06.04.1987

Hörbare Vertalkung

Alt-Bundespräsident Scheel talkte sich und dem ZDF den Spott der Nation ein. *
Als Werbeträger für die neue ZDF-Talkshow "Live" funktionierte Alt-Bundespräsident Walter Scheel ausgezeichnet - allerdings nur bis zum ersten Sendetermin.
Von 4,7 Millionen Zuschauern, die den präsidial besetzten Edel-Langweiler einschalteten, blieben gegen Ende noch 2,2 Millionen übrig: Über die Hälfte des Publikums animierte die weithin sicht- und hörbare Vertalkung ihres ehemaligen Staatsoberhauptes zum Um- oder Abschalten.
Entsprechend deutlich waren die Presse-Reaktionen. "Vollkommen überflüssig", "ungepflegte Unterhaltung", "Affentheater" - es gab nur scheele Worte. Am rüdesten ging Ex-Talker Wolfgang Menge auf seinen hohen Kollegen ein: "Mainz, wie es spinnt und quatscht".
Daß der im Show-Kampf der gelben Wagen und Gesänge erfahrene Post-Bundespräsident auf dem blanken Parkett der Alten Oper zu Frankfurt ins Schleudern geraten würde, prophezeiten viele im voraus. Ein Vorwurf, der in erster Linie das ZDF trifft: Mangelndes Sendungsbewußtsein kann man ausschließlich der Redaktion dieser neuen Talk-Überproduktion vorwerfen. Glänzten die "Redner von der traurigen Anstalt" (Kollegenschelte über die ZDF-Moderatoren) auch selten mit überdurchschnittlichen Leistungen, so wurde bis zum Auftritt der ungebrochenen rheinischen Frohnatur Scheel ein gewisses Maß an Grundkenntnissen nicht unterschritten. Doch danach entfuhr es einem Journalisten: "Scheel, laß nach!"; er hatte wie alle anderen Pressevertreter dem Spektakel nur aus einem Nebenraum über Monitor beiwohnen dürfen.
Talker Scheel (Stoßseufzer in den Zeitungen: "Mein Gott, Walter!") ließ in der Tat keinen Fehler aus: Ob bei Monologen, die in diffuse Fragestellungen mündeten, oder bei Fragen, die ihre Antworten gleich mitlieferten, bewegte er sich bestenfalls auf dem Niveau eines Amateur-Reporters bei einer Tombola. Sein Versuch "Konversation im Kammerton"
zu führen, dem Bürger "Argumentationshilfe" zu bieten und gar ein "richtiges Gespräch" anzuzetteln, präsentierte ihn nicht als Walter ego filigraner Unterhaltungskunst, sondern als engen Freund verquaster Weitschweifigkeit.
Daß er einst, 1980, Vorsitzender der Bilderberg-Konferenz war, des angeblich "vornehmsten Debattierklubs der Welt", mutet in diesem Zusammenhang eher satirisch an, seine Tätigkeit als Kurator einer Stiftung "zur Förderung neutestamentlicher Textforschung" erscheint nun in völlig neuem Licht.
Scheels Versuch, im Anschluß an seinen Fehltritt auch noch einen Invaliden-Bonus einzuklagen ("Es konnte ja keiner wissen, daß ich schlecht höre"), stieß bei seinem Mitmoderator und Talk-Vorgesetzten Trutz Beckert auf taube Ohren: "Unter den schlechten akustischen Bedingungen hatten wir alle zu leiden." Ehrlich klang nur ein Statement der drei von der Talk-Stelle, das sie unisono abgegeben hatten: "Wir wollen aus den gemachten Fehlern lernen."
So ehrenwert das Anliegen des ZDF ist, Ausbildungsplätze für Moderatoren anzubieten, so fragwürdig erscheint es diesem Bedürfnis in einer Anstalt des öffentlichen Rechts mit einer Sendung pensionsreifer Azubis Rechnung zu tragen.
Selbstverständlich sind prominente Gäste das Salz jeder Talk-Suppe; trotzdem ist der Versuch bundesdeutscher Sendeanstalten, ihre Prominentensucht auch auf Moderatoren auszudehnen, ein Risiko. Nachdem sich Diskussionen der SFB-Talkshow "Leute" in erster Linie vor dem Landgericht abspielen und Elke Heidenreich, die einzige, wenn auch ätzende Überlebende auf dem Schlachthof der von ihr initiierten anti-marxistischen Säuberungsaktion ist, sucht die Redaktion händeringend nach einem neuen Opfer. Gewähr für einen klangvollen Namen bot Brigitte Brandt, die junge Frau des zurückgetretenen greisen SPD-Vorsitzenden. Signalisierte sie anfänglich Bereitschaft, schien ihr Scheels Debakel ein warnendes Beispiel zu sein: "Dieses Mal nicht ... aber wann anders gerne", formulierte die Fast-Talkmasterin in geflossenem Deutsch. Neuester _(Schauspieler Peter Ustinov, Dirigent ) _(Franz Welser-Möst. )
Favorit des SFB-Teams ist die schon vor Amtsantritt zurückgetretene SPD-Sprecherin Mathiopoulos: Der promovierten Politologin stehen angeblich fünf verschiedene Sprachen (einschließlich "äh") zur Verfügung, an der semiotischen Katastrophe deutscher Talk-Kunst mitzuwirken.
Walter Scheel, im ZDF, langweilt jedenfalls ungbeirrt weiter.
Schauspieler Peter Ustinov, Dirigent Franz Welser-Möst.

DER SPIEGEL 15/1987
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