen Rudolf anreden zu lassen, bekannt als Sohn eines Helfershelfers von Nazi-Kriegsverbrechern und vermutlich aufgewachsen in Argentinien, gedachte huldvoll der "Thieves Theatre"-Truppe den Kassenerlös einer Nacht in der Disco zu spenden.
Der Mann hat es sein lassen. Der Tanzladen gehört Eli Dajan, dem Sohn des Mosche Dajan.
Annie Rae Etheridge und Robin McAlpin. Edgar M. Böhlke und Ellen Schulz.
Von Rainer Weber

DER SPIEGEL 15/1987
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